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Autor: Zach, Manfred.
Titel: Ich rede, also bin ich: Politische Reden zwischen Schein und Wirklichkeit.
Quelle: Vortrag vom 20.03.2000, unveröffentlichtes Manuskript, SWR. Stuttgart 2000. S. 1-15.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Manfred Zach
Ich rede, also bin ich – Politische Reden zwischen Schein und Wirklichkeit
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Reden, sagt Aristoteles, ist die Kunst, Glauben zu erwecken. Wenn das stimmt, steht es schlecht um die Kunst der Rede. Wer glaubt noch an das, was andere sagen? Nicht einmal mehr für die Verlesung der Lottozahlen im Fernsehen wird Gewähr übernommen, obwohl die doch meistens stimmen, wenn auch nicht so, wie wir es gerne hätten. Und dann erst das, was davor oder danach kommt, in den Abendnachrichten und in Talkshows! Glauben Sie, dass Sabine Christiansen mehr zur Wahrheitsfindung beiträgt, seit sie Politik nicht mehr nur moderiert, sondern selbst welche zu machen sucht? – Sehen Sie.
Dabei ist Reden das Salz der Politik, seit altersher. Die Opposition streut es, weil ihr Anderes nicht zur Verfügung steht, in die Wunden der Regierenden, die Bayern würzen damit den Aschermittwoch, damit die Gaudi beim Biertrinken noch größer ist als für gewöhnlich schon. Reden ist das parteiübergreifende politische Lebenselexir, frei nach Descartes: Ich rede, also bin ich – Politiker, was sonst.
Und doch – die politische Rede ist selber ins Gerede gekommen, weil sie angeblich auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Dem jetzigen Bundespräsidenten wird vorgeworfen, er habe noch keine einzige große Rede gehalten, obwohl die Nation doch mit wachsender Ungeduld auf solche Wegweisung warte. Seinem Vorgänger, der gewiss manch passables Rhetorenstück abgeliefert hat, haftet immer noch die Berliner Ruck-Rede an, die als Feuerwerk angekündigt worden war und als Glühwürmchen endete. Philipp Jenninger redete sich einst als Bundestagspräsident um Kopf und Kragen, weil ihn niemand in der Kunst, verständlich und unterscheidbar zu zitieren, unterwiesen hatte. Einzig Richard von Weizsäcker ist uns aus der Politikerriege der letzten beiden Jahrzehnte als Rhetor von Format in Erinnerung geblieben, unter anderem seiner couragierten Befreiungsrede wegen, die er am 40. Jahrestag der Kapitulation gehalten hat. Aber das war 1985 und ist somit auch schon ziemlich lange her.
Was also ist los mit der politischen Rede in diesem unserem Land? Man kann der Frage auf verschiedene Weise nachgehen, je nach Blickwinkel, Fachrichtung und Neigung. Der historisch Interessierte wird zum Beispiel darauf verweisen, dass es mit dem Stammbaum politischer Rhetorik in Deutschland ohnehin nicht weit her ist, weil wir weder die Parlamentstradition der Engländer noch das Revolutionspathos der Franzosen noch das forensische Geschick von Griechen und Römern besitzen. Aus all diesen Quellen speist sich nämlich die große politische Rede, bei der uns sofort Namen wie Demosthenes, Cicero, Burke, Fox und Mirabeau einfallen, kaum aber Barzel oder Schröder. Die freie öffentliche Rede in Deutschland, erst recht die ausserhalb von Parlamenten, krankt an der Ungnade der späten Geburt, und ein Gerichtswesen, das sich bis weit in unser Jahrhundert hinein als Gralshüter geheimer Aktenprozesse verstanden hat, konnte zur Ausbildung eines geschliffenen mündlichen Vortrags auch nicht viel beitragen und wollte es wohl auch gar nicht.
Man könnte des weiteren, von der philosophisch-philologischen Warte herkommend, darauf verweisen, dass auch unsere Dichter und Denker die politische Rede seit jeher mit unverhohlenem Missvergnügen begleitet haben. 'Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!', ruft der brave Bürger Brander in Auerbachs Keller voller Abscheu und spricht damit seinem Schöpfer Goethe aus dem Herzen, für den politische Rhetorik – wie er in seinen 'Maximen und Reflexionen' betont – eine 'Verstellung von Anfang bis zu Ende' gewesen ist. Und selbst ein so besonnener Zeitgenosse wie Immanuel Kant konnte sich übers Reden richtiggehend in Rage schreiben. 'Rednerkunst ist als Kunst, sich der Schwächen der Menschen zu bedienen ... gar keiner Achtung würdig', urteilte er apodidiktisch und fügte sich damit in die lange Reihe derer ein, die seit Platon einen erfolgreichen Redner sogleich in die Nähe gewissenloser Demagogen rückten.
Auch soziologisch ließe sich zu dem Thema manch Erhellendes beisteuern, indem man zum Beispiel den meuchlerischen Einfluss moderner Massenkommunikationsmittel auf die Redekultur etwas genauer unter die Lupe nähme. Das Fernsehen kennt ja allenfalls noch phonetischen Restmüll wie sound bytes, statements und talks, aber keine zusammenhängende, sinnstiftenden Rede mehr. Es bestätigt damit auf perfide Weise unser Vorurteil, dass gehaltvolles Reden ähnlich unterhaltsam sei wie ein Kolloquium über fortgeschrittene Stochastik. Die gegenteilige Position, aus deutschen Politikerreden sei beim besten Willen nicht mehr als einsdreißig herauszuholen, wird zwar auf manchen fernsehdominierten Medientagungen vertreten, doch ist sie so defätistisch, dass ich, würde ich sie mir zu eigen machen, meinen Vortrag an dieser Stelle schon abbrechen müsste.
All dies wäre, wie gesagt, einer näheren Untersuchung wert. Ich will aber einen ganz anderen Weg einschlagen und Ihnen statt wissenschaftlicher Analysen zunächst einmal ein wenig aus der Praxis eines Menschen erzählen, der sein halbes Berufsleben damit verbracht hat, für andere Menschen politische Reden, Aufsätze und Bücher zu schreiben. Das scheint auf den ersten Blick vom Thema weg zu führen und führt doch mitten hinein. Denn was wir gemeinhin als Politikerrede hören, im Parlament, bei festlichen Anlässen, auf Parteitagen oder sonstwo, ist in Wahrheit nur selten das Produkt dessen, der es verkauft. Weit öfter handelt es sich um die Fleissarbeit eines oder mehrerer anonymer Redenschreiber, die man, weil sie so fabelhaft unsichtbar bleiben, Ghostwriter nennt, wobei Geist und Geist, ghost und mind – von Esprit gar nicht zu reden –, bekanntlich nicht immer dasselbe sind.
Ein Ghostwriter tut in seinem Metier das, was Jungsiegfried in der Nibelungensage mit dem Burgunderkönig Gunther getan hat – er setzt sich eine Tarnkappe auf und hilft seinem Chef, bei öffentlichen Auftritten möglichst gut über die Runden zu kommen, in der Hoffnung, dass keiner die Täuschung bemerkt. In der Nibelungensage ging das grausam schief, im heutigen politischen Leben bleibt es Gott sei Dank meist folgenlos, weil das Publikum, selbst wenn es von den circensischen Leistungen eines Regierungschefs beeindruckt ist, ihn deswegen nicht gleich zu heiraten wünscht. (Die steigende Zahl von Mehrfachehen bei Spitzenpolitikern gibt allerdings Anlass, darüber nachzudenken, ob diese These wirklich noch stimmt).
Ghostwriter also sind die Urheber der weit überwiegenden Zahl politischer Reden, und es ist deshalb legitim, sie bei der Frage nach Glanz und Elend dieses Genres mit in Haftung zu nehmen. Das tun ihre Auftraggeber im übrigen auch, wenn sie ihnen nach erfolgreichen Redeauftritten verstohlen die Hand drücken, im umgekehrten Fall aber das ganze Füllhorn ihres Zorns über sie ausschütten. Von Kurt Georg Kiesinger wird z.B. berichtet, er habe zum Zeichen seines Unmuts über missratene Redetexte die Blätter einzeln aus dem Autofenster geworfen, was mancher Dienstfahrt den Reiz einer Schnitzeljagd verlieh.
Im allgemeinen aber werden Ghostwriter, Redenschreiber, Schreibknechte oder wie immer man sie tituliert, von der politischen Herrschaft recht pfleglich behandelt, weil man sie braucht. Die Massen- und Mediendemokratie zwingt den modernen Politiker unbarmherzig dazu, öfter zum Volk zu sprechen, als er ihm aus eigenem Wissen etwas zu sagen hat. Bismarck konnte es sich noch leisten, nicht eine einzige Rede ausserhalb des Parlaments zu halten, bei Herrn Möllemann würden wir schon nach drei Tagen unruhig werden. Und sehen wir nicht gerade in diesen Tagen an Helmut Kohl, welche Verwirrung es auslöst, wenn sich ein Politiker plötzlich und unerwartet in öffentliches Schweigen hüllt? Die Welt will nicht nur betrogen, sie will auch beredet werden, und die Redenschreiber sollen es, unerkannt im Proszenium der politischen Bühne sitzend, richten.
Natürlich gab und gibt es immer wieder auch Amtsträger, die ihre Reden überwiegend selbst geschrieben haben – Erhard Eppler und Manfred Rommel rechne ich zu ihnen, ganz sicher auch Carlo Schmid und Herbert Wehner. Aber die Regel ist es nicht. Offen gestanden, habe ich es in fünfzehn Jahren staatsministerieller Tätigkeit nie erlebt, dass ein Politiker ein Redemanuskript, einen Aufsatz oder ein Buch, das seinen Namen trug, selbst verfasst hätte. Wie denn auch, wenn beispielsweise Ministerpräsident Späth Jahr für Jahr über 400 Redeauftritte absolvierte, die er zwar mit virtuoser Routine zu variieren wusste, denen aber doch fast immer sorgfältig ausformulierte Texte zugrunde lagen, weil die Vielfalt der Themenstellungen dies erforderte.
Diese Vielfalt, man könnte auch sagen Inflation, macht das Redenschreiben nicht nur zu einer sprachlichen, sondern mehr noch zu einer logistischen Herausforderung. Die Vorbereitung einer Regierungserklärung etwa gleicht dem Auslaufen einer Fischfangflotte, bei der jedes Schiff, sprich Ministerium, ein großes Schleppnetz über seine Mitarbeiter wirft und ihnen eine Unzahl von Informationen darüber abpresst, was sie in der Vergangenheit getan haben bzw. in Zukunft zu tun gedenken. In der Regierungszentrale wird der Fang dann stolz abgeliefert, und danach beginnt eine entsetzlich mühsame Arbeit des Sichtens und Auswählens, des Um- und Neuformulierens.
Ich habe diese Tätigkeit immer gefürchtet, weil viele liebenswerte Kollegen zu Tode betrübt waren, wenn sie das Fachgebiet, das sie seitenlang mit Herzblut beschrieben hatten, zuletzt auf den einen Satz reduziert sahen: '... und werde ich mich dieser wichtigen Aufgabe auch in Zukunft mit aller Kraft widmen'. Doch das Problem, Hunderte von komplexen Sachverhalten entsprechend ihrem politischen Gewicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen zu müssen, lässt wenig Spielraum für Gefälligkeiten. – Einmal allerdings machte mir die Technik einen grausamen Strich durch die Rechnung, als sich herausstellte, dass mein auf Band diktierter Text – worum es in der Regierungserklärung ging, weiss ich nicht mehr – versehentlich gelöscht worden war. Die Nachricht erreichte mich in Finnland, am Tag, bevor der Ministerpräsident die Rede im Landtag halten sollte, und so blieb mir nichts anderes übrig, als auf dem Rückflug das Werk neu zu konzipieren und diese Arbeit in der Staatskanzlei bis in die frühen Morgenstunden hinein fortzusetzen. Es war, wenn ich mich recht erinnere, nicht die schlechteste Regierungserklärung, die wir zustande gebracht haben.
Besondere rhetorische Herausforderungen sind auch Parteiveranstaltungen und Auslandsreisen. Parteitage sind eine seltsame Mischung aus privater Familienfeier und militärischer Generalmobilmachung, und es fällt den im stillen Kämmerlein werkelnden Redenschreibern nicht immer leicht, sich in die Atmosphäre einer solchen Heerschau bei Kaffee und Kuchen einzufühlen. Falls der Regierungschef nämlich zugleich Parteivorsitzender ist, muss er versuchen, den Delegierten das Regierungsprogramm als optimale Umsetzung des Parteiprogramms zu verkaufen – was es natürlich nicht ist – und darf bei alldem weder überheblich noch technokratisch wirken.
Dies erfordert ein hohes Geschick, spröde Sachverhalte emotional so aufladen zu können, dass gewissermaßen aus einem notebook ein wärmendes Ruhekissen wird. Beliebt sind in solchen Fällen heftige Angriffe auf den politischen Gegner, etwa nach dem Motto, dass der gar nicht wisse, was ein notebook sei und deswegen auch kein so schönes Ruhekissen habe wie man selbst. Aber seit die Parteien erfreulicherweise wieder mehr Zulauf von jungen Leuten verzeichnen, wird auch diese Art zu argumentieren immer schwieriger.
Jeder Redenschreiber muss hier den Weg finden, der dem persönlichen Profil seines Chefs am besten entspricht – sei es durch staatsmännisches Pathos, durch herzhaftes Poltern oder schnoddrige Fröhlichkeit. Wer allerdings zuviel auf einmal will und sozusagen Ballonmütze mit Latzhose und Nadelstreifenanzug zu kombinieren versucht, wird mit ziemlicher Sicherheit Schiffbruch erleiden. Gerhard Schröder hat diesen Lernprozess schon hinter sich, seinem Stellvertreter Joschka Fischer steht er, wie mir scheint, gerade bevor.
Parteireden habe ich immer recht gern geschrieben, weil sie polemischer und pointenreicher sein durften als regierungsamtliche Erklärungen. Im Grunde begann meine Ghostwriter-Karriere sogar mit einer Parteitagsrede – der ersten, die der frisch ins Amt gewählte Ministerpräsident Späth 1978 vor einer zutiefst verunsicherten baden-württembergischen CDU zu halten hatte. Als 'Forster Rede' hat sie eine gewisse Berühmtheit erlangt, nicht weil nach Filbingers Rücktritt sofort zum großen Halali geblasen worden wäre – das geschah erst nach der in diesen Fällen üblichen Anstandsfrist –, sondern weil der Parteitag im badischen Städtchen Forst stattfand und sich die Delegierten während der Veranstaltung fast die Hände wund klatschten.
Die Rede vorzubereiten, war eine gewaltige Plackerei, denn der dynamische Späth hatte schon damals Ideen für mehr als zehn Stunden Redezeit, aber es machte auch ungeheuren Spaß, weil der Reiz des Neuen, die lang ersehnte Aufbruchstimmung beflügelnd wirkte. Heute weiss ich es aber besser als damals einzuschätzen, dass der Hauptgrund für die standing ovations nicht die rhetorische Brillanz meines Werks, sondern das kollektive Erleichterungsgefühl der Delegierten war, eine quälende Krise halbwegs überstanden zu haben. Wer immer der neuen CDU-Vorsitzenden Merkel die Inaugurationsrede schreibt, wird gut daran tun, die Einmaligkeit solcher Momente nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Auge zu behalten.
Was ich in Forst allerdings schnell lernte, waren die Spielregeln des Gewerbes, auf das ich mich eingelassen hatte. Während mich mein Chef zu dem Erfolg beglückwünschte, schoss sein damaliger Pressesprecher auf mich zu und raunzte: 'Wenn Sie jemand fragt, von wem die Rede ist – Schnauze halten!' Der Stab hat keinen Namen, pflegte schon Filbinger zu sagen, und hinter dieser Maxime steckt – neben dem verständlichen Wunsch, den politischen Lorbeer mit niemandem teilen zu müssen – doch auch ein gerüttelt Maß an Misstrauen und Angst des Politikers vor der heimlichen Machtfülle seines Apparats.
Tatsächlich lässt sich ja auf Dauer nur sehr schwer verheimlichen, was im politischen Warenhauskatalog Original und was second-hand-Produktion ist. Dass in einer arbeitsteilig funktionierenden Welt ausgerechnet die Politik omnipotent sein soll, erscheint so abwegig, dass es verwundert, mit welcher Hartnäckigkeit trotzdem an dieser Fiktion festgehalten wird. Erklärbar ist dies im Grunde nur mit einem Phänomen, das man die deckungsgleiche Schnittmenge von Eitelkeiten nennen könnte.
Die Zuhörer eines Fachkongresses, die Funktionäre einer Verbandstagung möchten eben gerne glauben, dass für den Politiker, den sie nach langem Hin und Her als Festredner gewonnen haben, dieses Ereignis von ebenso großer Bedeutung ist wie für sie selbst. Die Vorstellung, nicht der Kanzler, Ministerpräsident oder Minister, sondern ein Oberregierungsrat Müller sei der Urheber ihres weihevollen Lauschangriffs, lässt sich mit dem eigenen Selbstwertgefühl schlechterdings nicht vereinbaren. Nun ist das, solange politische Aussagen im Vordergrund stehen, einigermaßen unschädlich, da dann doch wenigstens Amt und Anlass übereinstimmen.
Peinlich aber kann es werden, wenn einem Politiker Übungen abverlangt werden, die mit seinem Amt rein gar nichts mehr zu tun haben. Ich denke hier vor allem an die berühmtberüchtigten Karnevalsveranstaltungen, die Kochschürzen- und Grünkohlkönig-Ehrungen und was es an dergleichen Pseudo-Wichtigkeiten noch gibt. Von Norbert Blüm einmal abgesehen, fällt mir kein Politiker ein, den ich für so humorfähig halte, wie er sich im Narrenkäfig zu Aachen präsentiert. Dass es die Elferräte ebenso wenig sind, macht die Sache nicht besser, denn es erhöht den protokollarischen und bürokratischen Aufwand, der im Vorfeld eines solchen närrischen Großereignisses zu betreiben ist. Warum, um Himmels willen, verlangt man von Politikern mehr Humor, als ihn der Durchschnitt der Menschheit selbst am Rosenmontag aufbringt? Für Ghostwriter jedenfalls bedeuten die tollen Tage Schwerstarbeit, und wenn Sie einmal einen Redenschreiber treffen, der am Aschermittwoch herzlich lacht, wissen Sie, warum.
Da wir unversehens beim Thema Eitelkeit angelangt sind, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen die hübsche Geschichte zu erzählen, die meiner Frau bei einem Geburtstagsempfang für mehrere verdiente Altpolitiker widerfahren ist. Als einer der Geehrten sich in seiner Dankesrede gar zu sehr selbst beweihräucherte, flüsterte meine Frau zu ihrem Nachbarn: 'Es ist ja unerträglich, wie eitel dieser Mensch ist!' 'Ach, Sie wissen gar nicht, wie Recht Sie haben!', flüsterte der Angesprochene zurück. 'Er ist mein Vater!'
Ich sagte, dass auch Reden, die im Ausland zu halten sind, eine besondere Herausforderung darstellen. Man möchte ja immer gern die Seelenlage des jeweiligen Adressatenkreises treffen und weiß doch, je weiter man sich vom eigenen Land entfernt, so gut wie gar nichts über sie. Ein Bonmot, das in Schwäbisch Gmünd und Aalen größte Heiterkeit erregt, löst in Cambridge vielleicht nur ein erstauntes: 'So what?' aus, und ein Joke, der in Washington ganz gut ankommt, führt in Peking schon zu diplomatischen Verwicklungen.
Ich habe immer die Redenschreiber des Auswärtigen Amtes beneidet, denen ein riesiger Fundus seismografisch genauer Auslandsinformationen zur Verfügung steht. Meine Versuche, davon ein wenig zu profitieren, waren allerdings selten von Erfolg gekrönt, weil die Bonner Kollegen der Meinung waren, Provinzpolitiker hätten draußen in der Welt nichts verloren und erst recht nicht in staatlicher Mission zu reden. In etwas vornehmerer Form – dass nämlich die Pflege auswärtiger Beziehungen allein Sache des Bundes ist – steht es ja leider auch im Grundgesetz. Wir ließen uns davon aber nicht abschrecken und wiesen, um den Zuhörern unsere geopolitische Herkunft wenigstens ungefähr zu vermitteln, meist als erstes darauf hin, dass wir aus Daimler-Benz-Country kämen.
Neben der Rücksichtnahme auf diplomatische Gepflogenheiten engt natürlich auch die Sprachbarriere ausländische Redeauftritte stark ein. Vor allem für Politiker, die sich gerne einmal vom schriftlichen Text lösen, kann das zu einer gefährlichen Klippe werden. So stürzt man den Minister eines Entwicklungslandes mit dem gutgemeinten Angebot: 'We want to learn you that!' in eine ziemliche Sinnkrise, es sei denn, er hat zufällig an einer unserer Universitäten studiert und weiß, dass im Schwäbischen immer gelernt wird. Aber seit kurzem ist die Welt ja ausreichend darüber informiert, dass wir alles können ausser Hochdeutsch, und sie wird sich damit schon abfinden. Trotzdem – um noch eine ernsthafte Bemerkung nachzuschieben – waren mir dergleichen locker dilettierende Begegnungen immer weitaus sympathischer als Besuche bei Ostblockpolitikern, von der beeindruckenden Persönlichkeit Gorbatschows einmal abgesehen. Die Steifheit des Protokolls und der Bürokratismus des Redens in diesen Ländern waren oftmals geradezu beängstigend – und mit am schlimmsten trieb es die DDR. Nicht einmal eine Frühstückseinladung in kleinem Kreis konnte der alternde Erich Honecker absolvieren, ohne vom Blatt ablesend den Klassenfeind zu verhauen, während er uns gleichzeitig Kaffee einschenken ließ. Wenn auch die Sprache hier Deutsch war, habe ich mich bei diesem Termin fremder gefühlt als bei den meisten wirklichen Auslandsreisen.
Politiker, Reden und Redenschreiber – Sie sehen, das ist fürwahr ein weites Feld. Und mag manches auch ganz amüsant klingen oder es sogar sein, so ist es doch weit öfter ein Spannungsfeld als ein Paradiesgärtlein. Denn über die beste Art, das gesellschaftliche Anliegen eines Politikers, die Fachkompetenz seiner Beamten und den rhetorischen Elan der Redenschreiber unter einen Hut zu bringen, wird in einem Ministerium fast unablässig gestritten und experimentiert.
Einmal meint man, das Ei des Kolumbus mit der Bildung von Redengruppen gefunden zu haben, die sich aber oft schon nach kurzer Zeit gegenseitig zerfleischen, statt den rhetorischen nervus rerum aufs Korn zu nehmen. Dann wieder sieht man das Heil in der Verpflichtung eines externen Schreibers, einer sogenannten Edelfeder, die jedoch häufig so sprachsensibel ist, dass sie das Kauderwelsch der Verwaltung nicht lange erträgt. Einmal versucht man es mit opulent ausformulierten Manuskripten, in denen sogar die Stellen markiert sind, an denen eigentlich Beifall aufbranden müsste, dann wieder belässt man es bei Stichworten und Textbausteinen, in denen natürlich genau das fehlt, was während der Rede am dringendsten gebraucht worden wäre. Unmöglich zu sagen, was im Verlauf dieses schmerzensreichen Weges überwiegt, die Zahl der fehlgeschlagenen Versuche oder die Häufigkeit von Klagen einer unzufriedenen Amtsspitze und einer frustrierten Mitarbeiterschar.
Dies belegt, wie schwierig es ist, wirklich kongeniale Paarungen zustande zu bringen. Der ideale Redenschreiber sollte, kurz gesagt, das Einfühlungsvermögen eines Diplom-Psychologen mit dem Witz eines Entertainers und die Leidensfähigkeit eines tibetanischen Sherpas mit der Verschwiegenheit eines Liechtensteiner Bankers verbinden. Ausserdem sollte er über politisches Gespür, langjährige Verwaltungspraxis und eine profunde Allgemeinbildung verfügen. Ja, und schreiben können muss er natürlich auch.
Was übrigens den notwendigen Bildungsfundus anbelangt, so schlägt er sich vorzugsweise in der Auswahl passender Zitate nieder, die wie absichtslos in eine Rede eingestreut werden. Denn das Abendland sitzt unseren Politikern permanent im Nacken und fordert seinen bildungspolitischen Zehnten. Christdemokratische Politiker bevorzugen nach meiner Erfahrung konservative Philosophen von Platon bis Heidegger, Sozialdemokraten halten sich lieber an Saint-Simon, Lasalle und August Bebel. Parteiübergreifend geschätzt wird Tocqueville, weil vieles, was er geschrieben hat, so schön prophetisch klingt, während Machiavelli und Nero vergleichsweise selten auf der Wunschliste auftauchen.
Der Redenschreiber wird auf all diese Vorlieben Rücksicht nehmen, sich einen kleinen Zettelkasten anlegen und im übrigen darauf achten, dass er seinem Chef nichts abverlangt, was dieser nicht aus eigenem Wissen zu leisten imstande ist. Denn schon ein gutgemeintes lateinisches Zitat löst, schlecht vorgetragen, bei Juristen und Philologen ähnliche Bestürzung aus wie die Verwechslung von Umsatz und Gewinn vor einem Kreis von Unternehmern. Wer auf die sichere Seite will, zitiert deshalb kurz und deutsch, und wem daran gelegen ist, lästigen Nachfragen von vornherein aus dem Wege zu gehen, verwendet am besten die Bibel.
Ein Meisterstück war in dieser Hinsicht die rundfunkpolitische Rede eines früheren Ministerpräsidenten, die in Jesaja 6, Vers 8 gipfelte: 'Die Stimme des Herrn sprach: Wen soll ich senden? Ich aber sprach: Hier bin ich, Herr, sende mich!' Selten ist die politische Erwartungshaltung der Politik an die Medien prägnanter und unangreifbarer formuliert worden als mit diesem Zitat, das dem einstigen Persönlichen Referenten und Redenschreiber Manfred Rommel zugeschrieben wird, was bei Rommels bekannter Bibelstärke durchaus plausibel klingt.
Hat sich jedoch nach vielerlei Irrungen und Wirrungen endlich eine tragfähige Zweierbeziehung von Politiker und Redenschreiber herausgebildet, so bleibt diese meist über Jahre hinweg bestehen. Die kommunikative Wellenlänge wird immer kürzer, und wie in einer guten Ehe genügt es, sich mit wenigen Worten darüber zu verständigen, was der andere will oder braucht. 'Das Übliche' z.B. heisst, nur ein Gerüst von Fakten oder ein paar griffige Formulierungen liefern zu müssen, den Rest erledigt der Politiker in sogenannter freier Rede. Ich sage 'sogenannt' weil solche Reden in Wahrheit selten frei geschöpft werden, sondern fast immer auswendig gelernte Versatzstücke einer Vielzahl ähnlicher Reden sind.
Jeder Politiker legt sich nämlich im Lauf der Jahre aus Gründen der Zeit- und Arbeitsökonomie eine Standardrede zu, deren flüssiger Vortrag die Zuhörer solange erstaunt, bis sie sie zum zweiten oder dritten Mal gehört haben. Besonders verbreitet ist diese Praxis natürlich in Wahlkampfzeiten, wo man, wie Lothar Späth mir einmal sagte, beim immergleichen Reden nebenher sogar ein wenig schlafen und sich vom Stress des Tages erholen könne. Mit wirklich freiem Reden – das eine Kunst ist und nur von Wenigen beherrscht wird – hat dies nichts zu tun, weil der Redner die vorgefundene Situation nicht spontan aufnimmt und reflektiert, sondern sie mit seiner Rede in eine Standardsituation umfunktioniert und damit ihren spontanen und dialogischen Teil eliminiert.
Während in einer symbiotischen Beziehung von Redendem und Schreibendem 'das Übliche' mit fortschreitender Amtsdauer zeitsparend optimiert werden kann, nimmt das, was darüber hinausreicht, einen immer größeren Raum ein. Seit es Brauch geworden ist, Politiker nicht nur gedrückt, sondern auch gedruckt sehen zu wollen, gehört das Schreiben von klugen Aufsätzen, ja von ganzen Büchern zum Anforderungsprofil eines jeden Ghostwriters, jedenfalls dann, wenn er sich zu den Spitzenkräften seiner Branche zählen will.
Inwieweit dies noch legitim ist, oder ob hier nicht doch schon ein veritabler Etikettenschwindel vorliegt, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich halte es insgesamt für vertretbar, für andere Leute Bücher zu schreiben, sofern sie gut sind, da ein gutes Buch, egal von wem es stammt, noch niemandem geschadet hat. Allerdings sollte dann auch versucht werden, wenigstens einen Teil der hehren Grundsätze in die Tat umzusetzen, damit das Ganze nicht nur literarische, sondern auch politische Relevanz erlangt. Hier allerdings sind die meisten Ghostwriter ihren Chefs noch weit voraus. Auf alle Fälle scheint mir diese Art von Tarnkappentätigkeit weniger angreifbar als das Verfassen von Wahlkampfplattformen und Parteiresolutionen, das in manchen Regierungszentralen ebenfalls zum verdeckten Output der Grundsatzabteilungen, Pressestellen und Schreibstuben gehört. Clevere Mitarbeiter pflegen den dafür erforderlichen Zeitaufwand allerdings dadurch zu minimieren, dass sie in Vergessenheit geratene Parteibeschlüsse vergangener Jahre als Vorlage benutzen. Das spart Steuergelder und sichert die politische Kontinuität.
Kehren wir nun aber, nach diesem Abstecher in die Höhen und Tiefen der Praxis, noch einmal zurück zu unserer Ausgangsfrage nach den Ursachen des nicht gerade überwältigenden Rufes, den die politische Rede in Deutschland genießt. Angesichts des hohen Anteils, den anonyme Autoren an diesem Geschäft tragen, liegt es nahe, ihnen die Hauptverantwortung für Langeweile, Stereotypen, fehlende Brillianz und was einen sonst an politischen Reden stört, zuzuschanzen. Und in der Tat gibt es am heutigen Stand professionellen Redenschreibens viel zu kritisieren, angefangen von der praktisch nicht vorhandenen Ausbildung hierfür bis hin zum mangelnden Durchsetzungsvermögen gegenüber einer Administration, für die Ministerreden oftmals nur lästige Bastarde eines ordentlichen Aktenvermerks sind.
Aber es wäre wohl doch zu einfach, nur den Sack zu schlagen und das Tier, das ihn trägt, unbehelligt laufen zu lassen. In einem Beitrag über 'Glanz und Elend der Redekunst', gehalten aus Anlass des 500jährigen Bestehens des Tübinger Rhetorikseminars, hat Marcel Reich-Ranicki dem Phänomen der fremdverfassten Rede erstaunlich viel Platz eingeräumt und gesagt: 'Nichts liegt mir ferner, als die Redenschreiber abschaffen zu wollen – es würde auch nie gelingen. Mehr noch: Die Qualität vieler Reden würde auf ein unvorstellbares Niveau sinken. Bessere Ghostwriter? Gewiss, doch vor allem brauchen wir bessere Redner, solche, die die Redenschreiber wenigstens zum Teil entbehrlich machen könnten'.
Bessere Redner in der Politik – das scheint mir in der Tat ein Muss, wenn die Politik die Menschen wieder unmittelbar und nicht bloß mediatisiert erreichen soll. Es ist ja heute leider gar nicht mehr vonnöten, über besondere rhetorische Fähigkeiten zu verfügen, um z.B. ein Abgeordnetenmandat zu erringen, da die Praxis einer Kandidatenkür ganz anderen Gesetzmäßigkeiten wie Proporz, Sponsorship und verlässlichen Seilschaften folgt. Das Redenkönnen wird, wenn überhaupt, meist erst hinterher erworben, im Wege des learning by doing.
Aus anglo-amerikanischer Sicht wäre es unvorstellbar, einen Bewerber um ein hohes Staatsamt ins Rennen zu schicken, der nicht zuvor in härtester Konkurrenz Proben seiner rhetorischen Begabung abgeliefert hätte. Und liegt nicht in diesem Verständnis mehr historisches Bewusstsein für den unauflöslichen Zusammenhang von freier Rede und Demokratie, wie er sich als erstes in der polis, dem griechischen Stadtstaat, herausgebildet hat, als in unserem aktuarischen Bestellungssystem? Kommt darin nicht auch mehr Respekt gegenüber den Bürgern zum Ausdruck, die sich, da sie in die Labyrinthe der Macht ohnehin keinen Einblick haben, gerne das sokratische 'Rede, dass ich dich sehe!' zueigen machen würden? Dass die Bibel dennoch voll ist von Geschichten über Lug und Betrug, kennzeichnet die Ambivalenz der Rede und das nicht auszuschließende Gefahrenmoment, durch rhetorischen Schein getäuscht zu werden. Aber es wäre besser als nichts und eine Referenz vor dem Souverän, der das Volk nach unserer Verfassung nun einmal ist oder wenigstens sein sollte, wenn seine Vertreter das Instrument der Rede zunächst selbst übten, bevor sie sich von anderen darauf vorspielen lassen.
Es klafft eine zu große Lücke zwischen einer leidlich originären, wenn auch selten originellen Streitkultur in unseren Parlamenten und den fast völlig fremdgesteuerten außerparlamentarischen öffentlichen Auftritten führender Politiker. Woran liegt das? Blamiert man sich im Bundestag oder in den Landtagen weniger, wenn man Stuss redet, oder ist dort die Atmosphäre generell redefreundlicher? Beides, wahrscheinlich. Und doch habe ich den Verdacht, dass auch ein Stück Methode hinter der Verweigerung steckt, Publikumsreden eigenhändig zu konzipieren.
Gleichgültig, ob einem Fachauditorium mehr Kompetenz vorgegaukelt wird, als tatsächlich vorhanden ist, oder ob eine scheinbar aus dem Ärmel geschüttelte Standardrede die Singularität von Liebeserklärungen eines Heiratsschwindlers besitzt – in beiden Fällen öffnet sich der Redner seinen Zuhörern nur scheinbar, während er sie in Wahrheit eher abblockt und sich hinter einem Schutzwall zurückzieht. Dieser Schutzwall ist das Erprobte, das nach allen Seiten hin Abgesicherte, die rhetorische, besser gesagt anti-rhetorische Ausprägung des tiefen Verlangens nach political correctness. Öffentliches Reden schadlos zu überstehen, nicht unbedacht irgendwelche Angriffsflächen zu bieten, ist Vielen wichtiger als die Befassung mit der Sache und den Menschen. Das erklärt, warum bei politischen Reden so selten ein Funke überspringt – wo sich die Person des Redners nicht vor unseren Augen, wohl aber vor unseren Ohren verbirgt, kann auch das, was er sagt, nur schwerlich unsere Herzen erreichen.
Wohin ein solches Sicherheitsdenken führt, wurde auf skurrile Weise bei einer Laudatio deutlich, welche die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth auf einen Orchestermusiker der Stadt zu halten hatte. Obwohl ihr Redenschreiber dem Geehrten irrtümlicherweise ein anderes Instrument zugeordnet hatte als das, das er so virtuos beherrschte, und obwohl das Publikum bereits vernehmlich murrte, blieb die Oberbürgermeisterin standhaft bei ihrer redetext-gestützten Klangversion. Was nicht in den Akten ist, ist eben nicht in der Welt.
Dies ist nicht politische Rhetorik, sondern politischer Autismus. Glaubwürdigkeit – nach Erhard Epplers klugem Wort ,das Schwerste', das in der Politik zu erreichen ist entsteht auf andere Weise. Ein Redner, der sich ein ihm gestelltes Thema selbst erarbeitet, entdeckt es anders, als es jeder noch so gewiefte Redenschreiber für ihn aufbereiten könnte. Er wird über manches besser und ausführlicher, über anderes nur zögerlich oder gar nicht sprechen wollen. Er findet vom Denken zur Meinung und von der Meinung zur Überzeugung. Er sieht Zusammenhänge und Defizite, die auch für seine tägliche politische Arbeit wichtig werden können. Das ist dann tatsächlich Politik als Vermittlung von Selbsterfahrenem und somit grundlegend verschieden von der gängigen Adaption fremder Geistesblitze, die nur daraufhin untersucht werden, ob sie das eigene Krautgärtlein ausreichend erleuchten und in der politischen Landschaft keinen Flurschaden anrichten.
Wer sich die Mühe macht – in Wirklichkeit ist es gar keine Mühe, sondern hoch spannend –, die Entstehungsgeschichte der berühmten 8. Mai-Rede Richard von Weizsäckers nachzulesen, ist beeindruckt, mit welcher selbstquälerischen Akribie sich der damalige Bundespräsident der Ausdeutung dieses geschichtlichen Jahrestages gewidmet hat. Eigenes Erleben und Staatsraison, tagespolitische und historische Erwägungen wurden immer wieder aufs Neue geprüft und gegeneinander abgewogen. Wenn sich ein Politiker so engagiert in eine Rede einbringt, ist es vollkommen gleichgültig, ob er sie am Ende von A bis Z selbst geschrieben hat oder nicht. Es ist auf jeden Fall seine eigene geistige Leistung, sein persönliches politisches Credo, und erst auf dieser Grundlage lässt sich auch nach aussen hin Glaubwürdigkeit erzeugen.
Sie sehen, ich plädiere mit Nachdruck dafür, die politische Rede als Spiegel dessen aufzufassen, was ein Politiker ist, und nicht, was er glaubt, sein zu sollen. Abgesehen von der inhaltlichen Wahrhaftigkeit, die uns dadurch vermehrt beschert würde – vermutlich nicht immer zu unserer reinen Freude –, näherten wir uns dann auch wieder dem alten rhetorischen Ideal, Redner und Rede als Einheit, als intellektuelles und emotionales Ganzes anhören und begreifen zu können. Das Elend der zeitgenössischen politischen Rede ist ihr scholastisches Erstarren in Formalargumenten und Abgrenzungsritualen. Demgegenüber kommt die affimative Seite, das Werben um bejahendes Einverständnis nicht nur mit dem Inhalt einer Rede, sondern auch mit der Person dessen, der sie hält, entschieden zu kurz.
Da aber die politische Mitte, die alle großen Parteien besetzt halten wollen, ein wirkliches dialektisches Streiten kaum mehr erlaubt, ist Ausstrahlung heute mindestens ebenso wichtig wie gekonntes Argumentieren, wahrscheinlich sogar wichtiger. Wir sollten es den Haiders nicht erlauben, uns insoweit eine Lehrstunde erteilen zu dürfen. Demokratie ist aus freier Rede entstanden, sie verträgt auf Dauer weder das ängstliche Zurückweichen vor politischer Konvention noch das Verschanzen hinter Verwaltungsmacht.
,Rede, dass ich dich sehe' – glaube niemand, diese Forderung sei utopisch oder politisch selbstmörderisch. Als Ministerpräsident Späth vor einem illustren Hamburger Publikum einmal das vorgegebene Thema verließ und bezüglich verschiedener aktueller Vorgänge aus seinem Herzen keine Mördergrube machte, belohnte ihn der Gastgeber anschließend mit dem Satz: 'Sie haben zwar das Thema verfehlt, aber das auf ganz staunenswerte Art und Weise!'
Über Politiker wieder positiv staunen zu können – ist das nicht ein geradezu verführerischer Gedanke?
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