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Autor: Maxlmoser, Wolfgang.
Titel: In die Tiefe schreiben oder Kreatives Schreiben und neue Medien.
Quelle: ide - Informationen zur Deutschdidaktik. Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule. Heft 4/1998. Innsbruck & Wien 1998. S. 53-63.
Verlag: Studien Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Wolfgang Maxlmoser
In die Tiefe schreiben oder Kreatives Schreiben und neue Medien
In diesem Beitrag finden Sie eine "wilde" Mischung aus herkömmlichen und zukunftsträchtigen Formen des Schreibens. Es geht vor allem um lineares Schreiben und nichtlineares Schreiben, um die Umsetzung neuer Möglichkeiten der Textverarbeitung im Deutschunterricht. Ausgangspunkt sind die adventure books der achtziger Jahre, die Geschichte endet im Internet-Cafe.
Adventure books geben dem Leser/der Leserin die Möglichkeit, innerhalb eines feststehenden Angebotes an Handlungssträngen das Fortschreiten der Handlung selbst zu steuern. Wesentlich ist: Der Leser schlüpft in die Rolle des Helden und handelt wie dieser.
Nach einem relativ kurzen Text stehen in der Regel zwei bis drei Entscheidungsmöglichkeiten offen. Zur Steuerung werden stereotype Aufforderungen verwendet:
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Seite 31 Du rennst zur Tür und in den Garten hinaus. Niemand ist zu sehen. Nur der helle Schein der Schlossbeleuchtung dringt durch das Geäst der uralten Linden. Zögernd näherst du dich dem Schloss. Da spürst du eine eiskalte Hand auf deinem Rücken. Ist es dein Onkel? Wenn du dich umdrehen möchtest, dann lies weiter auf Seite 4. Wenn du weglaufen möchtest, dann lies auf Seite 6 weiter. |
Seite 6 Du wagst nicht, dich
umzudrehen und läufst unbeirrt weiter. Das Rauschen der Bäume
klingt unheimlich. Plötzlich glaubst du eine Stimme zu hören,
die dir zuflüstert: "Komm um Mitternacht ins Schloss. Da
reitet der Rächer auf seinem Ross." Erschrocken bleibst
du stehen und lauschst angestrengt in die Dunkelheit. Ja, da ist die
Stimme wieder. Du hörst es ganz deutlich: "Um Mitternacht
im Schloss..." Wenn du um
Mitternacht ins Schloss gehen möchtest, so lies auf Seite 7
weiter. Wenn du lieber
ins Gärtnerhaus zurück willst, so lies auf Seite 8 weiter.
Adventure books lesen ist eine Sache, derartige Bücher selbst schreiben ist eine andere. Als Beispiel für ein von Kindern geschriebenes Buch möchte ich »Ferien auf Schloss Webenfels« vorstellen.
Die Konzeption des Werkes verlangt bei aller kreativen Grundhaltung nach Ordnung. Als das Buch in gemeinschaftlicher Arbeit von zwei zweiten Klassen (Hauptschule) geschrieben wurde, wählten wir das Flussdiagramm als Werkzeug zur Sichtbarmachung der Handlungsstränge.

Heute würde man neben dem Flussdiagramm auch andere Methoden des kreativen Notierens verwenden z. B. Mind Mapping (siehe Literaturliste), Kärtchen in unterschiedlichen Farben bzw. Karteikastensysteme als Computerprogramme. Mit Hilfe dieser Methode lassen sich Gedanken strukturieren.
Heute würde ich das Buch mit meinen Schülern und Schülerinnen als Hyperbook gestalten. Es wäre über eine Textverarbeitung von einer Diskette abrufbar.2
Durch die Wahl des elektronischen Mediums würden die stereotypen Hinweise wegfallen, und auch das anschließende Blättern im Buch. Mit einem Mausklick wäre man im neuen Text. Der Rückweg wäre natürlich genauso einfach.
Und: Die Leser/innen könnten selbst an die bestehenden Texte "andocken", ihre Texte in die bestehenden hineinschreiben, neue Stränge hinzubauen, ins Internet verzweigen usw.
Sie gehen von einem Grundtext aus, wählen ein Wort (eine Wortgruppe) als Verzweigungspunkt (Link) und verknüpfen diesen mit einer beliebigen Datei (Text, Bild, Ton...) bzw. mit dem Dateinamen.
Auf einer Seite können beliebig viele Links gesetzt werden. In unserem Hyper-Adventure-Book werden die Steuerungsanordnungen am Ende des Textes – allerdings sprachlich leicht verändert – als Links verwendet.
Seite 33
Du rennst zur Tür
und in den Garten hinaus. Niemand ist zu sehen. Nur der helle Schein
der Schlossbeleuchtung dringt durch das Geäst der uralten
Linden. Zögernd näherst du dich dem Schloss. Da spürst
du eine eiskalte Hand auf deinem Rücken. Ist es dein Onkel? Du drehst dich
um. Du läufst
davon.
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Ein zusätzlicher Link (oder Button = Druckknopf) verweist von jeder beliebigen Seite des Textgebäudes auf den Grundtext. Dies ist der Fluchtweg, wenn man sich völlig verlaufen hat.
Somit ist der Weg in ein nichtlinear gestaltetes Textgebäude offen. Die Entscheidungen des Lesers/der Leserin erfolgt blitzschnell, und damit der Sprung in den nächsten Text. Und: Hypertexte sind nie fertig. Sie können ständig erweitert werden. Deshalb wächst ein Hyperbook mit der Klasse mit, wenn man die nötige Geduld und Konsequenz zeigt, die trotz aller Kreativität für ein derartiges Werk notwendig sind.
Wenn über einen längeren Zeitraum an einem Hypertext gearbeitet werden soll, müssen Aufzeichnungen über die Struktur angelegt werden, da ansonsten der Text aus allen Nähten platzt (Siehe z. "Gedankenflüsse").
Hypertexte haben mehr zu bieten, als dass die Leser/innen bequem von Text zu Text springen können.
Problemlos können weitere Texte eingefügt werden, die man über zusätzliche Links erreicht und die den Leser in Bereiche führen, die mit dem Grundtext vielleicht gar nichts mehr zu tun haben.
Problemlos können Bilder und Grafiken eingescannt und als Dateien mit den Texten verknüpft werden.
Mit einigem Geschick und der nötigen Ausrüstung ist dies auch mit Tondokumenten möglich.
Hypertexte sind Aufforderungen zum interaktiven Lesen und Schreiben.
Hypertexte sind assoziative Denkgebäude, die das ganze Universum des Wissens, Denkens und Fühlens einer Klasse mit einbeziehen.
Die Leser geben dem Text während ihrer Lesereise eine Ordnung. Eine Ordnung freilich, die völlig individuell und für den Augenblick gedacht ist. Eine fließende Ordnung.
Die Veränderung des Verhältnisses von Autoren/Autorinnen und Lesern/Leserinnen wird hier sehr deutlich: Der Autor/Die Autorin liefert Bruchstücke seiner/ihrer Welt. Der Leser/die Leserin baut seine Welt aus Teilen des vorgefertigten Gedankengebäudes und erweitert sie durch eigene Bausteine. Dieser neue Aspekt des kreativen Schreibens kann allerdings nur angedeutet werden.
Das Märchen von "Hänsel und Gretel" ist sattsam bekannt, auch alle Bearbeitungen. Wenn wir aus dem Anfangstext einen Hypertext – ein nichtlineares Märchen bauen, ergeben sich neue Ausblicke und Sichtweisen.
Grundtext4
Hänsel und
Gretel 98 Weit draußen
vor dem Dorf – die Kirchturmspitze konnte man gerade noch
sehen – wohnte in einer baufälligen Hütte eine arme
Familie. Der Vater war Hilfsarbeiter, die Mutter versorgte die zwei
Kinder – Hänsel und Gretel. Heute kam der Vater
ganz müde und mutlos nach Hause. Den ganzen Tag hatte er
gehofft, Arbeit zu finden. Aber niemand wollte seine Dienste haben. "Ich kann euch
nichts mehr zum Essen kaufen, wir haben kein Geld mehr", sagte
er und verbarg sein Gesicht in den Händen. In der Nacht hörte
Gretel, wie die Eltern miteinander redeten. Sie besprachen einen
Plan, wie sie die Kinder loswerden konnten. Gretels Herz füllte
sich mit Trauer und Angst.


Kreatives Schreiben kann sich nicht nur auf "literarische" Texte beziehen. Ausgangspunkt und Endprodukt können durchaus auch sachbezogene Texte sein. Damit schließt sich (ganz nebenbei erwähnt) der Kreis zu einer ganzheitlichen Sicht der Schreibens und der Autorenschaft, fern von einer getrennten Sicht des kreativen und sachbezogenen Schreibens.
Ein Schüler/Eine Schülerin bearbeitet in Form eines Individualprojektes (d. h. der Schüler/die Schülerin arbeitet alleine an einem Projekt) einen Sachtext.
Als Werkzeug dafür nutzt er die Hypertext-Funktion seiner Textverarbeitung. Als Hilfsmittel benutzt er die zentrale Schulbibliothek bzw. eigene Datensammlungen, Zeitungsausschnitte, Textausdrucke von Agenturen, die über Internet abgerufen wurden usw.
"Über den Text hinausschreiben" ist die Methode, mit der man einen Text in Kontext setzt mit dem individuellen Wissen des Lesers/Schreibers und auch der Welt, gleichzeitig aber auch emotionale und fiktionale Abgleitungen zulässig sind.
Grundtext
Simone K. und Anna P blieben auf der emotional-fiktiven Ebene

Stefan K. blieb auf der sachlichen Ebene: Er wählte folgende Links: Nordatlantik, problemlose Orientierung, Kutter, Golfstrom und bearbeitete sie mit Hilfe von Schulbüchern und Lexika.
Damit hat er sich auf den Weg zu einer Hypertext-Facharbeit gemacht, einer intensiven individuellen Auseinandersetzung mit einem Thema.
Beim Arbeiten (und Lesen) in Hypertexten fehlt oft nach wenigen Augenblicken die Orientierung bzw. das Konzept. Um dem gegenzusteuern und um Gedankengänge noch einmal nachvollziehen zu können, lernen Schüler/innen Hyperprotokolle anzulegen, Fahrpläne durch Hypertexte.
Hyperprotokolle
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Text: |
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Schritt 1: |
See |
← zurück |
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Schritt 2 |
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Schritt 3 |
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Schritt 4 |
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Über diese Fahrpläne können die Schüler/innen reflektierend sprechen und schreiben, auf einer Meta-Ebene also unmittelbar Erlebtes relativieren.
Die auf dem Markt in großer Zahl über alle möglichen und unmöglichen Themen angebotenen CD-ROMs funktionieren in der Regel auch nach dem Prinzip von Hypertexten. Hyperprotokolle helfen dies herauszufinden.
Argumentierendes, abgrenzendes und zustimmendes Schreiben am Bildschirm kann als Vorstufe für den Internet-Ernstfall dienen, ist aber darüber hinaus ein Instrument für die Versprachlichung von Gedanken und Ideen, die direkte Reaktion auf eine Schreibaktion eines Partners/einer Partnerin.
Jasmin und Peter (beide 14 Jahre alt) entschließen sich zum Streitschreiben über ein Thema, das allgemeines Interesse erregt.
Deine Meinung über die Zucht von Pelztieren halte ich für völlig kaputt. Wie kann man wollen, dass Tiere nur deshalb gezüchtet und getötet werden, weil Damen Pelzmäntel tragen wollen.
Warum sollen Frauen nicht Pelze tragen. Pelze sind wunderschön und sie passen gut zu Frauen, weil sie so weich sind und so warm halten. Da braucht man darunter keine so warmen Kleider tragen.
Ich möchte nicht die Haut eines Tieres am Körper tragen und mich damit auch noch schmücken. Das finde ich ekelhaft. Viele Leute sind außerdem allergisch auf Tierhaare.
Du gehst in
Zukunft wahrscheinlich ohne Schuhe, weil du keine Tierhaut am Körper
tragen willst, denn Schuhe sind auch meistens noch aus Leder. Und
wie steht es mit dem Fleischessen bei dir?
Die Tiere, die du
isst, werden auch nur deshalb gezüchtet, dass sie auf deinem
Teller landen können. Ich sage: Du bist ein Heuchler!
Beim "Streitschreiben" geht es darum, den Argumenten des Schreibpartners zu begegnen und dann selber zum Angriff überzugehen. Dass man sich dabei oft selbst in einer Falle fängt, zeigt das Beispiel. "Streitschreiben" ersetzt nicht Formen der mündlichen Kommunikation, es erweitert sie. Es geht auch darum, dass alle Argumente und die Struktur des Geschriebenen dokumentiert sind, also immer wieder verwendet werden können.
Die im Internet angebotenen Foren und chats eröffnen ein weites Feld an Mitsprache (bzw. zum Mitschreiben).
Dass die Textverarbeitung hilft, den Schreibprozess transparent zu machen, ist klar und bekannt. Dass die Prozess-Schritte den Schreibern/innen bewusst sein müssen bzw. bewusst gemacht werden müssen, sollte über der Arbeit am kreativen (und grenzenlosen) Schreiben nicht vergessen werden:
Dass auf den Einfall (die Invention) oder synchron mit ihm die Niederschrift folgt, dass diese Niederschrift eine erste und rohe Fassung ist, dass diese Rohfassung in mehreren Phasen zur Endfassung vorangetrieben wird; dass diese Endfassung in der bestmöglichen Form präsentiert wird, versteht sich fast schon von selbst.
Hypertexte sind eine neue und interessante Form, kreatives Schreiben zu präsentieren. Allerdings muss man klar sagen: Werkzeuge sind und bleiben Werkzeuge. Sie sind zu hinterfragen, wie weit sie Unterricht verbessern helfen bzw. wie weit sie helfen Denkabläufe sichtbar zu machen und wie weit sie helfen die Welt an sich und für sich in den Griff zu bekommen.
Mittlerweile ist die "Hyperwelle" zu einem Kult geworden. Einem Kult, der nicht nur belächelt werden sollte, der vielmehr ernsthaft betrachtet und als Ausdruck eines neuen Denkens gewertet werden sollte (siehe Literatur zum Literatur-Café). Kreatives Schreiben und kreativer Umgang mit Werkzeugen des digitalen Zeitalters schaffen Räume für die Schule, die bisher nicht denkbar waren und dem Umgang mit Texten neue Tore öffnen.
Literaturcafé: Das Literatur-Café – Literatur und Sprache im Internet: www.literaturcafe.de/bf.htm?/zeit/htm gibt einen guten Überblick über vieles, was derzeit an Literatur und Sprache im Internet möglich ist – auch in Hinblick auf die im gegenständlichen Artikel beschriebenen Formen des Schreibens
Matjekowski Dirk, Kittler Friedrich. Literatur im Informationszeitalter. Frankfurt-New York: Campus, 1996
Maxlmoser, Wolfgang/Gerzer, Helga: Ferien auf Schloss Webenfels – ein klassenübergreifendes Schreibprojekt mit Schülern/innen einer zweiten Klasse Hauptschule. Unterrichtspraktische Veröffentlichungen Nr. 47. Linz: Pädagogisches Institut des Bundes in Oberösterreich 1984
Maxlmoser, Wolfgang: Vom Gedankenfluss zum Wissensnetz – Mind Mapping im Unterricht. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1998
Mountain, Robert. Das Meer der tausend Gefahren. Ravensburger Taschenbuch Nr. 602. Ravensburg: Otto Maier Verlag 1980
Sklenizka, Franz. S. Der Schatz im Ötscher. Arena Taschenbuch 1995
Warnke, Martin (Hrsg.). HyperKult: Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien. Basel; Frankfurt/Main: Stroemfeld 1997
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1Ferien auf Schloss Webenfels, Maxlmoser, Gerzer (siehe Literaturverzeichnis).
2Ich beziehe mich bei den technischen Angaben auf Microsoft Word 8.
3Ferien auf Schloss Webenfels, Maxlmoser, Gerzer (siehe Literaturverzeichnis).
4Bearbeitet von W. Maxlmoser.
5Dieser Terminus wird verschiedentlich anders formuliert (über den Rand hinausschreiben) und in anderen Zusammenhängen gebraucht: im Rechtschreibunterricht als Methode zum Korrigieren, im Leseunterricht als Methode für "wissendes Lesen".