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Autor: Staudacher, Barbara.
Titel: Rexingen.
Quelle: Högerle, Heinz/ Kohlmann, Carsten/ Staudacher, Barbara (Hrsg.): Ort der Zuflucht und Verheißung. Shavei Zion 1938-2008. Stuttgart, S. 8-20.
Verlag: Konrad Theiss Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Barbara Staudacher
Rexingen.
»Es war einmal ein Dorf im Schwarzwald. Dieses Dorf wäre völlig unbekannt geblieben, wären wir hier nicht nach Shavei Zion gekommen. Ja, Sie haben es richtig erraten. Rexingen wurde durch Shavei Zion berühmt, Shavei Zion wiederum natürlich durch die Rexinger.« Mit diesen Worten charakterisierte Pinchas Erlanger (1926-2007), selbst kein Rexinger, 1988 in Shavei Zion die Beziehung zwischen den beiden Orten. Und das trifft auch heute noch zu. Die meisten Besucher, die wegen der Ehemaligen Synagoge und des jüdischen Friedhofs nach Rexingen kommen, wissen von Shavei Zion und waren in vielen Fällen selbst schon dort. Umgekehrt ist auch für Gäste in Shavei Zion der Name Rexingen ein Begriff, wenn sie sich für die Geschichte der Siedlung interessieren. Sie werden ins Rexinger Zimmer geführt, den Gedenkraum für die zurückgebliebenen Eltern, Großeltern, Verwandten, Nachbarn und Freunde, für die es keine Rettung gab. 128 Namen sind in eine Wand eingraviert, und unter den Gründern von Shavei Zion war keiner, der nicht den Verlust geliebter Menschen durch den Holocaust zu bewältigen hatte.
In Rexingen gibt es kein Shavei Zion Zimmer. Im Eingangsbereich der Ehemaligen Synagoge, die heute evangelische Kirche ist, hängt ein Gedenkblatt mit den Namen der ermordeten Dorfbewohner, und im heutigen Gottesdienstraum im ersten Stock gibt es eine kleine Ausstellung über die Geschichte der Synagoge. Auf dem jüdischen Friedhof über dem Dorf steht ein Gedenkstein, an dem einmal im Jahr am Volkstrauertag von der Ortschaftsvertretung ein Kranz niedergelegt wird. Für die Ehemalige Synagoge und den Friedhof interessieren sich größtenteils Besucher von außerhalb. Der Friedhof ist im Besitz der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, das Friedhofsamt Horb für seine Pflege und Instandhaltung zuständig. Die Ehemalige Synagoge gehört heute der Stadt Horb am Neckar, die sie an die evangelische Kirchengemeinde verpachtet hat. Die Mieteinnahmen gehen an den 1997 gegründeten Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen.
Dessen Mitglieder engagieren sich für die Renovierung des Gebäudes und versuchen, über Veranstaltungen und Veröffentlichungen die Erinnerung an die christlich-jüdische Ortsgeschichte zu bewahren.
Am Waldrand über dem Dorf liegt eine gemauerte Aussichtsplatte mit einem quadratischen Sockel, auf dem ein meterhohes christliches Kreuz aus Metall steht. Dort war von 1933 bis 1945 ein großes Hakenkreuz angebracht, weithin sichtbar und im direkten Blickfeld von Kirch- und Synagogengängern. Wo damals Aufmärsche und Dorffeste stattfanden, ist heute ein stiller Platz mit einer Gedenktafel. Beim Blick vom Hang auf die Ortschaft kommt man ins Grübeln.
Was ist aus diesem Dorf geworden, dem in den Jahren zwischen 1933 und 1942 fast ein Drittel seiner Einwohner abhanden gekommen ist? Zunächst durch Auswanderung, die immer Flucht vor sich verschlechternden Lebensbedingungen und alltäglichen Demütigungen war. Am Ende durch Deportationen in den Osten, die Auslieferung an die Mordmaschinerie der NS-Diktatur.
In Rexingen, drei Kilometer westlich von Horb in einem Seitental des Neckars gelegen, wohnen heute rund 1400 Menschen. Knapp 200 davon sind türkischer Herkunft, viele schon in der zweiten und dritten Generation mit deutscher Staatsangehörigkeit. Auch einige Aussiedlerfamilien aus Russland und Immigranten aus Kosovo-Albanien haben hier neue Wurzeln geschlagen. Viele der ehemals jüdischen Häuser wurden schon vor Jahren von türkischen Familien gekauft und renoviert. Die Baumwiesen an den Südhängen wurden Neubaugebiete. In der Dorfmitte entstehen in früheren Obstgärten moderne Häuser, Wohnraum für neue Generationen. In einem Dorf, dessen Leben jahrhundertelang vom katholischen und vom jüdischen Ritus geprägt war, sind die Einwohner heute zu 45 % katholisch, zu 23 % evangelisch, und in der Einwohnerstatistik fallen 32 % unter sonstige (meist muslimische) oder keine Religionszugehörigkeit. Vom früher allgegenwärtigen religiösen Leben ist heute nicht mehr viel zu spüren. Die Zahl der Kirchgänger nimmt immer mehr ab. Für die Muslime gibt es Gebetsräume in Horb. Juden leben in Rexingen keine mehr.
Ältere Menschen aus der Region kennen noch den alten Rexinger Spitznamen »Siggesmauchem«. Das Wort leitet sich aus dem Hebräischen ab und ist zusammengesetzt aus »sukka« für Laubhütte und »makom« für Ort. Die Bezeichnung »Laubhüttenort« verweist auf ein Bild, das Beatrice Spatz-Hess (1895-1999), die Tochter von Samuel Spatz, dem langjährigen Lehrer der jüdischen Volksschule, in ihren Erinnerungen an Rexingen beschreibt: »Dann kamen die Laubhüttenfeiertage, und wohl niemand von uns allen wird vergessen haben, wie die Sukkot vom Ihlinger Weg herauf durchweg durch die Brühlet, bis hinauf zum Siggerle Preßburger, ihren milden Schein in die Frühherbstnacht hinein ergossen.« Wann der Name »Siggesmauchem« entstanden ist, weiß heute niemand mehr. Er erinnert an eine Zeit, in der es selbstverständlich war und eine jahrhundertelange Tradition hatte, dass Christen und Juden in einem schwäbischen Dorf zusammen lebten.
Als die große Rexinger Synagoge 1837 feierlich eingeweiht wurde, konnte die Gemeinde auf eine mindestens 200-jährige Geschichte zurückblicken. In einer Judenordnung der vorderösterreichischen Grafschaft Hohenberg findet sich ein erster Beleg über die Ansiedlung einzelner Juden im Ort sogar schon für 1516 (ein Mann mit Namen Lazarus), und in einem Schreiben des kaiserlichen Hofgerichts zu Rottweil aus dem Jahr 1616 wird der Name Jud Maier aus Rexingen erwähnt. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurden von den Johannitern, einem Ritterorden aus der Zeit der Kreuzzüge, in der Kommende Hemmendorf-Rexingen nach und nach weitere so genannte Schutzjuden aufgenommen. Anhand ihrer Familiennamen wie Preßburger, Straßburger, Neckarsulmer, Esslinger, Lemberger oder Landauer lassen sich Vermutungen anstellen, aus welchen Gegenden sie stammten.
Ihre erste Synagoge bauten sich die Rexinger schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts, ein bescheidenes Gebäude, wie es damals in ländlichen Gemeinden üblich war. Es lag nahe beim Vogteihaus, in dem die ersten Schutzjuden der Johanniter ihre Wohnungen hatten und diente bis zur Auflösung der Gemeinde 1939 verschiedenen Zwecken. Die Mikwe, vom Wasser aus dem Hang gespeist, war ebenfalls dort untergebracht. Nach der Schändung der großen Synagoge am 9./10. November 1938 wurde das Haus vermutlich wieder als Versammlungsort genutzt und Schule und Kindergarten dort abgehalten. 1977 wurde es abgerissen.
Die Rexinger Gemeinde gehörte zum großen Rabbinat Mühringen, das sechs Gemeinden umfasste: Mühringen mit der Filialgemeinde Rottweil, Nordstetten, Mühlen, Rexingen, Baisingen mit der Filiale Unterschwandorf, dann die Gemeinde Wankheim und später die Juden aus Tübingen und Reutlingen. Mühringen selbst liegt an der Eyach, einem Nebenfluss des Neckars, und war lange Zeit vor Rexingen die zahlenmäßig größte Gemeinde des Rabbinatsbezirks.
Rabbiner Dr. Michael Silberstein erwähnte in seiner Rabbinatsbeschreibung von 1875 einen ersten Friedhof der Gemeinde im 17. Jahrhundert, der wegen Überschwemmung aufgegeben werden musste. Einen weiteren Beleg für diesen Friedhof gibt es nicht. Von 1720 an bestatteten die Rexinger ihre Toten auf dem Mühringer Friedhof. Die beiden ältesten heute noch lesbaren Grabsteine von Rexinger Juden aus den Jahren 1731 und 1741 bezeugen Leben und Tod des Josef Ben Mosche und der Gitel bat Jizchak eschet Meschullam bar Schimsche.
Der jüdische Friedhof in Rexingen wurde im Jahr 1760 nach christlicher Zeitrechnung und nach jüdischer Zählung im Jahr 5520 nach Erschaffung der Welt an einem Hang oberhalb des Dorfes angelegt. Damals wohnten in Rexingen etwa 17 jüdische Familien. Über ihr Leben und die Anfänge der jüdischen Gemeinde ist bisher wenig bekannt. Der Friedhof wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein mehrmals erweitert. Er ist mit über 1000 Gräbern einer der größten und schönstgelegenen jüdischen Friedhöfe in Württemberg.
Mit den Gebietsreformen Napoleons wurde die Johanniter-Kommende Hemmendorf-Rexingen dem Königreich Württemberg zugesprochen. Rexingen wurde damit eines der 27 Pfarrdörfer des Oberamtes Horb. Nun setzte die schrittweise Emanzipation der württembergischen Juden ein. Sie waren jahrhundertelang rechtlich benachteiligt und in der Wahl ihrer Berufe und Wohnorte massiv eingeschränkt gewesen. Ihren Lebensunterhalt hatten sie sich fast ausschließlich im Handel verdient. Die meisten Männer waren kleine Viehhändler oder Hausierer.
Langsam begann sich die Berufs- und Bevölkerungsstruktur der Landjuden zu wandeln. Die Städte mit ihren Schulen und Universitäten und einer Vielzahl von neuen Arbeitsmöglichkeiten übten eine große Anziehungskraft aus. Die einsetzende Landflucht bewirkte im Laufe der nächsten Jahrzehnte die Auflösung vieler jüdischer Landgemeinden. Im Jahr 1832 lebten in Württemberg 10.179 Juden, davon ungefähr 93% auf dem Land und 7% in den Städten. 100 Jahre später hatte sich ihre Gesamtzahl kaum verändert, aber das Verhältnis zwischen Land und Stadt fast umgekehrt. 78,5% der württembergischen Juden lebten inzwischen in den Städten, während nur noch 21,5% auf dem Land wohnten.
Auch in Rexingen änderte sich vieles. Die Verlockung der Städte scheint hier allerdings nicht so groß gewesen zu sein wie anderswo. Die Rexinger Juden erwiesen sich als sehr bodenständig. Sie machten Gebrauch von der neuen Möglichkeit, Land zu erwerben und für den Eigenbedarf zu bewirtschaften. Einige Familien besaßen einen Acker und eigene Wiesen. Das ermöglichte ihnen, sich selbst und das Vieh, mit dem sie handelten und das in ihren Ställen stand, zu ernähren.
Die Gewährung der Bürgerrechte hatte ihren Preis. Die jüdische Gemeinde musste sich umstrukturieren und große Teile ihrer bisherigen Autonomie aufgeben. Die israelitische Volksschule wurde von einer örtlichen Schulkontrollbehörde unter Vorsitz des katholischen Pfarrers beaufsichtigt. Das Amt des Parnass, des bisher weitgehend selbstständig agierenden Gemeindevorstehers, gab es nicht mehr. Die Leitung der Gemeinde hieß nun Israelitisches Kirchenvorsteheramt und war der Israelitischen Oberkirchenbehörde in Stuttgart unterstellt. Die Rabbiner und die Lehrer durchliefen eine staatliche Ausbildung und wurden württembergische Beamte wie ihre christlichen Kollegen.
Im Schwarzwaldkreis hatte Rabbiner Gabriel Adler schon 1821 die allgemeine Schulpflicht für Kinder bis zum 13. Lebensjahr eingeführt. Der Unterricht fand in Privaträumen statt und die Lehrer wurden von der jüdischen Gemeinde bezahlt. Ab 1824 wurde die israelitische Schule offiziell als Volksschule nach gesetzlichen Vorschriften mit einem staatlich geprüften Lehrer geführt. 1844 schließlich bekam die »jüdische Konfessionsschule« im katholischen Schulhaus nahe der Synagoge ein Klassenzimmer und eine Lehrerwohnung.
1835 zählte die jüdische Gemeinde 355 Seelen und vergrößerte sich in den folgenden zwanzig Jahren auf 412 Personen. Das war ein Anteil an der Gesamtbevölkerung von 36%. Die alte Synagoge war schon lange zu klein geworden. Das neue, imposante Gebäude wurde von 1836 bis 1837 im spätklassizistischen Stil erbaut und war der ganze Stolz der Gemeinde - laut der »Allgemeinen Zeitung des Judentums« von 1875 eines der schönsten Gotteshäuser Württembergs. Es befand sich im Unterdorf, wo die meisten jüdischen Familien wohnten und konnte erstmals höher gebaut werden als die umliegenden Häuser. Das Gebäude wurde 1837 von Rabbiner Dr. Moses Wassermann feierlich eingeweiht. Das Abschlussgebet, mit dem er um Gottes Segen für die neue Synagoge bat, enthielt auch eine Einladung an alle Andersgläubigen: »Auch den, der nicht aus deinem Volke Israel ist, und der da kömmt um deines Namens willen, dass er bete in diesem Haus, mögest du erhören auf deinem erhabenen Throne, und thun alles warum er dich anruft. Dein Segen sey stets mit uns und allen Menschen unsern Brüdern.«
Der Wechsel von der alten, baufälligen und ärmlichen Synagoge in das neue große und gut ausgestattete Gebäude hatte auch symbolischen Charakter. Das Schutzjudentum mit seinen vielerlei Einschränkungen war zu Ende. Ein neues Zeitalter, das Gleichberechtigung, Selbstbewusstsein und sozialen Aufstieg bringen sollte, hatte begonnen. Ein Prozess der Angleichung an das christliche Umfeld, wie er sich jetzt oftmals in den Städten vollzog, fand in Rexingen nicht statt. Auch als das bis 1869 bestehende Verbot christlich-jüdischer Ehen vom württembergischen Staat aufgehoben wurde, waren Einheiraten in christliche Familien äußerst selten und hatten unweigerlich einen Ortswechsel in die Stadt zur Folge. Nach wie vor wurde das tägliche Leben von der Tradition bestimmt, vom Einhalten der religiösen Gesetze und den vielfältigen und engen familiären Beziehungen innerhalb des Dorfes und zu den umliegenden jüdischen Gemeinden. Dazu kam, dass im Ort zwei verschiedene Lebenswelten aufeinander trafen: die der katholischen, vorwiegend bäuerlichen Einwohnerschaft und die der jüdischen Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt vor allem aus Handelstätigkeiten bestritt. Die Distanz zur christlichen Bevölkerung beschrieb Arthur Löwengart, 1899 in Rexingen geboren, in seinen Erinnerungen an sein Heimatdorf:
»Die Rexinger Juden lebten in Grenzen, die sie sich selbst zogen und niemand war daran interessiert, die Grenzmarkierung zu verändern. Die Juden lebten mit gewissen Vorurteilen ihrer christlichen Umwelt gegenüber - nennen wir es Ghettobewusstsein - die sie aber nie zugegeben hätten und die doch in Sprache und Lebensstil ihren Ausdruck fand.« Er betonte aber auch, dass die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen gut gewesen seien. Juden und Christen lebten ihr eigenes, stark von der Religion strukturiertes Leben nach der traditionellen Art und Weise.
Durch den wirtschaftlichen Aufschwung zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg kam Wohlstand in die jüdische Gemeinde, von dem der ganze Ort profitierte. Die Gasthäuser »Deutscher Kaiser« und »Traube«, die Lederhandlung Löwengart, die internationale Pferdehandlung Preßburger, die Mehlhandlung Weil, Metzgereien, Kolonial- und Manufakturwarenläden wurden von jüdischen Familien betrieben. Zusammen mit den von Christen geführten Geschäften und Wirtshäusern war das eine uns heute kaum noch vorstellbare Dichte an dörflichen Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten. Die Frauen trafen sich im Laden bei den täglichen Besorgungen und die Männer im Gasthaus bei Bier und Most. Auch einige Handwerker siedelten sich jetzt im prosperierenden Dorf an. Oft arbeiteten christliche Dienstmädchen aus anderen Orten in den jüdischen Haushalten, und die Viehhändler stellten zum Viehtreiben oder Stalldienst christliche Knechte an. Arbeitgeber in Rexingen waren meist Juden, was ihnen Ansehen, aber auch Neid eintrug. Das tägliche Leben verlief weitgehend konfliktfrei. Es war eine Selbstverständlichkeit, am Schabbat den jüdischen Nachbarn kleine Hilfsdienste zu tun. Gern schickte man die Kinder, die das vorbereitete Feuerholz anzünden oder die Samstagspost öffnen durften und dafür eine kleine Belohnung bekamen. Zu Hochzeiten wurden auch die christlichen Nachbarn und Freunde in die Synagoge eingeladen. Eine besondere Attraktion war dabei der Vermählungskuss am Ende der Trauzeremonie. Ein Kuss in aller Öffentlichkeit, erst recht in einem Gotteshaus, war zur damaligen Zeit für sie etwas ganz Außergewöhnliches.
Um 1900 gab es in Rexingen 60 Viehhändler, vermutlich mehr als in allen anderen Orten landauf und landab. Die Betriebe waren meist klein, und die Handelsgebiete wurden untereinander aufgeteilt. Die Woche über waren die Männer unterwegs und übernachteten in Gasthäusern, wo sie ihr eigenes Essgeschirr deponiert hatten und ihren mitgebrachten Proviant verzehrten, um die Speisegesetze nicht zu verletzen. Arthur Löwengart schrieb über die traditionelle Lebensweise der Viehhändler:
»Auf Reisen hat man im Zug gebetet. Jeden Montag morgen war ein Wagen im Zug Horb-Pforzheim zum Erstaunen der christlichen Mitfahrer in einen Betsaal umgewandelt. Niemand hat sich gescheut, Teffilin zu legen. Es wurde gebetet, als ob man in einer Synagoge wäre ... Für die Familie, die durch Religion und Tradition stark gebunden und zusammengehalten war, bedeuteten Schabbat und die Feiertage die Höhepunkte eines im allgemeinen ereignislosen Lebens. Niemand hat an den Feiertagen gearbeitet, fast jeder hat den Gottesdienst besucht. Es wurde weder geraucht, noch hat man Fahrzeuge benutzt. Kashrut war eine Selbstverständlichkeit. Wir, die wir aus den Städten an allen Feiertagen nach Hause kamen, haben unsere Autos in Horb, 3 km entfernt, stehen gelassen, um zu Fuss nach Hause zu kommen. Der Respekt vor den Eltern, der Wille, sich in den alten Rahmen wieder einzufügen, sobald wir das Dorf betraten, war geblieben.«

Der Viehhändler und Landwirt Max Preßburger etwa 1920.
Über Generationen hat sich auch die Viehhändlersprache, das »Lekoudesch«, erhalten. Es war die Arbeitssprache, die die Männer untereinander, aber auch im Umgang mit der christlichen Kundschaft benutzten. Die Wörter leiteten sich wie bei »Siggesmauchem« meist vom Hebräischen ab, das den Juden als Sprache der Bibel und der Gebete vertraut war. Gezählt und gerechnet wurde im Viehhandel beispielsweise nicht mit arabischen Zahlen, sondern mit dem hebräischen Alphabet, das jedem Buchstaben eine Zahl zuordnet. Die Erinnerung an viele Begriffe aus dem »Lekoudesch« ist in Rexingen heute noch lebendig.
Außer den Nachbarschafts- und Arbeitsbeziehungen gab es noch andere Berührungspunkte zwischen den beiden Welten. Christliche und jüdische Männer saßen im Gemeinderat und in der örtlichen Schulkontrollbehörde. Sie leisteten ihren Dienst in der Feuerwehr, auch als stellvertretende Kommandanten und Zugführer. Adolf Zürndorfer, Weinhändler und Wirt des »Gasthofs zur Traube« wurde 1904 die Ehrenbürgerwürde verliehen. Er war 26 Jahre lang ununterbrochen Mitglied des Gemeinderats und einer der Männer gewesen, die sich mit Erfolg für die Modernisierung des Ortes eingesetzt hatten. Rexingen konnte eine eigene Wasserversorgung, eine Postagentur und ausgebaute Straßen vorweisen. Die jüdischen Handelsleute hatten großes Interesse an einer gut funktionierenden Infrastruktur. Sie ließen sich die ersten Telefonanschlüsse legen und waren die Hauptanteilseigner einer privaten Omnibusgesellschaft. Sie wurde 1910 gegründet, und ein Bus fuhr mehrmals täglich von Rexingen zum Horber Bahnhof und einmal täglich zum Bahnhof Altheim-Rexingen.
1913 wurde der Rabbinatssitz von Mühringen nach Horb verlegt. Die Mühringer Gemeinde war durch Abwanderung stark geschrumpft, während sich in Horb eine neue jüdische Gemeinde gebildet hatte. Rabbiner wurde Dr. Abraham Schweizer, der aus Franken stammte und in Tübingen promoviert hatte. 1936 ging er in den Ruhestand. Nach der Schändung des Horber Betsaals wurde er am 12. November 1938 verhaftet und nach Dachau verschleppt. Später zog er nach Stuttgart und wurde 1941 nach Oberdorf am Ipf zwangsevakuiert. 1942 wurde er über Theresienstadt ins Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert.
Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich das beschauliche Leben in Rexingen. Die jüdischen Männer, heimatverbunden und vaterlandsliebend, zogen wie ihre christlichen Nachbarn in den Krieg. Viele meldeten sich freiwillig. Es lag ihnen viel daran, den nie ganz verstummenden Vorurteilen und Schmähungen entgegenzutreten. Als gute Patrioten konnten sie jetzt beweisen, wie treu ergeben sie ihrem Kaiser und Vaterland waren und mit wieviel Tapferkeit dazu bereit, ihr Leben einzusetzen. 14 von 78 Männern kehrten nicht von der Front zurück. Das Ehepaar Sofie und Moritz Weil verlor in drei Jahren ihre beiden Söhne Salomon und Alfred und ihren Schwiegersohn Adolf Sinn. Auf dem jüdischen Friedhof wurde ein Ehrenmal für die Gefallenen aufgestellt. Der Fliegerleutnant Josef Zürndorfer, der 1915 bei einem Übungsflug ums Leben kam, wurde in einem Ehrengrab daneben beigesetzt. In seinem Nachlass fand sich das Bekenntnis: »Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.«
Wie realistisch der junge Fliegerleutnant die antijüdischen Strömungen im Reich einschätzte, zeigte die berüchtigte »Judenzählung« des preußischen Kriegsministeriums von 1916. Sie diente dem Ziel, den jüdischen Männern Drückebergerei und nationale Unzuverlässigkeit nachzuweisen. Die Tatsache, dass die Gefallenenquote der Juden derjenigen der Nichtjuden entsprach, konnte wenig gegen die anwachsende antisemitische Stimmung ausrichten.
Im November 1917 berichtete die Horber Lokalpresse von Hetzereien auf Flugblättern, »...die in kläglichen Reimereien unbegründete Vorwürfe und Verleumdungen gegen unsere israelitischen Mitbürger enthalten ... Wir haben in der jetzigen und kommenden Zeit wirklich allen Anlass, konfessionellen Reibereien und Hetzereien mit allen Mitteln entgegenzutreten. Durch amtliche und private Statistiken ist festgestellt, dass Katholiken, Protestanten, Israeliten und Freireligiöse sich an der Front und daheim durch ihre vaterländischen Leistungen in keiner Weise unterschieden haben.«
Eine Persönlichkeit mit besonders ausgeprägter Vaterlandsliebe war der Rexinger Oberlehrer Samuel Spatz. 1867 in Freudental bei Ludwigsburg geboren, war er seit 1904 Lehrer, Vorsänger und Schächter bei der jüdischen Gemeinde. Er war lange Jahre Vorsitzender des Bezirkslehrervereins Horb und im Vorstand des Vereins Israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs. Mit dem damaligen Schultheiß Josef Kinkele und dessen Sohn und Nachfolger Hermann Kinkele war er freundschaftlich verbunden. Er setzte sich ebenfalls tatkräftig für die Modernisierung des Dorfes und sehr selbstbewusst für die sozialen Belange seiner jüdischen Mitbürger ein.
Samuel Spatz beschäftigte sich intensiv mit Heimat- und Geschichtsforschung und spielte mit seinen deutsch-national geprägten Vorträgen und Veranstaltungen im Kulturleben der Gemeinde eine große Rolle. Im September 1929 feierte er sein 25-jähriges Dienstjubiläum als Lehrer in Rexingen. Der Gemeinderat richtete ihm ein Festessen in der »Ratsstube« aus, zu dem zahlreiche Ehrengäste aus Schul- und Kirchenämtern erschienen. Drei Jahre später wurde er pensioniert und zog mit seiner Familie nach Stuttgart, wo er 1935 starb.
Nach Kriegsende, unter dem Schock der katastrophalen Niederlage, wurde die antisemitische Stimmung mit der Suche nach Sündenböcken und dem Vorwurf des Kriegsgewinnlertums angeheizt. In Schramberg wurden zwei Rexinger Viehhändler, Elias und Ludwig Schwarz, in ganz besonders übler Weise vom »Schwarzwälder Tagblatt« angegriffen. Die Brüder waren bei einem verbotenen Viehtransport nach Baden entdeckt und dem Amtsrichter vorgeführt worden. Schwarzmarktgeschäfte waren damals an der Tagesordnung und wurden von breiten Kreisen der Bevölkerung getätigt. Das hielt den Artikelschreiber nicht davon ab, sich ungeniert der gängigen antisemitischen Hetzparolen zu bedienen: »Die beiden Erzlumpen jüdischer Nation hatten seit langer Zeit schon Vieh aus dem württembergischen nach Baden verschleppt und dabei riesige Gewinne erzielt ... Wir wollen hoffen, dass das edle Brüderpaar für das wucherische, volksausbeutende Unternehmen mit der höchsten Strafe belegt wird ... und dass das ergaunerte Blut- und Wuchergeld rechtzeitig erfasst wird, bevor es im Ausland verschwindet ... In Amerika hätte die Volksjustiz prompter gearbeitet, da würden die Gauner nicht schön warm im Gefängnis sitzen, sondern am nächsten Baum säuberlich aufgehängt worden sein.«
Bei der Landtagswahl im Januar 1919 wählten die Rexinger Bürger mit 44,1 % die katholische Zentrumspartei und mit 34,1 % die Deutsche Demokratische Partei. 12,9 % der Stimmen erhielten die Sozialdemokraten, im Vergleich mit anderen Bezirksgemeinden eine relativ hohe Stimmenzahl. Das lässt darauf schließen, dass die Rexinger Juden zu den Wählern der SPD gehörten, einer Partei, die dem Antisemitismus mit Entschiedenheit entgegentrat. Christen und Juden gründeten im selben Jahr in Rexingen einen Sozialdemokratischen Verein, der bei seiner ersten Mitgliederversammlung im Dezember 1919 bereits 45 Mitglieder zählte.
1920 wurde der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gegründet. Man versuchte, durch Veranstaltungen und Publikationen über die jüdische Beteiligung am Ersten Weltkrieg die antisemitischen Verleumdungskampagnen abzuwehren. Unter der Leitung des Horber Fabrikanten und Weltkriegsoffiziers Willy Gideon organisierte sich auch eine Ortsgruppe Horb-Rexingen. An den Volkstrauertagen und bei gemeinsamen Veranstaltungen betonte man zusammen mit den christlichen Kriegervereinigungen sein deutsches Nationalbewusstsein und gedachte aller fürs Vaterland gefallenen Männer.
1918 war Rexingen, gemessen an der Einwohnerzahl, wie in den Jahren zuvor noch immer die steuerkräftigste Bezirksgemeinde im Oberamt Horb. In diesem Jahr trat Schultheiß Josef Kinkele (1860-1929) aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück, das er seit 1889 ausgeübt hatte. Im »Schwarzwälder Volksblatt« wurde sein Einsatz für die Gemeinde und für die Modernisierung des Dorfes hoch gelobt: »Nicht immer wurde dem Ortsvorsteher sein fortschrittliches Wirken leicht gemacht. Heute aber möchte niemand mehr die von ihm buchstäblich erkämpften Einrichtungen missen ... Vorbildlich ist auch seine echte Frömmigkeit gewesen. Mit dieser verband er eine wohltuende Duldsamkeit gegenüber anderen Anschauungen. So wurde er ein Schätzer des konfessionellen Friedens.«
Nachfolger wurde sein 1892 geborener Sohn Hermann Kinkele, der 15 Jahre später weit weniger freundlich verabschiedet werden sollte. Er war ein gelernter Verwaltungsfachmann, und wie sein Vater war er vielen Rexinger Juden freundschaftlich verbunden. Als leidenschaftlicher Sänger gründete er mit anderen Musikfreunden im März 1919 im Gasthaus »Kaiser« den Männergesangverein »Eintracht«. In dessen Vorstand und Ausschuss wurden unter anderen auch die Viehhändler Hermann und Alfred Hopfer und der blinde Kohlenhändler und Mazzenbäcker Alfred Levi gewählt. Beatrice Spatz-Hess erinnerte sich noch an dessen »... machtvolle Bassstimme, an den Heldentenor des Kantors Isidor Gideon und an die prächtige Stimme von Hermann Schwarz. Mit ein klein wenig Schulung hätte man aus ihm einen zweiten Caruso machen können, aber kein Rexinger Vater wäre damals auf solch ein Risiko oder Abenteuer eingegangen.« Sie erzählte auch, dass Hermann Kinkele den Gesangverein den »Koscher-Trefenen« nannte.
Es gab auch Vereine am Ort, die nur jüdische Mitglieder hatten: einen Schützenverein, einen Frauenverein, die Beerdigungsbruderschaft »Chevra Kadischa« und ab 1920 den Jüdischen Jugendbund Rexingen. Dieser stellte 1922 bei der Gemeindeverwaltung einen Antrag auf Zuweisung eines eigenen Sportplatzes, der ihm auch gewährt wurde. Außerdem gab es einen Wohltätigkeitsverein. Die religiöse Pflicht zur Wohltätigkeit wurde von den gesetzestreuen Rexingern sehr ernst genommen. Durchreisende Besucher, meist aus Polen oder Russland, waren im Ort keine Seltenheit, und man nahm sie bereitwillig auf. Das natürliche Anrecht armer Familien auf Unterstützung durch die Gemeinde half, die Notzeit und Inflation nach dem Krieg zu überstehen. Auch die gegenseitige tätige Hilfe bei Krankheit und anderen Notfällen war für die Nachbarn eine Selbstverständlichkeit. Ärztlich betreut wurde die Gemeinde vom jüdischen Arzt und Sanitätsrat Dr. Josef Rosenfeld. Er leitete von 1891 bis 1925 das katholische Spital in Horb und unterhielt in Rexingen ein Sprechzimmer. Zwei katholische Nonnen arbeiteten als Krankenschwestern für Christen und Juden. Sie gaben katholischen und jüdischen Mädchen Handarbeitsunterricht. Das Schwesternhaus wurde mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde während der Amtszeit des Pfarrers Joseph Wirth gebaut. Er hatte von 1917 bis 1932 in Rexingen die katholische Pfarrstelle inne.
Oberlehrer Samuel Spatz, selbst kein Anhänger des Zionismus, hielt im Rahmen seiner engagierten Volksbildungstätigkeit 1929 einen Lichtbildervortrag mit dem Titel: »Mit der Hapag nach dem Mittelmeer und Orient«. Das »Schwarzwälder Volksblatt« schrieb darüber: »Rexingen, 11. Novbr.: Gestern Abend fand hier im Saal zur »Traube« der erste Volksbildungsabend in Form eines Gemeindeabends statt. Oberlehrer Spatz zeigte an Hand von 69 trefflichen Lichtbildern ... die Schönheit jener Gegenden und ihre alten Kulturen. Der Abend war besonders von der Jugend gut besucht ... «
Die zionistische Idee einer »Heimstatt in Palästina« wurde seit Ende des Ersten Weltkriegs auch in Rexingen diskutiert, wo sie allerdings wenig Anklang fand, wie Arthur Löwengart berichtete: »Nach dem Krieg sind Anstrengungen gemacht worden, Rexinger für den Zionismus zu gewinnen ... So waren die Bemühungen zionistischer Studenten, die aus Tübingen kamen und von Betty Fröhlich (ihre Eltern wurden in Rexingen geboren) fast erfolglos ... Die Mischung von Händler und Landwirt, dieser Rexinger Judentyp, führte zu einer Verbundenheit mit dem Boden, die jede radikale Änderung der Lebenshaltung ausschloss. Ein religiös bedingtes jüdisches Volksbewusstsein, das ohne Zweifel vorhanden war, lehnte die politische zionistische Lösung ab.«
Arthur Löwengart war im Ersten Weltkrieg als Soldat in der Ukraine gewesen. Dort wurden ihm das Ausmaß und die verhängnisvollen Folgen des osteuropäischen Antisemitismus bewusst. Deshalb schloss er sich nach dem Krieg der zionistischen Bewegung an. Er zog nach Stuttgart und später nach Frankfurt, blieb aber in Kontakt zu seiner Heimatgemeinde. 1925 machte er eine Reise durch Palästina, um sich über die Aufbauarbeit im Land zu informieren.
Er war nicht der erste Zionist in Rexingen. Salomon Straßburger, genannt Salmele, unterstützte schon im 19. Jahrhundert aus religiösen Gründen und mit großer Leidenschaft und Freigiebigkeit die ersten jüdischen Ansiedlungen in Erez Israel. Wie er 1881 in einem Brief an die »Jüdische Presse« schrieb, spendete er »... für den heiligen Zweck der Colonisation des heiligen Landes durch unsre bedrängten und verfolgten Glaubensbrüder in allen Weltteilen.« Er schloss seinen Brief mit den Worten: »... wollen wir uns nicht beirren lassen, sondern dem heiligen Streben und Ziel der nationalen Wiederbelebung ... zusteuern«. Sein Anliegen dürfte den meisten Rexinger Juden damals nur im religiösen Kontext verständlich gewesen sein. Ihre Kinder und Enkel mussten sich 55 Jahre später sehr konkret mit dieser Idee auseinandersetzen, denn die Bedrängten und Verfolgten waren sie jetzt selber.
Aber noch verlief das Leben in übersichtlichen Bahnen. Die »Ratsstube«, das frühere Gasthaus »Deutscher Kaiser«, war nach wie vor der Treffpunkt bei Stammtischen, Familienfesten und Vorträgen über soziale oder religiöse Themen. Die Tanzveranstaltungen der jungen Generation waren über die Ortsgrenzen hinaus berühmt, die Bälle zu Simchat Tora und Purim ein gesellschaftliches Ereignis. Die jungen Leute wurden modern und fingen an, ihr eigenes Leben zu führen. Betrachtet man ihre Fotos aus dieser Zeit, hat man den Eindruck einer unbeschwerten und selbstbewussten, sich städtisch gebenden Jugendclique. Wenn sie auch in der Real- oder Lateinschule in Horb, in der Tanzstunde oder im Beruf freundschaftlich mit Nichtjuden verkehrten, waren sie im engeren Freundeskreis doch weitgehend unter sich. Ihren Familien auf dem Dorf blieben sie eng verbunden, auch wenn sie in die Städte gingen, um neue Berufe zu erlernen. Es scheint, als ob sich in den 1920er-Jahren ein besonders starker Zusammenhalt unter ihnen entwickelt hätte. Das lag wahrscheinlich auch an dem äußeren Druck des anwachsenden Antisemitismus. In Rexingen selbst war er vielleicht noch nicht so spürbar, aber in anderen Orten in der Region konnte man ihn nicht mehr übersehen.

Ballgesellschaft
beim Simchat Tora Ball, Ende der 1920er-Jahre.
Am 6. April 1930 starb der hochangesehene Rexinger Mehlhändler und Gemeinderat Simon Weil mit 58 Jahren. Die Trauerfeier bei seiner Beerdigung war eine der letzten großen Zusammenkünfte von Christen und Juden im Dorf. Die »Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs« würdigte die Trauerfeier und die Verdienste des Verstorbenen in einem ausführlichen Bericht: »Ein Leichenzug, wie ihn Rexingen noch nicht gesehen hat, bewegte sich am Dienstag, den 8. April durch den Ort. Die ganze Gemeinde, ohne Unterschied der Konfession, wollte dem in einem Stuttgarter Krankenhaus verschiedenen Simon Weil die letzte Ehre erweisen. Geschäftsfreunde von nah und fern waren herbeigeeilt, um ihre Trauer um den wackeren Mann zu bekunden ... Bürgermeister Kinkele legte namens des Gemeinderats, der um sein beliebtestes und bewährtestes Mitglied, um den Friedensstifter und Rechtsberater trauert, einen Lorbeerkranz am Grab nieder. Er schloss mit den Worten: ›Er war allen viel, mir war er mehr.‹«
Nach der Reichstagswahl vom 14. September 1930 zog die NSDAP überraschend als zweitstärkste Partei nach der SPD in den Berliner Reichstag ein. Mit über 9 % hatten die Horber für die NSDAP gestimmt, die Rexinger mit knapp 5 %. Die SPD erhielt in Rexingen über 22 % der Stimmen, mit Abstand den höchsten Stimmenanteil im Oberamt Horb. Hochburgen der Nationalsozialisten waren Mühlen mit 35 %, Hochdorf mit 31 %, Weitingen mit 24 % und Nordstetten mit 22 %.
Die NSDAP-Ortsgruppe Horb war sehr aktiv. Der Erfolg ihrer Propaganda zeigte sich bei der örtlichen Gemeinderatswahl am 6. Dezember 1931. Erstmals wurde ein Nationalsozialist ins achtköpfige Stadtparlament gewählt.
Die Rexinger Viehhändler waren auch der Hetze in überregionalen NS-Blättern ausgesetzt. Der »NS-Kurier« nahm die katastrophale Lage in der Landwirtschaft infolge der Weltwirtschaftskrise zum Anlass für einen Aufruf am 3. Februar 1932: »Deutsche Bauern! ... Kennst Du den Juden nicht schon zur Genüge vom Viehhandel? Hat er nicht Tausende deiner Mitbauern von Haus und Hof verjagt? ... Weißt du nicht, daß der Talmud vom Juden geradezu fordert, daß er den Christen betrüge?«
Bei den Landtagswahlen am 24. April 1932 behaupteten sich in Rexingen erneut das katholische Zentrum (47 %) und die SPD (29 %). Hermann Gideon, damals Mitglied im republikanischen Kampfverband »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«, erzählte 1985 in einem Rundfunkinterview in Shavei Zion von einer Veranstaltung der NSDAP mit Josef Räder aus München am 14. April 1932 in Rexingen. Kein Wirt hätte sich anfangs bereit erklärt, seine Räume zur Verfügung zu stellen. Als der Abend schließlich doch im Gasthaus »Krone« stattfand, seien im Publikum kaum Christen, aber viele Juden gewesen, die den Vortrag durch ihren lautstarken Protest erheblich gestört hätten. In der Lokalpresse findet sich darüber ein Bericht: »Kein Wunder, daß bei Vortrag des Antisemitenparagraphen aus der zum Teil jüdischen Zuhörerschaft erregte Zwischenrufe kamen, die sich energisch die Herabwürdigung der Juden zu Staatsbürgern 2. Klasse verbaten ... Die Zurufe legten sich erst, als vom Redner und Versammlungsleiter, in der Diskussion zu sprechen, hingewiesen wurde. Umso empörter war man aber, als zu Beginn der Diskussion erklärt wurde, daß Juden diese verweigert werde.«
Und schließlich, am 5. Dezember 1932, war die »Judenfrage« auch dem »Schwarzwälder Volksblatt« einen Aufmacher wert. Anlass für den halbseitigen Artikel war eine Veranstaltung der Ortsgruppe Horb-Rexingen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten. Dem Vorsitzenden Willy Gideon war es noch ein letztes Mal gelungen, Christen und Juden, Geistliche, Lehrer, Ortsvorstände, Parteipolitiker und Bürger im überfüllten Lindenhofsaal in Horb zusammenzubringen. Zu dem Vortrag »Weltkrieg, Vaterland, Deutsches Judentum« war der Bundesgeschäftsführer des Reichsbundes, Dr. Ludwig Freund, aus Berlin angereist.
Die Zeitung schloss ihren Artikel mit einem Bericht über die Gedenkfeier in Rexingen: »Eine Illustration der Gemeinschaft, für die der Redner gesprochen hatte, war am Sonntag die Gefallenen-Gedenkfeier, die der Reichsbund jüd. Frontsoldaten in Rexingen durchführte. Ohne Unterschied der Konfession beteiligte sich daran Alles, was abkommen konnte. Mit der Ortsgruppe Horb-Rexingen ging der Kriegerverein Rexingen im Trauermarsch der dortigen Musikkapelle den Weg empor, wo umsäumt von dunklen Schwarzwaldtannen der jüdische Friedhof liegt ... Am Denkmal hielt der Landesverbandsvorsitzende des R.J.E, Dr. Strauß aus Stuttgart, eine Ansprache ... die an dieser Stätte sich tief in Verstand und Gemüt grub. Das Lied vom guten Kameraden war hier wie ein Bekenntnis. Und die Fahne des Kriegervereins Rexingen, die sich vor den Toten neigte, wusste nichts von Unterschieden.«
Doch solche Demonstrationen von Gemeinsamkeit und gegenseitiger Achtung konnten nichts mehr ausrichten. Mit der Machtübergabe an Hitler und die Nationalsozialisten wenige Wochen später begann sich auch in Rexingen die Katastrophe vorzubereiten.
Dieser Aufsatz basiert vor allem auf Unterlagen aus dem Ortsarchiv Rexingen und dem Gemeindearchiv Shavei Zion. Dort befinden sich auch die Erinnerungen von Beatrice Hess-Spatz, Hedwig Neckarsulmer und Arthur Löwengart. Einbezogen wurden außerdem Zeitungsberichte aus dem »Schwarzwälder Volksblatt« (Horb) und der »Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs« (Stuttgart). Eine Fassung dieses Aufsatzes mit allen Quellenangaben kann im Ortsarchiv Rexingen und im Gemeindearchiv Shavei Zion eingesehen werden.
Deutsche Jüdische Soldaten. Begleitband zur Ausstellung. Hg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, Hamburg 1996.
JEGGLE, UTZ: Judendörfer in Württemberg. Tübingen 19992.
KOHLMANN, CARSTEN: Die Synagoge in Rexingen - Ein Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert. Schwäbische Heimat 1 (2003) S. 44-53. Stuttgart.
In Stein gehauen. Lebensspuren auf dem Rexinger Judenfriedhof. Hg. vom Stadtarchiv Horb und vom Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen, Stuttgart 2003.
LÖWENGART, ARTHUR: Dorf-Leben in Rexingen. In: 5732 Rosch Haschana, Stuttgart 1971, S. 26-28.
LÖWENGART, ARTHUR: Die Rexinger Juden seit dem Ersten Weltkrieg. In: 5732 Pessach, Stuttgart 1972, 25-26.
MATRAS, YARON: »Lekoudesch«: Integration jiddischer Wörter in die Mundart von Rexingen bei Horb. In: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit 33, Hamburg 1989.
TÄNZER, AARON: Die Geschichte der Juden in Württemberg, Frankfurt 1983.
THEILHABER, FELIX A.: Jüdische Flieger im Ersten Weltkrieg, Berlin 1924.
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