Metanavigation:


180 Bilder bis zur Landung auf dem Mond

Projekt gegen Gewalt in den Medien: Schüler drehen eigenen Trickfilm

Medienpädagogik kann Spaß machen. Das zeigt die Arbeit mit der „Trickfilm-Kiste” Sie ist Teil der „Medienoffensive Schule II”. Diese wird vom Kultursministerium und dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg gefördert.

 

Draußen scheint die Sonne. Doch Fabian, Christian, Lorena und Alexander sitzen, mal wieder vor der „Kiste” - und ernten dafür auch noch Lob von den Erwachsenen. Die vier starren nicht etwa auf zappelnde Computermonster, sondern drehen am PC ihren eigenen Trickfilm. Alle zwei Wochen treffen sie sich nachmittags zur Video-AG an der Anne-Frank-Realschule in Marbach. Oft kommen bis zu 30 Schüler und werden unter Anleitung ihres Lehrers Hans-Jürgen Ramoth zu jungen Medienmachern ausgebildet. Ramoth ist selbst ein Tüftler: Zusammen mit dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) hat er für den Gebrauch an Schulen und Jugendeinrichtungen vor einem Jahr die „Trickfilm-Kiste” entwickelt. Dahinter verbirgt sich eine Kiste aus Holz und Metall mit einem hochtechnischen Innenleben: Scheinwerfer, Kabel, digitale Videokamera nebst Halterung und Laptop mit spezieller Software. Schon Grundschüler können damit arbeiten, versichert er.

Die meisten Schüler besuchen die fünfte oder sechste Klasse. Christian ist schon Achtklässler und hat deshalb gleich die Regie beim gemeinsamen Science-FictionFilm übernommen. Der einzige Darsteller, ein Astronaut, ist ein Pappkamerad. Die . eindimensionale Kulisse ist ebenfalls aus Pappe, nicht aber die Machart des Tricks: ein traditioneller Legetrick. Wie bei jedem Trickfilm wird jede Bewegung in einzelne Bilder zerlegt, die Position des Männchens jeweils nur um einige Millimeter verändert. „Alex, geh' mal wieder an die Aufnahme”, sagt der Jung-Regisseur aus der Achten. Alexander, der Kameramann, greift zur Mouse - und klickt. „Wir machen jetzt fünf Bilder hintereinander”, empfiehlt Ramoth. Der Astronaut in voller Montur tritt langsam aus dem Hangar und tapst unbeholfen, wie das im Raumanzug anders auch nicht möglich ist, zur Rampe seiner Rakete.

Dank solch praktischer Projekte in der Schule und in außerschulischen Bildungseinrichtungen macht Medienerziehung Kindern und Jugendlichen Spaß. Vorbei die Zeiten, als die Medienpädagogik sich vornehmlich mit der kritischen Analyse von Fernsehsendungen beschäftigte und außer bei der „Sesamstraße” sowie der „Sendung mit der Maus” warnend den Zeigefinger hob. Im digitalen Zeitalter geht es jetzt zunächst um die Vermittlung von Medienkompetenz. Heranwachsende sollen die ihnen bekannten Medien durchschauen und deren Angebote zielgerichtet für die eigenen Bedürfnisse einsetzen. So wie einige Schüler der Anne-Frank-Schule in Marbach die Trickfilmkiste in der Video-AG links liegen ließen und den Treff am Nachmittag ausschließlich für den Schnitt ihres Filmes über den Aufenthalt im Schullandheim.genutzt haben.

Medien für die eigenen Bedürfnisse zu funktionalisieren, ist eines der Ziele der „Medienoffensive Schule IV” des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport, mit deren praktischer Umsetzung das angegliederte Landesmedienzentrum betraut ist. Im neuen Internetportal für Medienpädagogik und Medienkultur finden sich jede Menge Informationen und Ideen für die Praxis - und das nicht nur für Lehrer. Unter anderem sind hier auch detaillierte Informationen zu Hans-Jürgen Ramoths Trickfilmkiste sowie über die Verleihmöglichkeiten und Beispiele aus verschiedenen anderen Trickfilmprojekten zu finden. Auch die Mondlandung der vier Jungfilmer wird später auf der Website zu sehen sein.

Allerdings ist Alexander jetzt erst bei Bild 44: Der Astronaut steigt auf die Rampe und verschwindet allmählich in der Rakete. Das Drehbuch schrieben die vier Jungfilmer in der letzten AG-Sitzung und als Hausaufgabe mussten sie die Figuren, mit denen sie jetzt arbeiten, zeichnen, ausmalen und ausschneiden. „Das Material sehe ich heute zum ersten Mal. Ich habe mich darauf verlassen, dass die Hausaufgaben hier gemacht werden, lächelt der Lehrer verschmitzt:

Inzwischen ist der Astronaut eingestiegen und der Count-down beginnt. Christian und Fabian legen die Flammen unter die Rakete: Ein Bild mit Flammenformation eins, dann das nächste mit Flammenformation zwei und so weiter. Fünf verschiedene Flammenformen gibt es. „Das Feuer und die Rakete habe ich gemalt und ausgeschnitten”, berichtet Lorena. Sie sitzt mit Alexander am Laptop auf dessen Bildschirm - vermittelt durch die, digitale Videokamera - die Bilder aus dem Kisten-„Studio” erscheinen. 25 Stück pro Sekunde sind notwendig.

„Wenn was verhunzt ist, macht es nichts, weil Video ja fast nichts kostet”, erklärt Ramoth. „Früher mit Super-8-Filmen waren dauernd die Hände mit im Bild”. Denn während der Arbeit konnte nichts kontrolliert werden. Jetzt checken die vier ihr bisheriges Werk zwischendurch im Schnelldurchlauf Bild für Bild durch: „Halt, da ist ein Schatten”, meckert Alexander und gibt das Kommando: „Lorena, drücken”. Lorena drückt auf die Tastatur des Laptop. Das Bild ist gelöscht. Das menschliche Auge bemerkt die Lücke im Film nicht. „Es ist unglaublich, wie schnell die Kinder mit dem PC umgehen können”, wundert sich Ramoth immer wieder aufs Neue.

Die Voraussetzungen für Schüler-Projekte wie das mit der Trickfilmkiste wurden durch die „Medienoffensive Schule I” geschaffen, die sozusagen die Hardware zur Verfügung stellte: Schulen wurden mit der notwendigen Technik ausgestattet und Lehrer für die neue Aufgabe trainiert. Im jetzigen, zweiten Projektteil der „Medienoffensive Schule II” steht die „geistig kulturelle Software”, sprich die kreative Nutzung von Medien im Vordergrund.

Voraussetzung, dafür ist der wertfreie Umgang mit den Medien: „Sie sollten zunächst einmal als das begriffen werden, was sie sind: kommunikative, informative und unterhaltsame Instrumentarien, nicht mehr und nicht weniger”, betont die Direktorin des Landesmedienzentrums, Susanne Pacher. Die Medienwelt, in der Heranwachsende leben, müsse als Teil unserer Kultur betrachtet werden. Dies sei umso dringlicher, da die Bedrohung durch die Masse an jugendgefährdenden Medien eine neue Qualität erreicht habe.

Erschreckende Dokumente aus einer Hildesheimer Berufsschule oder aus dem oberbayerischen Wolpertskirchen, wo Jugendliche die Folterungen ihrer Mitschüler auf Video festhielten, zeigten eine bisher nicht gekannte Dimension der Verrohung, so Pacher. „Die Jugendlichen ahmen nicht mehr die Gewalt aus den Medien nach, sie produzieren selbst Gewalt für die Medien.”

Der Direktor des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen” und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer, vermutet, dass mindestens ein Fünftel der männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren als medienverwahrlost gelten müssen. Ihre Freizeit verbrächten sie vor dem Fernseher, vornehmlich mit dem Anschauen von Gewalt- und Actionfilmen oder am PC mit jugendgefährdenden Computerspielen.

Dass der ungebremste Konsum von Gewalt und Action Wirkungen auf die gesamte Persönlichkeit hat, wird nicht mehr bestritten: Die Jugendlichen verarmen zusehends in ihrer sozialen Kompetenz und ihre Lernfähigkeit schwindet. Zwischen fünf und zehn Prozent der in erster Linie männlichen Risikogruppe ließen sich durch Gewaltdarstellungen anstecken und bezögen darüber direkt ihre Identifikations- und Handlungsmuster, so Pfeiffer.

Die Kids an der Trickfilmkiste dagegen fühlen sich als Team und ganz besonders in dem Moment, als der erste Teil ihres Mini-Science-Fiction über den Bildschirm flimmert: „Super”, „geil” - die vier sind begeistert: Die ersten sieben Sekunden des „Bröselprojekts”, so der Arbeitstitel des Drehbuchs, sind nach etwa einer Stunde fertig, 180 Bilder waren notwendig, um den Astronauten ins All zu befördern. Großen Eindruck macht der flackernde Feuerschweif der Rakete: „Die Flammen gefallen mir selbst richtig gut”, Ramoth freut sich mit den Schülern. Nur Lorena ist angesichts des Zeitaufwandes ernüchtert: „Mir kommt das voll wenig vor, dabei haben wir doch so lange daran gearbeitet.”

Und die Show muss weiter gehen: Schon stehen die Filmemacher vor dem nächsten Problem, dieses Mal ist es ein ganz praktisches: Die Kiste beschränkt ihnen den Horizont. „Weiter hoch kommen wir nicht”, Christian ist ratlos, denn die Rakete kann den Mond nicht erreichen, weil die Rückwand der Trickfilmkiste den weiteren freien Flug ins Pappe-All nicht zulässt. Die Lösung liegt auf der Hand: Schnitt! Schnell werden die Sterne aus dem dunkelblauen All gefegt und dafür kommt jetzt ein schrubbeliger Halbkreis in Beige ins Spiel: der Mond.

Mit Hilfe ihres eigenen Wissens um die Filmdramaturgie ist es ihnen gelungen, ihr „Bröselprojekt” vor dem Abbröckeln zu retten: Learning by doing. Die Forderung nach lebenslangem Lernen, die in den 70erJahren der Pädagoge Ivan Mich aufstellte, ist angesichts der immer komplexer werdenden Medienwelt aktueller denn je. Entsprechend ist die übergeordnete Zielsetzung der Medienpädagogik heute nicht mehr die reine Vermittlung von Medienkompetenz, sondern weit mehr, nämlich: Medienbildung.

Der Medienwissenschaftler Prof. Hans-Dieter Kübler illustriert den Begriff mit dem englischen Terminus von der „information literacy”. Sie beschreibt den ganzen Kanon dessen, was der Mensch in der Informationsgesellschaft beherrschen muss: Erkennen, wann Informationen benötigt werden; erkennen, wie die Informationen ausgewertet werden können; erkennen und vermitteln, dass die verwendeten Informationen seriös sind und zum guten Schluss: Die Fähigkeit, mit den gefundenen Informationen die gestellten Aufgaben lösen.

Für Kübler ist die Grundvoraussetzung für die Vermittlung von Medienbildung und Medienkompetenz die Lesefähigkeit. Und diese sei, wie die PISA-Studie gezeigt habe, in Deutschland „extrem von sozialen Faktoren abhängig”. Deshalb müsste mehr untersucht werden, was Kinder schon wüssten. Welche „Medienkulturen” sie kennen, und welche Medienkulturen ihre Denkmuster bestimmen. Etwa die Einteilung der Erfahrungswelt in: Schule als Ort der Enttäuschung, und im Gegensatz dazu: die Medien als Botschafter von Spaß, Party, Coolness und Konsum.

Auch die Medienpädagogik selbst, so Küblers Beobachtung, habe ambivalente Haltungen zu den verschiedenen Medienwelten. Einerseits werde die mangelnde Ausdauer und die Konzentrationsarmut der Schüler beklagt, andererseits Konzepte für ein „Edutainement” als unterhaltendes Unterrichten entwickelt. Einerseits finde man es toll, wenn ein Jugendlicher clever mit dem PC umgeht und sein Referat herbei „googelt”, anstatt lateinische Texte zu lesen. Kriminologe Christian Pfeiffer fügt hinzu, dass die „männliche Sozialisation immer prekärer” werde. „Denn Mädchen sind in der Schule heute erfolgreicher als Jungen. Eine Entwicklung, die sich statistisch seit zehn Jahren beobachten lässt. Jungen flüchten sich in Männlichkeitswelten, die geprägt sind von Mut und Gewalt”. Männlichkeitswelten also, die den Gegenpol bilden zu den unter Jugendlichen verpönten ;,Weichei-Kulturen”, wie sie Pädagogen propagieren. Selbst beim Einstieg in Medienprojekte scheinen es inzwischen Lehrerinnen einfacher zu haben, als ihre männlichen Kollegen: Eine Beobachtung, die Hans-Jürgen Ramoth immer wieder macht, denn er betreut alle Projekte mit der Trickfilmkiste im Süden Baden-Württembergs: „Das ist fast eine weibliche Domäne.” Auch in der Video-AG seiner eigenen Schule sind Mädchen zahlreich vertreten. Vielleicht auch deshalb, weil neben dem technischen Know-how - ganz im Sinne der Forderung nach Medienbildung - vor allem auch der Teamgeist und die kreativen Fähigkeiten der Schüler gefordert sind.

Letzteres zeigt sich im Drehbuch der vier Nachwuchstrickfilmer. Dessen Plot ist nämlich geradezu hintergründig: Nach der Landung auf dem Mond rammt der Astronaut seine Fahne so gewaltsam in den fremden Boden. Und siehe da: Der Mond zerbricht daran in viele kleine Stücke und stürzt samt Astronaut, Rakete und Flagge auf die Erde.

 

 

Info

Mit dem Begriff „Medienkompetenz” werden Fähigkeiten beschrieben, die ein Mensch braucht, um selbstbestimmt, kreativ und sozial verantwortlich mit Medien umzugehen. Dazu gehören folgende Aspekte:

Wissen und Kenntnisse über Medienangebote und ihren Nutzen.

Die Fähigkeit, eine sinnvolle Auswahl im Zusammenhang mit eigenen Bedürfnissen, der eigenen Lebensgestaltung und Identitätsbildung treffen zu können.

Über die eigene Mediennutzung und über Medienwirkungen reflektieren zu können.

Technisches Wissen über Medien (Umgang mit Geräten).

Die Produktionsbedingungen von Medien und ihrem Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu kennen und kritisch beurteilen zu können.

Eine Urteilsfähigkeit gegenüber Medienbotschaften zu entwickeln. Die Fähigkeit, die jeweilige „Mediensprache” verstehen und analysieren zu können.

Kritisch zu reflektieren über Begriffe wie Realität, Wahrheit, Information, Wissen und Manipulation.

Individuelle Medienkompetenz sollte sich nicht unabhängig von gesellschaftlichen und organisatorischen Bedingungen entwickeln. So können Lehrer ihre Schüler nicht allein durch didaktische Konzepte medienkompetent machen. Vielmehr müssen die Pädagogen für sich selbst ein medienkompetentes System erstellen. Jun

 

Autorin: Sybille Neth.

Quelle: Staatsanzeiger, 19. Juli 2004, S. 3.