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Autor: Dörner, Andreas.
Titel: Politainment versus Mediokratie.
Quelle: Thesenvortrag, Cologne Conference / Medienforum NRW, 21. Juni 2002.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Andreas Dörner
Politainment versus Mediokratie
Apokalyptiker und Integrierte - mit diesem Begriffspaar hat Umberto Eco bereits 1964 zwei typische Umgangsweisen mit kulturellen Entwicklungen bezeichnet. Apokalyptiker, das sind die Mahner und Warner, die dem geschichtlichen Prozess eine geradezu zwangsläufige notwendige Verfallslogik unterstellen. Der Bestand von Kultur schlechthin steht hier auf dem Spiel, und das Indiz für den Niedergang ist die Offenheit für die breite Mehrheit der Bevölkerung. Popularität ist ein direkter Ausweis von minderer Qualität. Die sogenannte Massenkultur, die von Konservativen wie Linken, von Matthew Arnold bis zu Theodor W. Adorno immer wieder an den Pranger gestellt wurde, greift gleichsam den aristokratischen Charakter aller hohen Kultur an.
Sie bedroht damit in den Augen der Apokalyptiker jenes Bessere der Menschheit, das in der hohen Kultur immer wieder aufscheinen könne. Die Integrierten, etwa im Rahmen der Cultural Studies-Bewegung, entwickeln die entgegengesetzte Lesart. Das Populäre ist hier das Gute, das Volksnahe, ja das eigentlich Demokratische und folglich nicht zu verdammen. Die Durchsetzung der Massenkultur erscheint hier als Durchbruch gegen die Tyrannei des guten Geschmacks. Die Verachtung der Massenkultur, so die Kritiker der Kritiker, betreibe letztlich nichts anderes als eine Verachtung der Massen selbst.
Die Beschäftigung mit der zunehmenden Unterhaltungsorientierung der Politik scheint mir an vielen Stellen die alten Topoi der Kulturkritik wieder aufzugreifen. Politainment, wie ich das Syndrom einer engen Verflechtung zwischen Politik und Entertainment nenne, gilt vielen Verfallsverkündern als sicheres Symptom einer breiten Volksverdummung – eines Ausverkaufs der Politik an den Markt und einer Showmaschinerie, deren ureigenstes Ziel die Verblendung der Wähler sei, die wie Opfertiere am Wahlsonntag zu den Urnen geführt würden, um dort im Rausch der Unterhaltung ihr Kreuzchen zu machen. Nun ist es nicht mein Ziel, hier die Position der fröhlichen Marktverkünder und politischen Stimmungskanonen zu vertreten. Aber ich möchte ein Plädoyer dafür abgeben, neben den ohne Zweifel zu bilanzierenden Kosten des Unterhaltungsbooms die positiven Aspekte der Entwicklung nicht zu vergessen.
Bevor ich zu meinen Thesen komme, muss ich eine kurze Gegenstandsbeschreibung geben, damit wir auch wissen, worüber wir hier eigentlich diskutieren. Politianment nämlich besteht immer aus zwei Ebenen, die zusammenspielen und die isoliert voneinander gar nicht verstehbar wären: unterhaltende Politik und politische Unterhaltung. Wenn politische Akteure – Personen, Parteien oder Verbände – in den Fundus der Unterhaltungskultur greifen, um strategisch erfolgreich zu kommunizieren, dann ist das unterhaltende Politik. Sie wird dargeboten vorzugsweise in Wahlkämpfen, gehört aber mittlerweile als Zugriff auf mediale Öffentlichkeitsmacht zum Alltagsgeschäft des politischen Handelns. Politische Unterhaltung dagegen wird von der Kulturindustrie betrieben. Hier benutzt man politische Themen, Ereignisse und Personen dazu, die Angebote interessanter zu gestalten – seien es nun Game-Shows oder Serien, Krimis oder Talkrunden. Ziel ist dabei nicht Meinungsbildung und Überzeugung, sondern Quote und Erfolg am massenmedialen Markt.
Die beiden Ebenen sind eng verflochten und verschmelzen zu einer neuen, fiktionalisierten Realität des Politischen. Die amerikanischen Präsidentenfilme in den 90er Jahren, Politkrimis wie Airforce One und Independence Day, verhalfen Bill Clinton nachweislich zu Popularitätsgewinnen, weil das Heldenimage auf den immer noch jugendlich auftretenden Politiker abfärbte. Und, um ein heimisches Beispiel anzuführen, die FDP inszeniert die aktuellen Bundestagswahlen mit Dolly Buster, bunten Schuhsohlen und Guidomobil als einen Unterhaltungsevent, dessen Vorbilder nicht in der Demokratiegeschichte, sondern in der jüngeren deutschen Fernsehunterhaltung zu suchen sind. Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass in der medialen Erlebnisgesellschaft die Wahrnehmungsmuster der Medienunterhaltung auch zu Wahrnehmungsmustern der Politik geworden sind. Ist damit nun automatisch ein Verfall der Demokratie programmiert?
Ich möchte dazu vor dem Hintergrund meiner eigenen Untersuchungen, die ich im amerikanischen und deutschen Kontext durchgeführt habe, folgende Thesen formulieren:
1. Politik im Unterhaltungsformat stellt immer eine personalisierte und auf einfache Grundkonstellationen reduzierte Wirklichkeit dar. Erzählungen, Anekdoten und pointiert zugespitzte Aussagen bilden hier den Normalmodus des Politischen. In dieser Reduktion liegen zweifellos Verzerrungen und Verkürzungen dessen, was politische Prozesse in der außermedialen Realität kennzeichnet. All das, was sich dem Modus unterhaltender Politikpräsentation nicht fügt, wird in der Regel ausgeblendet. Diesem Manko steht jedoch eine Veranschaulichung und Verlebendigung der politischen Welt gegenüber. Es scheint so, als wenn Komplexitätsreduktion durch Personalisierung in einer unüberschaubar gewordenen politischen Welt geradezu zwingend geworden ist, um Politik für ein Laienpublikum wahrnehmbar zu gestalten. Politainment bewirkt eine Visualisierung des Politischen. Nicht nur Personen, sondern auch Positionen und Konfliktlinien werden etwa in der Talk-Kultur sichtbar gemacht.
Damit ist eine nicht gering zu schätzende Orientierungsleistung für die Zuschauer verbunden. Die relevanten Akteure wiederum, die gesellschaftlichen und politischen Eliten, stehen unter medialer Dauerbeobachtung. Das Publikum ist in der Mediendemokratie gleichsam, wie Thomas Macho formuliert, zum omnipräsenten „Auge Gottes“ geworden, dem nahezu nichts entgeht. Der Prozess der Privatisierung des Politischen, der im vergangenen Sommer bis hin zur Badehose des Bundesverteid igungsministers reichte, hat zudem einen oft übersehen Aspekt. In repräsentativen Demokratien wird auch die Person des Mandatsträgers betont. Insofern scheint es nur konsequent, wenn Wähler sich ein Bild von dem Menschen machen wollen, dem sie ihr politisches Schicksal anvertrauen. Dass dieses Bild kein authentisches, sondern ein inszeniertes Bild darstellt, tut dem nur teilweise Abbruch. Sichtbar nämlich wird in jedem Fall, für was die Person als öffentliche Person einsteht: welche Werte, Lebensführungsmuster und Lebensstile in dieser Biografie und in dieser Medienfigur konkret verkörpert werden. Für Wähler sind dies durchaus wichtige Indikatoren, und mangelnde Glaubwürdigkeit wird, wie im Fall Scharping geschehen, durchaus abgestraft.
2. Der politische Diskurs wird im Politainment ausgesprochen inklusiv gestaltet, weil er auch unterhaltungsorientierte Mediennutzer – das sind immerhin mehr als 30 Prozent in dieser Republik – einbezieht und ihnen eine Teilnahme an gemeinsamer Problemreflexion ermöglicht. Der Marktmechanismus des Entertainment bewirtschaftet Aufmerksamkeiten, setzt Themen und ermöglicht darüber auch die Herausbildung von Konsensbereichen in der öffentlichen Meinung. Politainment ruht dabei immer auf einer Symbiose zwischen Medienmachern und politischen Akteuren auf: Die einen steigern ihre Quoten und Marktanteile, die anderen erreichen einen Teil der Wählerschaft, der über die traditione llen Kommunikationskanäle überhaupt nicht mehr zugänglich wäre.
3. Die emotionale Dimension steht im Unterhaltungsformat ganz im Vordergrund. Die Techniken der Unterhaltung ermöglichen es, das Politische im Modus des Feel Good darzubieten und dadurch eine positive Grundstimmung zu produzieren. Dies kann Entfremdungs- und Ablehnungstendenzen im Sinne der weit verbreiteten Politikverdrossenheit durchaus entgegenwirken. Politainment fungiert so als Stabilisator von politischem Systemvertrauen. Mediales Feel Good ist zwar hochgradig instrumentalisierbar, beispielsweise im Kontext von Wahlkämpfen. Zudem entsteht die ernsthafte Gefahr einer Unterhaltungsfalle, in die zeitweise auch Gerhard Schröder nach seinem entertainisierten Wahlkampf 1998 hineingetappt ist. War er zunächst mit Auftritten in der Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten und andere, hollywoodreife Inszenierungen ins Kanzleramt gelangt, machte sich im Frühjahr 99 nach schlechter Sachpolitik deutliche Katerstimmung breit. Die Fiktionalisierung des Politischen im Modus des Feel Good nämlich kann Erwartungshorizonte aufbauen, die später mit der grauen Realität des politischen Alltags heftig kollidieren. Hier muss von den Akteuren zumindest geduldige Übersetzungsarbeit geleistet werden, damit das Feel Good nicht in den großen Frust der Bürger übergeht. Aber die Wähler sind auch nicht so naiv, die Show für die ganze Wahrheit zu nehmen. Der Medienstar Schröder wurde in Umfragen und bei den folgenden Landtagswahlen durchaus deutlich sanktioniert. Er sagte daraufhin eiligst Auftritte bei Harald Schmidt und der Sportsendung ran ab und bemühte sich fortan um ein stärker seriöses Erscheinungsbild. Mediendemokratie und Verhandlungsdemokratie, so die politikwissenschaftliche Analyse, sind zwei Seiten der einen Medaille. Und nur derjenige, der sich in beiden Kontexten zu behaupten weiß, ist langfristig erfolgreich.
4. Wenn man den Blick auf unterhaltende Politik etwa in Zeiten des Wahlkampfs wirft, sollte man nicht übersehen, dass dies nur die eine Seite des Politainment-Syndroms ist. Ihr korrespondiert nämlich politische Unterhaltung, die von den Medienmachern angeboten wird. Dieser Bereich der Medienöffentlichkeit, der von der politischen Kommunikationsforschung bislang weitgehend ausgeblendet wurde, ohne den aber die Entertainisierung der Politik gar nicht denkbar wäre, prägt den öffentlichen Wahrnehmungsraum der Republik weitgehend mit. In den Unterhaltungsserien werden politische Modellidentitäten dargeboten, die Moralität, Engagegementbereitschaft und Zivilcourage propagieren. Diese Dispositionen erscheinen in der deutschen Serienwelt nicht nur als gut und sinnhaft, sondern auch als spannend und spaßbringend. Die Serien offenbaren ein Bild der Möglichkeit von guter Politik, das in seiner konkreten Anschaulichkeit auch ermutigend wirken kann. Professionell inszenierte Stories verbinden den Feel-Good-Faktor mit alltagsnahen Erzählungen, die uns immer wieder zeigen, dass das Engagement in kleinen Schritten durchaus Früchte trägt. Das Spektrum reicht vom umweltpolitischen Einsatz des Waldarbeiters in der Heimatserie Forsthaus Falkenau bis zur Bürgerinitiative in der Lindenstraße, vom Harmoniemilieu bis zur links-alternativen Szene. Bemerkenswert vor dem Hintergrund der deutschen Tradition erscheint dabei, dass politisches Handeln selbst in der bayerischen Forsthaus-Idylle mit Aktionen zivilen Ungehorsams verbunden ist, das sich nicht länger durch Vorschriften und Vorgesetzte binden lässt, wenn das gemeinwohlorientierte Gewissen Handlungsbedarf anzeigt. Damit aber verliert spätestens hier die Unterhaltungskultur den häufig unterstellten affirmativen Charakter. Republikanismus als politische Identität, wie sie hier propagiert wird, ist immer auch eine kritische und auf Veränderung zielende Identität. Interessant erscheint zudem, dass gerade die Unterhaltungsformate in Deutschland immer wieder den etablierten Politikbetrieb hinterfragen und beim Zuschauer kritische Wachsamkeit einfordern. Das gilt für Dieter Wedels Affäre Semmeling ebenso wie für den Pro Sieben-Thriller Rubikon, der in diesem Frühjahr lief. Parteispenden, Korruption, Erpressung, ja sogar eine Verstrickung politischer Amtsträger in Mafia-Geschäfte werden hier als politischer Alltag decouvriert, der nur durch das mutige Handeln gewissenhafter Bürger zu beenden ist.
5. und letztens kommt die Dimension der politischen Kultur in den Blick. Unterhaltungsöffentlichkeit, wie sie hier beschrieben wurde, stellt ein zentrales Forum zur Vermittlung politisch-kultureller Traditionsbestände und Selbstverständlichkeiten dar. Politainment bietet einen Rahmen zur Inszenierung von „Normalität” und damit auch zur Abgrenzung politischer Legitimität. Dies wird besonders deutlich anhand der zivilreligiösen Behandlung des Alt- und Neonazismus als das schlechthin Böse in der deutschen Kultur. Hier greifen rigide Ausgrenzungsmechanismen, die durch das Bild des Anderen zugleich erlauben, das je eigene genauer zu bestimmen. Der Wertekanon, wie er fast überall in den Unterhaltungsformaten dargeboten wird, bestimmt sich durch eine Vielfalt der Lebensstile und Interessen, durch Multikulturalität und die Anerkennung des jeweils Anderen, durch Integration von Außenseitern und den Einsatz für die Schwachen -allesamt Werte, die für das Zusammenleben einer Großgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung von großer Relevanz sind. Krimis und Serien haben für die Ablehnung autoritärer und antisemitischer Tendenzen in der deutschen Öffentlichkeit weit mehr getan als die offiziöse politische Bildung. Es ist, so viel sollte festgehalten werden, kein Grund für „apokalyptische” Verfallsszenarien gegeben. Im Gegenteil: Gerade die vielgeschmähte Talk-Kultur ist mitverantwortlich dafür, dass heute der Informationsstand und die Beteiligung an den politischen Debatten in der Bevölkerung höher ist als je zuvor. Man kann dies sogar noch weiter zuspitzen, und mit dieser Provokation will ich schließen: Die erbarmungslose Klammer aus Talk und Demografie, aus Dauerbeobachtung und Umfragewerten zwingt den Politikern heute in einem Maße die Berücksichtigung des Wählerwillens auf, wie sie im klassischen Modell der repräsentativen Demokratie kaum denkbar schien. Dem Plebiszit des applaudierenden Studiopublikums korrespondiert das Plebiszit der Meinungsumfragen, wie immer man zu dieser eigentümlich radikaldemokratischen Wende in der Medienkultur auch stehen mag. Mit einfachen Formeln sind diese neuen Realitäten kaum zu fassen. Sie erfordern die konkrete Auseinandersetzung mit den vorfindbaren Phänomenen und eine sorgfältige Reflexion, zu der ich Sie hier und heute gerne einladen möchte.
Dörner, Andreas (2001): Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M.
Dörner, Andreas (2001a): Politik vor dem „Auge Gottes“. Wie Talkshows den politischen Diskurs in der Mediengesellschaft prägen. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 292, 15./16. Dezember 2001, S. 83.
Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera (Hg.) (2002): Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual. Frankfurt/M.
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