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Autor: Brunold, Andreas.

Titel: 'Zeitung in der Schule'. Zu Theorie und Praxis handlungsorientierten Unterrichts.

Quelle: Politische Bildung. Nr.4/1999. Schwalbach 1999. S. 114-128.

Verlag: Wochenschau Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Andreas Brunold

"Zeitung in der Schule". Zu Theorie und Praxis handlungsorientierten Unterrichts.

Schule wie außerschulische Bildung können nicht die Tatsache ignorieren, daß wir in einer von Medien geprägten Welt, in einer "Medien- und Informationsgesellschaft" leben. Dadurch wird die Vermittlung von Medienkompetenz zu einer der zentralen Aufgaben von (politischer) Bildung und Schule.1 Medienerziehung ist eine zentrale schulische Aufgabe im Zusammenhang mit den allgemeinen und verbindlichen Erziehungs- und Bildungsvorstellungen,2 denn mündiger Staatsbürger wird nur derjenige sein können, der sich der Medien in kompetenter Weise bedienen und wirtschaftliche Prozesse zu durchschauen gelernt hat.3 Dazu bedarf es aber vor allem einer längst überfälligen Öffnung der Schulen. Die Zusammenarbeit mit einer Zeitung ist ein geradezu idealer Weg dazu, denn Chancen und Gefahren der Medien können nur dann erkannt werden, wenn Schülerinnen und Schüler den realen und effektiven Umgang mit dem Nachrichten- und Informationsmedium Zeitung kennen. Dazu bedarf es der Differenzierung zwischen Sachverhalt und Meinung, Information und Kommentar. Durch die Reflexion über die Wirkung von Sprache und die dadurch gewonnene kritische Distanz werden wichtige Kompetenzen gewonnen, die mit den Methoden der Projektarbeit vermittelt werden können. Das Schreiben eigener Artikel befähigt zu solchen Kompetenzen.4

1. Medienerziehung als Bildungsarbeit

Angesichts der flüchtigen Medien der Unterhaltungsindustrie, die tagtäglich Jugendlichen ihren Bedürfnissen und ihrem Anspruchsdenken beeinflussen, stellt das Massenmedium Tageszeitung geradezu antiquierte Ansprüche an seine Leserinnen und Leser. Beharrlichkeit, die Möglichkeit, das Gedruckte nochmals zu rezipieren, die Eigenleistung, die das Lesen von Texten gegenüber dem bloßen Konsumieren von oft schnell wechselnden Bildern mit akustischem Hintergrund auszeichnet, vermittelt die notwendige Distanz, die selbsttätiges Handeln und Lernen gegenüber den meist unvermittelten Eindrücken von visuellen Reizen erfordert.

Dabei ist eine Unterrichtseinheit über den sachgerechten und verantwortungsbewußten Umgang mit diesem Medium zugleich auch eine Auseinandersetzung mit medienpädagogischen Fragestellungen, die am ehesten handlungsorientiert und mit den Methoden des Projektunterrichts nutzbringend und fruchtbar vermittelt werden können. Das möglichst realitätsnahe Erschließen der Arbeitsweise eines Redakteurs bzw. eines Redaktionsteams sowie das Eindringen in die zeitungsspezifischen Sachverhalte der Auswahl und Produktion von Nachrichten sollen es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, die Brücke zwischen dem als Massenprodukt überall erhältlichen und deshalb mitunter geringgeschätzten Massenmedium Zeitung mit dem tatsächlichen Stellenwert dieses noch immer bedeutsamsten Informationsvermittlers zu erschließen. Schließlich ist die Zeitung nicht zuletzt immer auch ein Einzelexemplar, das durch seine vielfache Auflage besonders preisgünstig ist und als ein sehr mobiler und flexibler "Lernort" ganz besondere und einmalige didaktische Qualitäten hat. Darüber hinaus kann die Präsentation selbst entwickelter Zeitungsbeiträge zu einer verstärkten Identifikation mit dem Lebensraum Schule beitragen.5 Als aktuelle Wissens- und Informationsquelle für viele Bereiche und Interessen ist sie ein vielfach einsetzbares Lernmittel für fast alle Schulfächer.

Jede schulische Beschäftigung mit dem Medium Zeitung sollte daher vom Umgang mit dem Einzelexemplar für jeden Schüler innerhalb der Klasse ausgehen. Durch ihre Orientierung an den Realitäten fast aller Lebensbereiche ist die Zeitung zugestandenermaßen vielfach sehr schnellebig und häufig spektakulär, andererseits ist sie gerade wegen dieser Eigenschaften in vielen Fällen der Vermittler, der Schlüssel oder das Vehikel zu vielen anderen außerschulischen Lernorten gerade der politischen Bildung, wie etwa zum Gemeinderat, zum Kreis- oder Landtag, zum Gericht, zur Arbeitswelt, zum Freizeitbereich oder zu Sport und Kultur.6

2. Das Projekt "Zeitung in der Schule"

Der Anstoß zu diesem Projekt ging von einer Initiative der Stuttgarter Zeitung aus, die über einen Zeitraum von drei Wochen die tägliche Lektüre ihrer Tageszeitung als Projekt "Zeitung in der Schule" den Schulen im Raum Stuttgart anbot. Doch schon in der Vorbereitungsphase des Projekts reiften die Überlegungen, die ausgetretenen Pfade der im Redaktionshaus der Stuttgarter Zeitung vorgestellten Konzeption zu verlassen, denn es konnte bei der großen Anzahl der teilnehmenden Schulen seitens der Stuttgarter Zeitung nicht garantiert werden, daß die erarbeiteten und eingesandten Artikel einer K lasse tatsächlich abgedruckt werden würden. So hatte dieses Projektangebot doch einen etwas unverbindlicheren Charakter, zumal offensichtlich auch vermieden werden sollte, daß Schülerarbeiten, für die eine spezielle Seite mit der Überschrift "Zeitung in der Schule" vorbehalten war, zu stark in die Bereiche der politischen Redakteure eingriffen. Ganz ins Bild des Projekts als marketingtaugliche Strategie zur Gewinnung neuer Leser paßte es, daß bevorzugt nur Themen wie Arbeitsgemeinschaften, Schulfeste etc. aufgegriffen und verfaßt werden sollten.

Bei den weiteren Vorbereitungen erwies es sich in der Folge als sehr hilfreich, die Redaktion der Lokalzeitung vor Ort, die Backnanger Kreiszeitung, in das Projekt einzubinden, um damit die Unterschiede zwischen einer großen Regionalzeitung und einer kleineren Lokalzeitung mit fremdem Mantel herausarbeiten zu können. Dieses Vorgehen bzw. diese didaktische Perspektive und Zielsetzung erwies sich letztlich als äußerst gewinnbringend, da diese Zeitung eine eigene Sonderseite ermöglichen sollte.

Nach einer Einführung in die verschiedenen Stilformen der Pressearbeit und Berichterstattung, bei der vor allem die journalistische Bandbreite sowie Arbeitstechniken und Darstellungsformen wie Leserbrief, Interview, Bericht oder Nachricht vorgestellt und erörtert wurden, bot sich innerhalb des Umfeldes der Stadt Backnang bzw. an tagespolitische Themenstellungen gebunden ein weites Feld möglicher Ansatzpunkte an.

Die journalistischen Arbeitstechniken und unterschiedlichen Darstellungsformen wurden vom Lehrer präsentiert bzw. vorgeschlagen, die jeweiligen Themen wurden in einem gemeinsamen Suchprozeß von den Schülern selbst gewählt. Besonders interessant versprach die Berichterstattung über eine Sitzung des Petitionsausschusses des baden-Württembergisehen Landtages in Backnang zu werden, die Gegner einer Vergrößerung der Kreismülldeponie in Backnang/Steinbach gegen die Absichten der Landkreisverwaltung Rems-Murr angestrengt hatten. Eine Begehung derselben schloß sich an. Ebenfalls tagespolitisch aktuell war ein Interview mit dem Backnanger Oberbürgermeister über die Planungen der Stadt Backnang zur Bewerbung und Ausrichtung der Landesgartenschau. Sodann schalteten sich die Schülerinnen und Schüler in die seinerzeit hochkochende Diskussion über eine Änderung, d.h. Verlängerung der Ladenöffnungszeiten ein, äußerten in einem Leserbrief ihre Kritik an der bevorstehenden Rechtschreibreform und zogen ein Resümee zu einer Veranstaltung der Volkshochschule, die im Rahmen der Litera-Tour, einer kulturellen Veranstaltungsreihe von ansässigen Schulen in Zusammenarbeit mit der Stadt, stand. Allgemeine Meinungs- und Stimmungsbilder innerhalb der Backnanger Bevölkerung, die u. a. ihre kontroversen Ansichten zu Großprojekten, zur Mitbestimmung bei Planungsvorhaben oder zur Attraktivität der Innenstadt kundtaten, wurden unter Passanten in der Innenstadt durch Befragungen erhoben.

3. Didaktische und handlungsorientierte Dimensionen

In diesem breitgefächerten Kontext kamen emotionale Elemente "politischer Bildung" ins Spiel, was grundsätzlich in bezug auf Lernerfolge positiv zu bewerten ist. Das offene Austragen von Konfliktfällen macht den Schülerinnen und Schülern viel eindringlicher die Eigenschaften und Grenzen privat-rechtlicher und öffentlich-rechtlicher Strukturen in den Massenmedien klar als eine theoretisch angelegte Analyse mit Schaubildern, Statistiken und Gesetzestexten und bietet darüber hinaus die Chance des demokratischen Meinungsaustausches. Deshalb sollte auf die jugendlichen "Redakteure" auch kein Druck ausgeübt werden, selbst wenn die Tendenzen der Beiträge manchem mißfallen.7

In der Fachdidaktik besteht weitgehend Einigkeit darüber, daß es ein fundamentales Lernziel des Politikunterrichts sein muß, bei Schülerinnen und Schülern Verständnis für Politik zu wecken und Einsichten in politische Zusammenhänge zu ermöglichen. Die Verwirklichung dieses Zieles setzt allerdings voraus, daß die Lehrenden selbst eine konkrete Vorstellung davon haben, was Politik kennzeichnet, denn nur wer in dem komplexen und oft unübersichtlichen Feld der Politik selbst Orientierungspunkte hat, kann anderen Wege der Orientierung öffnen.8

Um solch einen Politikbegriff zu entwickeln, muß man die institutionelle Dimension (polity), die normativ-inhaltliche Dimension (policy) und die prozessuale Dimension (politics) des Politischen unterscheiden können. Ein solches, breit angelegtes Verständnis von Politik ist unumgänglich, wenn man den Blick für die Fülle politischer Wirklichkeiten und Möglichkeiten bewahren und nicht vorfindbaren Politikverständnissen und Politikwirklichkeiten aufsitzen will.9 Ein vorrangiges Ziel dabei ist es also nicht nur, das Medium Zeitung als Instrument der Meinungsbildung zu erkennen, sondern es auch in der späteren Rolle des verantwortlichen Staatsbürgers zu nutzen und kritisch hinterfragen zu können. Vor dem Hintergrund dieses Anspruches und der fachwissenschaftlich notwendigen und sorgfältigen Einarbeitung in die Sach- und Themenbereiche erscheint der "Beutelsbacher Konsens" als ein Minimalkonsens, indem er eine offene didaktische Perspektive fordert, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, zu eigenständigen und unterschiedlichen Urteilen zu gelangen. So versetzen das Überwältigungsverbot sowie das Kontroversitätsgebot die Schüler in die Lage, eine politische Situation und ihre eigene Interessenlage zu analysieren sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen.10 Somit bildet die Urteilsfähigkeit die Voraussetzung für Partizipationsfähigkeit und Handlungskompetenz. Ohne ein eigenes, begründetes Urteil über politische Programme, Leistungen oder Personen kann der Bürger an Politik nicht in der Weise teilnehmen, daß er seine eigenen wohlverstandenen Interessen fördert. Er wird manipuliert, wird Objekt einer Politik, die anderen nützen mag, aber keine Gewähr dafür bietet, daß sie seinen eigenen Interessen entspricht.11 Handlungskompetenz meint in diesem Sinne aber auch vor allem die politikrelevante Methodenkompetenz der Schüler.12 Diese Kompetenzen werden in erster Linie in einem Politikunterricht erworben, der praktisches, forschendes, problemlösendes, soziales, kommunikatives, projektartiges und ganzheitliches Lernen favorisiert.

Die Projektmethode ermöglicht dabei in besonderem Maße auch die Berücksichtigung, Kombination und Gewichtung der unterschiedlichen Lernebenen, indem sie kognitive, motorische und affektive Anreize auf dem jeweiligen Niveau der Zielgruppe anzubieten vermag.13 Damit erkennt sie dem Primat der Handlung im Erkenntnisprozeß eine zentrale Bedeutung zu. Dies setzt allerdings ein verändertes Rollenverständnis von Schülern und Lehrern voraus, das der Selbstorganisation und der methodischen Vielfalt von Lernprozessen den größtmöglichen Spielraum eröffnet. Wie vom Autor bei dem Projekt beispielhaft umgesetzt, sollte von der Planungsphase über die Handlungsmuster der Grad der Schülerbeteiligung

Der Anspruch, Politik erfahrbar und greifbar zu machen, erfordert folglich ein Abrücken von konventionellen deduktiven Vermittlungsstrategien, die sich in erster Linie auf die Beschäftigung mit reinem Struktur- und Sachwissen konzentrieren. Rationale politische Bildung setzt dagegen die didaktisch-methodisch geleitete kognitive, kommunikative und ganzheitliche Auseinandersetzung mit der Politik als Prozeß voraus, die dem Wandel und den sich immer schneller ändernden Lebensbedingungen und Wissensbeständen in der modernen Industriegesellschaft gerecht wird.

Leider gibt es eine Scheu von Lehrern vor handlungsorientiertem Unterricht. Diese wird nicht zu Unrecht meist mit den restriktiven schulischen und curricularen Rahmenbedingungen begründet. Starre, auf Kontrolle abzielende Strukturen und bürokratisch auszulegende Lehrpläne, geringe Mitsprachemöglichkeiten und zu wenig Freiräume lassen selbst engagierte Lehrerinnen und Lehrer immer öfter resignieren. Unternehmen stellen verstärkt fest, daß Schulabgänger Teamarbeit und selbstverantwortliches Arbeiten erst noch lernen müssen. Was als Schlüsselqualifikation (z.B. soziale Kompetenz, Problemlösungsfähigkeit, kommunikative Kompetenz oder Kreativität) vorab gefordert werden muß, wird im gegenwärtigen Schul- und Bildungssystem allenfalls ungenügend vermittelt. So sind beim Lernen nach wie vor Einzelstunden bzw. ein Dreiviertelstundentakt die Regel, so als müßte die Jugend auf zukünftige Lohnarbeit am Band eingestellt werden. Obwohl diese Umstände und Mängel in den zuständigen Ministerien bekannt sind und als dringend zu lösende Probleme angesprochen werden,14 scheint der Weg vom Kopf zur Hand bzw. der von theoretischen Absichtserklärungen hin zur Praxis noch weit zu sein.

Oft wird auch eingewendet, man treibe mit handlungsorientiertem Unterricht vordergründigen Aktionismus, der den Schülerinnen und Schülern zwar Spaß mache, aber sonst nicht viel bringe. Hinter diesen Ansichten verbirgt sich die Befürchtung, daß in einem solchen Unterricht nicht genug Fachwissen vermittelt werde, was jedoch zumeist als eine Folge davon zu werten ist, daß vielen Lehrenden eigene Erfahrungen und Kompetenzen im Umgang mit handlungs- und erfahrungsorientierten Methoden fehlen.15 Handlungsorientierter Unterricht ist sehr viel aufwendiger als konventioneller Unterricht und verlangt von den Lehrerinnen und Lehrern eine differenziertere und aufmerksamere Arbeit. Darüber hinaus müssen handlungsorientierte Methoden im Interesse eines möglichst großen Repertoires selbst immer wieder erprobt und eingeübt werden.

4. Die Bedeutung der Medienpädagogik

Auch unter medienpädagogischen Aspekten hat ein Zeitungsprojekt einen hohen Stellenwert, will man die medienpraktische Eigentätigkeit fördern. Im Vergleich mit der Arbeit am Ton- oder Videoband sowie vom Zeit- und Kostenaufwand her ist die Herstellung einer Zeitungsseite weit weniger aufwendig. Auch sind Zeitungsbeiträge in überschaubaren Zeiträumen eher abzuschließen als z.B. zeitraubende Video-Produktionen. Somit stellt die Projektarbeit mit der Zeitung einen Idealfall der politischen Bildungsarbeit dar, da jeder Schüler mehr oder weniger die Tageszeitung von zu Hause aus kennt und je nach inhaltlichen Präferenzen zumindest unregelmäßig darin liest.16

Nachdem der Konsum elektronischen "Fast-Foods" aus bis zu 30 Fernsehkanälen oder aus dem Videorekorder inzwischen die Jugendlichen oft in eine Scheinwelt entführt und sie mitunter unempfindlich macht für die wahren Probleme im wirklichen Leben, erscheint dieser medienpädagogische Ansatz geradezu als dringlich geboten. Während der "erwachsene Bundesbürger" im Durchschnitt immerhin 28 Minuten lang täglich Zeitung liest, verbringen die 14- bis 19jährigen täglich durchschnittlich 125 Minuten vor dem Fernseher. Noch länger, nämlich 142 Minuten hören sie Radio. Dagegen lesen 66,5 % der 14- bis 19jährigen täglich eine Zeitung, und dies durchschnittlich etwa 16 Minuten lang.17

Nach einer repräsentativen Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Jahr 1993 kann ein Projekt "Zeitung in der Schule" deutliche Erfolge aufweisen, was das langfristige Lektüreverhalten von Jugendlichen anbelangt. So lesen junge Leute zwischen 19-29 Jahren, die nicht mehr im Elternhaus wohnen, zu 78 % täglich eine Lokalzeitung, wenn sie einmal an einem Projekt "Zeitung in der Schule" teilgenommen haben. Bei der Gründung eines eigenen Haushalts haben 65 % derjenigen, die an einem solchen Projekt teilgenommen haben, eine lokale Tageszeitung abonniert, demgegenüber jedoch nur 36 % von nicht Teilnehmenden.18

Gerade auf dieser Stufe des Lernprozesses politischer Sozialisation ist, nach dem didaktischen Prinzip des "learning by doing", der größtmögliche Nutzen in der Eigentätigkeit der Schüler zu sehen. Der sichtbare Lernerfolg wird sich jedoch erst dann nachhaltig einstellen, wenn die Schüler die Möglichkeit eingeräumt bekommen haben, durch einen Abdruck den Wert ihres Tuns selbst wiedererkennen zu können.

Der Lehrer bzw. die Lehrerin sollte daher in der Regel lediglich als Moderator(in) in Erscheinung treten. In ihrer Vermittlungsfunktion stellt sie den Kontakt zu den Interview- und Gesprächspartnern her, ermöglicht Fahrgelegenheiten sowie den Informationszugang für die notwendigen Recherchen und leistet orthographische und grammatikalische Hilfen. In der Endredaktion führt sie die Verhandlungen mit dem projektbetreuenden Zeitungsredakteur, redigiert die Schülerbeiträge und arbeitet am Lay-Out einer Sonderseite mit.

Der besondere Wert des Projekts "Zeitung in der Schule" erschließt sich also nicht so sehr im fächerverbindenden Unterricht, sondern stellt v.a. die Methoden in den Vordergrund. Handlungsorientiertes Lernen in Verbindung mit der Aneignung von Methodenkompetenz sind die entscheidenden und nutzbringenden Ziele eines solchen medienpädagogischen Projekts, verknüpft mit der Erfahrung von außerschulischen Lernorten, die unmittelbare Erfahrungen und originäre Einblicke in lokale politische Strukturen ermöglichen.

5. Beispiele aus den Schülerarbeiten

Äußerst wertvoll für das Handeln und das politische Verständnis von Entscheidungsträgern auf kommunaler, auf Kreis- wie auch auf Landesebene war für die Schülerinnen und Schüler die Reaktion des Landratsamtes auf die Berichterstattung der Sitzung des Petitionsausschusses des Landtages über die geplante Erweiterung der Kreismülldeponie in Backnang/Steinbach, der schon ein jahrzehntelanger Streit mit dort betroffenen Gegnern und einer Bürgerinitiative vorausging. Der Masse, aus der eine Arbeitsgruppe sowohl über die Sitzung berichtete als auch im Umfeld recherchierte, bot sich dann die Gelegenheit, einen Besuch im Landratsamt in Waiblingen als weiteren außerschulischen Lernort wahrzunehmen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Waren es zuerst die Schüler, die auf der Sonderseite der Backnanger Kreiszeitung über Sachverhalte der Kreispolitik berichteten, so wurden vom Landratsamt nun zugleich drei Redaktionen (die "Backnanger Kreiszeitung", die "Stuttgarter Nachrichten" sowie die "Stuttgarter Zeitung") eingeladen, um wiederum über den von einer Arbeitsgruppe verfaßten Artikel zur Kreismülldeponie zu berichten, der zweifellos die Abfallwirtschaftspolitik des Landkreises in einem kritischen Licht erscheinen ließ.

Nicht zuletzt bot den Schülern auch das Interview mit dem Backnanger Oberbürgermeister zur Bewerbung der Stadt um die Landesgartenschau Einblicke in kommunales Verwaltungshandeln. Leider wurden die Antworten im Text des aufgezeichneten Gesprächs im nachhinein mehrfach vom Oberbürgermeister geändert, so daß die Arbeitsgruppe sich nur noch in den gestellten Fragen wiederfand.

Im nachhinein muß festgestellt werden, daß die Gespräche im Landratsamt Waiblingen sowie im Rathaus Backnang wertvolle Impulse für die Erweiterung des politischen Erfahrungshorizonts gebracht haben, denn die prozessuale Dimension, die auf die Vermittlung von Interessen durch Konflikt und Konsens abstellt und der ständigen Willensbildung bedarf, kann durch das alleinige Studium der Institutionen oder der Inhalte nicht begriffen werden. Sie verknüpfte vielmehr diese mit der inhaltlichen Dimension des Politischen, so daß das Begreifen demokratischer Politik in einer modernen pluralistischen Gesellschaft möglich wurde, die immer wieder vor der Notwendigkeit steht, Positionen und Entscheidungen zu korrigieren oder zu revidieren und nach neuen Lösungen zu suchen. Gelingt es nicht, Jugendlichen dafür ein Verständnis zu vermitteln, wird ihnen das beharrliche Bemühen um Teillösungen in einer Kette konflikthafter, gewaltenteilig kontrollierter und ständig korrekturbedürftiger Löungsversuche leicht unansehnlich erscheinen im Vergleich zu vereinfachenden Verheißungsmodellen von rechts und links.19 Auch kam es darauf an zu zeigen, daß politische Lösungsentwürfe und darauf basierende politische Entscheidungen den Keim der Korrektur oder Revision bereits in sich tragen, warum dies notwendigerweise so ist und daß ohne diese Selbstbescheidung, auf der die Politik in der Demokratie beruht, die Freiheit ständig gefährdet wäre. Für ein Verständnis der Politik als Problemverarbeitung spricht letztlich auch, daß politisches Handeln zunehmend durch das öffentliche Bewußtsein geprägt wird, Politik müsse ein bestimmtes Niveau erfolgreicher Problemlösung erzielen. Zeige Politik dieses Maß an Problemlösungsfähigkeit nicht, leiste sie damit einer zunehmenden Politikverdrossenheit Vorschub.20

Über den individuellen Bereich und den der Bildung hinaus können auch Wege der "zivilen Politik" aufgezeigt werden, wie sie gerade auch in der Frage der Erweiterung der Kreismülldeponie, also im Bereich der Umweltpolitik und damit auch der Umweltbildung, verlangt und eingefordert werden müssen. Als Schlüsselkompetenzen bei der Institutionalisierung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung und der damit eng verbundenen Beteiligung an Verständigungs- und Entscheidungsprozessen gelten dabei die Fähigkeiten der Reflexion, der Antizipation bzw. Kommunikation sowie der Partizipation.21 Vor allem die Partizipationsfähigkeit, also die Teilhabe an den öffentlichen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen, müßte dann in viel differenzierteren Kontexten als bisher erworben werden. Als weiteres Schlüsselprinzip gilt die "Retinität", also die Fähigkeit des Denkens in vernetzten Zusammenhängen, die das Selbstverständnis von Umweltbildung als fächerübergreifender politischer Bildung stärker herausfordert als alle bisherigen Konzepte.22

Die tatsächlichen politischen Weichenstellungen gaben den Schülern denn auch wenig später recht, denn der ausgehandelte Vertrag zwischen der Stadt Backnang und dem Landkreis sah eine wesentliche Verkleinerung der Mülldeponie um rund ein Drittel der Fläche und des ursprünglichen Volumens von etwa 3,2 auf rund 2,1 Millionen Kubikmeter vor sowie eine Beschränkung der Laufzeit bis zum Jahr 2027, so daß keine weiteren Waldrodungen mehr notwendig waren. Auch der Landtag von Baden-Württemberg entschied in diesem Sinne aufgrund der Beschlußempfehlung seines Petitionsausschusses.23

Projekt "Zeitung in der Schule"

Entwicklungsschritte

Wirkungen sowie angestrebte Kompetenzen bzw. Einsichten

Zielsetzung des Projektes. Aufbau einer Tageszeitung und Erläuterung der verschiedenen Textsorten und Darstellungsformen

Einblicke in die Formen der Berichterstattung, der Ressorts und Finanzierung einer Tageszeitung

Erläuterung der Arbeit eines Redakteurs und Vorstellung journalistischer Arbeitsmittel und Techniken. Rechtliche Grundlagen (Grundgesetz und Pressekodex)

Einsicht in die Notwendigkeit der Recherche sowie Informationsverarbeitung und -filterung als Problem. Erkennen rechtlicher Bestimmungen und Grenzen

Vergleichende Medienanalyse (u. a. Zeitungen – Fernsehen), Themenfindung aus der aktuellen Tagespolitik und Einteilung der Arbeitsgruppen

Anleitung zum kritischen Medienkonsum und zur Zeitungslektüre. Differenzierung verschiedener Medien und ihrer Möglichkeiten

Erarbeiten der Thematiken und Recherchen anhand der Darstellungsformen der Zeitungsberichterstattung, u.a. durch Interviews, Passantenbefragungen, Teilnahme an Pressekonferenzen, Leserbriefe etc.

Einblicke in die Strukturen und Verflechtungen von lokaler Politik, der Öffentlichkeit sowie in das Verwaltungshandeln der Stadt Backnang und des Landkreises Rems-Murr

Zusammenführen und Präsentation der Ergebnisse der Arbeitsgruppen. Erfahrungsaustausch und Moderation des Prozesses

Erfahrungen mit fächerübergreifendem Unterricht, außerschulischen Lernorten sowie mit Methoden politischer Bildung

Zusammenarbeit mit der Zeitungsredaktion und Redaktionsbesuch. Mitarbeit bei der Erstellung des Lay-Outs einer Sonderseite

Einblicke in die reale Redaktionsarbeit. Projekt als "Mikrokosmos" der Wirklichkeit

Eventuell (wie hier geschehen) weitere Aktivitäten wie Einladungen bzw. Diskussionen mit Betroffenen, z. B. dem Landratsamt. Exemplarisches Aufarbeiten der Thematik der Abfallwirtschaft bzw. der Müllentsorgung

Autochthones Erleben von Politik als Prozeß einander widerstreitender Interessen und Abwägungen. Meinungsbildung der Öffentlichkeit in Gestalt einer Bürgerinitiative und dem Landratsamt. Konsensfindung durch vertragliche Festlegung mit Hilfe der Landespolitik



M 1: Von den Schülern selbst verfaßter Zeitungsartikel

Streit um Deponie Steinbach

Sitzung des Petitionsausschusses: Lässing verzichtet auf ein Viertel der geplanten Fläche



Backnang – Die Mülldeponie Steinbach war Anlaß einer Sitzung des Petitionsausschusses im Landratsamt Backnang, zu der wir, als Schüler, eingeladen waren. Anwesend waren auch: Berthold Ruoff, Vertreter des Vereine Deponiegegner Steinbach, Oberbürgermeister Jürgen Schmidt, der Bürgermeister von Oppenweiler, Bernd Brischke und der Ortsvorsteher von Steinbach, Jörg Krimer, sowie Landrat Horst Lässing.

Die unendliche "Müllgeschichte" des 1600-Seelen-Dorfes Steinbach begann bereits in der Mitte der 60er Jahre. Das sind bereits 31 "Mülljahre", mit denen die Menschen aus Steinbach mit all den negativen Erscheinungen für sich selbst und die Natur fertig werden müssen. Schon im Jahre 1971 wurde der Bevölkerung von Steinbach von den zuständigen Behörden die Versprechung gemacht, daß die Mülldeponie nicht weiter vergrößert wird.

Doch dieses Versprechen wurde im Herbst 1989 gebrochen, indem das Landratsamt mit der Erkenntnis herausrückte, daß die bestehende Mülldeponie "Heiligenwald" für 30 bis 40 Jahre gestreckt werden kann. Durch diesen umstrittenen Beschluß wurde der "Leidensweg" der Bevölkerung von Steinbach verlängert.

Doch das Paradoxe daran ist, obwohl Steinbach als idealer Standort gilt, und geologische Untersuchungen ergeben haben, daß das vorgesehene Gelände als stark "erdfallverdächtig" eingestuft wird. Im Jahre 1996 geht der Leidensweg der Dorfgemeinde weiter weil beschlossen wurde, an den bereits 13 bestehenden Mülldeponien weitere hinzuzufügen. Wieder beruht diese Entscheidung auf zweifelhaften geologischen Untersuchungen. Es sollen zusätzlich neun Abschnitte gebaut werden, Die Kosten sind noch nicht vorhersehbar, sie sollen sich aber auf rund 133 Millionen Mark belaufen.

Bisher wurden 75 000 Bäume gefällt, dies entspricht einer Fläche von 26 Hektar, obwohl anscheinend nur vier bis fünf Hektar Land gebraucht werden. Weitere 75 000 Bäume sollen gefällt werden. Für die Deponieerweiterung sind insgesamt 45 Hektar vorgesehen und auch genehmigt worden.

Die Müllmenge ist seit 1993 stetig zurückgegangen, und zwar im Jahre 1993 von 200 000 Tonnen auf 125 000 Tonnen im Jahr 1994. Für 1996 und 1997 werden nur noch zirka
105 000 Tonnen Hausmüll erwartet. Daher ist es für viele Bürger Steinbachs und Umgebung unverständlich, warum bei stetiger Müllverringerung ein so großes Gebiet in Anspruch genommen werden soll. Der ökologische Schaden wird auf insgesamt 450 Millionen Mark geschätzt.

Am Montag, dem 11. November 1996, dem Tag, an dem die Narren das Rathaus stürmten, wurde in Backnang auf Veranlassung des Petitionsausschusses des Landtages eine Sitzung im Landratsamt einberufen. Der Vertreter der Deponiegegner, Berthold Ruoff, leitete die Sitzung ein. Sein größtes Anliegen war vor allem auch ein Lastenausgleich. Der Oberbürgermeister stellte sich auf die Seite der Bürger. Schmidt verlangt eine realistische Kostenanalyse, ob wirklich eine so große und entsprechend teure Mülldeponie nötig ist.

Das Ergebnis der Sitzung war, daß Lässing auf ein Viertel der Fläche verzichten würde. Außerdem soll in den nächsten zehn Jahren kein Baum mehr gefällt werden. Der erste und zweite Deponieabschnitt wird voraussichtlich dieses Jahr eröffnet. Für die weiteren sieben Abschnitte ist noch kein Beschluß festgelegt. Jedoch wird vom Landrat noch ein abschließender Bericht verlangt, der über Kosten, voraussichtliche Müllmenge, Belastung und die Zweckerfüllung der Deponie aufklären soll.

Nach der Sitzung konnten sich alle Anwesenden ein Bild der umstrittenen Deponie machen. Die Besichtigung dauerte eineinhalb Stunden und hinterließ bei uns bleibende Zweifel, ob dieses Vorhaben nicht mehr schadet als hilft. Der Landrat verließ vorzeitig die Sitzung, da ihm die Begrüßung der Narren in Waiblingen wichtiger erschien.

David Ballesteros, Jessica Bergmann, Marco Faleone, Henning Fross und Thorsten Köler
Backnanger Kreiszeitung v. 22.1.1997

M 2: Artikel eines Journalisten der "Stuttgarter Nachrichten" anläßlich des Besuchs der Schüler im Landratsamt des Rems-Murr-Kreises

"Passet uff und glaubet wenig"

Schüler wegen Erweiterung der Mülldeponie Steinbach bei Landrat Lässing



Backnang (ert) - Landrat Horst Lässing erteilte Nachhilfeunterricht. Seine Aufgabe: Aufklärung in Sachen Mülldeponie Backnang-Steinbach und Vermittlung des Weltbildes eines schwäbischen Landrats.

Lässings Besuch war am Montag keine x-beliebige Schulklasse, sondern die jungen Leute aus der 11a des Backnanger Wirtschaftsgymnasiums. Ein Teil der Klasse hatte im vergangenen Herbst die Erweiterung der Mülldeponie in Backnang-Steinbach zum Thema seiner Projekttage gemacht. Dabei besuchten die Teens und Twens unter anderem auch eine Sitzung des Petitionsausschusses des Landtags, als sich dieser auf Bitten der Deponiegegner vor Ort mit der Materie beschäftigte. Die dort genannten Daten, Fakten und ihre Eindrücke verarbeiteten die Schüler zu einem Artikel, der in der Backnanger Kreiszeitung abgedruckt wurde und dem Landrat überhaupt nicht gefiel. "Es ist nicht schön, wenn man so eine ausgewischt bekommt", beschwerte er sich deshalb am Montag bei der Klasse.

Lässing regten weniger die falschen Zahlen und Behauptungen auf, die die Klasse bei ihrem kommunalpolitischen Engagement aufschnappte und verarbeitete, sondern die Erwähnung seines Namens in dem Artikel. Der Landrat habe die Sitzung des Petitionsausschusses vorzeitig verlassen, um die Narren in Waiblingen zu begrüßen, hieß es dort. "Da haben Sie eine Fehlinformation ungeprüft übernommen", beschwerte sich der Landrat, um aber im gleichen Atemzug zu versichern, "niemandem einen Vorwurf machen und mit niemandem streiten zu wollen". Die Relativierung kam allerdings so nicht recht an. "Der war brüsk und derb", beschwerten sich vor allem die Artikelschreiber hinterher bei ihrem Klassenlehrer.

Der landrätliche Nachhilfeunterricht kam der Klasse ziemlich überflüssig vor. "Das wußten wir schon längst", maulte eine Schülerin mit unüberhörbar patzigem Unterton. Denn natürlich hatte das Landratsamt gleich nach dem Erscheinen des Artikels mit einem Leserbrief dafür gesorgt, daß die fehlerhaften Angaben im Artikel und die Quellen beim Namen benannt wurden. Weil es die amtlichen Informationen aber auch aus erster Hand und direkt geben sollte, hatte Lässing die Klasse zwei Monate nach der Veröffentlichung des Artikels zusätzlich in seinen Amtssitz eingeladen.

Als guten Rat gab der Landrat seinem Besuch mit auf den Weg: "Passet uff und glaubet wenig." Und ganz zum Schluß nahm Lässing die jungen Leute auch noch in die Pflicht. Die traurige Bilanz seiner Generation sei es, die Welt umweltverschmutzter zu hinterlassen, als sie sie angetroffen habe. "Ihre Generation wird entscheiden, wie es weitergeht", verabschiedete er die Jugendlichen und dachte dabei nicht nur an die Mülldeponie nach dem Jahr 2027.

Stuttgarter Nachrichten v. 4.2.1997



M 3: Presseberichterstattung über das Ende des Streits über die Deponie 

Ausschuß billigt den Deponievertrag

Kreisverwaltung: Tragbarer Kompromiß - Gemeinderat Backnang muß noch zustimmen

Von unserem Redaktionsmitglied ARMIN FECHTER

Waiblingen - Einstimmig hat der Kreis-Umweltausschuß am Montag abend den Deponievertrag mit der Stadt Backnang und der Gemeinde Oppenweiler gebilligt. Er regelt die Nutzung der Deponie Steinbach und stellt nach den Worten der Ersten Landesbeamtin Brigitte Kaufmann einen tragbaren Kompromiß dar.

Daß alle Seite dem Vertragswerk zustimmen würden, war keine Überraschung. Schon im November 1995, als die Kreisverwaltung vom Ausschuß mit Verhandlungen beauftragt worden war, hatte im Prinzip Einigkeit darin bestanden, daß die Deponie mindestens eine Nummer zu groß geraten war und eine Volumensreduzierung her mußte. Fraglich war nur, ob die Stadt sich mit ihren weitgehenden Vorstellungen durchsetzen würde. Danach sollte auch die Deponiefläche reduziert und die Laufzeit begrenzt werden.

Anderthalb Jahre wurde dann verhandelt, um ein für die Stadt - "Oppenweiler hatte keine Probleme" (Bernd Brischke, FDP/FW) akzeptables Ergebnis zu erzielen. Das scheint nun der Fall zu sein. Der Vertrag, der nur noch vom Backnanger Gemeinderat abgesegnet werden muß, enthält Volumens-, Flächen- und Zeitbegrenzungen und geht noch darüber hinaus: Der Kreis verpflichtet sich, einen Grundbucheintrag vornehmen zu lassen, der letztendlich die Abmessungen der Deponie in der fixierten Form sicherstellt - ein Zugeständnis, das Christa Elser (SPD) als vertrauensbildend bewertete: "Die Vernunft hat sich durchgesetzt." Gleichwohl dürften, so Elsers Einschätzung, die Bürger von Steinbach "nicht ganz zufrieden" sein. Das Ergebnis entspreche aber den Vorstellungen des Backnanger Baubürgermeisters und SPD-Kreisrats Frank Distel. Er hatte seine eigenen Überlegungen angestellt und den Kreisgremien unterbreitet ("DistelPlan"). "Der Frauenklingenbach hätte nicht verlegt werden müssen", erinnerte sie an einen zentralen Punkt der Diskussion. Gutachter, Verwaltung und AWG hätten die Entwicklung bei den Müllmengen "etwas spät erkannt", dadurch seien Kosten entstanden, die nicht notwendig gewesen wären. Dennoch: "Es ist ein Vertrag, mit dem wir leben können."

"Ein langer Weg findet ein gutes Ende", kommentierte Johannes Fuchs (FDP/FW) das Resultat. Die Verhandlungen selbst seien nicht schwierig gewesen, wart Landrat Horst Lassing ein - nur die zeichnerische Darstellung habe Probleme verursacht und Zeit gekostet. Der Kreis hat nach seinen Worten der Stadt sogar angeboten, die nach dem Vertrag nicht mehr benötigten Grundstücke zu kaufen: "Dann habt ihr noch mehr Sicherheit " Doch Backnang habe dies abgelehnt - wohl aus finanziellen Gründen, wie vermutet wurde.

"Gut Ding will Weile haben", erklärte Ursula Dietrich (CDU) und hob besonders auf die Rechtssicherheit ab, die der Vertrag einschließlich der Grunddienstbarkeit bietet. Zustimmung signalisierten auch die Grünen. Wolfgang Schwarz sah sich allerdings wegen der enormen Kosten als Bürger von Schilda: In einer Begrenzung der Laufzeit sei keine Logik mehr, wenn nur noch ein Lastwagen pro Woche anrollt. Wobei der Kreis nach 2005 aber immer noch 50 000 Jahrestonnen an inerten Stoffen und Schlammen erwartet.

Backnanger Kreiszeitung v. 18.6.1997



M 4: Annahme des Beschlusses über den Deponiestreit im Gemeinderat der Stadt Backnang

Die Ratsmehrheit atmet auf: Ja zum Deponievertrag

Vereinbarung mit dem Kreis reduziert Volumen und Laufzeit – Den Steinbachern hätte vieles erspart bleiben können



Backnang - Am Montag wird der Steinbacher Mülldeponie-Vertrag zwischen dem Kreis, der Gemeinde Oppenweiler und der Stadt Backnang unterschrieben. Am Donnerstag abend gab auch Backnangs Gemeinderat mit großer Mehrheit sein Okay. Dr. Gerhard Ketterer für das Gros der Räte: "Ein Tagesordnungpunkt zum Durch- und Aufatmen."

Von unserem Redaktionsmitglied REINHARD FIEDLER

Daß der Steinbacher Ortschaftsrat nach wie vor nein sagt, dafür hat der Backnanger Oberbürgermeister Verständnis. Der Landrat sei aber in der stärkeren Position gewesen, Deshalb, so glaubt Jürgen Schmidt, "haben wir mehr erreicht, als wir jemals zu hoffen gewagt hatten".

In den Verhandlungen wurde (wie ausführlich berichtet) nicht nur eine Volumensreduzierung um ein Drittel erreicht, der Kreis verzichtete auch auf drei der ursprünglich neun Verfüllabschnitte. Eine Grundbucheintragung soll verhindern, daß diese Grundstücke später für Deponiezwecke genutzt werden. Ferner wurde die Laufzeit auf 30 Jahre beschränkt.

Baubürgermeister Frank Distel, der neben dem Oberbürgermeister und dem städtischen Anwalt Dr. Michler besonders viel Lob für sein Engagement zur Verkleinerung der riesigen Deponie erfuhr, mußte jedoch auch bekennen: "Eine hundertprozentige Sicherheit ist nicht möglich." Bezogen ist dies auf einen möglichen Rechtsnachfolger des Landkreises, dem derzeit die Pflicht zur Abfallentsorgung obliegt. Deutlich machte dies auch Michler vom städtischen Anwaltsbüro Dr. Birk. Eben deshalb werde die persönliche Dienstbarkeit ins Grundbuch eingetragen.

Zufrieden mit dem Vertrag ist die CDU-Mehrheit, Dr. Gerhard Ketterer meint, daß die Belästigungen erträglich bleiben. Doch nicht nur der Fraktionsvorsitzende der Christdemokraten glaubt, daß man der Stadt und besonders den Steinbachern einige Sorgen hätte ersparen können.

Auch seine SPD-Kollegin Christa Elser ist der Auffassung, daß die Kreisverwaltung bereits früher guten Willen hätte zeigen müssen, als klar wurde, daß die ursprünglichen Müllmengenprognosen nicht haltbar sind. Gleiche Elsersche Kritik galt auch dem Stuttgarter Regierungspräsidium, Die Sozialdemokratin plagt zudem der "schlimme Verdacht", daß die Bürger des Kreises für die hohen Kosten der Deponie "noch viel zahlen müssen". In die Runde jener, denen an diesem Abend Dank für ihren Einsatz zuteil wurde, reihte Christa Elser auch die Steinbacher Bürgerinitiative und deren Vorsitzenden Berthold Ruoff ein. Die Deponiegegner hätten zäh und beharrlich, aber auch fair gekämpft.

Wie nicht anders zu erwarten, zeigte sich Steinbach-Bürger und CDU-Stadtrat Martin Holzwarth mit dem Verhandlungsergebnis unzufrieden: "Der Kreis geht nichts ein, wo er nicht mehr rauskommt." Das Problem sei lediglich um 30 Jahre verschoben. "Die Deponie kann nicht geschlossen werden, weil da so viele Millionen drinstecken." Abgelehnt wurde der Vertrag auch von den Republikanern. Manfred Benignus bezeichnete das Paragraphenwerk als "schlechten Witz".

Die FW/FDP sieht das anders: "Dieser Vertrag ist besser als gar keiner" (Alfred Bauer), Die Zustimmung erfolgte bei drei Enthaltungen (Grüne) und bei drei Gegenstimmen (Holzwarth und REP).

Backnanger Kreiszeitung v. 26.7.1997

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1Dieckmann, Ernst-Günter, Medienerziehung als Aufgabe politischer Bildung, in: Sander, Wolfgang (Hrsg.), Handbuch politische Bildung, Bonn 1997, S. 373

2Bund-Länder-Kommissionen für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Medienerziehung in der Schule - Orientierungsrahmen, Bonn 1995, S. 15

3Vgl. Brand, Peter/Schulze, Volker (Hrsg.), Die Zeitung - Medienkundliches Handbuch, Aachen 1995

4Vgl. Brand, Eva/Brand, Peter/Schulze, Volker (Hrsg.), Die Zeitung im Unterricht - Medienkundliches Handbuch, Aachen 1995

5Dieckmann, Ernst-Günter, a.a.O., S. 382

6Setzen, Karl, Zeitung als außerschulischer Lernort?, in: Ackermann, Paul (Hrsg.), Politisches Lernen vor Ort, Außerschulische Lernorte im Politikunterricht, Stuttgart 1988, S. 39

7Dieckmann, Ernst-Günter, a.a.O., S. 382

8Ackermann, Paul/Breit, Gotthard/Cremer, Will/Massing, Peter/Weinbrenner, Peter (Hrsg.), Politikdidaktik - kurzgefaßt, Planungsfragen für den Politikunterricht, Bonn 1995, S. 17

9Rohe, Karl, Politikbegriffe, in: Mickel, Wolfgang (Hrsg.), Handlexikon zur Politikwissenschaft, Bonn 1986, S. 353

10Wehling, Hans Georg, Konsens á la Beutelsbach, in: Breit, Gotthard/Massing, Peter (Hrsg.), Grundfragen und Praxisprobleme der politischen Bildung, Bonn 1992, S. 126

11Ackermann, Paul/Breit, Gotthard/Cremer, Will/Massing, Peter/Weinbrenner, Peter (Hrsg.), a.a.O., S. 81

12Klippert, Heinz, Handlungsorientierter Politikunterricht, in: Methoden der politischen Bildung - Handlungsorientierung (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 304), Bonn 1991, S. 9

13Vgl. Kaminski, Hans, Projektmethode, in: Mickel, Wolfgang/Zitzlaff, Dietrich (Hrsg), Handbuch zur politischen Bildung, Bonn 1988, S. 271-275

14Vgl. Stuttgarter Zeitung vom 5.9.1998

15Klippert, Heinz, Durch Erfahrung lernen, in: Erfahrungsorientierte Methoden der politischen Bildung (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 258), Bonn 1988, S. 90.

16Setzen, Karl, a.a.O., S. 41

17Vgl. die Homepage des Instituts zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren (IZOP) GmbH: http://www.izop.de

18Vgl. IZOP GmbH, http://www.izop.de/zisch, S. 5 f

19Ackermann, Paul/Breit, Gotthard/Cremer, Will/Massing, Peter/Weinbrenner, Peter (Hrsg.), a.a.O., S. 23

20Mayntz, Renate, Problemverarbeitung durch das politisch-administrative System: Zum Stand der Forschung, in: Hesse, Joachim Jens (Hrsg.), Politikwissenschaft und Verwaltungswissenschaft (PVS-Sonderheft 13), Opladen 1982, S. 84

21De Haan, Gerhard/Harenberg, Dorothee, Nachhaltigkeit als Bildungs- und Erziehungsaufgabe, Möglichkeiten und Grenzen schulischen Umweltlernens, in: Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Nachhaltige Entwicklung, Der Bürger im Staat, 48 Jg., Heft 2/1998, S. 103.

22Vgl. Claußen, Bernhard, Politische Bildung, Lernen für die ökologische Demokratie, Darmstadt 1997

23Siehe Landtagsdrucksache 12/1770, in der die Entscheidung des Landtags vom 11. 12.1997 über die Petition 11 /7246 begründet wird.

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