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http://www.mediaculture-online.de
Autorin: Rudolf-Jilg, Christiane.
Titel: Em@il für Dich: Kids fragen, Politikerinnen und Politiker antworten.
Quelle: Günther Anfang/Kathrin Demmler/Klaus Lutz (Hrsg.): Erlebniswelt Multimedia. Computerprojekte mit Kindern und Jugendlichen. Materialien zur Medienpädagogik Band 2. München 2001. S. 99-102.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Christine Rudolf-Jilg
Em@il für Dich
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Projektart: Kommunikation, Internet Hauptzielgruppe: Kinder, Jugendliche, MultiplikatorInnen, Jungen, Mädchen Dauer: kurz-, mittel-, langfristig Schwierigkeitsgrad: leicht, mittel, schwer Technikaufwand: niedrig, mittel, hoch Optimale Gruppengröße: <5; <10; <20; >20 |
Partizipation von Kindern und Jugendlichen hat in Jugendverbänden ganz allgemein, besonders aber im Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt einen hohen Stellenwert. Neue Formen zu erproben, bietet angesichts der sich rasant entwickelnden Möglichkeiten neuer Technologien einen eigenen Reiz. Partizipation nicht nur im eigenen Verband zu realisieren, sondern Kinder und Jugendliche zu motivieren, darüber hinaus auch an gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen teilzuhaben, ist das Ziel, welches das Jugendwerk u.a. bei dem Projekt „E-mail für Dich!“ verfolgte.
Ziel des Projektes war es, einen von uns gestalteten Rahmen anzubieten, in dem Kinder und Jugendliche ihre Fragen, Interessen und Wünsche direkt an Politikerinnen und Politiker richten konnten. Dieser Rahmen war unsere Homepage, die wir speziell für das Projekt eingerichtet hatten. Unter http://www.Projekt-Email-fuer-Dich.de konnten sowohl die Kids als auch interessierte Erwachsene einsteigen, für die es dann unter „Hier geht’s los!“ weiterging.
Unter den folgenden Seiten fand sich dann auch eine, auf der alle Politikerinnen und Politiker, die sich an unserem Projekt beteiligten, mit ihrer Email-Adresse verlinkt (verknüpft) waren. Die Kids konnten von dort aus sofort das Mailprogramm ihres PCs starten und dem/der jeweiligen PolitikerIn schreiben. Diese hatten zugesagt, innerhalb von 3-4 Tagen kurz und altersgerecht auf die Mail zu antworten.
Der Landesvorstand entschied sich für diese Projektidee, da sie zum einen auf unser Kinderbeteiligungsprojekt vom letzten Jahr aufbaute, zum anderen die Chance bot, zu überprüfen, inwieweit es gelingen kann, über das Medium Internet und E-mail die sog. „Politikmüdigkeit“ der jungen Generation zu überwinden.1
Bei der Projektvorbereitung mailten wir sowohl Landes- als auch Bundespolitikerinnen und Politiker direkt an und baten sie, sich an unserem Projekt zu beteiligen. Aber auch die Bundes- und Landtagsfraktionen erhielten unsere Anfrage, mit der Bitte, uns Kontaktpersonen zu vermitteln. Gerade Landespolitikerinnen und Politiker zeigten eine relativ große Aufgeschlossenheit gegenüber dieser Form des Kontakts zu Kindern und Jugendlichen. Insbesondere SPD und Bündnis90/Die Grünen beteiligten sich überproportional. Einige Kommunalpolitiker hatten ebenfalls ihre Beteiligung zugesagt. Bei den Mitgliedern des Bundestags hatten sich nur Uwe Hiksch (jetzt PDS, damals noch SPD) und vier CSU-Bundestagsabgeordnete zu einer Beteiligung bereit erklärt.
Unsere „prominenteste“ Politikerin war Frau Monika Hohlmeier (CSU), Ministerin für Kultus und Wissenschaft in Bayern (zuständig für Schuten und u.a. die Bildungsoffensive in Bayern). Leider war hier ein direkter Mailkontakt nicht möglich – sie hatte aber zugesagt, alle Anfragen schnell, alters- und computergerecht zu beantworten. Grundsätzlich, so konnten wir feststellen, ist es ein Anliegen von Politikerinnen und Politikern (ebenso wie es das unsere ist), den Kontakt zur Basis (insbesondere zu Kindern und Jugendlichen) zu verbessern, und die Bereitschaft, sich auf ein Experiment wie das unsere einzulassen, ist durchaus gegeben.
Der Zugriff auf unsere Seiten war erfreulich hoch (wir konnten – unserem Provider sei Dank! – regelmäßige Statistiken abrufen). Einige Organisationen haben uns auf unsere Bitte hin mit ihren Seiten verlinkt und wir haben zwei Webpreise (von „Multikids“ und vom „Youngnet“) für unsere Seiten erhalten. Wir haben nur wenige E-mails in Kopie erhalten – warum die Kids zwar die Seiten ausgesprochen oft ansurften2 und auch nach Projektende immer noch (mit steigender Tendenz) besuchen, jedoch keine E-mail schreiben, wissen wir nicht sicher. Kann die Distanz zwischen Landesebene und Ortsebene, bzw. die zwischen Politik und Kindern und Jugendlichen mithilfe neuer Technologien aufgehoben bzw. verringert werden? – Wir glauben immer noch, dass dies gelingen kann.
Voraussetzung ist allerdings (nach Auswertung eines Fragebogens, den wir an alle Jugendwerke in Bayern zum Projektende versandt haben), dass ehrenamtliche Gruppenleiterinnen und Leiter sowie Betreuerinnen und Betreuer im Jugendwerk vor Ort
Vernetzung innerhalb des Jugendverbands fördern wollen und fördern können,
selbst an einer Beteiligung in Politik und Gesellschaft interessiert sind und an deren Sinnhaftigkeit glauben
Kinder und Jugendliche zu einer Beteiligung am gesellschaftlichen Leben (und damit an der Politik) motivieren können und wollen
über das nötige technische und pädagogische „Know-how“ verfügen bzw. es von der Landesgeschäftsstelle bei Bedarf einfordern.
Denn sie sind, da sind wir uns ganz sicher, das Rückgrat „unserer Basis“ : Sie sind es, die die Brücke schlagen können zwischen
der Landesebene, die (so gestärkt) Interessen vertreten und durchsetzen kann und
den Kindern und Jugendlichen vor Ort (die mit ihrer Hilfe lernen können, ihre Wünsche, Fragen und Anforderungen an Politik und Gesellschaft zu formulieren).
Beteiligung am politischen Geschehen setzt bei Kindern und Jugendlichen voraus, dass sie Unterstützung erhalten. In diesem Fall war die Unterstützung weniger in technischer Hinsicht nötig – viele Kinder und Jugendlichen (wenn auch sicherlich nicht alle!) waren und sind sehr wohl in der Lage, sich Zugänge zu Rechnern zu verschaffen und eine Internetadresse anzusurfen, wie die hohe Frequenz unserer Seiten gezeigt hat. Dies alleine bedeutet jedoch nicht, dass sie die so viel zitierte „Medienkompetenz“ besitzen.
Ein zentraler Knackpunkt im Projekt war wohl, dass die Kinder und Jugendlichen dann Unterstützung benötigten (und nicht erhielten), wenn es um die Formulierung von Wünschen, Kritikpunkten, Forderungen sowie um die genaue Adressierung derselben ging.
Genau hier greift aber der Auftrag, den Gruppenleiterinnen und Leiter immer noch (und zunehmend verstärkt) in der Jugendverbandsarbeit haben. Es geht nicht darum, technisch kompetenter zu sein als die Kids. Es geht vielmehr darum, sich gemeinsam mit ihnen auf einen Lernprozess einzulassen und die eigenen Kompetenzen da einzubringen, wo es nötig ist. Technische Fertigkeiten alleine lassen Partizipation mit Hilfe neuer Medien nämlich noch nicht entstehen. Da ist weit mehr nötig. Das Wissen darum, wie aus individuellem Unbehagen Forderungen, Fragen oder Kritik zu verbalisieren sind. An wen diese Äußerungen gerichtet werden müssen. Wie aus einer Meinung die Meinung vieler wird. Wie aus der Forderung einzelner eine nicht so leicht abzuweisende Forderung von Gruppen wird (und da ist erst mal gar kein „Technikwissen“ nötig).
Genau darum haben sich Jugendverbände u.a. organisiert und zu Landes- und Bundesverbänden zusammengeschlossen. Genau darum gibt es Jugendringe.3 „Gemeinsam sind wir stark!“ – Dieses Motto des Jugendwerks der AWO spiegelt ein politisches Grundverständnis wieder, das mit Hilfe neuer Technologien aber auch politisch interessierter und motivierter Gruppenleiterinnen und Leiter die politische Beteiligung in und von Jugendverbänden neu beleben könnte.
Aber wir haben einen gravierenden Denkfehler bei der Konzeption dieses Projektes gemacht, wie wir bei der Auswertung feststellten! Partizipation setzt immer voraus, dass der oder die Partizipierende durch seine Beteiligung etwas verändern kann. Die – im „privaten“ bleibende Möglichkeit E-mails an Politikerinnen und Politiker zu schreiben, eröffnete nur sehr geringe Beteiligungs- und Veränderungsmöglichkeiten. Besser wäre es wohl, den Rahmen, den das Internet bietet, in der Form zu nutzen, dass Anliegen und Wünsche der Kids öffentlich gemacht und damit von anderen auch unterstützt werden können (z.B. durch das Angebot von Foren). Getreu dem oben schon erwähnten Motto „Gemeinsam sind wir stark“, wäre es dann möglich, dass eine Gruppe aus Oberbayern über die Projektseiten z.B. konkrete Mitbestimmungsrechte für die SMV fordert und diese Forderung von Gruppen aus der Oberpfalz und Unterfranken unterstützt wird. Schließen sich dann noch Kinder und Jugendliche aus anderen Jugendverbänden bzw. nichtorganisierte Surferinnen und Surfer an, kann dies eventuell zu einer Forderung werden, die ernsthaft im Landtag diskutiert werden muss und dann vielleicht sogar in Bayern Veränderungen zur Folge hat.4
Gelernt wird dabei nicht nur das Surfen im Internet oder andere „nette“ technische Kompetenzen. Gelernt werden kann in so einem Projekt auch, in der Gruppe eine Meinung zu diskutieren, diese kurz und knapp zu formulieren, an der richtigen Stelle zu artikulieren sowie sich Mitstreiterinnen und Streiter zu suchen – ganz alltägliche Dinge eigentlich (?), nur eben mit Hilfe neuer Technologien.
Gelernt würde neben der Recherche im Internet, dem Schreiben von E-mails, dem Umgang mit thematischen Foren, der Bewertung von Informationen aus dem Internet, eben auch der Umgang mit veränderten Rollen in der Gruppe (vielleicht ist ein Gruppenmitglied mit dem Rechner ja fitter als der/die GruppenleiterIn), die Auseinandersetzung mit politisch Andersdenkenden, und vielleicht eine veränderte Meinung gegenüber der Gestaltbarkeit von Politik.
Dass Politik gerade in der heutigen Zeit von Skandalen geschüttelt wird, macht es für uns Jugendverbände nicht einfacher, Kindern und Jugendlichen die Elemente gelebter Demokratie näher zu bringen. Viele Gruppenleiterinnen und Leiter, aber auch Vorsitzende vor Ort reagieren zum Teil mit Recht immer skeptischer auf real existierende Schwachstellen in der Politik. Nun sind aber gerade sie es, die Kindern und Jugendlichen durch ihre Einstellungen und ihr Verhalten gelebte Demokratie und damit Partizipation näher bringen könnten.
Vor diesem Hintergrund wird es auch für uns Jugendverbände immer schwerer, den Glauben an die Notwendigkeit von mündiger Mitbestimmung weiterzugeben. Gelebte Demokratie und Interesse für Politik kann sowohl im Elternhaus, in der Schule als auch in der Kinder- und Jugendarbeit vermittelt werden. Doch wo geschieht dies wirklich noch? Viele Politikerinnen und Politiker mögen sich erinnern, dass die eigenen Wurzeln für die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren und das politische System unseres Landes zu verstehen, in einem – wie auch immer orientierten – Jugendverband lagen.5
Diese auch weiterhin zu unterstützen und die Bedeutung von Jugendverbandsarbeit für gesellschaftliches Engagement auch in der sich entwickelnden Multimedia- oder Informationsgesellschaft (wieder) zu erkennen, mag wertkonservativ sein – wir halten dies für einen zentral wichtigen Pfeiler unserer Gesellschaft. Lasst uns daher gemeinsam mit glaubwürdigen, ehrlichen, nicht am Amt bzw. an persönlichen Vorteilen klebenden Politikerinnen und Politikern für eine (erneute) Beteiligung an Politik, auch und gerade mit dem Medium Computer werben, die sich dem neuen Jahrtausend und den neuen Anforderungen, denen diese Gesellschaft gegenüber steht, gewachsen zeigt.
Dass gerade die außerschulische Jugendarbeit durch ihre Postulate von Freiwilligkeit und Selbstorganisation sowohl für das Ziel der „politischen Partizipation“ als auch für die Entwicklung von „Medienkompetenz“ ungeheuere Potenziale mitbringt, ist wohl unumstritten.6
Der Beitrag ist die überarbeitete Version eines Beitrages, der unter W. Schindler/R. Bader/B.Eckmann (Hrsg.): Bildung in virtuellen Welten, Praxis und Theorie außerschulischer Arbeit mit Internet und Computer, Frankfurt/M., erschienen im Februar 2001, veröffentlicht wurde. Eine ausführliche Projektdokumentation ist über das Landesjugendwerk der bayer. AWO erhältlich. Das Projekt war Praxisprojekt und Bestandteil der Mac+ Ausbildung zur Computermedienpädagogin im Studienzentrum Josefstal.
Das Projekt lief bayern- aber auch bundesweit vom 01.10.-20.12.1999. Wir waren/sind erreichbar unter http://www.Projekt-Emailfuer-Dich.de bzw. Christine.Rudolf-Jilg@t-online.de bzw. LJW-Bayern@t-online.de. Eine ausführliche Projektdokumentation kann bei uns angefordert werden.
Christine Rudolf-Jilg
Landesjugendwerk der bayerischen AWO
Edelsbergstr. 10
80686 München
Tel. 089-54 72 60 10
E-Mail: ljw-bayern@t-online.de
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1 Die vielzitierte „Politikmüdigkeit“ der jungen Generation bedeutete für uns nicht, dass Kinder und Jugendliche desinteressiert und unengagiert in Bezug auf unsere Gesellschaft sind (vgl. auch Keupp oder Shell-Studie 2000). Wir glaubten, dass es neuer Formen und Angebote bedarf, Interesse an der Mitgestaltung von Politik zu wecken (vgl. Megaphon 1/2000 „Bildung“ des Landesjugendwerks der bayer. AWO).
2 Wir erhielten 5 E-mails, hatten demgegenüber aber über 2200 Seitenaufrufe in ca. 10 Wochen. Nach Ende des Projektes stieg die Anzahl der Seitenaufrufe ca. 1/2 Jahr weiter an.
3 „Diese besondere Aufgabenstellung der Jugendverbände erkennt auch das Kinder- und Jugendhilfegesetz als die rechtliche Grundlage für die Kinder- und Jugendpolitik im §12 an. ...“ Durch Jugendverbände und ihre Zusammenschlüsse werden Anliegen und Interessen junger Menschen zum Ausdruck gebracht und vertreten. „Damit wird den Jugendverbänden und den Jugendringen als ihren Zusammenschlüssen ein allgemeines politisches Mandat bestätigt.“ (jung und (un)beteiligt, Trends, Positionen, Forderungen, DBJR Schriftenreihe 1995, S. 17)
4 „Beteiligungsangebote, die darauf ausgerichtet sind, staatliches Handeln zu legitimieren, ohne dass die Mitwirkung Konsequenzen und nachvollziehbare Auswirkungen hat, wirken hemmend auf das Beteiligungsinteresse. Mitwirkungsangebote mit der Zielsetzung, Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu nehmen, nur betreut und verwaltet zu werden, greifen zu kurz. Nach kurzer Zeit verliert sich das Interesse an diesen wirkungslosen Beteiligungsangeboten. Sie wirken sich sogar hinderlich auf weitere Versuche aus, ein politisches Desinteresse bei jungen Menschen zu überwinden.“ (ebd., S. 15)
5 vgl. hierzu die Ergebnisse der Shell-Studie 2000, v.a. S.274f und 279ff. „Es handelt sich dabei um Jugendliche, die durchaus auch als Führungskräfte in politischen Ämtern in Frage kommen.“
6 Hierfür computerpädagogische Konzepte zu entwickeln, aber auch Fördermittel zur Verfügung zu stellen, ist logische Konsequenz, soll dieses Potenzial nicht verkümmern. Aber gerade die außerschulische Jugendarbeit ist hier auf einem guten Weg. Als ein Beispiel ist z.B. das „Medienpädagogische Gesamtkonzept für die Jugendarbeit in Niederbayern“ zu nennen, das der BezJR Niederbayern am 13.11.1999 vorgelegt hat.