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Autor: Gaschke, Susanne.

Titel: Klick. Gegen die digitale Verdummung. Vorwort.

Quelle: Klick. Gegen die digitale Verdummung. Freiburg 2009, S. 7-16.

Verlag: Verlag Herder.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.



Susanne Gaschke

Klick. Gegen die digitale Verdummung.

Vorwort

Dieses Buch handelt vom Internet und von der neuen digitalen Kultur, die uns dieses Medium gebracht hat. Es ist der Versuch einer Auseinandersetzung mit dem, was über das Netz gesagt und geschrieben wird von all denen, die damit große Hoffnungen verbinden, darunter Journalisten und Wissenschaftler, Bildungspolitiker und Unternehmer. Ich will versuchen zu belegen, dass diese Hoffnungen mitunter ideologische Züge annehmen, dass sie einer neuen Heilslehre für unsere unglückliche, gehetzte, zerrissene Welt gleichkommen und dass sie mit der neuen Technik die brennende Sehnsucht nach einem „neuen Menschen“ verbinden.

Ich selbst bin sehr skeptisch, ob sich diese Sehnsucht erfüllen wird. Ich glaube nicht, dass das Netz mehr Demokratie, klügere Wissenschaft, verantwortlicheren Journalismus und mehr soziale Gerechtigkeit bringen wird. Und ich meine, einige Anhaltspunkte dafür zu haben, dass die digitale Kultur diesen Zielen an bestimmten Stellen sogar entgegensteht.

Bei amerikanischen Medien gibt es die Politik der „full disclosure“, auf Deutsch würde man vielleicht sagen: der Offenlegung erkenntnisleitender Interessen. Ein Journalist muss zum Beispiel angeben, wenn er früher einmal für einen aktuellen Interviewpartner gearbeitet hat. Ich glaube, dass für dieses Buch die Offenlegung von drei Punkten notwendig ist. Erstens: Ich arbeite bei einem alten Medium, und dann auch noch bei einem besonders „langsamen“, bei einer Wochenzeitung nämlich. Und selbstverständlich habe ich ein Interesse daran, dass es diese alten Medien weiterhin gibt.

Mich stört die Häme, mit der Online-Medien unseren Untergang prophezeihen; mich stört die Sorglosigkeit, mit der Medienunternehmen weltweit sich von Printmedien abwenden. Weil ich Angst um meinen Arbeitsplatz habe? Ja sicher, auch das, aber das ist nur legitim, nicht interessant. Interessant und wichtig ist, dass in der Online-Wende ein Qualitätsproblem steckt. Natürlich könnte man online exakt den gleichen Qualitätsjournalismus machen wie in den alten Zeitungen (wobei man damit immer noch das Komplettangebot einer gedruckten Zeitung abschaffen und eine sehr viel punktuellere Art der Information fördern würde). Aber das ist nicht die Idee, die Online-Joumalismus für Medienunternehmen so trendy macht. Wo immer es geht, möchte man vielmehr die gleichen Werbeeinnahmen wie im Printbereich mit immer weniger und immer billigerem Personal erzielen. Das geht, wenn man nicht mehr alle Artikel von bezahlten und ausgebildeten Journalisten recherchieren und schreiben lässt, sondern möglichst viel user generated content einbezieht, also zum Beispiel Internetkolumnen (Blogs), die die Nutzer umsonst zur Verfügung stellen. Das wird als egalitärer Durchbruch verkauft: Endlich kann der Redakteur seine Leser nicht mehr bevormunden! Aber damit fällt eben auch die Garantie für ein Mindestmaß an Professionalität und Sorgfalt weg. Das sich überschlagende Nachrichtentempo des Netzes tut ein Übriges, um guten Journalismus immer schwieriger zu machen, ohne dass die Nutzer durch immer neue updates automatisch zu besserem Verständnis kämen.

Zweiter Punkt der Offenlegung: Eines der Themen, die mich beruflich am meisten interessieren, und für die ich mich, seit ich erwachsen bin, am meisten engagiert habe, ist die Leseförderung. Ich bin fest davon überzeugt, dass es keine zweite Fähigkeit gibt, die für das Zurechtkommen in modernen Gesellschaften so wichtig ist wie das flüssige, souveräne Lesen, Verstehen. und Beurteilen von Texten. Alles andere, vor allem jede „Medienkompetenz“, muss dieser Fähigkeit nachgeordnet sein: Wer nicht lesen, verstehen und beurteilen kann, kann die unermesslichen Informationsmengen im Netz nicht gebrauchen, so einfach ist das. Computernutzung und Fernsehen konkurrieren aber mit Büchern um die Zeit der Kinder und Jugendlichen. Waren 14- bis 19-Jährige 1997 im Durchschnitt nur ein paar Minuten am Tag online, so verbrachten sie 2006 97 Minuten vor dem Computer-Bildschirm - ohne dass ihre Fernsehzeit von ca. anderthalb Stunden täglich sich wesentlich verkürzt hätte. Das sind Stunden, die für die Lektüre fehlen. Der Hoffnung, dass lange Texte dann vielleicht am Bildschirm gelesen werden, darf man sich offenbar nicht hingeben: Viele Studien, zum Beispiel des amerikanischen Experten für Mediaanalyse und Internetseitengestaltung, Jacob Nielsen, legen das Gegenteil nahe.

Elektronische Medien konkurrieren aber mit Büchern nicht nur um Zeit, sondern auch um Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Es geht darum, was Eltern, Bildungspolitiker und Lehrer für wichtig halten, und was sie Kindern als wichtig vermitteln. Dabei hat es in den vergangenen Jahren eine ganz ungute Verschiebung in Richtung der vermeintlich fortschrittlicheren digitalen Angebote gegeben - fast jede Kultusministerin führt die Erfordernisse der „Wissensgesellschaft“ im Munde und hofft, ihnen damit begegnen zu können, dass sie „Schulen ans Netz“ bringt. Die erste, wesentliche Aufgabe von Eltern und Schulen wäre es aber sicherzustellen, dass der Nachwuchs wirklich lesen kann. Und natürlich, dass er nicht das, was Google weiß, für sein eigenes Wissen hält.

Dritte Offenlegung: Ich habe mich als Studentin politisch engagiert, ich bin mit einem Bundestagsabgeordneten verheiratet, und ich habe Politik von der kommunalen bis zur Bundesebene beruflich beobachtet. Die Erfahrungen, die ich dadurch machen konnte, haben mich in zwei Überzeugungen bestärkt. Zum einen glaube ich, dass in einer hochtechnisierten, beschleunigten und arbeitsteiligen Gesellschaft die Idee der repräsentativen Demokratie am besten funktioniert. Sie kann durch Volksbegehren und Bürgerinitiativen, auch durch kritische Berichterstattung beeinflusst und korrigiert werden, und selbstverständlich kann eine intelligente Internetkampagne einem ohnehin erfolgreichen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zu noch mehr Erfolg verhelfen. Aber die Vorstellung, das gesamte amerikanische Volk könne - oder wolle - nun die USA direkt regieren, weil der Präsident eine E-Mail-Adresse für Vorschläge eingerichtet hat, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls der Versuch, eine antiaufklärerische Illusion zu erzeugen.

Zum anderen braucht Politik, die sich nicht nur punktuell auf ein konkret umrissenes Interesse bezieht, nach meiner Beobachtung Nähe, Begegnung, Streit, Diskussion; die Erfahrung, leibhaftig für ein Anliegen zu kämpfen, bei Abstimmungen zu unterliegen, gewählt oder nicht gewählt zu werden, Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu schließen. Das ist eine ganzheitliche Erfahrung, die echter Menschen bedarf, die einander kennen. Sie kann online unterstützt und ergänzt, aber niemals ersetzt werden.

Was dieses Buch nicht ist: Es ist keine Reportage aus den Tiefen der Netzwelt, kein Bericht über Erfahrungen mit Online-Partnervermittlungen oder die lustigsten Videos auf YouTube oder die aufregenden neuen Möglichkeiten für Wahlkampfspendensammler im Netz.

Es ist auch kein technisches Buch darüber, wie das neue Internet zum Mitmachen, das sogenannte Web 2.0, unterhalb seiner einladenden Oberfläche programmiert werden muss, damit Millionen von Nutzern es so leicht bedienen können. Es ist kein Buch, das sich anmaßen könnte, im mathematischen Detail (oder auch nur überhaupt) das Rechenverfahren zu erklären, mit dem die Suchmaschine Google ihre Antwortvorschläge auf eine Anfrage sortiert. Die wenigsten Nutzer könnten das übrigens erklären, und das ist ein zusätzlicher Punkt, der mir interessant und diskussionswürdig erscheint. Innerhalb von zehn Jahren haben sich anderthalb Milliarden Menschen auf der Welt von einer Großtechnologie abhängig gemacht, die das Wesen der Kommunikation verändert wie wenige Erfindungen zuvor. Einer Großtechnologie, die wir zwar alle mehr oder weniger mühelos für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzen können - aber ohne sie zu verstehen. Auch die genaue Funktionsweise eines Atomreaktors verstehen vermutlich die wenigsten von uns, aber mit einem Atomreaktor haben die wenigsten Menschen täglich und direkt zu tun, bei der Arbeit, in der Freizeit, zu Hause und künftig, wenn die neuen Internettelefone und Online-Autos sich ausbreiten, auch unterwegs. Ein großer Teil unseres Alltags, unserer Kommunikation mit anderen Menschen und der Art und Weise, wie wir uns informieren, liegt damit in der Hand von Experten, deren Überlegungen wir kaum nachvollziehen können.

Dieser Umstand stört die Anhänger des Netzes nicht; sie sehen es nurmehr als gesellschaftsverändernde Kraft. In der vollendeten Netzgesellschaft sind alle gleich, alle gut, alle hilfsbereit und zugewandt. Von einer „himmlischen Stadt“ redet ein Netzprophet - und vielen Aufsätzen und Interviews merkt man die Ungeduld und die Vorfreude auf die neuen himmlischen Zustände an. Dazu habe ich im ersten Kapitel einige Beispiele gesammelt. Mich beunruhigt die Lust, die viele Netzbegeisterte an der Vorstellung zu finden scheinen, alte Zustände und Gewissheiten im wirklichen Leben würden nun endlich von einem Sturm der digitalen Erneuerung hinweggefegt. Ein Sturm aber prüft nie besonders sorgfältig, was vielleicht Bestand verdient hätte. Außerdem erinnert diese Rhetorik einerseits sehr an den ideologischen Neoliberalismus mit all seinen gnadenlosen Flexibilisierungsforderungen, andererseits an den Marxismus und alle kompromisslosen Gewissheiten seiner Anhänger.

Typisch für den Diskurs über das Internet scheint mir zu sein, dass seine Protagonisten stets extrem überzeugt auftreten. Skeptiker hingegen sichern sich nach allen Seiten ab und betonen fast immer mit großem Aufwand, was an der neuen Technik selbstverständlich ganz ausgezeichnet ist, bevor sie (zaghafte) Kritik anbringen. Das liegt daran, dass die digitale Entwicklung in der Öffentlichkeit als Inbegriff des wünschenswerten Fortschritts wahrgenommen wird. Wer zweifelt, steht gegen den Fortschritt an sich. Doch die Beschwichtigungsgesten nützen gar nichts. Echte Überzeugte reagieren auf jede abweichende Meinung sehr empfindlich: Wer nicht uneingeschränkt für das Netz ist, ist gegen es. Ein hübsches Beispiel für diese Haltung habe ich in einem Buch der beiden amerikanischen Unternehmensberater Don Tapscott und Anthony D. Williams gefunden (Wikinomics. How mass collaboration changes everything), die dem Netz wirklich alles zutrauen, unter anderem den weltweit solidarisch organisierten Kampf gegen die Klimakatastrophe (von entgegenstehenden Entwicklungsinteressen gewaltiger Nationen sehen sie großzügig ab). Wenn aber das Netz das Klima retten kann, darf man nicht dagegen sein. Doch natürlich werde neuen Paradigmen auch immer misstrauisch begegnet, schreiben Tapscott und Williams: mit Kühle, oder schlimmer noch, mit Spott oder Feindseligkeit. Es ist ein typisches Merkmal des Ideologen, dass er schon „Kühle“ gegenüber seinem Glauben für unzulässig hält.

Ein anderes ideologisches Moment der Netzbewegung ist ihr hermetisches Vokabular: Wer weiß, was Wikis und Blogs sind, Cookies, Router, Tools, Open Source Software und soziale Netzwerke, der kann seine Zugehörigkeit zur Fortschrittspartei nachweisen. Natürlich muss man alle diese neuen Funktionen irgendwie nennen, aber die Begeisterung, mit der dieser Jargon benutzt wird, als ob jeder ihn verstehen müsste, dient in erster Linie der Abgrenzung zu Uneingeweihten.

Dass die Uneingeweihten meistens etwas älter sind als die viel beschworenen digital natives, die „Eingeborenen des Netzes“, die mit der digitalen Technik bereits aufgewachsen sind, liegt auf der Hand. In vielen Artikeln, PR-Veröffentlichungen über die gesellschaftlichen Wohltaten von Software-Unternehmen und in Medienpädagogen-Interviews wird zusätzlich versucht, einen Generationenbruch herbeizureden: Eltern, und vor allem Lehrer bräuchten in den neuen Technologien Nachhilfe von ihren Kindern. Das Ausmaß der rhetorischen Ranschmeisse an die Netzkinder ist mitunter erschütternd - besonders, wenn man sich noch gut an die letzte Diskussionsrunde mit 15-jährigen Schülern erinnert oder sich gelegentlich mit Marktforschung über ihre Interessen befasst. Aber wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft: Das wussten schon andere Großideologen sehr genau. Und im modernen Kapitalismus, mit seinem Jugendkult in Konsum- und Arbeitswelt, gibt es kaum einen tödlicheren Vorwurf als den, jemand sei zu alt, um eine Entwicklung zu verstehen. Wobei in diesem Fall jede Form von Skepsis schon bedeutet, „zu alt“ zu sein.

Anders als beim Marxismus, anders auch als bei den immerhin noch einigermaßen anhand ihrer Interessen zu identifizierenden Verfechtern des Neoliberalismus, ist es bei den Propheten der Netzwelt fast unmöglich, sie als Gruppe zu beschreiben. Alle Arten von Fortschrittsfreunden sind dabei: Barack Obama und die gute alte SPD; Angela Merkel mit ihren Podcasts und die PR-Leute von Microsoft; Kultusbürokraten und Bundestagabgeordnete, Vertreter von Stiftungen, Professoren, Journalisten, Analysten, Unternehmer - alle, die hoffen, entweder Geld zu machen oder ihre Gegner alt aussehen zu lassen oder die tatsächlich glauben, mit der Online-Verbreitung von Klimaschutztipps die Welt retten zu können. Und natürlich viele Menschen, die schlicht Freude an neuem technischem Spielzeug haben.

Ein Merkmal, das viele von ihnen kennzeichnet, ist der Zweckoptimismus: In Bezug auf das Internet nehmen sie grundsätzlich das Beste an. Wenn man das Netz für hoch qualifizierte Recherche und wissenschaftliche Kooperation nutzen kann oder für Online-Exhibitionismus und Sinnloskommunikation, dann reden sie darüber, als hätten alle Nutzer nur Recherche und wissenschaftliches Arbeiten im Sinn. Wenn das Netz eine globale Bürgerbewegung sein kann oder der fürchterlichste kommerzielle Sumpf, dann sehen sie überall nur Emanzipierungsbestrebungen und nirgends die hochwirksame Abrichtung von Konsumenten.

Das Internet kann am besten nutzen, wer dafür die besten Voraussetzungen hat: Lesekompetenz, Urteils- und Konzentrationsvermögen. Die Netzapologeten tun aber so, als seien diese Fähigkeiten in der Technik selbst angelegt. Dabei hätten viele Nutzer es bitter nötig, erst einmal draußen im wirklichen Leben das zu lernen, was ihnen das Netz dann tatsächlich dienstbar machen könnte.

Es gibt einzelne Ausnahmen, aber der Großteil der Netzdebatte wird von Männern bestimmt, und das korrespondiert mit der im Augenblick noch deutlich stärkeren Computernutzung durch Jungen und Männer. Die Frauen holen allerdings auf, und gerade im interessanten Wachstumsmarkt der digitalen Spiele wird dafür auch viel getan. Es ist gut möglich, dass ein gewisser Fanatismus, eine Kompromisslosigkeit im Diskurs durch diese Geschlechterpolarisierung verursacht wird: Auch in der Studentenbewegung, auch bei den Siebziger-Jahre-Dogmatikern waren Männer die Wortführer und Chefideologen. Frauen scheinen, wenn sie nicht gerade einem Guru des einen oder anderen Anliegens verfallen sind, zu etwas moderateren Ansichten zu neigen.

Die Netzkultur begünstigt ein Klima der Jederzeitigkeit. Alles und jeder muss 24 Stunden am Tag verfügbar sein, wir ertragen draußen im Leben keine Pause mehr bei den Ladenöffnungszeiten und drinnen im Netz keine Nachtruhe. Auf die Qualität von E-Mail-Kommunikation scheint das durchaus Auswirkungen zu haben: Die erregtesten, radikalsten Leserbriefe, die pampigsten Zuschriften an Abgeordnete sind jeweils spät nachts abgeschickt. Vielleicht wird in den frühen Morgenstunden das Versprechen fadenscheinig, online nie mehr allein sein zu müssen - und die einsamen Schreiber beschleicht der bittere Verdacht, dass eben doch keine echten Menschen für sie da sind.

So groß der Missionswille der Netzgläubigen sein mag: Es ist keineswegs unmöglich, dagegen eine eigene Sichtweise aufrecht zu erhalten. Dabei geht es um schlichtes Urteils- und Abwägungsvermögen. Genau dieses Vermögen müssen wir uns im Umgang mit den unendlich vielen guten und schlechten Möglichkeiten der digitalen Kultur erhalten. Wichtig und interessant ist für mich vor allem anderen die Frage, ob Leser meine Beobachtungen zur ideologischen Rufladung der neuen Technologie teilen; ob sie meine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen eines blinden Netzglaubens nachvollziehen können. Ich hoffe und vermute es - aber wenn sie es tun, dann bisher jedenfalls eher im Stillen, ohne Bewegung oder Stimme.

Es ist vollkommen klar, dass ein „Ausstieg“ aus den neuen Technologien nur auf vollkommen individueller Basis möglich ist und den Einzelnen dann in der Tat vom größeren Gespräch der Gesellschaft ausschließt. Deshalb wäre ein solcher Ausstieg auch keine „Strategie“, die ich für sinnvoll oder wirksam halte. Aber wir müssen um Diskurshoheit ringen; wir sollten dafür kämpfen, Technik benutzen zu dürfen, ohne sie anbeten zu müssen. Jeder intelligente Erwachsene weiß selbst, wie viel Zeit er hat, wie viel Zeit seine Kinder haben: Auch gegen den technikfreundlichen Mainstream kann man echte zwischenmenschliche Erlebnisse und Bücher ins Zentrum des eigenen Lebens stellen. In der Bildungspolitik geht es um knappe Ressourcen: Geld, Zeit und Aufmerksamkeit. Im Augenblick finden sich die Bücherfreunde und Netzskeptiker in der Defensive, aber natürlich lässt sich das durch Diskussion auch wieder ändern.

Wir werden künftig bewusstere Lebensentscheidungen treffen müssen, gerade in Bezug auf unsere eigenen elektronischen Spuren im Netz: Im Augenblick sind wir selbst es, die uns beim E-Mail-Versenden und Suchmaschinen-Verwenden zu gläsernen Menschen machen. Wer nicht möchte, dass Google weiß, wo er sich gerade aufhält, sollte keins der neuen G1-Google-Telefone benutzen und eben versuchen, den Weg zum Bahnhof ganz traditionell ohne Fremdsteuerung durch ein technisches System zu finden.

Es gibt wenig Gefährlicheres als ideologische Heilsversprechungen, dafür hält gerade die Geschichte der Moderne schreckliche Beispiele bereit. Ich möchte erreichen, dass wir uns den neuen Medien mit einem skeptischen Realismus nähern: Sie können viel, und Menschen können damit viel anrichten, zum Guten und zum Schlechten. Wir werden das besser erkennen, wenn unsere Sicht nicht durch Weihrauch vernebelt ist.

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