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Autor: MediaCulture-Online.

Titel: Handy 2.0: Neue Technologien. Interview mit Martin Pinkerneil, Projektleiter von handysektor (www.handysektor.de).

Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript. Stuttgart 2009.



MediaCulture-Online

Handy 2.0: Neue Technologien.

Interview mit Martin Pinkerneil, Projektleiter von handysektor.

MediaCulture-Online: Also zunächst mal ganz allgemein: Wie nutzen Jugendliche heute ihr Handy?

Martin Pinkerneil, handysektor: Jugendliche nutzen ihr Handy ganz anders als Erwachsene. Sie nutzen stärker die Datendienste mittlerweile, nutzen es als MP3-Player, machen Fotos damit, gehen mittlerweile auch schon ins Internet. Die letzten Studien sagen zwar noch, dass das noch relativ gering ist, aber die Kostenmodelle und Abomodelle sind für Datendienste günstiger geworden. Und sie gehen mit den Geräten ins Internet. Und natürlich ist es das Begleitmedium, -gerät Nummer 1.

MediaCulture-Online: Welche technischen Entwicklungen sind im Moment am bemerkenswertesten im Bereich Handy/mobile Kommunikation?

Martin Pinkerneil: Also die immer größer werdende Datenbreite, das heißt, das Upgrade der Netze von UMTS auf die nächsten Standards. Das geht atemberaubend schnell. Mittlerweile haben wir Netzstandards, die 7,2 MBit in der Funkzelle haben. Das heißt, man hat die Geschwindigkeit, die man zu Hause mit DSL hat, mittlerweile im mobilen Gerät, ob Handy oder Notebook mit UMTS-Stick. Das ist das Eine. Das Zweite sind meiner Meinung nach die Verarbeitungs- und Storage-Kapazitäten der Geräte, die immer größer werden. Das heißt, die Geräte entwickeln sich wirklich zu vollwertigen Computern. Man sieht das beim iPhone. Dann die intuitive Bedienschnittstelle, das heißt, dass die Touchscreens für uns immer einfacher zu bedienen sind. Dass wir damit die Geräte besser beherrschen können, dass praktisch auf die Usability der Geräte mehr Wert gelegt wird. Und dass sie uns näher, einfacher und alltäglicher werden.

Und dann das, was man mit Touchscreen auch schon hat, dass Sensoren in die Geräte wandern: dass man etwas berühren kann, dass es berührungsempfindlich ist, dass ein Gerät lichtempfindlich ist, dass es über Satellitennavigation Bewegungs-, Positionsdaten sensorieren kann. Dass auch Bewegungsdaten generell über die Bewegungsfunktion im Handy, das heißt, es wird geschüttelt – geht man oder läuft man –, dass solche Dinge zunehmend ins Gerät wandern. Dass das Gerät zunehmend auch ein Sensor wird, um das eigene Leben aufzunehmen. Das ist so die Richtung.

MediaCulture-Online: Welche problematischen Entwicklungen würden Sie da markieren?

Martin Pinkerneil: Ich glaube, dass man es sehr gut beobachten muss, wo diese Daten, die aufgenommen werden mit dem Gerät, hin wandern: wer die zur Verfügung bekommt und was man damit am Ende machen kann. Das heißt, durch das Zusammenführen von Daten können am Ende immer sehr genaue Muster entstehen. Das kann einem selber sehr nutzen, beispielsweise bei Sport-Trackern. Das sind kleine Programme auf dem Handy, die die Satellitennavigationsfunktion mit Trainingsprogrammen kombinieren. Dann hat man hinterher ein sehr genaues Trainings-Sammelsurium von verschiedenen Parametern: wie schnell man welche Strecke gelaufen ist. Man kann es optimieren. Aber das sollte möglicherweise nicht jedem in die Hände fallen, das heißt, dass nicht jeder Dritte unbedingt weiß, wo man sich gerade befindet, gewöhnlicherweise.

Und eben auch sind das Daten, die von Interesse sein könnten für Werbetreibende, auch für die Gesundheitswirtschaft, die was über die eigene Konstitution aussagen. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Ich denke, dass zunehmend diese Daten, die über Sensoren aufgenommen werden, die im Handy implementiert sind, für verschiedene Akteure wirtschaftlich sinnvoll sind und eben sehr begehrt werden. Da muss man sehr genau aufpassen.

MediaCulture-Online: Sie hatten auch irgendwann mal erwähnt, dass man diese Daten, also diese Bewegungsdaten beispielsweise, auch in die Communities im Netz spiegeln kann. Können Sie da den Weg nochmal beschreiben, oder wie muss man sich das vorstellen?

Martin Pinkerneil: Es gibt gerade fürs Handy verschiedene kleine Programme, die die Daten sammeln und eigentlich ein Navigationsprogramm kombinieren mit dem sozialen Netzwerk. Dass praktisch in so einer sozialen Netzwerkumgebung nicht nur meine eigenen Beiträge angezeigt werden, die eigenen Fotos, die ich hochgeladen habe, sondern auch, wo ich mich gerade befinde, wenn ich das freigeschaltet habe, und ich auch die Informationen bekomme, wo sich meine Freunde gerade befinden. Und wenn wir in der Nähe sind, werden wir aufgerufen, uns zu treffen. Das heißt, ich bekomme sehr genau mit, wer was wann wo tut. Das kann sinnvoll sein, das muss aber nicht sinnvoll sein. Das sollte man sich sehr genau überlegen, ob man sowas machen will und für wen man das machen will. Das heißt, für wen schaltet man sowas frei, die Berechtigung frei, sowas zu tun, für wen macht man es nicht.

MediaCulture-Online: GPS Mapping ist sozusagen da das Stichwort: Ist das genau das, was sich der Laie da drunter vorstellen muss, was Sie jetzt gerade beschrieben haben?

Martin Pinkerneil: Ja.

MediaCulture-Online: Stichwort Kiro, Aka-aki: Was sind das für Dienste? Was muss man sich darunter vorstellen?

Martin Pinkerneil: Also Kiro ist so ein soziales Netzwerk, gemischt mit so einer Dating-Matching-Funktion, dass ich sehe, wer wann wo ist. Ich kann auch gewisse Dinge über meinen Status hochladen. Das heißt, das ist ein mobiles soziales Netzwerk, funktioniert über die Mobilfunkschnittstelle. Aka-aki funktioniert mehr über den Bluetooth-Bereich. Das heißt, ich werde praktisch auf Leute, die sich wirklich im 10-Meter-Radius befinden, hingewiesen. Dann werden praktisch die Profildaten desjenigen aus einer Datenbank geholt aus dem Internet. Mittlerweile gebunden an E-Plus und damit kostenlos. Das heißt, E-Plus bietet den Service seinen Kunden kostenlos an, so dass eben der Datentransfer, der häufig noch eine Hemmschwelle ist für jugendliche Nutzer, weil sie dafür extra bezahlen müssen, diese Hemmschwelle ist damit rausgenommen. Das ist eine Entwicklung, die ist seit zwei Monaten da.

MediaCulture-Online: Und die anderen werden vermutlich nachziehen.

Martin Pinkerneil: Die anderen müssen nachziehen, ja, natürlich.

MediaCulture-Online: Ok. Was können jetzt Eltern und Jugendliche tun, um auf sich aufzupassen oder sich vor solchen missbräuchlichen Handhabungen ihrer Daten zu schützen?

Martin Pinkerneil: Also generell erst mal überlegen, ob das ein Service ist, der in Frage kommt, ob der nicht mehr Nachteile hat als Vorteile. Und dann sollte man sich, wenn man das für sich entscheidet, dass das gut ist und richtig ist, weil, man kann durchaus nützliche Dinge damit machen, den Anbieter sehr genau ansehen. Also wer ist das. Ist das eine Firma, die ich ernst nehmen kann; ein bisschen recherchieren, ob da Probleme vorliegen, das heißt, ob sich Leute schon in Foren beschwert haben über irgendwelche Nutzung.

Dann sehr genau die AGBs durchlesen, also die Geschäftsbedingungen durchlesen. Gucken, ob überhaupt welche da sind. Wenn keine da sind, dann wäre ich schon mal sehr, sehr vorsichtig.

Dann eben die Einwilligung in Datenschutz oder die Nutzung der Daten sehr genau durchlesen. Und bevor ich sowas abschließe oder einwillige, möglicherweise auch mal die Telefonnummern und Kontaktadressen ausprobieren, ob da wirklich jemand ist, der mir im Zweifelsfall hilft, ob wirklich ein Datenschutzbeauftragter da ist, ein Jugendschutzbeauftragter da ist und mir ein Bild von so einem Service machen. Und dann eben entscheiden, ob ich den Service nutzen will oder nicht; und dann den Umfang eben auch entscheiden, das heißt, wem mache ich welche – ähnlich wie bei sozialen Netzwerken – Daten und Services denn zugänglich. Wie kann ich das granular wirklich einstellen, dass ich sage, dieser Gruppe mache ich das zugänglich, aber dieses nicht. Das sind so die Dinge, die man beachten sollte.

MediaCulture-Online: Was könnten denn die Hersteller tun für mehr Sicherheit oder für weniger Datenmissbrauch?

Martin Pinkerneil: Ich glaube, dass Hersteller sich eben an die gesetzlichen Rahmenbedingungen unbedingt halten sollten und möglicherweise diese eben auch noch auf die technischen Dinge angepasster Neufassungen bedürfen. Das heißt, wir müssen eben sehen, wir haben es jetzt häufig mit Kindern und Jugendlichen zu tun, ob man da so spezielle Regelungen braucht, wie Datenschutz auf mobile Endgeräte anzuwenden ist. Und die Hersteller sollten auf jeden Fall, was soziale Netzwerke momentan auch tun, ein granulares System der Berechtigungen ermöglichen: dass erst mal die Dinge sauber programmiert sind; dass das, was passiert, also das, was angekündigt wird, auch wirklich passiert, also in Software umgesetzt wird; dass man sagt, gewisse Dinge sollen nur bestimmten Gruppen zugänglich sein, dass das auch wirklich sauber implementiert ist. Da gab es eine große Studie von Fraunhofer-Instituten, die das untersucht haben und eben festgestellt haben, dass viele Dinge unsauber implementiert sind. Also sauber programmieren und die Dinge fein granular aufbauen, dass ich wirklich entscheiden kann, was ich wem zugänglich machen will.

MediaCulture-Online: Und schlussendlich die Provider, was können die tun, also die Mobilfunkanbieter.

Martin Pinkerneil: Das ist jetzt ein bisschen schwierig. Ich kann mein Handy nutzen, ohne dass der Mobilfunkanbieter überhaupt einen Einfluss darauf hat, wenn ich die WLAN-Funktion beispielsweise benutze. Wenn ich jetzt ein Handy habe, das praktisch Satelliteninformationen bekommt, und ich die über die WLAN-Funktion oder auch über Bluetooth weiterleite und damit den Service bespiele, ist der Mobilfunkanbieter in gewissen Szenarien draußen. Das heißt, man müsste wirklich einzeln untersuchen, wie welcher Dienst aufgebaut ist und wer welche Verantwortung hat. Also was man ganz sicher sagen könnte, dass ein Mobilfunkanbieter, sobald er eigene Dienste betreibt oder über Töchter oder ausgegründete Tochterunternehmen welche betreibt, dass die natürlich da drauf achten, dass diese Dinge sauber sind. Und auch die Dinge, die auf einem Handy aufgespielt sind, wenn ich es kaufe, über sogenanntes Branding, dass da nur Dienste drauf sind, die der Zielgruppe entsprechend sind. Die Mobilfunkprovider ziehen sich häufig auf eine Position zurück, dass sie sowieso nur Geräte und Verträge an Volljährige verkaufen. Aber man weiß schon sehr genau, dass die meisten Geräte irgendwann in die Hände von Jugendlichen und Kindern wandern. So dass praktisch die Konfiguration der Geräte sauber ist. Geräte sollten oder Dienste sollten eigentlich auch sicher vorkonfiguriert sein, dass man praktisch beim ersten Mal in der sicheren Konfiguration einen Dienst startet und nicht in der unsicheren, und dann Dinge erst über Opt-out-Lösungen sicher konfiguriert; dass da der umgedrehte Weg gegangen wird.

MediaCulture-Online: Und schlussendlich, was kann die Medienpädagogik tun im Handybereich?

Martin Pinkerneil: Ich glaube, die Medienpädagogik könnte sich überlegen, dass die Ausrichtung eben stärker auch um Informationstechnologie geht, dass Datenschutz, oder sagen wir mal … also dass man sich den technologischen Dingen eben anpassen muss. Also das Handy, ist klar, ist ein Medienempfangs- und produktionsgerät, sicher, aber es ist natürlich in großer Linie ein Kommunikationsgerät und eben auch ein Sensor für Daten, dass Daten eben ganz abgekoppelt von Medien möglicherweise übermittelt werden, ausgewertet werden, Rückschlüsse gemacht werden. Und da müssen Jugendliche fit gemacht werden. Ich glaube schon, dass das eine Aufgabe der Medienpädagogik sein muss, weil die erst mal die Kapazitäten dafür hat, das heißt, die haben die Methodik, die haben auch die Kontakte in die Schulen, in die Jugendämter, überall hin. Sie haben die Erfahrung. Und viele andere haben das eben nicht – beispielsweise die Datenschutzbeauftragten. Ich glaube schon, dass das eine Aufgabe für die Medienpädagogik ist, die wahrgenommen werden muss. Und wenn man die Gerätegenerationen sieht, die jetzt am Start sind und folgen werden und die erfahrungsgemäß immer sehr, sehr schnell in die Hände von Kindern und Jugendlichen wandern, wird es eigentlich Zeit, dass da agiert wird.

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