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Ein Tag im Leben einer Bürgermeisterin

Ein Medienprojekt zur Demokratieerziehung

 

Demokratie lernen heißt: selbst Erfahrungen machen mit demokratischen Institutionen, Strukturen und Prozessen. Demokratie beginnt im „Kleinen”, im eigenen Lebensumfeld der Gemeinde. Schülerinnen und Schüler sind unmittelbar von kommunalpolitischen Entscheidungen betroffen, sie kennen die politischen Akteure aus den lokalen Medien oder sogar aus persönlichen Kontakten. Im kommunalpolitischen Bereich können sich Kinder und Jugendliche noch am ehesten als Mit-Akteure erfahren, die eigene Vorstellungen und Interessen einzubringen vermögen.

 

Medienkompetenz als Voraussetzung für Teilhabe

Demokratieerziehung als Medienprojekt bietet sich aus unterschiedlichen Gründen an. Medienkompetenz ist eine unverzichtbare Voraussetzung zur Teilnahme und Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft. Nur wer mit Informationen aus den Medien umgehen und die Wirkung medialer Information beurteilen kann, ist in der Lage, als mündiger Bürger die demokratische Gesellschaft mitzugestalten. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf dem Umgang mit Informationen: Informationen recherchieren, strukturieren, ablegen, ordnen, bewerten und wiedergeben. Medien sind aber weit mehr als bloße Informationsvermittler. Sie prägen auch das Bild, das sich die Bürgerinnen und Bürger von den politischen Institutionen und Akteuren machen - wobei „medienspezifische Inszenierungen” wie Personifizierung und Skandalisierung von Politik nicht selten wichtiger zu sein scheinen als die reine Information. Aber auch die Politik ist auf die Medien angewiesen. Ohne Medien lässt sich die eigene politische Position nicht wirksam in der Öffentlichkeit darstellen.

 

Die Wirklichkeit − ein Ausschnitt

Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür, Demokratie und Medienerziehung zu verbinden. Durch das eigene Produzieren und Gestalten von Medien machen die Schülerinnen und Schüler die Erfahrung, dass Medien immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit zeigen und in der Art der Darstellung meist auch bestimmte Einstellungen zu einem Thema transportieren. Darüber hinaus erwerben sie in der gemeinsamen Arbeit an einem Thema und einem Medienprodukt einige wichtige demokratische Grundkompetenzen, wie beispielsweise im Team Entscheidungen zu treffen, zu kooperieren, sich auf Andere einzustellen, auf unterschiedliche Arten zu kommunizieren und nicht zuletzt selbstbewusst aufzutreten sowie eigene Anliegen vertreten zu können.

 

Informationen bewerten und einordnen

Die Unterrichtseinheit „Ein Tag im Leben einer Bürgermeisterin” zeigt exemplarisch, wie die Verknüpfung von Demokratieund Medienerziehung aussehen kann. Ausgangspunkt dieser Unterrichtseinheit ist der Film „Willi will's wissen - Ein Tag im Leben einer Bürgermeisterin”. Der einleitenden Frage „Was sind die Aufgaben einer Bürgermeisterin oder eines Bürgermeisters” nähern sich die Schülerinnen und Schüler einer neunten Hauptschulklasse zunächst ohne den Einsatz von Medien: Sie notieren ihre Vermutungen auf Kärtchen und heften sie an die Tafel. Diese Zettelsammlung wird dann nach dem Anschauen des oben genannten Films, dessen Inhalt durch das Bearbeiten eines Fragebogens erschlossen wird, ergänzt. Ganz im Sinne der für demokratische Teilhabe zentralen Kompetenz - selbstständiger und verantwortungsbewußter Umgang mit Informationen - machen sich die Schülerinnen und Schüler danach auf die Suche nach Informationen über die Tätigkeit einer Bürgermeisterin oder eines Bürgermeisters. In Arbeitsgruppen recherchieren sie in unterschiedlichen Medien - in Schulbüchern, Bibliotheken sowie im Internet.

 

Mit Medien arbeiten

Diese Ergebnisse müssen von den Jugendlichen nun erfasst, strukturiert, eingeordnet und bewertet werden. Dann werden sie in einer Präsentation, die die Jugendlichen am PC erstellen und später der Klasse vorführen, eingebunden. Zum Beispiel demokratische Grundkompetenzen bewerten und beurteilen zu können sowie produktiv und kreativ zu sein, werden also mit medienbezogenen Fähigkeiten verknüpft - etwa mit den Kompetenzen, mit Präsentationsprogrammen umzugehen, Texte zu layouten oder Browser für die Internetrecherche zu nutzen. Was es bedeutet, selbst einen Medienbeitrag zu produzieren, erfahren die Schülerinnen und Schüler dann im zweiten Teil der Unterrichtseinheit: In der dritten und vierten Unterrichtsstunde planen sie ein Interview mit einer „echten” Bürgermeisterin oder einem Bürgermeister. Die Jugendlichen stellen einen Fragenkatalog zusammen und proben das Interviewen im Rollenspiel. Auch der Umgang mit der Aufnahmetechnik wird dabei geübt.

Das Interview selbst findet in der unterrichtsfreien Zeit statt und wird mit Minidisc-Recorder und Digitalkamera dokumentiert. In der sechsten Stunde wird das Interview handschriftlich transkribiert (Rechtschreibübung), gemeinsam korrigiert und schließlich bearbeitet.

 

Einen eigenen Beitrag erstellen

Die Erfahrung, dass Medien nur Ausschnitte der Wirklichkeit zeigen können, machen die Schülerinnen und Schüler im nächsten Schritt: Aus dem gesamten Interviewmaterial erstellen sie einen gekürzten Text, der die wichtigsten Antworten des Bürgermeisters enthält. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei, dass auch sie als Medienproduzenten durch die Art der Darstellung, die Auswahl der Fragen und die Gewichtung der Antworten („Was ist wichtig?”) eine bestimmte Einstellung zu einem Thema transportieren. Medienkompetenz und Demokratieerziehung - das wird in dieser Phase des Unterrichtsprojekts offensichtlich - werden auf diese Weise sinnvoll miteinander verknüpft. In der abschließenden siebten Unterrichtsstunde wird das fertige Medienprodukt schließlich publiziert: Die Schülerinnen und Schüler bringen das Interview mit der Bürgermeisterin oder dem Bürgermeister in Teamarbeit am PC mit einem geeigneten Programm in eine ansprechende Form und bereiten es für die Schülerzeitschrift oder für das Schülerradio auf. Denn Demokratie lernen und leben heißt: Erfahrungen zu machen mit demokratischen Institutionen und Personen und die daraus entstandenen Medienprodukte in der schulischen Öffentlichkeit zu präsentieren.

 

Arbeitsblätter, Checklisten, Informationen

Eine ausführliche Beschreibung dieses Medienprojekts zur Demokratieerziehung finden Sie im Internet unter der Adresse www.mediaculture-online.de/Multimedia.759+M5c538bcc3d5.0.html. Dort sind auch die Fächerbezüge entsprechend dem neuen Bildungsplan nachgewiesen. Alle erforderlichen Arbeitsblätter, Checklisten und Hintergrundinformationen können ebenfalls dort herunter geladen werden. Der Film „Was macht eigentlich eine Bürgermeisterin?” aus der Reihe „Willi will's wissen” kann an den Kreis- und Landesmedienzentren ausgeliehen werden (Verleihnummer: 4202863). Weitere Medien zum Thema „Demokratie” finden Sie unter anderem über die Medienrecherche des Landesmedienzentrums: www.online.lmz-bw.de sowie online auf dem „Server für die schulische Arbeit mit Medien” (Sesam: www.sesam.lmz-bw.de).

 

Autor: Jochen Hettinger.

Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.). Magazin Schule Nr. 16. Frühjahr/Sommer 2005. S. 52-53.