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Autor: Erik Möller.

Titel: Die Befreiung des Codes.

Quelle: Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover 2005. S. 55-65.

Verlag: Heise Zeitschriften Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.



Erik Möller

Die Befreiung des Codes

Es geht mir wirklich nicht darum, Microsoft zu zerstören. Das wird nur eine völlig unbeabsichtigte Nebenwirkung sein.
(Linus Torvalds1)

Es ist wichtig, sich erneut zu vergegenwärtigen, dass das Internet ein Sammel­medium ist, das in sich andere Medien vereint - das Spektrum dieser »Inter­netmedien« ist nahezu unbegrenzt, sie werden in erster Linie als Software implementiert, in Protokollen, die definieren, wie zwischen den Knoten des Netzes kommuniziert wird. Solange eine Menge von Internetknoten sich über ein solches Protokoll einig ist, können sie auf jede vorstellbare Art und Weise Informationen miteinander austauschen.

Über diese reinen Kommunikationsstandards hinaus können mit jedem Protokoll unterschiedliche Anwendungen implementiert werden (beabsichtigt oder unbeabsichtigt). Das beste Beispiel dafür ist zweifellos das World Wide Web, wo Foren, Wikis, Blogs, Portale, Galerien, Datenbanken und Tausende anderer Anwendungen koexistieren.

Sowohl Protokolle als auch Applikationen können mit entsprechenden technischen Kenntnissen von jedermann definiert werden. Wie rasant eine sol­che neue Internetanwendung sich verbreiten kann, hat die vom damals 19-jäh­rigen Shawn Fanning entwickelte Musik-Tauschbörse Napster 1999 ein­drucksvoll unter Beweis gestellt. Im Februar 2001 verzeichnete sie bereits 55 Millionen registrierte Benutzer weltweit. Die Musikindustrie ging mit aller Härte gegen das zentralisierte System vor, doch schnell konnten dezentrale Ausweichlösungen entwickelt werden.

Um Zensur zu unterlaufen, können also bei Bedarf neue Protokolle defi­niert werden. Wenn die Protokolle selbst zensiert werden, lassen sie sich durch Verschlüsselung tarnen. Eine Unterscheidung zwischen erlaubtem und uner­laubtem Datenverkehr ist dann nicht mehr möglich. Ein Verbot von Verschlüs­selung ist nicht praktikabel, da ohne sie der elektronische Handel erlahmt.

Die Medienrevolution ist in erster Linie eine technische Entwicklung mit einem erst noch erwachenden sozialen Bewusstsein. Da bisher nur wenige Internetanwendungen existieren, die das weltweite soziale Gleichgewicht tan­gieren, hält sich der Aufwand, der für die Kontrolle des Netzes eingesetzt wird, in Demokratien in Grenzen. Einzelne Websites sind zudem leicht zensierbar, die meisten Autoren agieren bisher ohne den Schutz der Anonymität.

So genießt das Internet eine insgesamt noch große Freiheit, wenn auch die Verfolgung etwa von Tauschbörsen-Nutzern bereits das Spannungsfeld auf­zeigt, das sich in den nächsten Jahren deutlich verschärfen wird. Wie aber kann man ein System kontrollieren, das sich ständig verändert?

Durch die Macht über den zugrunde liegenden Code.

Alles ist Code

Computer sind stumpfe Rechenknechte, die alles tun, was man ihnen sagt, wenn man nur ihre Sprache spricht. Ein Computerprogramm ist prinzipiell eine Abfolge von Rechenanweisungen. Was für den Endnutzer eine Textverar­beitung mit Bildern ist, ist für den Rechner eine Reihe von Anweisungen, die jeweils aus einem Befehl und seinen Parametern bestehen: »Verschiebe den Inhalt des Registers XY auf den Akkumulator. Addiere die Konstante 3. Löse den System-Interrupt 12 aus.« Repräsentiert werden diese Befehle als eine Folge von Bits, d.h. als die Schaltzustände 1 und 0; man spricht von der Binär­darstellung.

Doch dies ist nicht die Form, in der Computerprogramme geschrieben wer­den, denn auf der Basis einfacher Rechenoperationen ist es kaum möglich, komplexe, abstrakte Vorgänge aus der realen Welt nachvollziehbar abzubil­den. Deshalb gibt es eine Vielzahl von Programmiersprachen. Einige davon werden von einem so genannten Compiler (von engl. »to compile«, übersetzen und zusammenstellen) in Binärdateien übersetzt, die direkt für den Computer verständlich sind. Aus einem menschenlesbaren Programm wie

/* HelloWorld.c - Begrüßung der Welt */

Kommentar

main() {

Funktionsdefinition (Block-Beginn)

pri ntf ("Hello world! \n") ;

Funktionsaufruf

}

Block-Ende

wird die Binärdatei »hello« (unter Windows »hello.exe«), die vom Computer ausgeführt werden kann und den Text »Hello world!« auf dem Bildschirm ausgibt. Die ursprüngliche Programmdatei wird als Quellcode oder Quelltext bezeichnet, das kompilierte Programm als Maschinencode.

Wer das fertige Programm aus dem Internet herunterlädt, kann es zwar ausführen, aber kaum sinnvoll weiterverarbeiten. Dazu würde er den ursprüng­lichen Quellcode benötigen, also die obige Datei HelloWorld.c. Bei großen Anwendungen umfasst dieser Code mehrere Millionen Zeilen und Hunderte von Dateien. Neben den Programmanweisungen sind die Quellcode-Kommentare elementar. Sie beschreiben für den Programmierer, was eine bestimmte Anweisung tut - bei der Übersetzung in die Binärform werden sie schlicht ignoriert und sind in der Ergebnisdatei nicht mehr vorhanden.

Neben kompiliertem Code gibt es interpretierte Programme. Sie werden erst nach dem Ausführen durch einen »Interpreter« praktisch live in Maschi­nencode übersetzt. Solche Programme werden in der Regel im unveränderten Quelltext weitergegeben und können damit ohne Probleme an eigene Bedürf­nisse angepasst werden.

Eine verbreitete Lösung zwischen den Stühlen ist die Programmiersprache Java von Sun Microsystems. Aus dem Quellcode wird hier zunächst so genann­ter Bytecode erzeugt, der plattformunabhängig ist und zur Laufzeit oder kurz davor in rechnerspezifischen Maschinencode übersetzt wird. Programme, die nur im Bytecode weitergegeben werden, können zwar leichter analysiert wer­den als Maschinencode, aber gleichfalls nicht 1:1 rückübersetzt werden.

Die unterste Ebene

Von allen Programmen, die auf einem Computer laufen, ist das Betriebssystem das grundlegendste. Es stellt Basisfunktionen für die Ein- und Ausgabe von Daten bereit, steuert Geräte an und verwaltet die laufenden Programme. Das Betriebssystem sorgt auch dafür, dass mehrere Programme gleichzeitig laufen können, indem es ihnen Prioritäten zuweist und abhängig davon unterschied­liche Anteile an der Rechenzeit vergibt. Moderne Betriebssysteme enthalten in der Regel:

Das Betriebssystem Microsoft Windows bildet die zentrale Komponente moderner PCs in Unternehmen und zu Hause. Die Marktforschungsfirma Onestat ermittelte im September 2003, dass 97,3 % aller PCs, die auf das World Wide Web zugreifen, Windows verwenden.2

Windows wird als »proprietäres« System bezeichnet (von lat. proprius, eigen), weil der Quelltext, aus dem es erzeugt wurde, nicht offen eingesehen und weitergegeben werden darf. Nur unter strengsten Vertraulichkeitsverein­barungen gestattet Microsoft Partnerunternehmen den Einblick in den Quell­code; als im Februar 2004 illegal kopierte Windows-Quelltexte im Internet auftauchten, war das für den Software-Giganten eine mittlere Katastrophe.3 Natürlich darf niemand auf der Basis dieser Quelltexte Derivate erstellen und verbreiten. Das Gleiche gilt für die Binärfassung des Systems - die Verbreitung ohne Erlaubnis ist illegal.

Grundlage dieses Schutzes ist das Urheberrecht, das weltweit Gültigkeit besitzt. In der Europäischen Union etwa ist jedes Werk mit einer (sehr gering angesetzten) minimalen Schöpfungshöhe für die Lebenszeit des Urhebers und wei­tere 70 Jahre danach urheberrechtlich geschützt. Dabei ist es irrelevant, ob es sich um ein Foto, einen Aufsatz, ein Programm oder einen Handy-Klingelton handelt.

Das Urheberrecht oder Copyright schützt spezifische Informationssequen­zen und im Gegensatz zu Patenten nicht Ideen. Diese Unterscheidung ist den meisten Juristen sehr wichtig, in der Realität ist der Übergang aber aufgrund der Wirkung eines Copyrights auf Derivate fließend. So ist es etwa nicht gestattet, urheberrechtlich geschützte Charaktere aus Filmen und Büchern in beliebigen eigenen Werken zu verwenden, ganz gleich ob es sich um gezeich­nete, beschriebene oder von Darstellern verkörperte Figuren handelt.

Unix für alle

Das Projekt Linux begann mehr oder weniger offiziell am 25. August 1991 mit einer Mitteilung in der Usenet-Newsgroup »comp.os.minix«:4

Von: torvalds@klaava.Helsinki.FI (Linus Benedict Torvalds)
Newsgroups: comp.os.minix
Betreff: Was würdet ihr am liebsten in Minix sehen?
Zusammenfassung: kleine Umfrage für mein neues Betriebssystem
Nachrichten-ID: <1991Aug25.205708.9541@klaava.Helsinki.FI>
Datum: 25. August 1991 20:57:08 GMT
Organisation: Universität von Helsinki

Hallo an alle da draußen, die minix benutzen -
ich entwickle ein (freies) Betriebssystem (nur ein Hobby, wird nicht profes­sionell und groß sein wie gnu) für 386er (486er) AT Clones. Das läuft jetzt etwa seit April und fängt langsam an, fertig zu werden. Ich hätte gerne Rück­meldung darüber, was Ihr an minix mögt oder weniger mögt, da mein Betriebs­system etwas daran erinnert (gleiches physikalisches Layout des Dateisys­tems (aus praktischen Gründen) neben anderen Dingen). Ich habe zur Zeit bash(1.08) und gcc(1.40) portiert, und es scheint zu funktionieren. Ich werde also in den nächsten Monaten etwas Brauchbares ans Laufen bekommen, und ich wüsste gerne, welche Funktionen Ihr gerne drin hättet. Alle Vor­schläge sind willkommen, aber ich verspreche nicht, dass ich sie auch imple­mentiere :-)

Linus (torvalds@kruuna.helsinki.fi)

PS: Ja - kein minix Code ist enthalten, und es hat ein multi-threaded Datei­system. Es ist NICHT portabel (verwendet 386er-Taskwechsel etc.), und es wird wahrscheinlich nie etwas anderes unterstützen als AT-Festplatten, weil das alles ist, was ich habe :-(.

Um diese mysteriöse Mitteilung zu verstehen, ist zunächst ein kleiner Exkurs in die Geschichte des Betriebssystems Unix erforderlich.

Um die Programmierung und gleichzeitige Benutzung von großen Rechen­anlagen zu erleichtern und zu standardisieren, entwickelte ein Team von Infor­matikern an den Bell Laboratories, der Forschungsabteilung des damaligen Telefonmonopolisten AT&T, Ende der 1960er Jahre ein Betriebssystem namens Unix, das heute in stark veränderter Form, aber mit prinzipiell ähnlicher Struktur auf Serversystemen aller Art mit Microsoft Windows um die Vorherr­schaft konkurriert.

Als Unix 1973 das erste Mal in einem Paper beschrieben wurde,5 hatte es bereits die Fähigkeit zum Multitasking, der Ausführung mehrerer Programme gleichzeitig, mehr als 20 Jahre vor Windows. Der Name Unix leitet sich von seinem Vorgänger Multics ab, an dessen Entstehung J. C. R. Licklider maß­geblich beteiligt war, den wir schon in Kapitel 1 kennen gelernt haben.

In einer Welt, in der sich viele Menschen einen Großrechner teilen mussten, war sowohl Multitasking als auch Mehrbenutzer-Fähigkeit ein Muss. Die Standardisierung auf ein Betriebssystem erleichterte den Austausch von Pro­grammen zwischen verschiedenen Institutionen erheblich.

Unix war ein kommerzielles Projekt, das durch Urheberrecht, Marken­rechte und Patente »geschützt« wurde. Der Monopolist Bell/AT&T war aber aus kartellrechtlichen Gründen bereits 1956 dazu gezwungen worden, alle seine Patente an interessierte Parteien zu lizenzieren.6 Nur so konnten Deri­vate von Unix überhaupt entstehen, und Unix konnte sich als Standardplatt­form etablieren. Mit anderen Worten: Die Abwesenheit des üblicherweise durch Patente gewährten Monopolrechts führte zu einer drastischen Steige­rung des Wettbewerbs, der Innovation und der Standardisierung.

Was ist GNU?

Obwohl Unix zunehmend zur Standardplattform wurde, waren die existieren­den Varianten immer noch durch Schutzrechte in ihrer Verwendung einge­schränkt - AT&T verlangte Lizenzgebühren für jedes installierte Unix und für Unix-Derivate. Das dürfte ein Hauptgrund sein, warum Unix heute nicht das Standard-Betriebssystem auf PCs ist. Denn Microsoft entwickelte als Alterna­tive zu dem extrem primitiven DOS ein eigenes Unix, Microsoft Xenix. Für die PC-Plattform wurde jedoch DOS (und später das darauf aufsetzende Win­dows) bevorzugt, wohl vor allem aus Kostengründen. Windows wurde der Standard, Xenix an die Firma SCO verkauft, von der noch zu hören sein wird.

1983 hatte Richard Stallman, Forscher in der Abteilung für Künstliche Intelligenz des renommierten MIT, genug von den Beschränkungen, denen das Unix-Betriebssystem und die dazugehörigen Programme unterlagen. Als er 1971 am MIT angefangen hatte, wurde dort ausschließlich freie Software ein­gesetzt: Man konnte sie für alle Zwecke einsetzen, verändern und im Quellcode weitergeben. Doch mit Unix waren diese Freiheiten verschwunden. Auch Stall­man schickte deshalb eine Ankündigung ins Usenet, am 27. September 1983, rund acht Jahre vor dem Minix-Beitrag von Linus Torvalds: »Befreit Unix! Nach dem kommenden Erntedankfest werde ich damit beginnen, ein vollstän­dig Unix-kompatibles System namens GNU (für ‚GNU ist nicht Unix') zu schreiben und es kostenlos an jeden, der es gebrauchen kann, weitergeben.«7

Nach und nach kamen die einzelnen Bestandteile des GNU-Betriebssys­tems zusammen: ein Compiler für die Programmiersprache C, die dazugehö­rigen Bibliotheken mit Standardprogrammfunktionen, der mächtige Editor emacs, der Kommandozeilen-Interpreter bash usw.8 Stallman gründete 1985 die »Free Software Foundation«, die freie Programme unter ihre Fittiche nimmt, juristischen Beistand leistet und Medien informiert.

2.5 Aus GNU wird GNU/Linux

Was dem GNU-Projekt jedoch fehlte war der Kernel, der Kern des Betriebssys­tems, der die Systemhardware Programmen zugänglich macht. Seit etwa 1990 bemüht sich das Projekt darum, das GNU-Betriebssystem mit einem eigenen Kernel namens Hurd zu vervollständigen. 1991 entwickelte der finnische Stu­dent Linus Torvalds schließlich, wie oben erwähnt, inspiriert durch das expe­rimentelle und frei verfügbare PC-Unix Minix seinen eigenen Kernel, den er Linux nannte. Torvalds entschied sich, den Code frei zur Verfügung zu stellen, und dank des damals an vielen Universitäten bereits vorhandenen Internet erfuhren schnell Tausende von Interessierten davon.

Für Hurd gab es zu diesem Zeitpunkt kaum noch Hoffnung, auf absehbare Zeit fertig zu werden. Da Linux von Anfang an auf normalen 386er- und 486er-PCs lief, zog es auf der anderen Seite ganze Heerscharen von Entwicklern an, die den Kernel unter weiser Moderation von Linus Torvalds um Treiber, Dateisysteme und weitere grundlegende Funktionen bereicherten. Doch Linux wäre wertlos gewesen, hätte es zu diesem Zeitpunkt nicht schon den großen GNU-Werkzeugkasten gegeben - dank des freien C-Compilers gcc, der Teil des GNU-Projekts ist, konnten sofort Programme für Linux entwickelt werden.

Als Linux und Linus bekannter wurden, erhielten Richard Stallman und das GNU-Projekt kaum die ihnen gebührende Wertschätzung, und die breitere Version einer Welt der freien Software geriet ins Hintertreffen. Stallman besteht deshalb seit einiger Zeit darauf, dass man nicht von Linux, sondern von GNU/Linux sprechen soll.9 Doch der holprige Name konnte sich bislang nicht exklusiv durchsetzen, was sicher auch mit Stallmans legendärer Sturheit zu tun hat, die viele Entwickler abschreckte.

Software soll frei sein

Im Urheberrecht regeln so genannte Lizenzverträge, unter welchen Bedingun­gen ein Werk verbreitet werden darf. Software-Unternehmen wie Microsoft versuchen, dieses Prinzip auch auf den Endbenutzer zu übertragen - so wird vor der Installation vieler Programme ein »Endbenutzer-Lizenzvertrag« (End User License Agreement, EULA) angezeigt, dem der Benutzer zustimmen soll, um das Programm nutzen zu dürfen. Die Rechtsgültigkeit dieser »Verträge« ist jedoch umstritten, da sie nicht unterschrieben werden und nur einseitig die Rechte des Nutzers beschränken. So verbieten viele EULAs das Reverse Engi­neering, also den Versuch, die Funktionsweise eines nur im Binärcode vorlie­genden Programms zu analysieren, um es etwa nachzuprogrammieren.

Richard Stallman kehrte das Lizenz-Prinzip um. Er entwickelte eine Lizenz, die dem Nutzer keine Rechte wegnahm, sondern ihm neue einräumte. Alle GNU-Programme liegen im Quellcode vor und werden unter die »GNU Gene­ral Public License« (GPL) oder eine andere GNU-Lizenz gestellt.10 Auch der Linux-Kernel und viele weitere Programme stehen unter der GPL, ohne jedoch offizieller Bestandteil des GNU-Projekts zu sein.

Richard Stallman verwendete den Begriff »freie Software«, um sein Kon­zept von traditioneller proprietärer Software abzugrenzen. Die Free-Software­ Foundation definiert die folgenden fundamentalen Freiheiten, die freie Soft­ware auszeichnen:11

Die GPL erlaubt im Wesentlichen die beliebige Verwendung der entsprechend lizenzierten Programme, verbietet es jedoch, das Programm oder Ableitungen davon in Umlauf zu bringen, ohne wiederum den Quellcode unter den Bedin­gungen der GPL freizugeben. Wer also GPL-Programme verbessert, muss diese Verbesserungen der Gemeinschaft von Nutzern zur Verfügung stellen. So sol­len die vier Freiheiten auf Dauer gesichert und eine kontinuierlich wachsende Wissensbasis geschaffen werden. Das Prinzip wird auch als Copyleft (im Gegensatz zu Copyright) bezeichnet.

Wenn Sie sich ein GPL-Programm herunterladen und installieren, müssen Sie die Bedingungen der GPL nicht wie einen Endbenutzer-Vertrag akzeptie­ren. Sie können sie auch ignorieren - dann gilt das klassische Urheberrecht mit all seinen Einschränkungen der Verbreitung und Modifizierung.

Neben der GPL gibt es noch andere Lizenzen für freie Software, von denen die wichtigste die BSD-Lizenz ist. Sie kommt ohne Copyleft aus, BSD-Code kann also bedenkenlos in proprietäre Programme integriert und in dieser Form verbreitet werden. Viele kleinere Lizenzen funktionieren ähnlich.12

Im Jahre 1998 gründete eine Reihe von Entwicklern freier Software die »Open-Source-Initiative«, die GNU, Linux & Co. unter dem neuen Begriff Open Source (offene Quellen) vermarktet. Statt der vier Freiheiten Stallmans stand hier lediglich die Quelloffenheit im Vordergrund. Trotzdem müssen auch Open-Source-Lizenzen verschiedene Kriterien erfüllen, um von der OSI als solche zertifiziert zu werden, die den Kriterien der FSF nicht unähnlich sind, darunter das Recht auf kostenlose Verbreitung sowohl des Originals wie von Derivaten.13 So fallen die meisten Software-Lizenzen unter beide Defini­tionen oder keine von beiden.

Die philosophischen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sind den­noch groß. Insbesondere Stallman bzw. die FSF kritisiert den Ansatz der OSI, die durch den Verzicht auf den Begriff Freiheit Software »entpolitisiert« habe. Im Folgenden verwende ich beide Begriffe, ohne diese Diskussion weiter zu berücksichtigen.

Entwicklungsprinzipien freier Software

Das Wachstum von GNU/Linux ist die wohl beeindruckendste Erfolgsge­schichte der neuen Medien. Innerhalb weniger Jahre wuchs das einstige Hobby-Betriebssystem um (fast) alle Funktionen, Treiber und Programme, die ein modernes System wie das Konkurrenzprodukt Microsoft Windows aus­zeichnen - und ein Großteil dieser Software wurde wiederum anderen Ent­wicklern kostenlos und im Quellcode zur Verfügung gestellt.

Von Anfang an beruhte die Linux-Entwicklung auf der häufigen Kommu­nikation aller Beteiligten über das Internet. Weltweit ist die Linux-Gemeinde heute wohl die am besten vernetzte Entwicklergemeinde überhaupt. Praktisch jeder lebende Entwickler einer Systemkomponente oder Anwendung ist per E-Mail erreichbar - man versuche zum Vergleich einmal, auch nur mit dem Entwickler des Windows-Taschenrechners zu kommunizieren.

Das »Closed Source«-Modell von Windows ähnelt den sozialen Verhält­nissen des Mittelalters. Mönche (Microsoft-Entwickler) bereiten die Wahrheit auf, Priester (Marketingstrategen) reduzieren sie nach Kriterien der Auswei­tung und Unantastbarkeit des kirchlichen Monopols, und das gemeine Volk hat sie unkritisch aufzunehmen - eine andere Wahrheit neben dem Monopol ist nicht zulässig und wird mit allen Mitteln bekämpft. Die GNU/Linux-Ent­wicklergemeinde ähnelt dagegen ehrenamtlichen Vereinen: Am gemeinsamen Ziel mitwirken kann grundsätzlich jeder, der dazu willens und in der Lage ist.

Machtausübung oder das Streben nach Profit spielen eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Die Linux-Entwickler erfreuen sich daran, anderen Men­schen etwas geben zu können. Gründervater Richard Stallman beschreibt die möglichen Motivationsfaktoren zur Entwicklung freier Software wie folgt:14

Das Konzept der Distribution

Microsoft Windows und GNU/Linux unterscheiden sich auch fundamental in der Art und Weise, wie Software veröffentlicht wird. Mit dem Wachstum von GNU und Linux wurde es für Linux-Einsteiger immer schwerer, sich ihr Sys­tem aus den vorhandenen Quellen selbst zusammenzubauen. Zwar gibt es viele Bastler, die das nach wie vor tun,15 aber die große Mehrzahl der Nutzer bevorzugt es, eine Sammlung von Standardprogrammen mit Hilfe einer einfa­chen Installationsroutine auf den Rechner zu spielen. Mittlerweile gibt es so viele solcher so genannten Distributionen, dass das Satiremagazin BBSpot iro­nisch titelte: »Zahl der Linux-Distributionen übertrifft Zahl der Nutzer«.16

Viele von diesen Hobby-Distributionen bestehen aus mittlerweile veralte­ten Programmen und krude zusammengebauten Installationsroutinen. Einige kommerzielle und ein paar nichtkommerzielle-Distributionen dominieren der­zeit das Feld, sie haben Namen wie Debian, Redhat, Mandrake und SuSE (siehe Tabelle). Viele Distributionen kann man z. B. von linuxiso.org als CD­-Images herunterladen. Mit einem CD-Brenner kann man sie dann völlig legal selbst herstellen. Was fehlt, sind die gedruckten Handbücher und der Support.

Während Microsoft selbst Hersteller oder Lizenznehmer aller Programme auf einer Windows-Installations-CD ist, basteln Firmen wie SuSE und Redhat die Programme anderer zu einem runden Paket zusammen. Gleichzeitig unter­stützen viele Distributionshersteller Open-Source-Projekte, die nicht nur ihre eigene Distribution, sondern auch die der Konkurrenten wertvoller machen. Schließlich geht es allen darum, den Marktanteil von Linux zu erhöhen.

Verglichen mit einem frisch installierten Windows ist die Ausstattung der meisten Linux-Distributionen gigantisch. Wer z. B. SuSE-Linux kauft, findet auf den CDs Textverarbeitungen, Programmiertools, Internetserver, Web­Browser, IRC-, Usenet-, E-Mail- und P2P-Clients, Emulatoren für Heimcom­puter und Spielekonsolen, etliche Texteditoren, ein professionelles Textsatz­system, mehrere grafische Oberflächen, Spiele und vieles mehr. Meist gibt es für einen bestimmten Zweck gleich mehrere Programme.

Linux-Distributionen im Überblick

Red Hat Linux, Fedora
Version 1.0:
November 1994

Stark unternehmensorientierte Distribution. Bei Fedora handelt es sich um die im Internet frei verfügbare Entwickler-Version, die stets aktuell, aber weniger stabil ist.

www.redhat.com

fedora.redhat.com

Debian GNU/Linux
Version 1.1:
Juni 1996

Wird von einer freien Entwicklergemeinde gepflegt. Schwerer zu installieren als die meisten Distributionen, bietet aber dafür ein exzellentes Softwarepaket-Management für Aktualisierung und Installation neuer Programme.

www.debian.org

Mandraxelinux
Version 5.1:
Juli 1998 (erste Version)

An Endbenutzer gerichteter Ableger von Red Hat, der von der französischen Firma MandrakeSoft entwickelt wird. Finanziert durch ein Abonnentenmodell - Mitglieder des Mandrake­ Clubs erhalten frühen Zugriff auf neue Versio­nen und weitere Vorteile.

www.mandrakesoft.com

SuSE Linux
Version 1.0:
März 1994

Sehr einfach zu installierende Distribution aus Nürnberg. Von der SuSE AG entwickelt, die heute Teil des Netzwerkspezialisten Novell ist. Nachteil (Stand 2004) ist die relativ schwierige Aktualisierung aller installierten Software.

www.suse.de

Gentoo Linux
Version 1.0:
März 2002

Vor allem an Entwickler und Systemadministratoren gerichtetes System. Pakete können kom­fortabel direkt aus den aktuellen Quellen kom­piliert werden, was Performance-Optimierung und Anpassung ermöglicht.

www.gentoo.org

Knoppix
Version 2.0:
Juli 2001 (erste veröffentlichte Version)

Auf Debian basierende »Live-CD«, kann ohne Installation direkt von CD oder DVD gebootet werden und erkennt gängige Hardware auto­matisch. Bringt viele aktuelle Programme mit und kann auf der Festplatte installiert werden.

www.knoppix.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.



1Diamond, David: »Questions for Linus Torvalds«, The New York Times, 28. Sept. 2003

2http://www.onestat.com/html/aboutus_pressbox24.html

3Siehe http://www.heise.de/newsticker/meldung/44626

4Möglichst stilechte Übersetzung des englischen Originals, das sich z.B. unter http://en.wikipedia.org/wiki/Linus_Torvalds findet.

5Ritchie, D. M. und Thompson, K.: The UNIX Time-Sharing System, Version von 1974 online unter http://cm.bell-labs.com/cm/cs/who/dmr/cacm.html

6Hart, David: Antitrust and Technological Innovation. Issues in Science and Technology, Winter 1998. http://www.issues.org/15.2/hart.htm

7http://www.gnu.org/gnu/initial-announcement.html

8Vollständige Liste: http://www.gnu.org/software/software.html

9Siehe etwa http://www.gnu.org/gnu/linux-and-gnu.de.html

10http://www.gnu.org/licenses/gpl.html

11Zitiert nach http://www.gnu.org/philosophy/free-sw.de.html

12Siehe http://openfacts.berlios.de/index.phtml?title=Open-Source-Lizenzen für einen Überblick.

13http://opensource.org/docs/definition.php

14Persönliche Korrespondenz, 5. September 2001

15Hilfestellung dabei leistet http://www.linuxfromscratch.org/

16http://bbspot.com/News/2000/4/linux_distros.html

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