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Autor: Kohlmann, Carsten.

Titel: Von Rexingen nach Malchutia.

Quelle: Högerle, Heinz/ Kohlmann, Carsten/ Staudacher, Barbara (Hrsg.): Ort der Zuflucht und Verheißung. Shavei Zion 1938-2008. Stuttgart, S. 22-43.

Verlag: Konrad Theiss Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Carsten Kohlmann

Von Rexingen nach Malchutia.

Zwischen der Gründung des Deutschen Reiches und dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Rexingen als »Viehbörse Süddeutschlands« eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Dörfer des Königreichs Württemberg. In der Weimarer Republik brachten die Inflation und die Weltwirtschaftskrise das Ende dieser Blütezeit.

In der Landwirtschaft und im Landhandel begann durch die Konkurrenz ausländischer Billigimporte ein von Jahr zu Jahr schwerer werdender Existenzkampf. Die Preise für Agrarprodukte - und damit auch für Vieh - fielen weit unter den Vorkriegsstand. Gleichzeitig mussten die Landwirte immer mehr Steuern und Zinsen bezahlen und Schulden aufnehmen. Die etwa 50 jüdischen Viehhändler in Rexingen konnten ihre früheren Umsätze nicht mehr erreichen. Mit dem härter werdenden Kampf um das wirtschaftliche Überleben musste wesentlich knapper als früher kalkuliert werden. Viele Söhne wollten deshalb die Familientradition im Viehhandel nicht mehr fortsetzen und erlernten andere kaufmännische Berufe.

Auf der Suche nach besseren Entwicklungsmöglichkeiten verließen außerdem erfolgreiche Firmen wie die Lederhandlung Löwengart Rexingen und zogen nach Stuttgart. Seit der Jahrhundertwende nahm die jüdische Bevölkerung kontinuierlich ab, allerdings nicht so stark wie in anderen Landjudengemeinden, von denen viele nach dem Ersten Weltkrieg wegen der starken Landflucht aufgelöst werden mussten. Trotz des Bevölkerungsrückgangs blieb Rexingen die größte Landjudengemeinde in Südwestdeutschland.

Einen Einblick in die damalige Stimmung der jüdischen Bevölkerung gibt eine im Sommer 1927 in der »Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs« öffentlich ausgetragene Kontroverse über das Landjudentum zwischen dem Oberlehrer und Gemeindevorsteher Samuel Spatz (1867-1935) und dem Mehlhändler und Gemeinderat Simon Weil (1872-1930). Samuel Spatz kritisierte das religiöse Desinteresse der Landjuden, die als »Stadtbevölkerung auf dem Lande« hauptsächlich von dem »alle anderen Regungen unterdrückenden Geschäftsgeiste« erfüllt sei und ihre Religion nur noch als »Gewohnheit« leben würde. Der Geschäftsmann Simon Weil rückte in seiner Antwort einiges zurecht und forderte den Staatsbeamten Samuel Spatz auf, für die in einem schwieriger gewordenen Geschäftsleben stehenden Landjuden mehr Verständnis aufzubringen: »Er sollte ein fleißiges, emsiges Völkchen um sich sehen, das sich wacker seiner Haut wehrt, die Lebensbedürfnisse für die Familie, die ganz andere geworden sind, wie in früherer Zeit, in Ehren herbeizuschaffen.«

Die ausgeprägte Abhängigkeit vom Handel und der sich abzeichnende demografische Rückgang der Juden im Deutschen Reich führten bereits in der Weimarer Republik in der jüdischen Öffentlichkeit zu einer allgemeinen Diskussion über eine als »Umschichtung« bezeichnete Verbreiterung der einseitigen Berufsstruktur. Auch Samuel Spatz meldete sich dabei zur Wort. In einem Aufsatz mit dem Titel »Das jüdische Siedlungsproblem und Süddeutschland« bezeichnete er die Viehhändler als das »beste Siedlungselement« für zukünftige jüdische Landwirte: »Viehhandel und Landwirtschaft und vom Viehhandel zur Landwirtschaft, das ist der Weg, der in Süddeutschland den jüdischen Landwirt schafft, schaffen kann, wenn Kredite zur Verfügung stehen.« Die Frage nach der Zukunft der Landjuden von Rexingen mit ihrer einseitigen Berufsstruktur stand somit bereits am Ende der Weimarer Republik im Raum.

Außer mit wirtschaftlichen Sorgen mussten sich die Rexinger Juden in dieser Zeit auch verstärkt mit politischen Problemen auseinandersetzen. Mit großer Beunruhigung beobachteten sie die in ihrer Umgebung zunehmende Judenhetze der kontinuierlich stärker werdenden NSDAP. Das mehrheitlich katholische Oberamt Horb wählte zwar überwiegend die katholische Zentrumspartei, in einigen Gemeinden befanden sich aber auch hier bereits erste Hochburgen der NSDAP. In nächster Nachbarschaft des Oberamtes Horb erreichte die NSDAP in den mehrheitlich evangelischen Oberämtern Freudenstadt, Nagold und Sulz sogar ihre teilweise besten Ergebnisse im ganzen Deutschen Reich.

Aufgrund der entschlossenen Gegenwehr einiger jüngerer Juden, die dem republikanischen Kampfverband »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« angehörten, blieb das Auftreten der NSDAP in Rexingen zwar auf eine Wahlveranstaltung beschränkt. Rexingen war für die NSDAP - wie sie selbst zugab - bis zu ihrer Machtübernahme eine »uneinnehmbare Festung«. In der nationalsozialistischen Kampfpresse kam es aber zu ersten Angriffen auf jüdische Viehhändler aus Rexingen, denen vorgeworfen wurde, bei ihren Geschäften zu betrügen und Existenzen zu zerstören. Der jüdische Viehhändler Josef Schwarz (1876-1931) sagte in Gesprächen mit dem in seiner Nachbarschaft wohnenden christlichen Landwirt Max Essig (1869-1935) in dieser Zeit deshalb oft: »Wenn der Hitler das wahr macht, was er in Mein Kampf schreibt, dann geht's uns schlecht.«

»Je größer die Berührungsfläche zwischen Landvolk und Judenheit ist, desto kleiner ist der Antisemitismus«, meinte Oberlehrer Samuel Spatz über das Zusammenleben von Juden und Christen in Rexingen und freute sich über »das schöne Einvernehmen mit der nichtjüdischen Bevölkerung.« Durch dieses enge Zusammenleben hatte die Judenhetze der NSDAP in Rexingen vor 1933 beim größten Teil der Bevölkerung in der Tat keinen Erfolg. Die Katholiken beachteten in ihrem Wahlverhalten in großer Geschlossenheit die kirchenamtliche Verurteilung der NSDAP. Die Ergebnisse aller Reichstags- und Landtagswahlen, bei denen die katholische Mehrheit überwiegend die Zentrumspartei und die jüdische Minderheit überwiegend die liberale DDP oder die linke SPD wählten, zeigen das deutlich. Wäre überall im Deutschen Reich so wie in Rexingen gewählt worden, hätte die NSDAP nie eine Chance erhalten, die Macht zu übernehmen.

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, gab es in Rexingen deshalb keine Kundgebung wie andernorts. Das Dorf feierte an diesem Tag vielmehr mit der Goldenen Hochzeit von Georg und Petronella Gunkel und der Hochzeit ihrer Enkelin Anna Göttler mit Andreas Grieb im Gasthaus »Sonne« ein großes Familienfest der christlichen Bevölkerung. In der Wohnung des Oberlandjägers Karl Kupferschmid saßen aber auch einige Nachbarn zusammen, um an einem der ersten Radioapparate im Dorf die Nachrichten aus Berlin zu hören. Im Gasthaus »Sonne« berichtete dann der Hauptlehrer Franz Bihler (1900-1961) der Hochzeitsgesellschaft: »Hitler hat die Macht ergriffen!«

Nach ihrer bisherigen Erfolglosigkeit setzte die NSDAP-Kreisleitung Horb vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 mit Unterstützung aus der Nachbarschaft auf eine Machtdemonstration in Rexingen. Am 19. Februar 1933 fand ein SA-Aufmarsch mit Kundgebung auf dem Platz beim Gasthaus »Sonne« und anschließendem Konzert des SA-Musikkorps aus Nagold statt. Die Propaganda brachte der NSDAP bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in Rexingen einen größeren Stimmenzuwachs. Von 579 abgegebenen Stimmen entfielen 369 (64 %) auf die Zentrumspartei, 96 (16 %) auf die NSDAP, 65 (11 %) auf die SPD, 20 (3 %) auf die KPD, 18 (3 %) auf die DDP und 9 (1%) auf den Bauern- und Weingärtnerbund.

Bei dieser Reichstagswahl erhielt die katholische Zentrumspartei zum ersten Mal offensichtlich auch jüdische Stimmen. Die jüdische Bevölkerung vertraute in dieser mittlerweile auch vor Ort Besorgnis erregenden Entwicklung nach wie vor auf den von ihr unterstützten Bürgermeister Hermann Kinkele (1892-1956), der damals erklärte, »daß er für das Judentum in jeder Beziehung eintrete.«

Bald nach der Reichstagswahl ging die NSDAP-Kreisleitung in Rexingen und andernorts im Oberamt Horb gegen ihre politischen Gegner vor. Am Freitag, den 24. März 1933, führte das Landjägerstationskommando Horb in Zusammenarbeit mit der SA-Hilfspolizei am Abend zunächst mehrere Hausdurchsuchungen durch und beschlagnahmte die Gewehre des jüdischen Schützenvereins. Am Samstagmorgen folgte die Verhaftung des jüdischen Kaufmannes Manfred Weil (1905-1979), der wegen seiner aktiven Rolle bei der Störung der ersten Wahlveranstaltung der NSDAP festgenommen wurde.

Nach der Verhaftung von Manfred Weil sagte Bürgermeister Hermann Kinkele kurzfristig eine Gemeinderatssitzung ab und versuchte dessen Freilassung zu erreichen. Nach knapp einer Woche kam er wieder frei. Bald darauf wurde er aber erneut festgenommen und kam in das Schutzhaftlager Heuberg auf der Schwäbischen Alb. Aus der christlichen Bevölkerung wurde der Schmied Johannes Haipt (1889-1957), SPD- und Reichsbannermitglied, festgenommen und ebenfalls in das Schutzhaftlager Heuberg gebracht.

Die offene Parteinahme von Hermann Kinkele für die jüdische Bevölkerung veranlasste am 25. März 1933 eine Gruppe aus dem Gemeinderat zu einer Anzeige beim Landjägerstationskommando Horb. In der Anzeige wurde ihm zunächst vorgeworfen, die Gemeinderatssitzung abgesagt zu haben. Ferner wurde ihm angelastet, anlässlich der Eröffnung des neuen Reichstages angeblich auf Verlangen der jüdischen Bevölkerung das Rathaus nicht beflaggt zu haben. Hauptlehrer Franz Bihler hatte dafür eine Hakenkreuz- und die alte Reichsfahne Schwarz-Weiß-Rot beschafft. Der Bürgermeister rechtfertigte sich mit einer reisebedingten Abwesenheit.

Wenig später wurde im Zuge der so genannten »Gleichschaltung« aller politischen Ebenen auch der Gemeinderat in Rexingen nach dem Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 umgebildet. Für die NSDAP zog der Reichsbahnangestellte Alfons Sayer (1901-1986) in den Gemeinderat ein. Durch die nationale Aufbruchstimmung und die Besserung der wirtschaftlichen Lage nahm die Zustimmung zur NSDAP in allen Bevölkerungsschichten zu. In der Landwirtschaft und im Landhandel zogen die Preise wieder an. Einige junge Männer traten im Frühjahr 1933 in Rexingen in die SA ein und standen seitdem unter dem Kommando von Robert Domma (1902-1942) aus dem benachbarten Dorf Ihlingen. Unter den jungen SA-Leuten befanden sich die stärksten Gegner der jüdischen Bevölkerung. Für ihre frustrierende Erfahrung, einer in der Weltwirtschaftskrise perspektivlosen Generation anzugehören, hatte die NSDAP scheinbar die richtige Erklärung: die Juden sind an allem schuld und müssen deshalb verschwinden.

Trotz einiger NSDAP- und SA-Mitglieder wurde Rexingen aber nie eine nationalsozialistische Hochburg wie einige andere Orte in der Umgebung. Im »Schwarzwälder Volksblatt« wurden die »Nörgler und Miesmacher« in Rexingen angegriffen. Außerdem gab es auch keinen Machthaber, der als »kleiner Hitler« das ganze Dorf in seiner Gewalt hatte, wie es zum Beispiel in Mühlen mit Christian Gühring (1897-1982) der Fall war.

Der weitaus größte Teil der christlichen Bevölkerung blieb in der Zeit des Nationalsozialismus der katholischen Kirche treu und bewahrte den Respekt vor den jüdischen Nachbarn. Die katholischen Vereine behielten wesentlich mehr Mitglieder, als die nationalsozialistischen Organisationen gewinnen konnten. Trotz zunehmender Kirchenfeindlichkeit von Staat und Partei konnte der damalige Pfarrer Johann Baptist Forster (1886-1946) seine Gemeinde weitgehend zusammen halten. Einige katholische Eltern lehnten es standhaft ab, ihre Kinder in die »Hitler-Jugend« (HJ) oder den »Bund deutscher Mädel« (BdM) aufnehmen zu lassen.

Die Juden versuchten noch im Frühjahr 1933, ihre Bürgerrechte zu verteidigen. Als Reaktion auf den Aufruf der NSDAP, am 1. April 1933 jüdische Geschäfte zu boykottieren, veröffentlichte die Ortsgruppe Horb-Rexingen des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten« eine Presseerklärung der Ortsgruppe Frankfurt am Main, die sich von der den Juden vorgeworfenen »Greuelpropaganda des Auslandes« distanzierte. Die Ortsgruppe Horb-Rexingen fügte hinzu: »Sie erwartet daher auch von der Bevölkerung, daß sie sich ihr gegenüber in Wort und Schrift so verhält, wie es den Begriffen von Recht und Billigkeit entspricht.«

Das »Gesetz über das Schlachten von Tieren« vom 21. April 1933, mit dem das seit vielen Jahren umstrittene Schächten verboten wurde, brachte für die jüdische Bevölkerung die ersten Einschränkungen ihrer Lebensweise. Für die zwei jüdischen Metzgereien in Rexingen bedeutete das Gesetz ein Berufsverbot. Bis in den Frühsommer 1933 konnten die jüdischen Metzger noch in das benachbarte Hohenzollern ausweichen, da dort das Verbot später als in Württemberg in Kraft trat. Danach konnten sie von Sommer bis Herbst 1933 noch vom Verkauf von Fleisch und Wurst aus Dänemark leben, bis diese Importe aufgrund einer neuen Außenhandelspolitik eingestellt werden mussten. Daraufhin wanderten die Metzger Juda Rothschild, Karl Gideon, Arthur Heimann und Ludwig Heimann von Anfang 1934 bis Ende 1935 in die USA und nach Palästina aus.

Bei der am 1. Mai 1933 stattfindenden Kundgebung zum »Tag der nationalen Arbeit« mussten die Juden feststellen, dass der Nationalsozialismus immer stärker in ihren Heimatort einzudringen begann. Die eben in die SA eingetretenen jungen Männer erschienen im Festzug zum ersten Mal in brauner Uniform mit Hakenkreuzarmbinde, und bei der anschließenden Kundgebung ertönte zum ersten Mal eine mit Lautsprecher übertragene Rede von Adolf Hitler in Rexingen. Im Anschluss an einen vom Israelitischen Oberrat in Württemberg angeordneten Festgottesdienst beteiligten sich aber auch die jüdischen Einwohner am Festzug, um ihr nationales Bewusstsein zu beweisen.

Dieser 1. Mai 1933 war vermutlich die erste und letzte Veranstaltung im Zeichen des Hakenkreuzes, an der sich die Juden beteiligten. Seitdem waren sie bei allen derartigen Inszenierungen der Dorfgemeinschaft nicht mehr erwünscht und hielten sich fern. Als Beweis ihrer nationalen Loyalität sah die jüdische Bevölkerung auch noch ihre Zustimmung bei der Volksabstimmung vom 12. November 1933 über den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund. 612 Einwohner kreuzten das »Ja« und nur acht Einwohner das »Nein« an. Bei der gleichzeitig stattfindenden Reichstagswahl erhielt die NSDAP aber nur 523 Stimmen. In Rexingen gab es weiterhin keine euphorische Zustimmung zum Nationalsozialismus. Bei der Volksabstimmung über die vollständige Machtübernahme durch Adolf Hitler vom 19. August 1934 wurden in keiner anderen Gemeinde des Oberamtes Horb so viele ablehnende und ungültige Stimmen gezählt wie hier.

Am 4. Juni 1933 wurde Hermann Kinkele als »Judenfreund« durch den Staatskommissar für die Körperschaftsverwaltung mit sofortiger Wirkung beurlaubt, bekam aber am 1. November 1933 eine andere Stelle als Bürgermeister der Gemeinde Eisenharz im Oberamt Wangen. An seiner Stelle wurde der Verwaltungspraktikant Georg Schwörer (1907-1990) aus Saulgau zum kommissarischen Bürgermeister ernannt und am 31. Januar 1934 als ständiger Bürgermeister eingesetzt. Der neue Rathauschef in Rexingen war ein sehr junger Mann, der kurz vorher in der Hoffnung auf eine berufliche Perspektive in die NSDAP eingetreten war.

Er übernahm die Leitung der NSDAP-Zelle, lief den ganzen Tag in seiner Parteiuniform herum, hielt viele Reden und nahm als erste Amtshandlung die Umbenennung einiger Straßen vor. Die frühere Brühlstraße, in der besonders viele jüdische Familien wohnten, hieß jetzt Adolf-Hitler-Straße. Zweifellos erwartete NSDAP-Kreisleiter Eugen Vogt (1903-1967) aus Hochdorf von ihm eine andere Haltung gegenüber der jüdischen Bevölkerung als bei seinem aus Rexingen entfernten Amtsvorgänger. Bereits 1936 musste er allerdings sein Amt wieder aufgeben, weil er den Aufgaben der Verwaltungsarbeit nicht gewachsen war.

In Rexingen profilierte er sich besonders mit der Errichtung eines der ersten nationalsozialistischen Denkmäler in Württemberg. Auf einer Anhöhe über dem Dorf wurde eine Aussichtsplattform mit einem eineinhalb Meter hohen Hakenkreuz auf einer Säule gebaut und beherrschte seitdem bedrohlich das Dorfbild. Zur Einweihung fand vom 14. bis 16. Oktober 1933 ein »Deutscher Tag« statt, zu dem 600 SA-Männer nach Rexingen kamen. »In einem Ort und in einer Gegend, wo die meisten gegen uns gestanden haben,« so Georg Schwörer, sollte das Denkmal als »stolzes Siegeszeichen« zeigen, »daß der Kampf unserer braven SA-Männer und unserer alten Kämpfer im Bezirk nicht umsonst gewesen ist.« Gleichzeitig sollte es die noch vorhandenen politischen Gegner und insbesondere die jüdische Bevölkerung einschüchtern. »Und das ist in Rexingen gestanden über unseren Häusern«, erinnerte sich später der zu den Gründern von Shavei Zion gehörende Hermann Gideon (1911-2004). »Das hat uns zu Tode betrübt, dieser Akt. Ich möchte sagen, auch die christliche Bevölkerung war nicht begeistert davon.«




Blick vom 1933 errichteten Denkmal über Rexingen. Postkarte, Mitte der 1930er-Jahre.

Die Ausgrenzung der Juden aus der Rexinger Dorfgemeinschaft begann mit ihrem Ausschluss aus den Vereinen. Das bedeutete das Ende vieler alltäglicher Begegnungen. Der Gesangverein »Eintracht« kam noch am 6. Januar 1933 zu einem Familienabend im Gasthaus »Sonne« der christlichen Wirtsleute Gelde und am 8. Januar 1933 zu einem Familienabend im Gasthaus »Ratsstube« der jüdischen Wirtsleute Gideon zusammen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mussten im Zuge der »Gleichschaltung« die jüdischen Ausschussmitglieder Alfred Levi (1879-1935) und Alfred Preßburger (1900-1938) am 11. Juni 1933 aus dem Gesangverein ausscheiden. Ein schwerer Schlag war auch der Ausschluss aus der Feuerwehr, in der Willy Preßburger (1894-1949) stellvertretender Kommandant war. Die mittlerweile in die SA eingetretenen Feuerwehrmitglieder weigerten sich, auf das Kommando eines Juden zu hören. Zuletzt führte sogar die Dreschgenossenschaft den so genannten »Arierparagraphen« ein.

Durch die Erfahrung zunehmender Diskriminierung zogen sich die Juden in ihre eigene soziale und religiöse Welt zurück. Unter dem äußeren Druck blühte das innere Gemeindeleben auf. Der wichtigste Wegbereiter für den bald aufkommenden Gedanken, nach Palästina auszuwandern und dort ein neues Rexingen aufzubauen, war der Lehrer Wolf Berlinger (1909-1997), der am 1. Januar 1933 von dem bald darauf in den Ruhestand eintretenden Samuel Spatz die Leitung der jüdischen Volksschule übernahm. Aufgrund eines Erlasses des württembergischen Kultusministeriums wurde der jüdischen Volksschule nach seinem Dienstantritt zum 1. Oktober 1933 der Rechtsstatus einer öffentlichen Schule entzogen. Sie musste als private Schule weitergeführt werden. In die Dienstwohnung des jüdischen Lehrers zog der nationalsozialistische Bürgermeister ein.

Der engagierte junge Lehrer konnte die jüdische Jugend in Rexingen wesentlich besser ansprechen als sein Amtsvorgänger. Die Erinnerungen seiner Schülerin Tamara Blum, bei deren Eltern Sigmund und Bonna Bodenheimer er damals wohnte, bestätigen das anschaulich: »Er brachte frischen Wind in die Gemeinde und besonders in die Schule. Mit außerordentlicher Energie wusste er für die Gemeinde und Schule zu sorgen. Keine Angelegenheit war für ihn zu klein oder unbedeutend. In der Schule wurde er bald der beliebte Lehrer und auch Freund der Schüler. Plötzlich wurde das Lernen ein Vergnügen ... Etwas Neues in der Schule war unter ihm: viel Wandern, viel Gesang und Musik und Treffen mit benachbarten jüdischen Schulen wie Haigerloch.«

Eine gute Voraussetzung für den von Wolf Berlinger eingeleiteten Neubeginn der Jugendarbeit war die ungewöhnlich günstige Altersstruktur der jüdischen Bevölkerung. Im Unterschied zu den meistens hoffnungslos überalterten anderen Landjudengemeinden waren in Rexingen 128 Juden unter 50 Jahre alt (53 %). Darunter gehörten 17 der Altersgruppe bis 10 Jahren an (7 %), 19 der Altersgruppe von 11 bis 19 Jahren (8 %), 34 der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren (14 %), 31 der Altersgruppe von 30 bis 39 Jahren (13 %) und 27 der Altersgruppe von 40 bis 49 Jahren (11 %). Viele dieser jungen Leute waren Mitglieder im »Jüdischen Jugendbund Rexingen«, der dem »Landesverband der Jüdischen Jugendvereine Württembergs« angehörte.

In diesem Dachverband waren auf Landesebene die so genannten »neutralen« Jugendvereine zusammengeschlossen. In der vielfältigen jüdischen Jugendbewegung gab es eine ganze Reihe unterschiedlicher politischer und religiöser Richtungen. Die »neutralen« Jugendvereine setzten sich in erster Linie als Ziel, »die Jugend zu Gemeindemitgliedern zu erziehen, welche ohne Rücksicht auf Partei und religiöse Einstellung die Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft leistet.« Unter der Leitung von Wolf Berlinger wuchs der Jugendbund in schwerer Zeit zu einer starken Gemeinschaft zusammen.

Jede Woche wurden Vorträge über jüdische Themen aller Art gehalten, die jüdische Presse gelesen und hebräische Lieder gelernt. Am Jahresanfang 1934 stießen immer mehr Interessierte dazu. Auch praktische Arbeit wurde geleistet: Im Frühjahr 1934 arbeitete der Jugendbund an der Einrichtung einer Turnhalle für die Sportgruppe des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten« mit und brachte die Wege auf dem jüdischen Friedhof wieder in Ordnung. Für die Mädchen gab es einen Handarbeitskurs.

Die rege Aktivität der jüdischen Jugend und ihres jungen Lehrers wurde von der Umwelt mit Argwohn verfolgt. Innerhalb kurzer Zeit wurde Wolf Berlinger in Rexingen zwei Mal angezeigt. Einmal wurde ihm vorgeworfen, in einer Ansprache bei einer Beerdigung die NSDAP angegriffen zu haben, als er die Bibelworte zitierte: »Du wirst auf den Höhen dahinschreiten und die Feinde werden vor Dir niederfallen und werden Dich um Verzeihung bitten.« Das andere Mal wurde behauptet, er würde den Jugendbund im Wald militärisch ausbilden.

Wolf Berlinger war bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme vom Zionismus überzeugt. Er teilte die Meinung von Theodor Herzl (1860-1904), dass es keine andere Antwort auf den Antisemitismus geben könne, als die Gründung eines neuen jüdischen Staates in der historischen Heimat des jüdischen Volkes. Angesichts der beginnenden Diskriminierung fanden die zionistischen Argumente mehr Gehör als bei den früher gelegentlich in Rexingen auftretenden auswärtigen Rednern. Wolf Berlinger richtete den Blick der Jugend auf das zionistische Aufbauwerk in Palästina und bot einen neuhebräischen Sprachkurs an. Am 11. März 1934 sprach der Rechtsanwalt Dr. Paul Tänzer (1897-1945) aus Stuttgart über »Jüdisches Leben in Palästina« mit Lichtbildern von Dipl.-Ing. Richard Braunschweig (1875-1951) aus Stuttgart. Im Anschluss an diesen Vortrag wurde auf Initiative von Wolf Berlinger die »Zionistische Ortsgruppe Schwarzwaldkreis« gegründet.

Am 15. April 1934 trat Wolf Berlinger eine neue Stelle bei der jüdischen Gemeinde in der Landeshauptstadt Stuttgart an und arbeitete am Aufbau des jüdischen Schulwesens mit. Als Dank für seine großen Verdienste um den »Jüdischen Jugendbund Rexingen« erhielt Wolf Berlinger zum Abschied eine eindrucksvolle Holzfigur, die ihm zeitlebens viel bedeutet hat. Als Nachfolger kam am 16. April 1934 der aus Baisingen stammende Lehrer Helmuth Kahn (1912-1987) nach Rexingen, der neben dem Schulunterricht auch den Jugendbund übernahm und ebenso engagiert wie sein Vorgänger weiterführte.

Von Anfang 1934 bis Mitte 1935 schien sich die politische Lage für die Juden zu beruhigen. Von der Erholung der Wirtschaftslage - bereits 1935 gab es im Oberamt Horb keine Arbeitslosen mehr - profitierten auch die jüdischen Viehhändler. Am Jahreswechsel 1933/34 begann die jüdische Gemeinde mit der Renovierung ihrer bald 100 Jahre alten Synagoge, die im Sommer 1935 fortgesetzt wurde. Die meisten Juden gingen in dieser Zeit vermutlich noch davon aus, zwar einige Einschränkungen hinnehmen zu müssen, aber weiterhin im Deutschen Reich und in Rexingen leben zu können.

Ein Zeichen für die Erholung der Wirtschaftslage war auch die Förderung des Fremdenverkehrs, von dem sich Dörfer wie Rexingen zusätzliche Einnahmen erhofften. Bürgermeister Georg Schwörer ließ einen Werbeprospekt drucken und Zeitungsanzeigen veröffentlichen. Auch die jüdische Gemeinde begann, für Rexingen als jüdischen Ferienort zu werben: »Es dürfte vielen nicht bekannt sein, daß das in herrlicher Gegend gelegene Rexingen die größte Landgemeinde Süddeutschlands ist. Außerdem hat es, abgesehen von kleinen Siedlungen im Osten, den größten Prozentsatz Juden.«

Für junge Leute richtete der Jugendbund mit Unterstützung der jüdischen gemeinde und auswärts wohnender ehemaliger Rexinger im Gemeindehaus eine Jugendherberge ein. Rexingen wurde für jüdische Jugendgruppen aus dem ganzen Deutschen reich zum Ausflugsziel und Ferienort. Ende 1934 veranstaltete der Jugendbund eine große Lerntagung des »Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands« mit Teilnehmern aus ganz Süddeutschland. Im Sommer 1935 folgte ein Treffen der zionistischen »Werkleute« mit über 100 Teilnehmern. Für jüngere Jugendliche wurde Ende 1935 ein »Bund junger Juden« gegründet. In dieser Zeit hielt sich auch der Schriftsteller Josef Eberle (1901-1986) in Rexingen auf. Er stammte aus einer katholischen Familie in Rottenburg am Neckar und war seit 1929 mit Else Lemberger (1905-1989) aus Rexingen verheiratet. Im Frühjahr 1933 verlor er aus politischen Gründen seine Stelle beim Süddeutschen Rundfunk und wurde im Sommer 1933 in das Schutzhaftlager Heuberg eingewiesen. Als arbeitsloser Schriftsteller kam er danach im Haus seiner Schwiegereltern Hermann Lemberger (1878-1961) und Selma Lemberger (1880-1947) in Rexingen unter. Er hielt sich mit freiberuflicher Arbeit über Wasser und schrieb in Rexingen den Band »Schwäbisch« in der Reihe »Was nicht im Wörterbuch steht« des Piper-Verlages. Rückblickend meinte er einmal, er habe »wohl als einziger Deutscher damals in einem jüdischen Haus ... Asyl gefunden.«

Im Herbst 1934 zeigte sich, dass sich die Hoffnung auf eine Beruhigung der politischen Lage für die jüdische Bevölkerung nicht erfüllen würde. Am 10. Oktober 1934 verbreitete der Gauschulungsleiter Dr. Eugen Klett aus Stuttgart bei einer Kundgebung der NSDAP-Ortsgruppe Horb eine Judenhetze voller Bösartigkeit. Ein halbes Jahr später kündigte der Gauredner und Senatspräsident Dr. Hermann Cuhorst (1899-1991) aus Stuttgart im Vorfeld der bald darauf erlassenen »Nürnberger Gesetze« in Horb an: »Staatsbürger kann nur der sein, der arischer Abstammung ist. Darum ist es selbstverständlich, daß die Juden das Gastrecht bekommen... daran ist nicht zu zweifeln.«

Durch die »Nürnberger Gesetze« verloren die Juden das Reichsbürgerrecht und waren nur noch Staatsangehörige. Diese neue Stufe der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung ermutigte auch im Raum Horb die NSDAP zu einem schärferen Vorgehen. In Rexingen wurde am 8. Dezember 1935 bei einer Kundgebung im Gasthaus »Kreuz« auf schlimmste Art und Weise gehetzt. Der fanatische Redner Paul Richard Entemann (1899-1946) aus Calw sagte über die »volksverderbenden Juden« zu seinem Publikum: »Wir wollen dafür sorgen, daß sie uns verlassen. Es bleibt in der Weltgeschichte gleichbedeutend, ob dieser Segen Deutschland 1935 verläßt oder erst 1980. Es ist gleich, wann Rom unterging; entscheidend ist, daß es unterging.«

Unter dem Einfluss dieser Propaganda begann sich das innerörtliche Klima mehr und mehr zu verändern. Gegenüber dem Gasthaus »Sonne« wurde eine Lesetafel für das Hetzblatt »Der Stürmer« mit der Aufschrift »Die Juden sind unser Unglück!« aufgestellt. Von Bürgermeister Georg Schwörer musste sich die jüdische Gemeinde mehrfach Schikanen gefallen lassen. Ein verschlammter Brunnen vor der Synagoge, an dem sich die Gottesdienstbesucher die Hände wuschen, wurde im Herbst 1933 zwar noch an die Wasserversorgung angeschlossen. Ende 1933 wurde angeblich aus Kostengründen aber doch seine Entfernung beschlossen. Außerdem beantragte der Bürgermeister die Streichung der Synagoge aus dem Denkmalverzeichnis. Im Schaufenster eines Geschäfts fand sich plötzlich das Schild »Juden werden nicht bedient.«

Hermann Gideon erinnerte sich an seine Erfahrungen in Rexingen später: »Ein Teil ... die haben sich von uns irgendwie, die haben sich getrennt von uns. Und ein Teil ... die Nazis waren, die sich offen als Nazis bekannt haben, die haben offen gegen uns Stellung genommen. Und wir haben gesehen, wie weit wir sind.« Utz Jeggle beschreibt diese in allen Dörfern mit jüdischer Bevölkerung ähnlich verlaufende Entwicklung so: »Die dörfliche Idylle zerplatzte wie eine Seifenblase, dem Druck von außen hielt keine der sozialen Bindungen stand.«

Die antisemitische Stimmungsmache wurde in Rexingen wie andernorts besonders von Kindern und Jugendlichen aufgenommen, die von einigen Lehrern und den nationalsozialistischen Jugendorganisationen beeinflusst wurden. Obwohl alle Lehrer an der »Deutschen Volksschule Rexingen« der NSDAP angehörten, waren sie doch unterschiedlich eingestellt. Fidel Brantner (1903-1967) war nur formelles, Georg Schöllkopf (1905-1982) dagegen engagiertes Parteimitglied. Auffallend judenfeindlich trat der aushilfsweise in Rexingen unterrichtende Lehrer Albrecht Belge (1902-1944) aus Horb auf. Oft ärgerte er sich darüber, dass ihm die Luft aus seinem Fahrrad gelassen wurde und machte die jüdischen Schulkinder dafür verantwortlich. Nach der Umwandlung von einer öffentlichen in eine private Einrichtung musste die Jüdische Schule vom dritten in den ersten Stock des Schulgebäudes umziehen. »Die Juden dürfen bei uns nicht auf dem Kopf herumtanzen«, wurde als Begründung genannt.

Von der Bevölkerung umliegender Orte wurde Rexingen in zunehmendem Maße mit dem abfälligen Begriff »Judennest« geschmäht. Der Nachbarort Altheim versuchte mehrfach, bei der Reichsbahndirektion Stuttgart eine Umbenennung des Bahnhofes »Altheim-Rexingen« zu erreichen, um nicht mehr in einem Zug mit Rexingen genannt zu werden. Die Anträge blieben allerdings ohne Erfolg. Häufig wurden christliche Einwohner wegen ihrer Herkunft und teilweise auch wegen ihrer Kenntnis des jüdischen Dialektes für Juden gehalten und gerieten unter Rechtfertigungsdruck. Auch die HJ- und BdM-Mitglieder aus Rexingen bekamen die verbreitete Abneigung gegen ihren Heimatort zu spüren. Bei Kundgebungen und Sportwettkämpfen wurden sie von anderen Jugendlichen als »Juden« beschimpft und mussten immer am Ende der Marschkolonnen laufen.

Seit Ende 1935 wurden die jüdischen Viehhändler aus Rexingen in ihren Geschäftsgebieten immer stärker unter Druck gesetzt, um ihre wirtschaftliche Existenz kaputt zu machen. Gegen die oft über Generationen gewachsenen Geschäftsbeziehungen ging die NSDAP mit einer aggressiven Pressekampagne vor. In dem stürmerähnlichen Hetzblatt »Flammenzeichen« kam es zu Berichten über Landwirte, die nach wie vor mit jüdischen Viehhändlern zusammenarbeiteten. Auf Tagungen der Ortsbauernführer wurde 1936 mehrfach zum Boykott der jüdischen Viehhändler aufgerufen. Reihenweise nahmen die weit verbreiteten Viehversicherungsvereine Bestimmungen gegen die Aufnahme von Tieren auf, die von jüdischen Viehhändlern gekauft worden waren. Auch der Viehversicherungsverein Rexingen war keine Ausnahme. Seit Frühjahr 1937 verboten Städte und Gemeinden den jüdischen Viehhändlern den Besuch ihrer Viehmärkte und stellten judenfeindliche Tafeln oder Transparente auf. Aufgrund der »Verordnung über den Handel vom Vieh« vom 25. Januar 1937 mussten schließlich die meisten Betriebe eingestellt werden.

Durch die rückgängigen Einkommen war eine zunehmende Zahl jüdischer Familien auf ihre Ersparnisse angewiesen und fing an zu verarmen. Im Winter 1935/36 wurden in Rexingen bereits 37 Personen, das waren 14,4% der Gemeinde, von der »Jüdischen Winterhilfe« mit Kohlengutscheinen und Lebensmitteln unterstützt. Im Winter 1936/37 bemühte sich vor allem der auf örtlicher Ebene bestehende Wohltätigkeitsverein, die größer werdende Not zu lindern. 1937 begannen immer mehr jüdische Familien aus Rexingen in die USA auszuwandern, die sich nach langer Zurückhaltung endlich für jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich zu öffnen begannen.

1935 kam es in der jüdischen Gemeinde zu einem Generationswechsel. Einige ehrwürdige Männer der Gemeinde mussten zu Grabe getragen werden: Rudolf Löwengart (1863-1935), langjähriger Gemeindevorsteher, Alfred Levi (1879-1935), Kohlenhändler und Mazzoth-Händler und Max Landauer (1870-1935), Vorsitzender der »Chewra Gemiluth Chesed«. In den Gemeindevorstand rückten nun überwiegend Mitglieder des Jugendbundes ein: Sally Lemberger (1901-1960), Willy Wälder (1880-1944), Viktor Neckarsulmer (1902-1976), Willy Preßburger und Alfred Preßburger. Zum Vorsitzenden wurde Willy Preßburger gewählt, ein selbstbewusster Mann, der sich als mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneter Kriegsteilnehmer nichts gefallen ließ und deshalb im Jahr 1933 auch für einige Tage in Schutzhaft war.

Über organisierte Gruppenauswanderungen, vor allem nach Palästina, wurde in der jüdischen Öffentlichkeit in dieser Zeit viel diskutiert. Der Gedanke beruhte auf der zionistischen Programmschrift »Der Judenstaat« von Theodor Herzl aus dem Jahr 1896: »Wo wird man uns denn mögen, solange wir keine eigene Heimat haben? Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreißen. Nein, indem wir sie mit ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden übersetzen ... Unsere Leute sollen in Gruppen auswandern. In Gruppen von Familien und Freunden ... Jeder Ort bildet seine Gruppe ... Jede Gruppe hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht.«

In der nordwürttembergischen Landjudengemeinde Niederstetten wollte auf diese Art und Weise Max Stern (1879-1943) mit seiner Gemeinde nach Palästina übersiedeln. Dort lebten 1936 noch 81 jüdische Einwohner. Der Oberrat der Israeliten in Württemberg riet allerdings davon ab: »Zur Panik gebe es keinen Anlaß.« Daraufhin wurde der Plan fallen gelassen. In Rexingen bestanden wegen der günstigeren Altersstruktur und größeren Bevölkerungszahl von Anfang an wesentlich bessere Erfolgsaussichten für ein derartiges Vorhaben als in Niederstetten.

Seit Ende 1935 waren die am Schabbatabend stattfindenden Treffen des Jugendbundes vor allem der Palästinakunde gewidmet. Auch ein Neuhebräischkurs wurde wieder angeboten. Zur Förderung der Einwanderung deutscher Juden nach Palästina, in der die zionistische Bewegung einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des Landes sah, erschien in dieser Zeit eine Fülle von Büchern und Broschüren über Themen aller Art. Besonderes Interesse dürften in Rexingen die Veröffentlichungen über die jüdischen Dörfer in Palästina gefunden haben, in denen nach neuesten Methoden Landwirtschaft und Viehhaltung aufgebaut wurden. Zur regelmäßigen Information über das Geschehen in Palästina wurde die von der »Zionistischen Vereinigung für Deutschland« herausgegebene »Jüdische Rundschau« gelesen. In Rexingen konnte man sich außerdem bereits am 23. Dezember 1934 mit einem von Arthur Löwengart gedrehten Film über eine Palästina-Reise ein besonders anschauliches Bild von Land und Leuten machen.

Von dem im Aufbau begriffenen Land ging damals eine immer größer werdende Faszinationskraft und Hoffnungswirkung aus. Nach zweitausend Jahren Diaspora begann der alte jüdische Traum von einer Rückkehr in das Land der Väter wahr zu werden. Vor allem die jüdische Jugend begeisterte sich für Erez Israel und schloss sich den zionistischen Pionierorganisationen an. Die Einwanderung nach Palästina war trotz einer von der britischen Mandatsmacht kontrollierten Einwanderungspolitik zunächst wesentlich einfacher als in die USA.

Bis 1936 fanden 34.700 jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich eine neue Heimat in Palästina und konnten sich dort meistens gut eingliedern. In dem vergleichsweise kaum von der Weltwirtschaftskrise betroffenen Land löste die als »Fünfte Alijah« bezeichnete Einwandererwelle einen starken Wachstumsschub aus. Zum ersten Mal kamen in großer Zahl mittelständische Einwanderer in das Land und leisteten bedeutende Beiträge zu seinem wirtschaftlichen Aufbau. Erst der Beginn der Araberunruhen im Jahr 1936 begann den Aufschwung des Landes zu beeinträchtigen.

Zur Bearbeitung von Einwanderunusanträgen aus dem Deutschen Reich hatte die »Jewish Agency« bereits 1924 ein »Palästina-Amt« in Berlin eingerichtet. Die vom »Palästina-Amt« in mehreren Auflagen herausgegebene Broschüre »Alijah« war ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk und Werbeinstrument. Dr. Paul Tänzer, der die Zweigstelle Stuttgart des »Palästina-Amtes« leitete, schrieb im Herbst 1935 in der »Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs« über die Perspektiven für die Einwanderer: »Palästina ist heute das einzige Land, in das Juden aus Deutschland mit der Aussicht einwandern können, sofort Arbeit und ein auf Dauer berechnetes freies Leben zuführen ... Das wird klar, wenn man weiß, in welch kümmerlichen, selbst unerträglichen Zuständen meist die Menschen leben, die als Emigranten in europäische Länder kommen, und welch geringe Zahl sich in außereuropäischen Ländern niederlassen konnte.«

Im Verlauf des Jahres 1936 nahm eine Gruppe jüngerer Leute in Rexingen mehrere Kontakte auf, um die Frage zu prüfen, ob sie gemeinsam nach Palästina auswandern könnten. Die erste Antwort war allerdings ernüchternd. Da die Rexinger keiner zionistischen Pionierorganisation angehörten, wurde eine Prüfung ihres Vorhabens grundsätzlich abgelehnt. Auch von Dr. Manfred Scheuer (1893-1983), Rechtsanwalt in Heilbronn und Vorsitzender des Gruppenverbandes Württemberg der »Zionistischen Vereinigung für Deutschland«, bekamen sie keine ermutigendere Antwort. Er empfahl ihnen aber, an einem am 21. März 1937 in der Synagoge in Stuttgart stattfindenden Vortrag von Dr. Mark Wischnitzer (1882-1955) vom »Hilfsverein der deutschen Juden« über »Siedlungsmöglichkeiten in Übersee« teilzunehmen.

Der Referent berichtete über seine Eindrücke bei einer im letzten Jahr gemachten Reise nach Afrika, die ihn nach Südafrika, Rhodesien und Kenia geführt hatte. Dort stellte er das Problem der ungesunden Berufsstruktur der jüdischen Auswanderer fest: »Sowohl in den genannten Ländern als auch in den Staaten Südamerikas sei für Kaufleute, Vertreter, Reisende und Akademiker, insbesondere ohne genügende Sprachkenntnisse, kein Platz. Gesucht werden dort Menschen für die Landwirtschaft, gut ausgebildete Handwerker und Techniker ... Es bestehe die Möglichkeit, Menschen mit unbeugsamer Willenskraft und Anpassungsfähigkeit in 3 Kontinenten, Mittel- und Südamerika, Afrika und Australien, in klimatisch geeigneten Gebieten und günstigen Bedingungen anzusiedeln.«

Konkret erläuterte er schließlich einen Plan für eine Gruppenansiedlung in Costa Rica mit Unterstützung amerikanischer Juden. Interessenten konnten sich beim »Hilfsverein der deutschen Juden« melden.

In der im Anschluss an den Vortrag stattfindenden Besprechung blieb die Gruppe bei ihrer Entscheidung für Palästina. Dr. Manfred Scheuer erinnerte sich später, dass Alfred Preßburger dabei erklärte, »sie wollten gerade das: ins Land der Väter, ins Erez Awotejnu, wollten die Rückkehr nach Jeruschalijim, nach Jerusalem.« Die Einmütigkeit der Rexinger beeindruckte Dr. Manfred Scheuer nachhaltig und ließ ihn das Rexinger Projekt nun doch mit anderen Augen sehen.

Die jüdische Einwanderung nach Palästina wurde seit 1924 von der britischen Mandatsmacht jeweils nach der aktuellen Lage des Landes gesteuert. Die in der Zeit des Nationalsozialismus geltende gesetzliche Grundlage waren das Einwanderungsgesetz (»Immigration Ordinance«) und die Ausführungsbestimmungen (»Regulations«) vom 31. August 1933. Für eine Einwanderung mussten beim »Immigration Department of the Government of Palestine« in Jerusalem als »Zertifikate« bezeichnete Genehmigungen beantragt werden. Die Einwanderer wurden in vier Kategorien eingeteilt: Kategorie A (Einwanderer mit eigenem Vermögen). Kategorie B (Einwanderer mit gesichertem Lebensunterhalt). Kategorie C (Einwanderer mit sicherer Aussicht auf Beschäftigung). Kategorie D (Einwanderer auf Anforderung, das heißt Familienangehörige und Spezialarbeiter).

Die Einwanderung von »Kapitalisten« aus der Kategorie A mit einem Vermögen von mindestens 1.000 Palästinapfund wurde bis Kriegsbeginn unbeschränkt zugelassen. In der Mitte der 1930erJahre wurde für das so genannte »Vorzeigegeld« von 1.000 Palästinapfund ein Gegenwert von 20.000 Reichsmark errechnet. Die Zahl der C-Zertifikate für mittellose Einwanderer wurde dagegen auf Antrag der »Jewish Agency« zweimal im Jahr durch die britische Mandatsmacht in »Labour Schedules« festgelegt und von einer ehrenamtlichen Kommission des »Palästina-Amtes« verteilt.

Bei der Entscheidung über Anträge für C-Zertifikate wurden strenge Maßstäbe angelegt, da im Deutschen Reich die Zahl der Bewerber die Zahl der Zertifikate erheblich überstieg. In der Broschüre »Alijah« gab das »Palästina-Amt« deshalb zu bedenken: »Die Zeit der überstürzten Massenauswanderung ist vorbei. Die Auslese muß sich jetzt strenger denn je den Anforderungen des Landes anpassen. Das Land braucht zunächst dringend Landarbeiter, um ein Gegengewicht gegen das ungesund schnelle Wachstum der Städte zu schaffen ... Der weitaus größte Teil der Zertifikate muß daher denjenigen gewährt werden, die sich ernsthaft und gründlich für ein Leben der Arbeit auf dem Lande vorbereitet haben.«

Nach dem Beginn der Araberunruhen im Jahr 1936 wurde die Ausgabe von C-Zertifikaten immer stärker eingeschränkt. Im Sommer 1937 standen der »Jewish Agency« für 40 Länder nur noch 400 so genannte »Samuel-Zertifikate« zur Verfügung, die Sir Herbert Samuel von der englischen Hilfsorganisation »Council for German Jewry« in einer Sonderververeinbarung erreicht hatte.

Nach der Besprechung am 21. März 1937 in Stuttgart informierte Dr. Manfred Scheuer die »Reichsvertretung der deutschen Juden« über die Gruppe aus Rexingen. Dort begann sich Dr. Franz Meyer (1897-1972) mit der Sache zu beschäftigen. Bei einem Besuch in Rexingen stellte ihm Manfred Weil am 12. April 1937 den Gedanken einer Gruppenauswanderung vor. In der »Reichsvertretung der deutschen Juden« wurde die einzigartige cChance dieses Planes erkannt und von dem aus Württemberg kommenden geschäftsführenden Vorsitzenden Dr. Otto Hirsch (1885-1941) mit großer Hilfsbereitschaft gefördert.

In einer Aktennotiz hielt Dr. Franz Meyer fest: »Der gestern durchgeführte Besuch in der Jüdischen Gemeinde Rexingen bei Horb in Württemberg ergab, daß dort zweifellos das beste Siedlermaterial vorhanden ist, das bisher überhaupt in Deutschland gefunden werden konnte ... Vor allen Dingen machen die Frauen einen ausgezeichneten Eindruck.« Bis zur Auswanderung sei eine Betreuung durch einen »Palästinajuden« der zionistischen Pionierorganisation »Hechaluz« empfehlenswert, eine als »Hachschara« bezeichnete Vorbereitung sei aber nicht erforderlich, »da die beruflich weit mehr können als der Durchschnitt unserer Zertifikatsempfänger.«

Problematisch erschienen Dr. Franz Meyer vor allem der Verkauf der Häuser und Grundstücke wegen der geringen Nachfrage und die Mitnahme der nicht mehr arbeitsfähigen Eltern. Bei den Häusern käme vielleicht ein Tausch gegen Häuser der aus Palästina zurückkehrenden Templer in Frage. Die Templer waren eine im 19. Jahrhundert aus Württemberg ausgewanderte christliche Glaubensgemeinschaft, die in Palästina mehrere landwirtschaftliche Mustersiedlungen errichtet hatte. Viele Templer gehörten der NSDAP-Auslandsorganisation an und wurden nach Kriegsbeginn von den Engländern in Australien interniert. Zusammenfassend urteilte Dr. Franz Meyer: »Nach meinem Eindruck wären die Leute ein sehr geeignetes Siedlungselement für die obergaliläischen Kolonien, weil sie ja gerade mit Viehzucht besonders gut Bescheid wissen.«

In der mitunter legendenhaften Geschichtsschreibung von Shavei Zion wurde dieser erste Besuch von Dr. Franz Meyer in Rexingen ziemlich farbig ausgemalt: »Die Männer, die da zur Verhandlung erschienen, waren Bauern von einer Urwüchsigkeit, die jeden Zweifel an ihrer Erdverbundenheit ausschloss. Ihre Kleider und Rohrstiefel waren mit Dreck verspritzt, die Hände, der Stallgeruch wiesen auf Ackerbürger, die keine Zeit hatten, sich zu putzen, selbst wenn man aus Berlin zu ihnen kam. Es war als Bluff gemeint ...« Dr. Franz Meyer rückte später zurecht, dass man die Rexinger zu keiner Zeit für »Erzbauern« gehalten habe: »Sollten damals irgendwelche Kandidaten einen Scherz versucht haben, so ist der bei der Gegenseite weder positiv noch negativ bemerkt worden.«

Am 26. Mai 1937 kam Dr. Siegfried Förder von der Siedlungsgesellschaft »Rural and Suburban Settlement Corporation« (RASSCO) in Palästina nach Rexingen, um die Gruppe ebenfalls in Augenschein zu nehmen. Auch auf ihn machten die Rexinger einen guten Eindruck. Als Hauptproblem einer Gruppenauswanderung erkannte er, dass jeder einzelne zur gleichen Zeit seine Vermögensliquidation abgeschlossen haben müsse, um das erforderliche »Vorzeigegeld« in der Hand zu haben. Derzeit kämen durch acht Familien etwa 130.000 Reichsmark zusammen, die diese Summe noch mit einem Zusatzkredit des »Council of German Jewry« auffüllen könnten.

Bei dieser Besprechung wurde ein Plan zur Gründung einer Genossenschaft mit einem bis dahin in Palästina unbekannten Konzept erörtert: »Der Boden und auch das Eigentum an den Einrichtungsgegenständen soll der Genossenschaft gehören. Alle Mitglieder der Siedlung erwerben Genossenschaftsanteile entsprechend dem ihnen zur Verfügung stehenden Pfundbetrag ... Jedes Mitglied der Genossenschaft erhält dann vorweg seinen bestimmten Arbeitslohn; ein etwaiger Überschuss wird entsprechend dem Genossenschaftsanteil verteilt.« Trotz Einwänden von Dr. Siegfried Förder gegen dieses Konzept ließen sich die Rexinger davon nicht abbringen. In seinem Abschlussbericht sprach er sich dafür aus, das Vorhaben zu verwirklichen. Als Siedlungsgebiet kamen seiner Auffassung nach Jokneam, Chajim oder Gan Schomron in Frage. Zur Prüfung der Erfolgsaussichten empfahl er die Ausarbeitung einer Machbarkeitsstudie.

Trotz des großen Interesses, das ihnen entgegengebracht wurde, fiel es den Rexingern nicht leicht, ihr Vorhaben zu verwirklichen. Die meisten jüdischen Familien wollten sich auf den kühnen Plan, in ein von Unruhen erschüttertes Land einzuwandern, nicht einlassen. Außerdem bestanden bei vielen, die bisher als selbstständige Geschäftsleute gearbeitet hatten, erhebliche Bedenken vor einer Genossenschaftssiedlung. Die USA erschienen der Mehrheit deshalb als besseres und sichereres Land für das zukünftige Leben. Einige Juden warteten auch zu lange mit ihren Entscheidungen und konnten sich dann nicht mehr anschließen. Wegen dieser unterschiedlichen Auffassungen blieb der Gedanke, das ganze Dorf nach Palästina zu verpflanzen, letztlich Stückwerk. Im Rückblick beschrieb Dr. Franz Meyer die Rexinger anschaulich so: »Die Menschen waren ein schwerer, bäuerlich eingestellter Typ, langsam in ihren Entschlüssen, misstrauisch gegen jeden an sie herangetragenen Vorschlag und eifrig darauf bedacht, ihren Vorteil zu wahren.«

Aufgrund der oft widerstreitenden Interessen, aber auch wegen der schlechter werdenden Nachrichten aus Palästina gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Nach dem am 7. Juli 1937 veröffentlichten Bericht einer britischen Untersuchungskommission (»Peel-Bericht«) sollte das Land zwischen Arabern und Juden geteilt und die weitere Einwanderung von Juden drastisch verringert werden. Der jüdische Teil sollte sich auf Galiläa und die Küstenebene beschränken. In Rexingen riet daraufhin ein Redner von der Einwanderung nach Palästina ab. Im »Palästina-Amt« wollte man die Sache bereits aufgeben. Auf ausdrückliche Intervention von Dr. Otto Hirsch setzte Dr. Franz Meyer seine Beratungstätigkeit fort.

In Rexingen arbeiteten die führenden Köpfe der Gruppe Alfred Preßburger, Viktor Neckarsulmer, Sally Lemberger und Manfred Weil weiter an ihrem Plan. Dr. Manfred Scheuer hatte für das neue Rexingen auch bereits einen Namen gefunden: »Malchutia«. Seine Wortschöpfung war der Versuch, den Namen Rexingen, dessen Herkunft er irrtümlich auf das Lateinische »rex« für »König« zurückgeführt hatte, mit einer Ableitung vom hebräischen »Melech« für »König« zu übersetzen. Die Rexinger übernahmen diesen Vorschlag, da sie sich als überzeugte Juden ihren neuen Heimatort als »Gottesreich« auf der Grundlage jüdischer Lehre und Tradition vorstellten.

Die bevorstehende Flucht war für die sich auf die Auswanderung vorbereitenden Juden in Rexingen zweifellos auch eine bewegende religiöse Erfahrung. In den erhalten gebliebenen Quellen ist darüber zwar kaum etwas festgehalten worden, man kann aber doch davon ausgehen, dass die Erinnerung an den Exodus aus Ägypten beim Pessach- und beim Laubhüttenfest die Erfahrung des Exodus aus Rexingen nachhaltig geprägt hat.

Bei den Kontakten mit den verschiedenen Institutionen und Organisationen wurde das nun federführende »Israelitische Vorsteheramt Rexingen« von dem ehrenamtlich tätigen Dr. Paul Tänzer unterstützt. Da sich in Rexingen keine weiteren Siedler gewinnen ließen, begann im ganzen süddeutschen Raum die Suche nach weiteren Interessenten. »Ich erinnere mich an einen heißen Tag, den wir in Nürnberg verbrachten«, schrieb Dr. Franz Meyer später, »wo wir an einem Sonntag 16 Stunden in dem Schulzimmer der jüdischen Gemeinde saßen und die Personalien von Dutzenden Familien aufnahmen, die von Regensburg, Maßbach und noch von weiter zu dieser Versammlung gekommen waren.«

Besonders interessiert waren die Rexinger, ihren ehemaligen Lehrer Wolf Berlinger für ihr Vorhaben zu gewinnen, der vom 12. April bis 18. Juli 1937 im Landwerk Steckelsdorf bei Rathenow in Mecklenburg arbeitete. Dort befand sich ein so genanntes »Mittleren-Hachschara-Zentrum« der zionistischen Pionierorganisation »Brit Chaluzim Datum«, in dem jüdische Jugendliche auf die Einwanderung nach Palästina vorbereitet wurden. Bei der Abschiedsfeier von Dr. Manfred Scheuer, der sich auf den Weg nach Palästina machte, sprachen die Rexinger am 20. Juni 1937 zunächst mit den Schwiegereltern und einem Bruder von Wolf Berlinger. Am 22. Juni 1937 richtete daraufhin das Gemeindevorsteheramt einen offiziellen Brief an ihn, um ihn über den Plan einer Gruppenauswanderung zu informieren. Wolf Berlinger antwortete schnell und zeigte großes Interesse an einer Beteiligung. »Wenn Du dabei bist, kann es überhaupt nicht schiefgehen«, freute sich Manfred Weil.

Nach einem am 3. Juli 1937 stattfindenden Vortrag von Dr. Hugo Kern aus Heilbronn über »Landwirtschaftliche Siedlungen in Palästina« wurden am 4. Juli 1937 bei einer großen Besprechung aller Interessenten die Vorverträge zur Gründung der Genossenschaft abgeschlossen. Außerdem wurde Dr. Manfred Scheuer die Vollmacht erteilt, den Hauptvertrag mit der RASSCO in Palästina zu unterzeichnen. Zunächst sah alles ganz Erfolg versprechend aus. Durch 24 »Kapitalisten« schienen zwischen 400.000 und 500.000 Reichsmark für die geplante Genossenschaft zusammen zu kommen. »Wenn das Konto beim Palästinaamt voll einbezahlt ist,« scherzte Manfred Weil in einem Brief an Wolf Berlinger, »fahre ich extra hin, um zu schauen, wie diese Zahl in Wirklichkeit aussieht!!!«

Am 12. August 1937 kam eine Gruppe aus Rexingen am Rande des 20. Zionistenkongresses in Zürich mit Dr. Siegfried Förder und Dr. Ludwig Pinner von der RASSCO zusammen, um den Siedlungsplan und den Vertragsabschluss zu besprechen. Mit Dr. Franz Meyer, der in Konstanz auf eine Erlaubnis der Gestapo zum Besuch des Zionistenkongresses wartete, besprachen die Rexinger die Grundzüge ihrer neuen Siedlungsform: »Ich konnte damals nicht ahnen, dass die so leicht verständliche Formel: Haus, Familie und Hauswirtschaft - individuell, Dorfwirtschaft - kollektiv, die Grundformel des Kfar Schitufi werden würde, derjenigen Siedlungsform, die nach der Staatsgründung von der Mehrzahl der neuen aufs Land gehenden Leute bevorzugt wurde.«




Alfred Preßburger auf der »Galiläa« bei der Kundschaftsreise nach Palästina im Herbst 1937.

Die RASSCO ging bei der Besprechung in Zürich von 25 »Kapitalisten« als Rückgrat der zukünftigen Siedlung aus. Die von jedem »Kapitalisten« aufzubringenden 1.000 Palästinapfund sollten in drei Raten von November 1937 bis März 1938 eingezahlt werden. Für die jungen, noch ledigen Leute, die sich ebenfalls beteiligen wollten, aber nur wenig einbringen konnten, wollte man so viele C-Zertifikate wie möglich erreichen. Die RASSCO sagte die Aufstellung eines Wirtschaftsplanes und die Übernahme aller Vorbereitungen zu, um nach dem Ende der Regenzeit im kommenden Frühjahr mit dem Aufbau der Siedlung beginnen zu können. Für die endgültige Regelung der Formalitäten und zur Besichtigung in Frage kommender Siedlungsflächen sollten Vertreter der Gruppe nach Palästina reisen.

Zur Information über den aktuellen Stand der Dinge und zur Unterschrift unter die Verträge wurden die nächsten Besprechungen am 12. September 1937 in Würzburg und am 13. September 1937 in Rexingen festgesetzt. Wegen möglicher Beschränkungen der A-I-Zertifikate und ebenso denkbarer Erhöhungen des »Vorzeigegeldes« wurde dringend zu baldigen Entscheidungen und zügigen Einzahlungen geraten. Im Sommer 1937 fanden ständig weitere Besprechungen mit den Mitarbeitern der »Reichsvertretung der deutschen Juden«, des »Palästina-Amtes« und der RASSCO in angespannter Atmosphäre statt.

Am 5. September 1937 schrieb Manfred Weil an Wolf Berlinger: »Wie schade, lieber Wolf, dass wir Dich nicht von Anfang an hier hatten, bedenke doch, wenn Du der Rufer hier gewesen wärest, dann wäre die ganze Gemeinde gefolgt & wir hätten nicht soviel fremdes Blut gebraucht. - Aber es ist vielleicht besser so, denn die Auswärtigen haben zum großen Teil einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht & ist es vielleicht besser mit ihnen auszukommen wie mit hiesigen sog[enannten] Kapitalisten ... möge uns doch bald unser Wunsch als freier Mensch auf freier Scholle im heiligen Land erfüllt werden.«

Vom 22. September bis 19. Oktober 1937 reisten Alfred Preßburger, Manfred Weil und der gebürtige Rexinger Julius Fröhlich (1896-1963) aus Tuttlingen als »Kundschafter« der zukünftigen Siedlung »Malchutia« nach Palästina. Zusammen mit Dr. Manfred Scheuer und Isidor Löwengart (1900-1962) aus Rexingen, der bereits im Frühjahr 1937 über Schweden nach Palästina gekommen war, besichtigten sie Böden in der Sharon Ebene und in Westgaliläa. Sie entschieden sich für Westgaliläa. Am 15. Oktober 1937 traf in Rexingen ein Telegramm mit der Nachricht über die Unterzeichnung des Vertrages mit der RASSCO ein. Die Freude über den anscheinend erreichten Durchbruch erwies sich aber als verfrüht.

Erneut traten Meinungsverschiedenheiten auf. Das Projekt drohte zu scheitern, da einige »Kapitalisten« absprangen und einige mit ihrer Zustimmung zögerten. Entgegen ihrer ursprünglichen Ankündigung konnte die Gruppe keine 140.000 Reichsmark, sondern nur 80.000 Reichsmark bis Jahresende zusagen. Das »Palästina-Amt« sah sich daraufhin am 25. Oktober 1937 zu einem sehr eindringlichen Brief veranlasst. Eine weitere Chance, nach Erez Israel zu kommen, sei unwahrscheinlich: »Nur das Zusammenarbeiten von Euch allen gibt jedem Einzelnen die Chance, hinüberzukommen und sich dort anzusiedeln. Und es sollen nicht diejenigen unter Euch, die über etwas mehr Geld verfügen als die anderen, annehmen, dass sie für sich selbst Möglichkeiten finden, wenn die Gruppe im ganzen auseinanderfällt ... Entschließt Ihr Euch jedoch, dem Plan treu zu bleiben, so werdet Ihr gewiss kein Paradies in Palästina vorfinden; wo gibt es noch für Juden ein Paradies, in dem sich ein bequemes Leben ohne Arbeit und Risiko führen lässt? Aber Ihr könnt sicher sein, dass alle zuständigen Stellen in Palästina und Deutschland das lebhafteste Interesse an Eurer neuen Siedlung nehmen und Euch von Anfang bis Ende jede Unterstützung geben werden, die in ihren Kräften steht.«

Alfred Preßburger schrieb am 31. Oktober 1937 an Wolf und Margalith Berlinger: »Alle Instanzen, hier wie dort, arbeiten fieberhaft an dem Gelingen unser[er] Sache. Wir haben uns die Mission leichter vorgestellt & sehen uns heute vor die Tatsache gestellt, daß noch verschiedene Schwierigkeiten behoben werden müssen.« Nach einigen Absagen mussten innerhalb kürzester Zeit neue »Kapitalisten« für das Projekt gesucht werden. Das »Palästina-Amt« riet deshalb in dieser unklaren Situation vorerst davon ab, die Häuser und Grundstücke zu verkaufen.

Am 16. November 1937 waren schließlich 16 »Kapitalisten« bereit, den Vertrag mit der RASSCO zu unterzeichnen: Alfred Preßburger (Rexingen), Manfred Weil (Rexingen), Julius Fröhlich (Tuttlingen), Adolf Klein (Veitshöchheim), Sigwart Oberndörfer (Creglingen), Siegfried Weil (Bad Mergentheim), Samuel Kahn (Rieneck), Isak Stein (Ludwigsburg), Max Marx (Ludwigsburg), Josef Stein (Freudental), Ludwig Marx (München), Hermann Kasriel (Hallenberg), Karl Lemberger (Horb), Isidor Lemberger (Rexingen), Dr. Manfred Scheuer (Palästina) und Ludwig Alsberg (Palästina). Alle Unterzeichner wurden nun zur sofortigen Liquidierung ihres Vermögens aufgefordert.

80.000 Reichsmark mussten bis zum 30. November 1937, die restlichen 320.000 Reichsmark bis zum 31. März 1938 auf die Transferkonten eingezahlt werden. Der direkte Kapitaltransfer ins Ausland wurde bereits am Ende der Weimarer Republik verboten. Die »Jewish Agency« schloss deshalb 1933 ein Abkommen mit der Regierung des Deutschen Reiches. Zur Abwicklung des Kapitaltransfers wurde das »Trust and Transfer Office Haavara« mit Sitz in Tel Aviv gegründet. Die von der Devisenbeschaffungsstelle genehmigten Beträge wurden auf ein bei der Reichsbank eingerichtetes Sonderkonto zugunsten der »Haavara« eingezahlt. Mit diesem geld wurde der Import deutscher Güter nach Palästina bezahlt. Die Einzahler erhielten den entsprechenden Gegenwert in Palästinapfund von der »Haavara« gutgeschrieben. Auch nach dem Abschluss des Vertrages mit der RASSCO bestanden nach wie vor Probleme. Sorgen bereitete vor allem die Aufnahme der Eltern der Siedler, die sie später nachholen wollten. Außerdem war noch unklar, ob es gelingen würde, die beantragten zehn C-Zertifikate für die jungen Leute zu bekommen. Die Rexinger verhandelten hartnäckig. Dr. Paul Tänzer warnte deutlich: »Man darf bei der ganzen Angelegenheit die Geduld der beteiligten Stellen nicht zu sehr auf die Probe stellen. Das Palästina-Amt, die Jewish Agency, die Rassco etc. haben das Menschenmöglichste getan. Wenn zu große Schwierigkeiten entstehen, besteht die Möglichkeit, dass die ganze Sache noch scheitern wird und unübersehbare Schadenersatzansprüche entstehen.«

Wolf Berlinger wurde indessen unruhig. Manfred Weil beruhigte ihn am 28. Dezember 1937 in einem Brief: »Von einer Mutlosigkeit kann bestimmt keine Rede sein, 100 M[eter] vor dem Ziel werden wir die Sache nimmer fallen lassen, wie damals jener. Also, lieber Wolf, es wird werden & übers Jahr muss schon die Schachmeisterschaft von Malchutia ausgetragen sein, Scheuer ist ein I a Schachspieler.«

In der Zeit, in der sich die ersten Juden darauf vorbereiteten, bald ihr neues Dorf zu gründen, zeigte sich in ihrem alten Dorf eine immer unverhohlener hervortretende Judenfeindschaft. Bei Familienabenden des Gesangvereins und der Kriegerkameradschaft führte die vereinigte Spielschar der Vereine am 26. Dezember 1937 und 1. Januar 1938 das Theaterstück »Muttertreu« auf. Das »Schwarzwälder Volksblatt« berichtete: »Das Stück führte in seinem Inhalt auf einen Bauernhof, der vom raffenden Juden unter den Hammer gebracht werden sollte und nur durch Einsatz der Mutter für den noch einzigen Sohn vor den gierigen Händen des Juden gerettet werden konnte ... Die vielen Besucher waren alle hoch befriedigt von dem Gebotenen. Es waren wieder einmal schöne und gemütliche Stunden, die allen in guter Erinnerung bleiben werden.«

In Erwartung der bald eintreffenden Zertifikate luden die zukünftigen »Malchutianer« am 6. Februar 1938 zu einem feierlichen Abschiedsgottesdienst in Rexingen ein. Zu diesem Anlass fertigten sie eine im Original nicht erhalten gebliebene Fahne an. Auf der Vorderseite mit dem Symbol des Israelitischen Oberrates in Württemberg stand »Dein Reich ist das Reich der Ewigkeit« (Psalm 145, 13), »Malchutia« und »Auf Wahrheit, Recht und Frieden«. Auf der Rückseite mit dem Davidsstern stand »Wer ist wie Du bei den Göttern, Ewiger« (2. Mose 15, 11) und »Zum Andenken an unsere Alijah im Jahre 5698.«

An der Feier nahmen viele hochrangige Vertreter jüdischer Institutionen und Organisationen teil, unter ihnen alle, die sich für den Erfolg des »Rexinger Projektes« eingesetzt hatten.

Im Namen der Siedlergruppe sprach Wolf Berlinger. In seinen Dankesworten würdigte er besonders Dr. Franz Meyer von der »Reichsvertretung der deutschen Juden« und Walter Tempel vom »Palästina-Amt«, deren Engagement so groß gewesen sei, »als wären sie selbst Rexinger Siedler.« Weiter erinnerte er daran: »Wir wollen den alten Wunsch Herzls erfüllen, eine dorfweise Umsiedlung. Wie die Pflanze mit allen Würzelchen & Fasern versetzt werden darf, soll auch eine Gemeinde mit all ihren Bindungen & Institutionen nach Erez umgepflanzt werden ... Denn von vorneherein war es die in Rexingen von jeher ausgeprägte Gemeinschaftsidee, die unsere Siedlungsform entstehen ließ, ursprünglich sogar in noch idealistischerer Form ... Allerdings hat die Reibung zwischen Idee und Wirklichkeit manches von den ursprünglichen Plänen verändert, auch besteht heute keine Rexinger Einheitlichkeit mehr ... Wir bekennen es offen, dass ursprünglich nicht die zionistische Idee nach Erez führte, sondern die Macht der Not. - Aber nun sind wir erwacht. - Erez wird unser Schicksal werden & wir stehen 100% zu dieser Entscheidung ... Man hat die heutige Feier Abschiedsfeier genannt, unserer Ansicht nach zu Unrecht. - Keine Abschiedsfeier, sondern eine Feier zur Grundsteinlegung eines Neubaues in Erez feiern wir heute.« Am Ende des allen Teilnehmern unvergesslichen Abschiedsgottesdienstes wurde »Kaddisch« gesprochen und die »Hatikwah« gesungen.

Die erste Gruppe verließ Rexingen am 14. Februar 1938. Von Triest aus fuhr ihr Schiff nach Palästina. Im »Schwarzwälder Volksblatt« wurde dieses Ereignis am Ende eines Berichtes über das Vierzigerfest des Jahrgangs 1897/98 in Rexingen nur kurz erwähnt und bösartig kommentiert: »Am Montag haben eine Anzahl Juden Rexingen verlassen. Ihr Ziel ist Palästina. Wir trauern ihnen nicht nach, sondern fühlen uns beträchtlich erleichtert.« Einige Einwohner dachten wohl tatsächlich so, einige empfanden aber auch Mitleid und Scham. Resi Schwarz (1911-1992), die Ehefrau von Alfred Preßburger, erzählte später einmal: »Auch noch wo wir weggegangen sind 1938, haben Nachbarsleute geweint und haben gesagt: Warum geht ihr fort? Wir tun euch nichts. Die haben es selbst nicht begriffen.«




Die erste Auswanderergruppe auf der »Galiläa« im Frühjahr 1938. Vordere Reihe von links: Ascher Berlinger, Betty Kahn, Sally Krautmann, Sally Lemberger, Margalith Berlinger, Seev Berlinger. Hintere Reihe von links: Siegfried Steinharter, Hermann Gideon, Käthe Lemberger, Leopold Schwarz, Siegfried Schwarz.

Das Umzugsgut wurde in große Holzcontainer verpackt, die man als »Lift« bezeichnete. Die meisten Umzüge wickelte die Spedition »Barr, Moering & Co.« in Stuttgart ab. Die Häuser und Grundstücke wurden zu unterschiedlich fairen Preisen an einheimische und auswärtige Erwerber verkauft. Der Weggang vom Heimatdorf fiel wohl keinem der Auswanderer leicht. Mit den zurück bleibenden Angehörigen und Nachbarn waren viele Sorgen verbunden. Auch der Abschied vom Jahrhunderte alten Friedhof mit den Gräbern aller Vorfahren war schwer. Sally Lemberger schnitzte in die Rinde einer Buche beim Friedhof die Buchstaben »SL«, das Datum »XIV III.38«, das hebräische Wort »ALIJAH« und einen nach oben gerichteten Pfeil als symbolische Darstellung seines »Aufstiegs« (»Alijah«) nach Erez Israel.

Der Sicherheitsdienst (SD) der SS wertete den Beginn der Gruppenauswanderung aus Rexingen in seinem Lagebericht vom 4. März 1938 als Erfolg des wieder verstärkten Drucks auf die Juden: »Die in den letzten Berichten mehrfach erwähnte Auswanderungs[un]lust unter den Juden in Deutschland, die sich zeitweise sogar zu einer Auswanderungsfurcht verstärkte, konnte in der letzten Zeit durch entsprechende Gegenmaßnahmen in ihrer Auswirkung stark begrenzt werden ... Selbst die Gruppenauswanderung hatte positive Ergebnisse zu verzeichnen. So wanderte beispielsweise aus Rexingen/Württemberg, Kreis Horb, eine Gruppe von 74 jüdischen Siedlern nach Palästina aus, um dort den Grundstein zu einem neuen Dorf zu legen. Weitere Siedler aus dem gleichen Dorf werden ihnen in allernächster Zeit nachfolgen.«

Der Bericht stützte sich auf einen großen Artikel des »Jüdischen Gemeindeblattes für die israelitischen Gemeinden Württembergs« über den Abschiedsgottesdienst vom 6. Februar 1938, machte aber einen Fehler bei der Wiedergabe der Zahl der Auswanderer, die alle als Rexinger bezeichnet wurden. In der Quelle stand nur, sie würden »zumeist aus der Israel[itischen] Gemeinde Rexingen« kommen. Letztlich waren es 41 Männer, Frauen und Kinder aus Rexingen, die sich vor dem Holocaust nach Palästina retten konnten.

Der ersten Gruppe folgten zu unterschiedlichen Zeitpunkten bis nach Kriegsbeginn weitere Flüchtlinge. Der Grund für die spätere Auswanderung war meistens die sich hinziehende Liqudidation von Geschäften, Häusern und Grundstücken. In Rexingen mussten sie am 9. und 10. November 1938 die Schändung ihrer Synagoge und die anschließende Verschleppung zahlreicher Männer in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau erleben. Auf dem Weg nach Erez Israel bewegte wohl alle ehemaligen Rexinger und jetzigen »Malchutianer« ein Gefühl, das Theodor Herzl in seinem Buch »Der Judenstaat« so beschrieben hat: »Wir sollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben.«



Quellen

Der vorliegende Aufsatz beruht vor allem auf den zeitgenössischen Berichten über Rexingen in der »Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs« (Stuttgart) von 1927 bis 1938 und im »Schwarzwälder Volksblatt« (Horb) von 1933 bis 1938. Ergänzend wurden Unterlagen aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg, dem Staatsarchiv Sigmaringen, dem Diözesanarchiv Rottenburg, dem Gemeindearchiv Shavei Zion und dem Ortsarchiv Rexingen einbezogen. Außerdem wurden verschiedene Interviews mit Zeitzeugen ausgewertet, die Barbara Staudacher, Heinz Högerle und der Autor in den letzten Jahren geführt haben. Eine Textfassung mit vollständigem wissenschaftlichem Apparat kann im Ortsarchiv Rexingen und im Gemeindearchiv Shavei Zion eingesehen werden.



Literatur

ALBRECHT, FRIEDRICH: Die Bedeutung des Viehhandels in der deutschen Viehwirtschaft, Berlin 1939.

Alijah. Informationen für Palästina-Auswanderer. Herausgegeben vom Palästina-Amt der Jewish Agency for Palestine, Berlin 1936.

BENZ, WOLFGANG (Hrsg.): Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 19964.

Bericht über Palästina. Schocken Verlag, Berlin 1937.

Die jüdische Emigration aus Deutschland 1933-1941. Die Geschichte einer Austreibung. Hg. von der Buchhändler GmbH, Frankfurt am Main 1985.

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HERZL, THEODOR: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Zürich 1997.

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