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Autor: Bohse, Jörg.

Titel: Goebbels' Rede zum »Totalen Krieg«.

Quelle: Jörg Bohse: Inszenierte Kriegsbegeisterung und ohnmächtiger Friedenswille. Meinungslenkung und Propaganda im Nationalsozialismus. Stuttgart 1988. S. 97-136.

Verlag: J.B. Metzler Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Jörg Bohse

GOEBBELS' REDE ZUM »TOTALEN KRIEG«



1. Inszenatorische Vorbereitung

Mit seiner Rede zum »Totalen Krieg« verfolgte Goebbels die Absicht, einen demonstrativen Beweis für die ungebrochene Einsatzbereitschaft der Bevölkerung für die Fortsetzung des Krieges zu bringen.

Organisatorisch wurde die Veranstaltung im Sportpalast bis ins Detail vorbereitet. Als Teilnehmer waren Gruppen und Einzelpersönlichkeiten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen geladen.

Um die Volksgemeinschaft rhetorisch zu konstituieren, werden einzelne Gruppen der Anwesenden vom Redner mit der Bemerkung vorgestellt, er habe mit ihnen »einen Ausschnitt des gesamten deutschen Volkes im besten Sinne des Wortes eingeladen«.1 Er erwähnt Betriebsgruppen und Abgesandte aus den Behörden und Ämtern; er nennt Vertreter aus der Partei, weist auf Repräsentanten aus Wissenschaft und Kunst hin und hebt besonders die Vertreter der kämpfenden Front hervor. Die Aufzählung scheint zunächst nur dem Zweck zu dienen, die Zuhörerschaft als repräsentativen Querschnitt der ganzen Bevolkerung vorzustellen und sie damit als Sprecherin des ganzen Volkswillens zu legitimieren. Dieses Gruppengemisch muß nun vereinheitlicht werden; es muß sozusagen der größte gemeinsame Nenner gefunden werden, unter dem sich divergierende Meinungen und Interessen vereinigen lassen. Und – es muß versucht werden, auch den leisesten Widerspruch zu den Forderungen des Redners von vornherein auszuschalten.

Der Vereinheitlichungstrick besteht nun darin, das Publikum als Solidargemeinschaft anzusprechen. Als emotionaler Kitt dieser Gemeinschaft müssen die Kriegsopfer herhalten. Mit der Hervorhebung der in den ersten Reihen placierten Kriegsversehrten – den »Bein- und Armamputierten mit zerschossenen Gliedern, den Kriegsblinden, die mit ihren Rote-Kreuz-Schwestern gekommen sind« – wird an menschliches Mitgefühl appelliert. Die Entmündigung des Publikums durch das Aufrühren des schlechten Gewissens geschieht also nicht nur abstrakt (nach dem Motto, daß wir allemal arme, schuldige Sünder seien), sondern wird ganz konkret und plastisch in die Wege geleitet. Mit dem zur unmittelbaren Anschauung gebrachten Kriegsleid präformiert Goebbels trickreich die Zustimmung zum »totalen Krieg«. Wer nämlich angesichts des demonstrierten menschlichen Elends nicht ja sagt zu dem was, der Redner fordert, der vergeht sich an diesen Opfern, der ist menschlich ein Schwein, unfähig, die elementarsten Gebote menschlichen Mitgefühls zu befolgen.

Mit der Vereidigung aufs Mitleid also wird hier die Volksgemeinschaft rhetorisch konstituiert. Wer sich passiv verhält, oder wer gar offen zu widersprechen wagt, stellt sich bloß als menschlicher Versager. Die einschüchternde Wirkung durch dieses. präventive Verächtlichmachen jedes Widerspruchs erfährt zum Schluß der Rede noch eine Steigerung. Wer der Aufforderung zum Bekenntnis zum »totalen Krieg« zu widerhandeln wagen sollte, riskiert das den Kopf kosten könnende Stigma des Verräters.

Die Zusammensetzung des Publikums war sicherlich nicht spontan zustandegekommen, sondern durch ein bestimmtes Auswahlverfahren herbeigeführt worden, das folgende Institutionen zu berücksichtigen hatte: Lazarette, Wehrmachtsdienststellen, NS-Unterorganisationen und Berufsverbände.2 Diese gezielte Zusammensetzung gehörte ebenso wie die oben interpretierten inhaltlichen Propagandastrategien zu den präkommunikativen Wirkungsbedingungen der Rede. Ob die unmittelbar in der Redesituation erzielten Effekte auf ein »weltanschaulich gleichgestimmtes Auditorium« zurückzuführen sind, wie Hagemann annahm3, wird im Anschluß an die rhetorische Analyse zu erörtern sein. Der Erfolg des Redners beschränkte sich jedenfalls nicht auf die unmittelbare »Macht des Wortes« in der Kommunikationssituation; er hing eng mit dem Arrangement der gesamten Kundgebung und der postkommunikativen Verarbeitung zusammen. Dazu gehörte neben der Zusammensetzung des Publikums auch die räumliche Atmosphäre: ein nüchterner Saal mit breitem Mittelgang und nur einem riesigen Transparent mit der Aufschrift: Totaler Krieg – kürzester Krieg! – über der Rednertribüne. Die Wochenschau vom 24.2.1943 hebt beide Momente durch verschiedene Einstellungen wiederholt hervor. Als Propagandamittel innerhalb des faschistischen Manipulationsapparates nahmen diese Wochenschauen eine hervorragende Stellung ein. Ihre Produktion wurde vom Propagandaministerium direkt überwacht. Für die Aufnahme der Sportpalastrede wurden den Kameramännern genaueste Anweisungen geliefert; die Tonkamera hatte die wichtigsten Passagen des Manuskripts vorher erhalten: positive Reaktionen prominenter Zuhörer waren einzufangen, stürmische »Zustimmungskundgebungen« sollten fixiert werden.

Goebbels ließ sich später den stummen Rohschnitt und den Feinschnitt mit Begleitmusik vorspielen. Bevor sie in die Lichtspielhäuser ging, mußte sie dem Führerhauptquartier vorgeführt werden.4 Neben dieser optischen Verbreitung der Rede war das Echo in der Presse ebenso gründlich vorbereitet worden. Noch vor der Rede, am 18. Februar, erhielt die Presse folgende Hinweise: »Die Zeitungen werden besonders darauf hingewiesen, daß die Stimmungsbilder dem Charakter der Goebbelskundgebung des Berliner Sportpalast Rechnung tragen müssen, d. h. diese Stimmungsbilder müssen die Volkskundgebung ansprechen und dem kämpferischen Willen des ganzen deutschen Volkes Ausdruck geben [...]5 «

Das »modernste Mittel der Volksführung«, das nach Goebbels' Worten »seit dem 30. Januar 1933 ein treuer Diener der Politik des Führers«6 war, das Radio, stellte das wichtigste technische Medium für die Verbreitung der Rede dar; trotz dieser technisch perfektionistischen Manipulationsmechanismen blieb die erwartete Wirkung auf die Einstellungen der Bevölkerung umstritten. Will man nun die spezifische Wirkung dieser, auch heute noch als Paradebeispiel nationalsozialistischer Propaganda und Verführungskunst apostrophierten Rede erfassen, so muß man neben den prä- und postkommunikativen Verarbeitungsformen vor allem Inhalt und Form der Rede auf die allgemeinen und konkreten Rezeptionsbedingungen hin interpretieren. Der rhetorische Erfolg dieser Rede ist vor allem auf die besondere Art und Weise zurückzuführen, in der Goebbels einzelne Elemente der Gesellschaftlichen Psychologie zu formieren versteht, um einen einheitlichen Willen der Versammelten in der Situation herzustellen. Klassische Topoi bürgerlicher Massenreden finden dabei ebenso Verwendung wie pseudoreligiöse Überredungsformeln und ein der innenpolitischen Spannungssituation angepaßter pseudoklassenkämpferischer Agitationsgestus.



2. Zum Zusammenhang von »idealistischer Innerlichkeit « und »heroischem Realismus« in der NS-Rhetorik

Innerlichkeit

Im Vorwort zur ersten Ausgabe der Sportpalastrede wird Goebbels als »Dolmetsch unseres Empfindens« angekündigt, dem es gelungen sei, »die Naht der Zusammengehörigkeit untrennbar [zu schweißen] «.7 Ganz im Sinne dieser Charakteristik wendet sich der Redner, nachdem er den Ernst der Lage – die Niederlage von Stalingrad – als »Alarmruf des Schicksals (an die deutsche) Nation«8 beschworen hat, an sein Publikum:

»Ich möchte zu Ihnen allen aus tiefstem Herzen zu tiefstem Herzen [sprechen] [...] und meine Ausführungen mit dem ganzen heiligen Ernst und dem offenen Freimut, den die Stunde von uns erfordert, ausstatten.«9

Dem Ton des Redners entsprach ziemlich genau die optische Szenerie der Kundgebung: ein karg geschmückter Raum mit breitem Mittelgang, der eher einem protestantischen Kirchenraum als dem Schauplatz einer »Massenorgie« glich.10 Alles schien vorbereitet, um eine absolute Konzentration zu ermöglichen11, dem Ton der Innerlichkeit ein äußeres Pendant zu bieten. Der Redner benutzte immer wieder Formeln, die dem Zuhörer aus der religiösen Gewissensbearbeitung vertraut waren:

»Unsere Herzen wollen wir erfüllen [...]12; ein ehernes Herz, das gegen alle inneren und äußeren Anfechtungen gewappnet ist [...]13; das deutsche Volk [ist] durch den tragischen Schicksalsschlag von Stalingrad auf das tiefste eläutert worden [...].«14

In den gleichen Zusammenhang gehört eine Zusatzbemerkung des Herausgebers, die den Effekt dieser von der lutherischen Anthropologie des schlechten Gewissens15 herstammenden Mittel unterstreichen will »Im Publikum fühle sich jeder einzelne angesprochen.«16 So, atomisiert und der solidarischen Artikulation seiner Interessen beraubt, wollte ihn der faschistische Staat versammeln. Der faschistische Pseudokollektivismus, der die bestehenden Eigentumsverhältnisse nach dem Motto »Jedem das Seine« als natürliche Ordnung verklärte, mußte die einzelnen Mitglieder voneinander isolieren. Eben dazu werden alle gesellschaftlichen Kommunikationsmittel – Zeitung, Kino, Radio usw. – eingesetzt. »Sie sollen allen zuhören, vom Führer bis zum Blockwart, nur nicht einander [...]«17



Funktionswandel der Innerlichkeit

Die Tradition der Techniken, mit denen die proletarischen und kleinbürgerlichen Massen der Artikulation ihrer sozialen und materiellen Interessen beraubt werden sollen, gleichzeitig aber die partikularen Interessen der herrschenden Klasse als allgemeine akzeptieren lernen sollen, hat der »frühe« Horkheimer mit deutlichem Bezug auf den Faschismus in »Egoismus und Freiheitsbewegung« analysiert. Weltliche und geistliche Führer des Bürgertums bedienten sich nach der Einsicht Horkheimers seit den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft hierzu ähnlicher Techniken. Jene verinnerlichende, spiritualisierende Tendenz, jener Aufruf zur inneren Umkehr, gehören genauso zum »Wesen der neueren Rhetorik«18 wie eine menschenverachtende Grausamkeit und Strenge der Führer gegenüber ihren Anhängern.19 Die historische Kontinuität in der formalen Verwendung dieser Mittel darf jedoch nicht den Blick für den partiellen Funktionswandel, den sie im Verlauf der sich entfaltenden Stufen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durchlaufen haben, verstellen. Ihr herrschaftstechnischer Charakter steht von Anfang an außer Frage. Wurden die »Unterklassen« in den vorkapitalistischen Gesellschaften, der Zeit personaler Herrschaft, noch stärker »durch physischen Zwang und Befehle, durch das abschreckende Beispiel furchtbarer irdischer Strafen und durch die Drohung mit der Hölle im Zaum gehalten«20, so bedurfte die kapitalistische Produktionsweise, die den »freien« Unternehmer und »freien« Lohnarbeiter voraussetzte, verfeinerter Techniken, um die über das Privateigentum an Produktionsmitteln und den Zwangsmechanismus des Marktes verdinglicht fortlebende Form von Herrschaft abzusichern. Damit die Beherrschten die Ziele der Herrschenden zu ihren eigenen machten, traten neben den Zwang vermehrt Methoden, die »notwendige Herrschaft von Menschen über Menschen [...] im Inneren der Beherrschten selbst zu befestigen«.21 Dies war in dem Maße notwendig geworden, wie die starre Anwendung manifesten Zwanges mit zunehmender Vergesellschaftung der Produktion und der damit einhergehenden Assoziationsmöglichkeiten der lohnabhängigen Massen selbst herrschaftsgefährdende Tendenzen hervorbrachte. Für den Beginn der bürgerlichen Epoche zeigt jener Prozeß der Verinnerlichung zugleich noch ein progressives, historisch notwendiges Moment:

»Die Disziplinierung aller Schichten der Bevölkerung, die sich aus der Notwendigkeit ergab, die Massen in die bürgerliche Produktionsweise einzuordnen, hat auf die Entfaltung dieser Wirtschaftsform zurückgewirkt: nicht allein die Steigerung der menschlichen Macht über die Natur, sondern auch die menschlichen Voraussetzungen für eine höhere Form der Gesellschaft, sind ohne den Prozeß der Spiritualisierung und Verinnerlichung gar nicht denkbar«.22

Den wichtigsten geistigen Beitrag zu diesem Prozeß leisteten zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft die Reformatoren »in der Artikulation der Idee, daß das Heil der Menschen nicht von sakramentalen Veranstaltungen einer Priesterkaste sondern vom seelischen Verhalten der Einzelnen abhänge «. Sie gaben so »dem Individuum in der Ideologie die Selbständigkeit [...] zu welcher es durch die Umgestaltung der Wirklichkeit berufen war«.23

Die ökonomischen Bedingungen der Unabhängigkeit des Individuums von »Mittlern« waren durch die freie Warenproduktion geschaffen, direkte Beziehungen zum Markt an die Stelle von Zunftschranken und Lehensabhängigkeit getreten. Ideologisch entsprach dem die Unmittelbarkeit zu Gott, die Idee der Innerlichkeit, das Bild des von äusseren Instanzen unabhängig reflektieren, betenden, sein weltliches und geistliches Wohl verfolgenden einzelnen. Spiritualisierung und Verinnerlichung waren also nicht nur Mittel zur Disziplinierung der abhängigen Massen, sondern das notwendige Bewußtsein, das die erforderliche Selbstdisziplin des Bürgertums ermöglichte. Das falsche Bewußtsein der Reformatoren (die metaphysische Verankerung des nur historisch verlangten Arbeitsethos') war notwendig im Sinne einer Entwicklung der Produktivkräfte, während die richtige Einsicht in die Inhumanität des kapitalistischen Verwertungsprozesses eine reaktionäre Praxis zur Folge gehabt hätte und auch hatte. Dabei galt diese Ideologie nicht nur für die unterdrückten Klassen:

»Die charakterologischen Vorbedingungen dieser von der neuen Wirtschaft geforderten, der Tätigkeit und nicht ihrem Inhalt verhafteten Gesinnung, mußten allgemein und kontinuierlich in die einander folgenden Generationen der verschiedenen Schichten des Bürgertums und mit entsprechenden Nuancen auch in die beherrschten Klassen hineingetragen werden.«24

Das ändert sich im Laufe der Entwicklung: mit der durch Konzentration und Zentralisation der Kapitalien herbeigeführten Verfestigung einer kleinen Schicht von Monopolisten bestimmt sich die kulturelle Tätigkeit immer ausschließlicher als Beherrschung der Massen.25 Die kulturelle Tätigkeit sinkt immer mehr zum »bloßen Instrument der geistigen Überformung der Majorität im Interesse einer manipulierenden Minorität herab«.26



Der Kampf gegen den Bürger als Rettung des Bourgeois

Die Innerlichkeit des frühen Bürgertums war nicht nur Kompensation realer Versagungen und die Rückzugsbasis bürgerlicher Freiheit; in ihr war zugleich, wenn auch in ideologisch verzerrter Form, der Gedanke an eine Gesellschaftsverfassung bewahrt, die anders wäre und das Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, vom Glück der möglichst vielen einlöste. Freilich hatte der Bourgeois des 19. Jahrhunderts die Citoyenideale nur in seiner Festtagsrhetorik präsent. Die Innerlichkeit wird in der monopolkapitalistischen Phase und ihren völkischen Bewegungen nicht nur abgelöst, wie Marcuse meint, wenn er den Prozeß der »Selbstaufhebung« der »affirmativen Kultur« als die »Ersetzung der idealistischen Innerlichkeit« durch die »heroische Äußerlichkeit« charakterisiert27; der nackte Pragmatismus, die machtpolitische Funktionalisierung vormals normativer Gehalte herrschte zwar in den Kreisen der »völkischen« Machthaber und ihrer Ideologen selber28, denen reale Befriedigungen von Bedürfnissen, wenn auch in pervertierter Form immerhin offenstanden; auf seiten der Mehrheit der Bevölkerung jedoch und in der Propaganda für diese konnte auf jene Innerlichkeit nicht verzichtet werden, da den Massen weiterhin reale Teilhabe- und Mitbestimmungspositionen verschlossen waren und sie trotz erheblicher politischer Erfolge ihrer Organisationen immer auf die Kompensation durch Scheinbefriedigungen angewiesen blieben.

Freilich wurde die bürgerliche Innerlichkeit auch hier fast nur als Internalisierungsform beibehalten, während ihre Inhalte, die intendierten Ziele, einem gewissen Wandel unterlagen: an die Stelle der bürgerlichen Vormärzideale von Freiheit und Gleichheit, nationaler Gemeinsamkeit, traten die schon im wilhelminischen Obrigkeitsstaat den »Untertan« prägenden reaktionären Ideale »völkischer Gemeinsamkeit«, des Gehorsams, des Opfers und dort wo das Pathos des bürgerlichen Freiheitsideals in die Reden der nationalsozialistischen Führer noch einfloß, wird dieses ganz bewußt umfunktioniert.29 Der Begriff der Freiheit z. B., der im Liberalismus die Unabhängigkeit des Individuums vom Staat – Freiheitsrechte bedeuteten Schutz gegenüber staatlicher Willkür – meinte, wird im Faschismus zur »Freiheit der Nation« und meint die militärische Expansion. Haben auch die Ideologien des Opfers z. B. in der bürgerlichen Pflichtidee ihre kaum harmloseren Vorläufer, so bricht in der Neuauflage dieser Ideale selbst der martialische Gehalt ungleich offener hervor. In der faschistischen »Kultur« und der faschistischen Propaganda ergeben sich demnach komplizierte Verbindungen von »Idealismus« und »Realismus«, Innerlichkeit und Terrorismus der Gesinnung, wobei der Terror sich in Herausarbeitung einer seit jeher in der bürgerlichen Ideologie angelegten Tendenz30, teils als Terror gegen Dissidenten, teils als Terror gegen die eigene Person, den »inneren Schweindehund«, darstellt. Diese Dialektik prägt auch die Goebbelssche Rhetorik. Dem »Dolmetsch unseres Empfindens«, der die »Naht der Zusammengehörigkeit untrennbar« schweißte, wird gleich im Vorwort die Drohung nachgeschickt, daß »niemand [...] es wagen [solle], diesen Schwur anzuzweifeln«. Dem Predigerton des Satzes: »Ich möchte zu Ihnen allen aus tiefstem Herzen zu tiefstem Herzen sprechen«31 folgt der Klartext: »Wir müssen handeln und zwar unverzüglich, schnell und gründlich«.32 Das Jünglingspathos von Langemarck »Unsere Herzen wollen wir erfüllen mit jener politischen Leidenschaft [...]«, findet im Nachsatz »[...] und nie jener falschen und scheinheiligen Objektivitätsduselei verfallen« 33 seine schnöde Verdeutschung.

Neben den formalen Aspekten zeigt sich aber auch eine Übereinstimmung zwischen den Überredungstechniken bürgerlicher und faschistischer Massenredner in den Inhalten, in den Werten, an die das Interesse der Massen sich heften soll. Was beim faschistischen Agitator jedoch unverhüllter in den Vordergrund tritt, ist eine Ambivalenz, ein scheinbarer Widerspruch von wechselweisem Verdammen und Preisen der in den bürgerlichen Verkehrsformen geltenden Leitbilder und Normen.34 In krassem Gegensatz zueinander stehen zum Beispiel die folgenden Passagen der Goebbelsrede:

»Hier kämpft die deutsche Nation um ihr alles [...] Das deutsche Volk [hat] hier seine heiligsten Güter, seine Familien, seine Frauen und seine Kinder, die Schönheit und Unberührtheit seiner Landschaft, seiner Städte und Dörfer, das zweitausendjährige Erbe seiner Kultur und alles, was uns das Leben lebenswert macht, zu verteidigen [...]«35

und

»Es muß jetzt zu Ende sein mit den bürgerlichen Zimperlichkeiten«.36

Kommentar des Herausgebers: »Jeder Satz des Ministers wird von wachsendem Beifall und stärkster Zustimmung begleitet «.37 Die Goebbelssche Propaganda benutzt die alte Innerlichkeit, den Appell an »bürgerliche« Tugenden ineins mit ihrer Denunziation. Während jedoch die »heiligen Gefühle«: Kinderliebe, Natur- und Heimatliebe. Traditionsbewußtsein der Angesprochenen breit ausgewalzt werden, gestaltet sich der Angriff im Ton zwar scharf, im Inhalt aber umso unbestimmter. Trotzdem ist es nicht ohne weiteres verständlich, daß die antibürgerliche Attitüde des Agitators weder in den Reihen der Zuhörer auf Widerstand stößt, noch mit der Mißbilligung der sozial Mächtigen zu rechnen hat. Die Gründe hierfür werden klar, wenn man einmal die subjektive Seite des Problems beleuchtet, die Reaktionsweisen aus den positiv besetzten Inhalten der Gesellschaftlichen Psychologie erklärt und zum anderen den objektiven Aspekt thematisiert, indem man das soziale Fundament faschistischer Herrschaft in Rechnung stellend, prüft, ob die klassischen bürgerlichen Tugenden und Wertvorstellungen noch das angemessene Bewußtsein darstellen. Der Agitator weiß, daß er sein Formierungsziel nur über das Ausnutzen der Gesellschaftlichen Psychologie, die Ansprache der in den Massen aktuell vorherrschenden Gefühle und Stimmungen erreichen kann. Daß eine direkte ideologische Ausrichtung nur bei Interessenidentität (die freilich auch vorgetäuscht werden kann) mit Erfolg möglich ist, hatten die gescheiterten Versuche, eine eigenständige NS-Kultur zu etablieren, zur Genüge bewiesen.38

Auch das Eintreten für das pragmatische »Tagesziel«, »Kampf bis zum letzten Mann«, war nicht mit rasseideologischen Parolen von der »Überlegenheit und Mission der arischen Rasse« und dem Appell an »nationalsozialistische Tugenden«, die in Parolen wie »Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun« ihren Ausdruck fanden, zu motivieren, sondern nur über eine Verteidigungsdemagogie die das geforderte Verhalten und Handeln aus moralisch legitimierbaren Interessen des einzelnen und der Nation begründete. Nicht der »Ukas der approbierten Weltanschauung«39 schafft mithin die für das geforderte Handeln notwendigen Einstellungen, sondern der Appell an tradierte, das Alltagshandeln und -verhalten normativ bestimmende Werte.40 Das geforderte Handeln selbst verlangt in der Krisensituation dabei zugleich, daß man die »bürgerlichen« Tugenden über Bord wirft: die »Glacéhandschuhe« der bürgerlichen Verkehrsformen auszieht und die »Faust bandagiert«. Die Dehumanisierung des Verhaltens erscheint in der Goebbelsschen und Hitlerschen Massenpropaganda dann auch nicht als weltanschauliches Ideal; sie wird vielmehr rational aus der aktuellen Notsituation begründet. Für die Unterklassen hatte das Wort »Bürger« in den Klassenkämpfen des 19. Jahrhunderts »den Charakter einer tödlichen Kriegserklärung«41 an ihre Ausbeuter. Der verächtliche Sinn dagegen, der ihm in den völkischen Bewegungen des zwangzigsten Jahrhunderts anhaftet, setzte die Tradition der reaktionär feudalen Gegner des Kapitalismus fort.42 Dem Großkapital ist dieser zweite depravierende Sinn des Wortes »Bürger«, in dem »vom Ökonomischen abgesehen wird, durchaus angenehm. [...] Durch den modernen Kampf gegen die >bürgerliche< Geisteshaltung wird gerade das große Kapital selbst aus der Diskussion gelassen. Die, welche über es verfügen, haben die von diesem Kampf betroffenen Lebensformen längst abgestreift. Kaum ein Charakterzug, mit dem der kleine um seinen Unterhalt kämpfende, pedantische persönlich habgierige Bürger gewisser Perioden des vorigen Jahrhunderts gekennzeichnet war, trifft auf den Trustmagnaten und seine mondäne weltoffene Umgebung zu [...] so läßt die Großbourgeoisie ihre Ideologen gerne diese Attacken gegen den Bürger reiten, den sie in Wirklichkeit durch die reale Kapitalkonzentration zugrunde richtet.«43

Die kurze Skizze der Bedeutungsverschiebung des Wortes bürgerlich zeigt demnach, daß Goebbels' entgegengesetzte Verwendung von »Bürger« und »bürgerlich« nicht einfach unlogisch ist, nicht »geistiger Mediokrität« (Glaser) zuzuschreiben ist, sondern geschickt Doppelbedeutungen ausspielt, in denen sich der pseudosozialistische Charakter der faschistischen Bewegung zugleich verstecken und bewegen kann. Auf eine breite, klassenübergreifende Resonanz konnte die antibürgerliche Attacke des faschistischen Agitators deshalb stoßen, weil die Bürger wußten, daß die alten bürgerlichen Ideale (Rechtsstaat usw.) von rechts angegriffen waren, den Massen aber erneut suggeriert wurde, der Angriff erfolge doch noch von links.

Konkret knüpften die antibürgerlichen Invektiven des Redners an die im Zusammenhang mit den Totalisierungsmaßnahmen in der Bevölkerung wieder öffentlich lautwerdende, politische Kritik an. Eine Kritik, die allgemein den sozial Privilegierten galt; die aber wie sich an »Bonzengerüchten«, »Führerwitzen« usw zeigte44, insbesondere gegen die »Verbürgerlichung« der als »Goldfasanen« verspotteten Parteichargen gerichtet war. Der Propagandist Goebbels geht in dieser Rede noch einen Schritt weiter als in den propagandistischen Bewältigungsversuchen der Stalingrader Niederlage Anfang Februar: er macht nicht bloß die aufkommende Verzweiflungsstimmung, sondern auch die informelle politische Herrschaftskritik offiziell. Daß es sich hierbei wiederum nur um einen Trick rhetorischer Kumpanei handelt, mit dem sich der Agitator selbst aus dem Schußfeld der Kritik zu nehmen versucht, wird die rhetorische Analyse des propagandistischen Pseudoklassenkampfes ergeben. Hier ist zunächst festzuhalten: Mit dem Ansprechen konsensfähiger Besetzungsinhalte der Gesellschaftlichen Psychologie, mit der Verwend-ung tradierter religiöser Sprachformeln und einer aus der Tradition bürgerlicher Massenreden herstammenden Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche in der Ansprache des Massenpublikums, mit einer, den sozialen und politischen Erfahrungen der Massen entsprechenden Umakzentuierung ambivalenter politischer Begriffe und der Betonung schicht- und -klassenunspezifischer allgemeiner Wünsche nach Sicherheit, intakter Umwelt, sozialer Identitat und privater Glückserfahrung schuf der Massenredner sich die (der Heterogenität seines Publikums und der Besonderheit der Situation Rechnung tragenden) allgemeinen Voraussetzungen, überhaupt gehört zu werden und mit seinen Forderungen auf positive Resonanz zu stoßen.



3. Pseudoklassenkampf als zentrale Kategorie der Faschismusanalyse

»Mit dem Volk durch dick und dünn« - oder der umfunktionierte Antikapitalismus.

Wiederholt betont Goebbels in seiner Rede die Ähnlichkeit der Situation 1943 mit der Zeit vor 1933: »Die Zeit, die wir heute durchleben, hat in ihrer ganzen Anlage für jeden echten Nationalsozialisten eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Kampfzeit«45 Damit dieser Eindruck sich fortan auch in der Öffentlichkeit durchsetze, wurde von der Propagandazentrale eine Sprachregelung erlassen, die der Presse für die Darstellung der totalen Kriegsmaßnahmen den Rückgriff auf das »Vokabular der Kampfzeit« vorschrieb.46 Nicht auf die objektive soziale und politische Situation bezieht der Propagandist den Vergleich, sondern rein tautologisch auf seinen eigensten Bereich, – auf die Ähnlichkeit der Manipulations- und Propagandamethoden. Da es vor 1933 wie nach 1943 keine Übereinstimmung der objektiven Interessen der Bevölkerung und der Führungscliquen gab, da der nach 1933 üblich gewordene Befehl allein die Integration der sich zunehmend vom NS-System distanzierenden Massen nicht ausreichend garantierte, wird versucht, all jene sozialdemagogischen Apparate wieder verstärkt in Betrieb zu setzen, die bei der Rekrutierung von Anhängern in der Aufstiegsphase des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle gespielt hatten. Dabei mußten sie allerdings entscheidende Modifikationen erfahren. Vorweg behauptet der Agitator eine Gemeinsamkeit der Interessen von Partei und »Volk«, ohne sie jedoch näher zu konkretisieren »[...] immer haben wir so gehandelt. Wir sind immer mit dem Volk durch Dick und Dünn gegangen und darum ist das Volk uns auch auf allen Wegen gefolgt.«47 Für die Situation im Frühjahr 1943 soll nach dem Willen des Redners das gleiche gelten. Sein Publikum wird er deshalb zum Repräsentanten des »ganzen deutschen Volkes« erheben, die Abstimmung im Sportpalast zum Plebiszit aufwerten. Der angegebene Propagandaerfolg, »Einheit und Geschlossenheit« erzeugt bzw nachgewiesen zu haben, rückte aber schon durch das Nebeneinander von einschmeichelndem Gefühls- und einschüchterndem Befehlston ins Zwielicht: Die Veranstalter schienen ihn sich selbst einreden und den Betroffenen dekretieren zu müssen. Davon zeugt auch die Vehemenz, mit der Goebbels immer wieder eine Identität des allgemeinen mit dem herrschenden Partikularinteresse sprachlich beschwört. »Das ganze Volk [...], die ganze Nation [...], wir alle, Kinder unseres Volkes [...] wollen [...]«. Die Vehemenz verrät indirekt, wie man sich und anderen gewaltsam versichern muß, daß die »Gedanken der Herrschenden« auch wirklich die »herrschenden Gedanken« sind. Im Monopolkapitalismus und seiner faschistischen Ausgabe kann die spontan aus den Produktionsverhältnissen entspringende Gesellschaftliche Psychologie der Massen und deren herrschaftskonforme Ausrichtung durch die herkömmlichen ideologischen Apparate von Kirche, Staat und Unternehmerverbänden den Schutz des herrschenden Partikularinteresses nicht mehr ausreichend gewährleisten. Terroristisch muß das, was zu stürzen droht, gestützt werden. »Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist«, heißt es in Horkheimers »Dämmerung«, »mit desto grausameren Mitteln muß man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist.«48 Einmal davon abgesehen, daß jene mythische Einheit »Volk« den in den sozialen Kämpfen der Weimarer Republik ausgetragenen Klassenantagonismus verbal verdeckt und den vor allem von der organisierten Arbeiterschaft getragenen antifaschistischen Widerstand verleugnet49, verrät der Ton der Kameraderie gleichzeitig, welcher Art diese Partnerschaft zwischen Nationalsozialismus und Volk immer war: sie war von Anfang an auf das Prinzip Befehl / Gehorsam, Führer / Gefolgschaft gegründet. »Gefolgschaft« aber ließ sich nicht einfach dekretieren, »Gemeinsamkeit« nicht durch bloße Einflüsterung von oben herstellen. Um eine Massenbasis zu gewinnen, mußte der Faschismus Elemente des sozialen Unbehagens in seine Programmatik und Agitation aufnehmen. Das antikapitalistische Ressentiment50 wurde so zum inhaltlichen Kernstück der NS-Propaganda und blieb in gewandelter Form Bestandteil seiner herrschaftstechnischen Integrationsmaßnahmen bis in die Kriegszeit.51

Die programmatische Fixierung des »nationalsozialistischen Antikapitalismus« weist ebenso wie dessen agitatorische Umsetzung eine Reihe von Widersprüchen auf, die sich je nach Adressaten- und Situationsbezug unterschiedlich darstellen. Klassen- und schichtübergreifend konzipiert waren diejenigen Programmpunkte, die »Volksgemeinschaftsdenken« als eine die ganze Nation verpflichtende Norm postulierten und als kohärenzstiftende ideologische Klammer auf die Bildung eines National- und Rassebewußtseins52 abhoben, sowie diejenigen Passagen, die auf die Selbstdarstellung der NSDAP als einer »Bewegung grundlegender Erneuerung« abzielten. Daneben aber werden auch Interessen bestimmter sozialer Adressatengruppen direkt angesprochen. Die konkreten Programmpunkte bilden ein heterogenes Gemisch aus mittelstandsorientierten bzw an den sozialen Interessen der Arbeiterschaft ausgerichteten Forderungen. Auf den Mittelstand beziehen sich die Punkte 11 »Brechung der Zinskriechtschaft«), 16 (»Schaffung eines gesunden Mittelstandes [...]«) und 17 (» Bodenreform«). Die Punkte 10 (»Erste Pflicht eines Staatsbürgers muß sein, geistig oder körperlich zu schaffen«) und 11 (»Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens«), sowie die Punkte 13 und 14, welche Forderungen nach »Verstaatlichung von bereits vergesellschafteten Betrieben« und »Gewinnbeteiligung an Großbetrieben« erheben, geben sich hingegen einen sozialistischen Anstrich.53 »Eine Partei«, so beurteilten Experten der Reichsbank 1930 die Ziele der NSDAP, »die auf der einen Seite mit kapitalistischen Wirtschaftsführern liebäugelt (Krupp, Thyssen, Kirdorf, Abbe, Mannesmann, Siemens), sich gleichzeitig mit der sozialistischen Arbeiterschaft nicht entzweien will [...] und überdies noch auf kräftigen Zuzug aus der Landwirtschaft hofft, auf der anderen Seite aber auf die Durchführung ihrer eigenen Ideologie nicht verzichtet, muß notwendigerweise nach allen Richtungen hin weitgehende Konzessionen machen.«54 Das Urteil der Experten hinsichtlich der Realisierbarkeit wirtschaftspolitischer Anträge der NSDAP im Reichstag mündete dann in dem Fazit: »Ihre [der NSDAP, J. B.] wirtschaftspolitischen Anträge bilden [...] ein Kuriosum, wie es in der Wirtschaftsgeschichte wohl einzig dasteht.«55 Doch dieses »vernichtende Urteil« war noch nicht das letzte Wort, das eine fachkundige Funktionselite zur Praktikabilität nationalsozialistischer Politik sprechen sollte. Weitgehend einig war sich die Mehrzahl der politischen Kritiker vor 1933 in der Einschätzung des NS-Programms als eines – der Programmatik moderner catch-all-parties nicht unähnlichen – pragmatischen compositum mixtums: »Ist diese Paragraphenserie [das NS-Programm, J. B.]«, so fragte z. B. Theodor Heuss in seiner Studie Hitlers Weg (1930), »nicht ein fast zufälliges Nebeneinander, in dem Großes und Kleines vermengt wird, zwischen dessen Einzelheiten die Widersprüche und Unklarheiten lauern, sind die berühmten 25 Punkte nicht einfach eine schlechte Architektur ohne rechtes Maß, mit unsicheren Stützen und einem Schnörkelschmuck, der aus allerhand Stilkatalogen zusammengetragen wurde?«56 Der Ansatz bloß ästhetischer Kritik, der in diesen Fragen zum Ausdruck kommt, wird dann in der Antwort aber insofern zurückgenommen, als Heuss auf den opportunistischen Charakter der faschistischen Bewegung hinweist: »Sie [die NSDAP, J. B.] richtet sich taktisch ein und bedarf dazu natürlich mannigfacher Instrumentation.«57 Im Unklaren gelassen wird der Leser dann allerdings bezüglich der Frage, um wessen Taktik es sich dabei handelte, wie der soziale Interessenhintergrund dieser Partei beschaffen war. Deutlichere Hinweise auf die der NS-Taktik zugrundeliegenden Zwecke gaben wiederum die Experten der Reichsbank in einer 1932 – also nur zwei Jahre nach ihrem Statement über die wirtschaftspolitische Inkompetenz der NSDAP – abgegebenen Expertise, in der sie auf die prinzipielle Systemkonformität und die politische Funktionstüchtigkeit dieser Partei zur Erhaltung des von der Krise erschütterten kapitalistischen Gesellschaftssystems hinweisen:

»An der Spitze des nationalsozialistischen Wirtschaftsprogramms steht der Grundsatz des unbedingten Schutzes des Privateigentums. Die Grundlage der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung wird hiermit vom Nationalsozialismus anerkannt. Mit dem freien Eigentum wird auch die freie Konkurrenz, die Vertragsfreiheit, das Gewinnstreben und die Rentabilität anerkannt. Der Kampf des Nationalsozialismus gilt nur dem sogenannten Finanzkapital oder, wie Hitler sich auszudrücken pflegte, dem raffenden im Gegensatz zum schaffenden Kapital. In der Praxis dürfte die Grenze zwischen diesen beiden nur schwer zu finden sein. Für die Propaganda des Nationalsozialismus genügt es, daß die eine Kapitalart als arisch, die andere als jüdisch bezeichnet werden kann.«

Ohne die propagandistische Funktionsweise im einzelnen erklären zu können, hoben die Experten abschließend den »Nutzen« der nazistischen Zerlegung des Kapitalbegriffs für die »Staatsgestaltung« hervor:

»Es muß auf die wertvollen Kräfte hingewiesen werden, die in dieser Bewegung ruhen. Der nationale Schwung, die ideale Opferbereitschaft, der sogenannte [!] Irrationalismus sind Werte, die für die gesamte Staatsgestaltung und das Staatsleben fruchtbar werden können und müssen.«58

Umstritten ist bis heute die Frage, ob das Bürgertum – hier stellvertretend durch seine auf Geldpolitik spezialisierten Wirtschaftsexperten zu Wort gekommen – erst unter dem Druck der Staats- und Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik »den Faschismus gelernt« hat? Eine Antwort sei hier nur insoweit angedeutet, als sie im Zusammenhang unseres Versuchs, das Wesen des propagandistischen Antikapitalismus zu bestimmen, von Bedeutung ist. Insbesondere sollen dabei Widerspruchsmomente eine Erklärung finden, wie sie beispielsweise in der Kuriosität zum Ausdruck kommen, daß eine politische Bewegung, die ihre Anhänger vor allem im Mittelstand fand, den Namen »National Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei« trug. Diese Antinomie wird noch vor jeder qualitativen Inhaltsanalyse verstehbar, wenn man die ursprünglichen Intentionen der Gründer und frühen Förderer dieser Partei verfolgt.

Aufschluß über die ursprünglichen Intentionen liefert die Entstehungsgeschichte der NSDAP. Folgt man der neueren sozialgeschichtlichen Faschismusforschung, so entstand die NSDAP, wie eine Reihe weniger erfolgreicher nationalistischer und »völkischer« Konkurrenzgründungen nach 1918, unter der geistigen Patenschaft des Alldeutschen Verbandes und der organisatorischen Patronage der Reichswehr als »Propagandaorganisation des Monopolkapitals« (Kuczynski), deren erstes Ziel darin bestand, Arbeiter für die »nationale Sache« zu gewinnen.59 Diese Zielsetzung machte eine scharfe ideologische Abgrenzung und den offenen Kampf gegen die sozialistische Arbeiterbewegung bei gleichzeitiger Anknüpfung an antikapitalistische Stimmungen und das soziale Interessenbewußtsein der Arbeiter notwendig. Mittels einer bewaffneten paramilitärischen Kampftruppe (SA) und des Aufbaus eines weitverzweigten Propagandanetzes sollte diese Doppelaufgabe in Angriff genommen werden. Das Übergewicht »sozialistischer« Programmpunkte erklärt sich hieraus ebenso wie der Name der Partei, die virtuose, jede präzise Bedeutung auflösende propagandistische Handhabung des Sozialismusbegriffs60 und eine Reihe weiterer Agitationsmerkmale.



»Der Angriff – Für die Unterdrückten / Gegen die Ausbeuter!«

Die NS-Agitation zur Gewinnung von Arbeitern bediente sich vorwiegend der propagandistischen Methode herrschaftstechnisch kalkulierter »Entwendungen aus der Kommune« (Bloch). Dazu gehörte die Verwendung von Emblemen der Arbeiterbewegung, wie z. B. der Abdruck von Hammer und Sichel auf der Maiplakette von 1934, sowie die Übernahme von Kampfparolen und Liedern der Arbeiterbewegung. Die von Goebbels herausgegebene Zeitschrift Der Angriff bspw. trug das Motto: »Für die Unterdrückten / Gegen die Ausbeuter«. Die Mimikry erstreckte sich darüberhinaus aber auch auf die Inszenierungs- und Organisationsformen der Massenpropaganda. Zur Gewinnung von Arbeitern für die NSDAP während der »Kampfzeit« soll Hitler 1942 u. a. folgende Mittel angeführt haben:

»1. Ebenso wie die marxistischen Parteien habe er politische Plakate in schreiendstem Rot verbreitet. 2. Er habe Lastkraftwagenpropaganda betrieben, wobei die Lastkraftwagen über und über mit knallroten Plakaten beklebt, roten Fahnen ausgestattet und mit Sprechchören besetzt waren. 3. Er habe dafür gesorgt, daß alle Anhänger der Bewegung in die Versammlungen ohne Schlips und Kragen und ohne sich fein gemacht zu haben, gekommen wären und dadurch Vertrauen bei der arbeitenden Bevölkerung erweckt hätten [...]«61

Das hier von Hitler retrospektiv geschilderte propagandistische Verfahren der frühen NSDAP zur Gewinnung von Arbeitern war von den Förderern dieser Partei in seiner rein instrumentellen Funktion durchaus begriffen worden. Von Teilen des Bürgertums wurde der plebejische Gestus der Selbstdarstellung und der Scheinsozialismus in Ideologie und Programmatik freilich lange Zeit beargwöhnt; man befürchtete sogar, daß Hitler »kleinbürgerliche und studentische Kreise mit seinen pseudo-sozialistischen Gedanken verseuche.62 Wenngleich sich diese Irritation, ebenso wie die Furcht vor einer Realisierung der antikapitalistischen Programmpunkte als unbegründet erweisen sollte, bestanden – wie die späteren Massenerfolge der NSDAP bei den Wählern der bürgerlichen Mittelparteien dann auch zeigten – die Konkurrenzängste aus parteipolitischer Perspektive durchaus zu Recht. Mit der Wahl von 1930 war im wesentlichen ein Einbruch ins Kleinbürgertum erfolgt. Auf die ursprüngliche Zielgruppe – die Arbeitermassen – blieben die beabsichtigten Überzeugungseffekte ohne jede größere Wirkung: »Es ist den Nationalsozialisten nicht gelungen«, so kommentierte die Berliner Börsenzeitung den Wahlsieg der NSDAP vom September 1930, »die Idee zu verwirklichen [...], die deutsche Arbeiterschaft dem Internationalismus zu entreißen und den deutschen sozialistischen Arbeiter zum Nationalismus zu erziehen«.63 Gleichwohl setzte die NSDAP ihren – durch die Doppelstrategie von terroristischer Unterdrückung und demagogischer Verführung gekennzeichneten – Kampf »um den deutschen Arbeiter« fort. Die zur politischen Entmündigung der Lohnabhängigen verwandten Versatzstücke der NS-Propaganda entsprachen aber in ihrem antikollektivistischen, psychologisierenden Zuschnitt in der Regel eher kleinbürgerlichen Erfahrungshorizonten und fanden deswegen auch in deren Reihen stärkere Resonanz. Dasselbe gilt für die »antikapitalistische« Diskussion in der sogenannten NS-»Linken«. Der pseudosozialistische Charakter ihrer Politik wird nicht erst in der Konfrontation von ideologischem Anspruch und politischen Handeln greifbar; schon aus der Widersprüchlichkeit und Praxisferne ihrer Propagandainhalte läßt sich deren demagogischer Grundzug erkennen.64

Das städtische Proletariat und die Angestelltenmassen der norddeutschen und nordwestdeutschen Großstädte sollten vor allem durch die Politik und Programmatik der sogenannten NS-»Linken« mobilisiert werden. Die »Kampfverlagspresse« des Strasser-Flügels unterstützte z.B. bei konkreten Streiks offen die Forderungen der Streikenden.65 Während Hitler und Rosenberg »Klassenkampf« als »marxistisch-jüdische Erfindung« denunzierten, während sie künstlich zwischen »schaffendem« (= deutschem) und »raffendem« (= jüdischem) Kapital unterschieden und so versuchten, die Klassenauseinandersetzungen in »Rassenkampf« umzumünzen, bestanden die Propagandaexperten der NS-»Linken« auf der Notwendigkeit des »Klassenkampfes«, »deuteten ihn aber um in eine >Auseinandersetzung zwischen schaffender Arbeit und arbeitslosem Einkommen< und stellten damit lediglich das Leihkapital und die Aktionäre auf die andere Seite der Barrikade«.66 Ausbeutung und das den Massen vorenthaltene Recht auf Arbeit wird in den gesellschaftstheoretischen Spekulationen der NS-»Linken« dann auch nicht aus der kapitalistischen Form des Produktionsprozesses abgeleitet, sondern zur »Charaktersache« erklärt: »Man unterscheidet zwischen guten Unternehmern und schlechten Kapitalisten«.67 Außerdem sind es in erster Linie die Agenten der Zirkulation, gegen die sich die Angriffe richten.

Für die programmatische »Diskussion« übernahm die NS-»Linke« einige gängige Thesen aus der marxistischen Theorie wie »Wachsende Konzentration des Kapitals«, »Gefährdung und Proletarisierung der Mittelschichten«.68 Auch sie forderten die »Brechung der Zinsknechtschaft«, die »Kommunalisierung der Trusts und Warenhäuser«, die entschädigungslose Enteignung der großen Güter und die Zerschlagung der Macht des Finanzkapitals.69 Zum Teil zitieren diese Forderungen in ihrem anachronistischen Zuschnitt den sozialdemagogischen Charakter dieser Forderungen selbst. Mit »Kommunalisierung« war nämlich nicht die sozialistische Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel, nach einer den gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechenden planvoll produzierenden Ökonomie gemeint: in ihren Forderungen adaptierten die Theoretiker für ihre Propaganda sozialromantische Vorstellungen, welche die Erscheinungsformen des sozialen Elends im Monopolkapitalismus durch einen Rückzug auf vormonopolistische, »ständisch« gegliederte Produktionsformen, eine vorkapitalistische Welt der Kleingewerbetreibenden, der Handwerker und der ihr »Erblehen« bestellenden Bauern zu beheben gedachten. Was die Nationalsozialisten in ihre »Strategie der Negation« vornehmlich einbauten, waren weniger die restaurativen Inhalte als die rebellische Form des kleinbürgerlichen Antikapitalismus. Sowenig wie die Partei-»Rechte« tastete auch die NS-»Linke« die sozioökonomischen Grundlagen des Kapitalismus in Wahrheit an. Während die Führer beider »Fraktionen« in Vorträgen, Denkschriften und Geheimabsprachen der herrschenden Klasse ihre Loyalität versicherten70, bedienten sie sich in der Massenpropaganda einer Sprache, die noch weitgehend von den realen Interessen und der antikapitalistischen Sehnsucht ihrer Parteigänger aus dem Volk geprägt war.



Das Feindbild als Projektion der eigenen Misere

Für die Goebbelsrede vom Februar 1943 trifft dies nicht mehr zu. Auch die projektive Ablenkung der antikapitalistischen Haltungen auf das jüdische Finanzkapital, wie es die Parteirechte vor 1933 betrieb, war 1943 nicht mehr wirksam, da der Nationalsozialismus die ökonomische Existenz der Juden durch die sogenannte »Arisierung« und ihre physische in den Vernichtungslagern fast völlig zerstört hatte. Antisemitischen Verschwörungstheorien war innenpolitisch damit viel an Boden entzogen, umso extensiver werden sie für den propagandistischen Kampf gegen den äußeren »Feind« mobilisiert.71

Die von Goebbels vorgetragene »Sozialkritik« an der Sowjetunion bedient sich der Projektion von noch nicht zielsicherem Unbehagen an deutschen Zuständen:

»Der östliche Bolschewismus verfolgt seine Ziele und Zwecke ohne jede Rücksichtsnahme auf Glück, Wohlstand und Frieden [...] Die Massen von Panzern, die in diesem Winter unsere östliche Front berennen, sind das Ergebnis eines 25jährigen sozialen Unglücks und Elends des bolschewistischen Volkes«.72

Damit der Anwalt dieser Kritik von den skeptisch gewordenen Massen nicht durchschaut werde, diese Elemente der antisowjetischen Propaganda sich nicht gegen das staatsmonopolistische System selbst wendeten, muß sich die Propaganda eines Tricks – einer entpolitisierten Umbenennung des »Feindes« – bedienen:

»Der Minister weist daraufhin, daß wir immer Bolschewismus sagen müßten und nicht Kommunismus, weil das Wort Kommunismus einen anderen Klang habe und vielleicht in der Lage sei, bei diesem oder jenem vergangene Zeiten anklingen zu lassen«73

Aber auch diese Vorsichtsmaßnahme konnte den Wirkungsspielraum der antisowjetischen Propaganda kaum erweitern, der, wie wir sahen, durch die Erfahrungsmöglichkeiten der Manipulierten selbst abgesteckt war.74 Die Einsicht, daß die einzelnen Konkreta der antisowjetischen Propaganda in der informellen Kommunikation in ihrem Wahrheitsgehalt bezweifelt wurden, konnte nun aber nicht dazu führen, die Propaganda entsprechend zu ändern: da die imperialistische Eroberungspolitik mittels eines nationalen Narzißmus und versprochener realer Vorteile75 eine große Zahl auch derjenigen in ihren Bann gezogen hatte, die letztlich nur die Kosten zu tragen hatten, gescheitert war, blieb als ultima ratio propagandistischer Systemerhaltung noch ein Mittel: » [...] Nicht mehr von Eroberungen, sondern vom Kreuzzug gegen den Bolschewismus zu reden«.76 Der Appell an die Angst,,die Beschwörung apokalyptischer Visionen vom »Untergang des Abendlandes waren mit der letzte Ausweg, mit dem die Propaganda versuchte, die Massen an die Verteidigung eines gesellschaftlichen Zustandes zu binden, der nie ihren Interessen entsprochen hat. Nach dem Propagandakonzept der »Kraft durch Furcht« ließen sich infolgedessen am Feindbild nur Akzentverschiebungen von »schwach/lächerlich« zu »bedrohlich/ernst« anbringen, wobei die neue Art der Greuelpropaganda vor allem die »totale Mobilisierung« als letzten Ausweg zu begründen hatte. »Der Minister«, so heißt es in den Protokollen der geheimen Ministerkonferenz, »bittet darum aus der deutschen Presse Karikaturen herauszunehmen, die unsere Gegner kleinmachen«.77 Verzichten konnte die nationalsozialistische Propaganda auf derartige Korrekturanweisungen zur Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit nur um den Preis ihrer Selbstaufgabe.

Je weniger nun aber eine realistisch drapierte Diffamierung des »Feindes« wirksam werden konnte, umso mehr versuchten die Propagandisten ihren Einfluß über die Lancierung absurder Verschwörungstheorien auszuüben. Die Teilvernunft in den Argumentationsmustern der »Siegpropaganda« wird in den Überredungstopoi der »Durchhaltepropaganda« weitgehend zurückgestellt zugunsten irrrationalistischer Bedrohungsbilder »Das Ziel des Bolschewismus«, versucht Goebbels seinen Zuhörern zu suggerieren, »ist die Weltrevolution der Juden. Sie sollen das Chaos über das Reich und über Europa hereinführen, um in der daraus entstehenden Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Völker ihre internationale, bolschewistisch verschleierte, kapitalistische Tyrannei aufzurichten [...].«78

Neben dieser zentralen Passage, die die wesentlichen Elemente des antisemitischen »Tickets« und des Einheitstricks faschistischer Agitatoren bereits versammelt, wird das Bild des »Feindes« im Verlauf der Rede mit den bekannten Bildern aus dem Arsenal paranoider Wahnvorstellungen ausgestattet. In einer dehumanisierenden Sprache, die auf emotionale Abscheu spekuliert, Tötungshemmungen abzubauen versucht, attackiert Goebbels die Juden als »infektiöse Erscheinung« und »Weltpest«79, als »teuflisches Ferment der Dekomposition«80, das »geistige Lähmungserscheinungen«81 hervorruft und als »plastischen Dämon des Verfalls und Träger eines international kulturzerstörerischen Chaos«82 Die »Bolschewisten« werden in beispielhafter Verknüpfung kulturverteidigender und antizivilisatorischer Stoßrichtung sowohl als »Aufstand der Steppe«83 wie auch als »mechanisierte Roboter«84, die mit »ihren infamen Weltbetrugsmanövern« eine »infernalische politische Teufelei«, nämlich »die Weltrevolution der Juden«85 im Schilde führten, beschimpft.

Will man sich nun bei der Interpretation dieser Passagen nicht damit begnügen, sie als Ausdruck »der geistigen Auflösungserscheinungen des Dritten Reiches« (Hagemann) zu verstehen, sondern versuchen, den rationalen Kern dieser Verschwörungsdemagogie im Hinblick auf Adressaten zu ermitteln so muß das soziale Substrat jenes projektiven Zusammenschließens gesellschaftlich gerade entgegengesetzter Kräfte, die Identifizierung von Kommunisten und Kapitalisten in einem Feindbild benannt werden. Dieses Zusammenschließen knüpft an Dimensionen der sozialen Erfahrungen des Kleinbüßertums an, das sich von Großkapital und Organisationen der proletarischen Massen bedroht sah. Während die einen ihr »Eigentum« streitig machten, schien ihnen im Kollektivismus der anderen nicht nur dieses, sondern auch ihre »Einzigkeit« verloren zu gehen; diese hatte ihnen das Großkapital in der Ideologie nicht nur ausdrücklich zugestanden, sondern auch noch mit dem Herrenmenschenprädikat der »arischen Rasse« veredeln lassen. Die Furcht vor wirtschaftlichem Ruin und vor »Vermassung«, vor dem Verlust der materiellen Basis sozialer Identität öffnet dem propagandistischen Doppelangriff auf Monopolkapital und Kommunismus ein Einfallstor bei den kleinbürgerlichen Massen. Als ein aus dem eigenen Erfahrungshorizont stammendes Bindemittel fungiert ein »antimechanistischer Affekt« (»Roboterdivisionen«), der mit dem rassistischen (»Aufstand der Steppe«) rhetorisch raffiniert verschmolzen wird. In der Bildersprache dieser Kombination von kulturverteidigender und antizivilisatorischer Attitüde zeigt sich, daß der Agitator das Einstellungssyndrom nicht beliebig und allgemein handhabt, sondern in einer, die konkreten, situativen Erfahrungen berücksichtigenden Weise.

Den Ambivalenzen des »Russenbildes« in der deutschen Bevölkerung – von den Meinungsforschern des SD sorgsam herauspräpariert trägt der Meinungs-Formierer in der aktuellen Situation im Sinne seiner Zielvorstellungen dadurch Rechnung, daß er sie nicht einfach ignoriert, sondern aufgreift und ausspricht, dabei aber immer versucht, ihnen einen negativen Sinn zu unterschieben: Die Bevölkerung ist beeindruckt vom hohen technischen Standard der Roten Armee, von den »riesigen Rüstungswerken«, »Stauwerken« usw.86 – Goebbels spricht von »Roboterdivisionen«! Die »Volksgenossen« sind »besonders erstaunt [...] über das in der Sowjetunion teilweise hochentwickelte Schulwesen und über den »Familiensinn« der »Ostarbeiter«87 – Goebbels nimmt die Konkreta der NS-Demagogie vom »Untermenschentum« (»sture, stumpfe und vertierte Horden«) zurück und flankiert den nurmehr symbolisch aufrechterhaltenen Kern des alten Feindbildes (»Aufstand der Steppe«) mit Erklärungen von der »internationalen Verschwörung«, von »östlichem Bolschewismus« und »westlichem Kapitalismus«.

Da eine rationale Begründung des Zusammenschließens dieser »feindlichen Brüder« dem Alltagsdenken der Massen nicht unmittelbr zu entnehmen ist – Antikommunismus und Antikollektivismus begründen allenfalls Haß gegen, nicht aber das Identische von beiden – muß von den Ideologen der herrschenden Klasse eine kohärenzstiftende personalisierende Erklärung gefunden und über alle zur Verfügung stehenden ideologischen Apparate verbreitet werden. Was die Massen ihrerseits zur Übernahme des hierzu modellierten und modernisierten Antisemitismus disponierte, ist paradoxerweise ihr Anspruch auf eine vernünftige, dem Prinzig der Kausalität verpflichtete Erklärung der Welt. Das Fehlen jedes »dynamischen Antisemitismus« in der Bevölkerung88 verweist seine Erklärung aus »Aggressivität« und »Psychopathologie« der Massen ins Reich der Spekulation. Die faschistische Variante des Antisemitismus entsteht vielmehr aus einem Rationalisierungsbedarf der imperialistischen Gewaltpolitik des Systems. Sie wird von Teilen der Bevölkerung allerdings nach Maßgabe des Verstricktseins in diese Politik auch subjektiv (zur Rationalisierung des eigenen Anteils an den Verbrechen) angeeignet.89

Was nun die mögliche Wirksamkeit des Einheitstricks vom »Weltjudentum« in der Rede anbelangt, so ist auf die Tatsache zu verweisen, daß das Bündnis der ungleichen Partner in der Antihitlerkoalition dem Verschwörungsverdikt scheinbare Evidenz verleiht. Die Rede von der »bolschewistisch verschleierten Tyrannei des Weltjudentums« ist mithin weder als inhaltsleere Haßtirade noch als Ausdruck eines paranoiden WeItbildes des Redners zu verstehen, sie gehorcht vielmehr einer durchaus situationsadäquaten Logik der Vernebelung.

Die Schuldverlagerung auf den »äußeren Feind«, von dem nach Stalingrad in der Tat eine reale Bedrohung ausging, enthielt implizit auch das Eingeständnis der eigenen (inneren) Schwäche. Diese konnte der Propagandist dem »Judentum«, von dem er im Übrigen behauptete, daß es im Reich längst »fertig gemacht worden sei«, nicht gleichzeitig wieder anlasten. Die ungelösten innenpolitischen Probleme, die Widersprüche zwischen propagiertem und realisiertem Handeln bei der Durchführung der Totalisierungsmaßnahmen ließen sich nur bedingt nach außen ableiten. Der neue »Sündenbock« war, wie die »Meldungen aus dem Reich« ergaben, von der Bevölkerung immer häufiger in den Reihen der eigenen Führungscliquen, unter den »Bonzen« und »Plutokraten« in Wirtschaft und Politik gesichtet worden.



Die Gleichheit im Übel als Mittel gegen das Übel der Gleichheit

Das von der Propaganda für den »Totalen Krieg« deshalb zu entdeckende Bild des innenpolitischen Feindes wird fast ausschließlich von dessen angeblichen Lebensgewohnheiten her konstruiert. Mit der neuen outgroup der »Säumigen«90, dem »kleinen Kreis von Drückebergern und Schiebern, die mitten im Kriege Frieden spielen und die Not des Volkes zu eigensüchtigen Zwecken ausnützen wollen«91, dem Gegenbild der »Hunderttausend anständigen Arbeiter und Arbeiterinnen«92 schuf die Propaganda zugleich vorbeugend Elemente einer zeitgemäßen Dolchstoßlegende.93 Die Angriffe auf die gesellschaftlich Privilegierten unter jenen, die sich »an der Verantwortung des Krieges vorbeidrücken«, soll den betrogenen Massen Ventil und Ausdrucksmöglichkeit ihrer unter ständigen sozialen Repressionen und materiellen Entbehrungen angestauten Wut sein und sie zugleich von der Gerechtigkeit der nationalsozialistischen Herrschaft überzeugen. Die Propaganda greift die Kritik der Massen auf, schürt den Volkszorn mit der Absicht, ihm seine politische Spitze zu nehmen. Das gelingt durch eine soziale Entspezifizierung der Angegriffenen. Vor ihrer Funktion als Ausbeuter, als ökonomisch Herrschende und Kriegsprofiteure macht der Radikalismus des Agitators halt; nur bestimmte Züge ihrer Lebensweise, die Anlaß zu den immer häufiger zirkulierenden Bonzengerüchten gegeben hatten, trifft seine Polemik. Bei Goebbels wird der angedrohte Entzug von Privilegien bezeichnenderweise nicht, wie es die Logik der allumfassenden Gerechtigkeitsgebärde verlangte, sozial begründet, sondern als »ausschließliche Notmaßnahme für die Kriegszwecke und Kriegsbedürfnisse« legitimiert:

»Wenn beispielsweise gewisse Männer und Frauen sich wochenlang in den Kurorten herumräkeln, sich dort Gerüchte zutratschen und Schwerkriegsversehrten und Arbeitern und Arbeiterinnen, die nach einjährigem hartem Einsatz Anspruch auf Urlaub haben, Platz wegnehmen, so ist das unerträglich und deshalb abgestellt worden. Der Krieg ist nicht die richtige Zeit für einen gewissen Amüsierpöbel.«94

Dieser despektierliche Jargon unternimmt es scheinbar, die »Reichen« ihrer Dekadenz und Lächerlichkeit zu überführen. In Wirklichkeit zielt er aber auch auf die Entzauberung einer Wunschwelt und soll damit helfen, einen »heroischen Realismus« zu begründen. Gleichzeitig versucht der Agitator mit seinen Ausfällen gegen die »Reichen«, seine Anhänger von seinem eigenen Radikalismus und der Glaubwürdigkeit seiner sozialrevolutionären Phrasen zu überzeugen.95

Wie Privilegien noch propagandistisch vertuscht, nicht aber abgeschafft werden, zeigt das folgende Beispiel, das wegen seines selbstentlarvenden Charakters hier ausführlich zitiert werden soll:

»Auch an Kleinigkeiten entzündet sich manchmal der öffentliche Unmut. Es ist beispielsweise aufreizend, wenn junge Männer und Frauen morgens um neun Uhr in Berlin durch den Tiergarten reiten und dabei vielleicht einer Arbeiterfrau begegnen, die eine zehnstündige Nachtschicht hinter sich hat und zuhause drei, vier oder fünf Kinder betreuen muß. Das Bild einer wie im vollen Frieden vorbeigaloppierenden Kavalkade kann in der Seele dieser braven Arbeiterfrau nur Bitterkeit erregen. Ich habe deshalb das Reiten auf öffentlichen Straßen und Plätzen in der Reichshauptstadt für die Dauer des Krieges verboten.«96

Das Engagement für die Massen erweist sich hier wiederum als heuchlerisches Lippenbekenntnis. Goebbels durfte voraussetzen, daß die oberen Zehntausend wenn auch gehaßt, so doch als unabänderliche Notwendigkeit akzeptiert wurden. Der Trotz gegenüber den Nutznießern der eigenen Politik bleibt rhetorisch! Augenzwinkernd wird ihnen lediglich Zurückhaltung empfohlen. Man verbietet ja nicht das Herren-Reiten überhaupt, es sollte nur nicht in der Öffentlichkeit geschehen. Goebbels appelliert hier an latente Klassenressentiments, deren Ohmacht und Richtungslosigkeit er in dieser Situation noch zynisch kalkulieren konnte. Jene Ressentiments sind der verzerrte begriffslose Ausdruck eines Bewußtseins der Massen, das über ein bloßes Aufbegehren gegen Druck und Ungerechtigkeit nicht hinauskam. Die »Bitterkeit« der Arbeiterfrau, von Goebbels mit scheinbarem Mitgefühl angesprochen, trifft diese Haltung recht genau. Trotzdem genügen die letztlich äußerst zahmen Parolen der Rede, einige »klassenkämpferische Exzesse«97 im Deutschen Reich auszulösen; sie werden jedoch, sobald sie außer Kontrolle zu geraten drohen, sofort unterdrückt. In der Wochenzeitschrift Das Reich, »dem Leib- und Magenblatt der bürgerlichen Intelligenz und [der] meistgelesenen Zeitung im Offizierskorps«98, schreibt Goebbels am 4. April 1943 einen Leitartikel unter der Überschrift »Ein offenes Wort zum >totalen Krieg<«. Er scheint seinen Lesern, die von der Radikalität der angekündigten Maßnahmen beunruhigt waren, bedeuten zu wollen, daß sie nichts zu befürchten hätten. Es heißt dort unter anderem:

»Daß beispielsweise ein paar Heißsporne die günstige Gelegenheit auszunutzen versuchen, um ihre unverdauten Klasseninstinkte abzureagieren, ist durchaus unerfreulich, wird aber mit einiger Geduld und wenn nötig auch Strenge abzustellen sein. Man braucht diese Begleiterscheinungen nicht übermäßig zu dramatisieren [...] Je mehr Menschen ihre Pflicht freiwillig, freudig und ohne Zwang erfüllen, umso besser für die Nation. Erst wo diese Bereitschaft fehlt, da setzt der Druck von oben ein [.. ] «.99

»Sehr wirksam«, heißt es in Moltmanns Darstellung der Rede, »mußte überdies der Appell an eine soziale Gerechtigkeit sein [...] Goebbels konfrontierte >die breiten arbeitenden Massen des Volkes mit einer bestimmten Volksschicht<, die noch an einem >hohen Lebensstandard< interessiert sei [...]. Die >nationalsozialistische Gerechtigkeit< nehme keine Rücksicht auf den Beruf. Arm und reich und hoch und niedrig müssen in gleicher Weise beansprucht< werden [...]. Frauen, auch wenn sie aus bevorzugten Kreisen stammten, könnten sich zur Verfügung stellen«. Und das Paraphrasierte kommentierend, fährt Moltmann fort: »Dies sozialistische Moment, für Goebbels aus früheren Jahren der Kampfzeit noch geläufig, konnte, gerade weil es im Dritten Reich ignoriert worden war, jetzt umso stärker Anklang finden.«100

Die Paraphrase hat vom Faschismus so wenig begriffen, wie der Kommentar vom Sozialismus. Indem die faschistischen Verlautbarungen beim Wort genommen werden, nach ihrem sozialen Inhalt aber nicht gefragt wird, kommt man beiläufig zu der Einsicht, daß in der faschistischen Ausgabe von »Gerechtigkeit« ein »sozialistisches Moment« stecke. Zwar ist es richtig, daß der Faschismus »sozialistische Momente« aufnahm, nicht aber, um sie auch nur in abgeschwächter Form wahrzumachen, sondern um – wie es im Kunstwerkaufsatz von Benjamin heißt – »die Massen zu ihrem Ausdruck, beileibe nicht zu ihrem Recht [kommen zu lassen]«.101 Die Übernahme sprachlicher und agitatorischer Elemente des proletarischen Klassenkampfes hatte, wie Haug in einer kritischen Weiterführung der Benjaminschen Überlegungen ausführt, »damals die Funktion, durch Abtrennen des Ausdrucks der Arbeiterbewegung von der Arbeiterbewegung und ihren Zielen, durch getrennte Befriedigung des bloßen Ausdrucksbedürfnisses, die Arbeiter – nicht anders als die Massen der Angestellten, Kleinbürger und Bauern – durch ästhetische Faszination politisch zu überwältigen. Die oberflächlichen Entwendungen bei den Kommunisten waren also Waffe des Antikommunismus, rundeten den Erfolg der Gestapo und der Konzentrationslager ab.«102 Faschismus muß also gerade als »Schein-Sozialismus« begriffen werden, die hämische Gleichheit als Perversion des Sozialismus, als »schamlose Verwertung des Evangeliums der Ausgebeuteten für die Ausbeuter«103 durchschaut werden.

Auch ohne eine explizite Theorie über den sozialen Charakter des Faschismus hätte schon eine genaue Lektüre der Rede den Ausdruck »soziale Gerechtigkeit« in die gebührenden Anführungszeichen verwiesen. Denn so sehr auch die soziale Härte der Forderungen für einen totalen Kriegseinsatz als leidvolles Muß gleichmäßig alle treffen soll, verraten die von jedem genau faßbaren sozialen und ökonomischen sinnentleerten Versprechungen, daß sich für die Masse auch nach dem Krieg wenig ändern würde: laut Goebbels sollte danach wieder der Grundsatz »Leben und leben lassen« gelten: »Feinschmecker wollen wir wieder nach dem Krieg werden [...], gemütlich werden wir es uns wieder machen, wenn der Sieg in unseren Händen ist [...]«.104 Nur einmal wird der Redner konkreter. Nachdem er beteuert hatte, daß nach dem Krieg alles, »was wir heute auflösen, größer und schöner denn je wieder neu aufgebaut wird«, fährt er fort: »Ich wende mich in diesem Zusammenhang eindringlich gegen die Behauptung, daß mit unseren Maßnahmen die Stillegung des Mittelstandes oder eine Monopolisierung unserer Wirtschaft bezweckt würde. Nach dem Krieg wird der Mittelstand sofort wieder in größtem Umfange wirtschaftlich und sozial hergestellt.«105 Die Beschwichtigung der Händler, Gewerbetreibenden und kleinen Unternehmer war besonders dringlich geworden, da die staatsmonopolistische Entwicklungstendenz zu immer stärkerer Konzentration durch den Krieg noch beschleunigt wurde und der Vorwand, alles geschehe nur aus Kriegsnotwendigkeit, von den Betroffenen zu Recht als Propagandalösung beargwöhnt wurde. »Das Kleinbürgertum, das die Massenbasis des Faschismus in Deutschland gebildet hatte, spürte zum ersten Male am eigenen Leibe, daß der Krieg sich auch gegen es selbst wendete.«106 Die SD-Meldungen vom ersten März 1943 wußten dazu zu berichten, daß unter den Betroffenen die Auffassung wachse, daß der Mittelstand zerschlagen werde »zugunsten einer staatskapitalistischen Konzentration der Wirtschaft, von welcher eine kleine Führungsschicht allein den Vorteil habe.«107

Die Propaganda versuchte dann auch, alle Verlautbarungen, die diesen Prozeß zum Teil zynisch kommentierten, konsequent zu unterdrücken. So kritisierte Goebbels beispielsweise in der Ministerkonferenz vom 27. März 1943 die Veröffentlichung von Auszügen einer Rede des Reichswirtschaftsministers Funk, in der dieser geäußert hatte, »daß der Krieg eine harte und erbarmungslose Auslese sei, und daß nur das, was widerstandsfähig ist und eine große innere Kraft besitzt, übrig bleiben werde« als »psychologisch verfehlt«.108 Das offen ausgesprochene »Wolfsgesetz« des Kapitalismus, das die realen Wirkungen des staatsmonopolistischen Systems hervorkehrte, hintertrieb die propagandistischen Bemühungen zur Integration der betrogenen kleinbürgerlichen Massen.



4. Zur propagandistischen Integrationswirkung des Führermythos

Ubiquitäres Führerbild

Im Zentrum der faschistischen Propaganda und an zentraler Stelle der Goebbelsschen Rede steht der »Führermythos«, eines der am häufigsten verwendeten Integrationssymbole der »Volksgemeinschaftspropaganda«.109

In den zehn Fragen am Schluß der Rede wird dieses Symbol wiederholt eingesetzt:

»Glaubt ihr mit dem Führer an den [...] Sieg [...]?

Seid ihr entschlossen, dem Führer durch dick und dünn zu folgen?

Zweitens [...]

Seid ihr bereit, mit dem Führer diesen Kampf fortzusetzen [...]?

Drittens [...] -

Seid ihr [...] entschlossen, wenn der Führer es befiehlt [...] das Letzte herzugeben für den Sieg? [...]

Fünftens [...]

Ist euer Vertrauen zum Führer größer und gläubiger denn je? [...] «110

Um die Bedeutung und Wirksamkeit dieser Wiederholungen zu verstehen, muß der Führerbegriff in seiner Funktion für die nationalsozialistische Propaganda etwas umfassender behandelt werden. Der »Führermythos« war nicht spontan in einer Notsituation entstanden, sondern systematisch vorbereitet worden. Durch jahrelange Propagandaarbeit war das Führerbild von Goebbels und seinen Mitarbeitern modelliert und mit bestimmten funktionsspezifischen Eigenschaften ausgestattet worden. Die Techniken, deren sich die Propaganda zu seiner Verbreitung bediente, waren deutlich kommerziellen Werbepraktiken entlehnt. Dieser Zusammenhang von politischer Propaganda und kommerzieller Reklame ist mehrfach analysiert und Goebbels als »Markentechniker« apostrophiert worden.111 Die markentechnische Inbeschlagnahme bestimmter Namen, in der sich die spezifischen Realisationsprobleme und Konkurrenzverhältnisse des Großkapitals niederschlagen, finden in der Propaganda ihr Pendant, indem auch sie bestimmte Ausdrücke monopolisiert und wie Markenartikel »gesetzlich schützen« läßt. Zu diesen Ausdrücken gehörte unter anderem der Begriff des »Führers«. Die Anwendung kapitalistischer Reklame in der Politik geschah nicht zufällig und unbewußt. Goebbels selbst, dessen Tätigkeit entscheidende Anstöße von Werbespezialisten erfahren hatte112, verstand sich als Reklametechniker, der sich selbst einmal geschmeichelt darüber geäußert haben soll, da der amerikanische Konzern schon gewußt habe, »was er tat, als er mich vor einigen Wochen als Reklamechef engagieren wollte«113, und der seine wichtigste Leistung in der Schaffung des »Führermythos« sah. Er machte es sich zur Aufgabe, »aus dem mehr oder weniger naturwüchsigen Beiwort einen Begriff zu machen, der den Massen zumindest dem (Marken-)Namen nach bekannt ist, und dafür zu sorgen, daß die Bezeichnung »Führer« Monopol für die Person Hitlers blieb«.114 Um das Führerbild allseitig präsent zu machen, wurde neben der Reklame in der Massenkommunikation seine Propagierung in allen kulturellen Institutionen und Medien vorgeschrieben. Während sich die Funktionsträger der NSDAP in der Förderung des Hitlerkultes gegenseitig überboten, ersannen die akademischen Rechtfertiger des Führerprinzips immer neue Legitimationsmuster: In Kindergärten lehrte man die Kinder beispielsweise beten: »Händchen falten, Köpfchen senken / und an Adolf Hitler denken / der uns Arbeit gibt und Brot und uns führt aus aller Not«.115 Mit den Führerhymnen etwa der folgenden Machart – »Den Weg zum Führer wollen alle wandern, nur sind die einen schneller als wir andern [...]«116 wetteiferte die Hitlerjugend in der Hitlerverehrung. Gauleiter Wagner pries Hitler als den »größten Künster aller Zeiten«, Robert Ley, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, weiß von Hitler zu berichten, er sei ein Mensch, »der sich als einziger auf der Erde und in der ganzen Geschichte niemals irrt« Rudolf Hess (der sog. Stellvertreter des Führers) nannte ihn die »menschgewordene reine Vernunft schlechthin«, Himmler schließlich stellte ihn an die Spitze der »arischen Menschheit«: »die ganze arische Menschheit hat seit ihrem ersten Erstehen niemals etwas auch nur vergleichbares hervorgebracht wie unsern Führer Adolf Hitler.«117 Carl Schmitt beweist mit fragwürdigen historischen Parallelen, daß der »Führer« auch der »oberste Richter« sei: »Aus dem Führertum fließt das Richtertum und die Tat des Fuhrers untersteht nicht der Justiz, sondern war selbst höchste Justiz«.118 Durch den werbetechnischen Einsatz und die Kenntnis des Apparates zur Verbreitung der Hitlerlegenden aber ist die Bedeutung des Führerbegriff für die Propaganda nur zum Teil erklärt; gezeigt werden muß, welche Inhalte ihn ausfüllten und welchen Bezug diese Inhalte zu den sozialen und politischen Erfahrungen ihrer Adressaten hatten, auf welche rationalen und psychosozialen Dispositionen damit aufgebaut bzw. spekuliert wurde und schließlich, welche Momente dieses aggregierten Symbols in der konkreten Kommunikationssituation zur Wirkung kommen konnten.



Führerfunktionen

Zentraler Inhalt des faschistischen Führerprinzips war die Übertragung militärischer Führungsformen auf das Parteiwesen.119 Im politischen Bereich sollte dieses Prinzip der Führung »völlige Handlungsfreiheit [schaffen] und [...] jede Möglichkeit einer Kontrolle von unten von vorne herein [ausschalten]«120 Damit ließen sich je nach Opportunität – unabgängig von weltanschaulich programmatischen Festlegungen – politische Entscheidungen fällen, selbst gegen die Interessen der eigenen Anhänger. Die Durchsetzung des Führergedankens war aber nicht auf politische Willensbildung im staatlichen Bereich beschränkt, alle gesellschaftlichen Bereiche sollten nach dem Prinzip von Befehl/Gehorsam organisiert werden. Die neuerlich verstärkte, machtgeschütze Betonung von Autorität in allen gesellschaftlichen Bereichen »betraf für die Familie die väterliche Autorität, für das Erziehungswesen die Autorität der Lehrer, für die Verwaltung die Autorität der Vorgesetzten und für die Wirtschaft die Autorität der Unternehmer«.121 Man braucht nicht die Tiefenpsychologie zu bemühen, um zu erkennen, daß ein Großteil derjenigen, deren Autoritätspositionen durch einen allgemeinen gesellschaftlichen Strukturwandel brüchig geworden waren, der staatlichen Sanktionierung ihres Autoritätsanspruches freiwillig zustimmten. Dem Bewußtsein des Offizierskorps entsprach das autoritäre Gesellschafts- und Führermodell nicht nur traditionsgemäß, sondern auch deshalb, weil damit eine soziale Aufwertung ihres Berufsstandes verbunden war. Die Mehrzahl der privaten Unternehmer begrüßten das Führerprinzip, zumal es ihnen im »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« vom 20. Januar 1934 wieder die unumschränkte Gewalt im eigenen Betrieb einräumte.122 Von den Handwerksverbänden wurde das Führerprinzip begrüßt, weil es, wie es euphemistisch in einer Verbandsschrift hieß, gegen Entpersönlichung der Beziehung zwischen Meister und Gesellen wirke.123 »Aber auch für Angestellte und Beamte, die in hierarchische Systeme eingegliedert waren, in denen sich die Willensbildung strikt von oben nach unten vollzog, lag es nahe, ihre Berufserfahrungen in dieser Weise politisch umzusetzen.«124 Die Mehrzahl der Arbeiter war, wie man aus den Wahlanalysen schließen kann, vor 1933 gegenüber dem faschistischen Führertum resistent geblieben. Dauerarbeitslosigkeit und anhaltende soziale Not erzeugten für die »Führer«- und »Retterdemagogie« der Nationalsozialisten aber auch in deren Reihen Resonanz.125 Das aus der Krise resultierende desolate Lagebewußtsein begünstigte die Wirksamkeit irrationaler Lösungswege. Der von den Nationalsozialisten zielstrebig manipulierte »Führerkult«, der eine blinde Bindung an die Person Hitlers, den unbedingten, blinden Gehorsam, eine schlechthin innige Gefühlsabhängigkeit bis »zur Heils- und Wunderwartung« in Bezug auf den Mann, den »Schicksal«, »Vorsehung« und Gott gesendet hatten, implizierte, blieb auf diesem Hintergrund nicht bloße Propaganda, sondern wurde »subjektiv angeeignet und praktiziert«.126 Mit der Übertragung religiöser Elemente auf die Propaganda des »Führermythos« nutzten die Nationalsozialisten das sich religiös artikulierende Krisenbewußtsein der Massen durch die Verkündung säkularer (politischer) »Heilserwartungen«. Die religiöse Drapierung politischer Propaganda aber bietet, sieht man einmal davon ab, daß praktizierende Christen bestimmte Übertragungen als Gotteslästerung ansahen, die Möglichkeit, auf die Angabe konkreter politischer Lösungen für einzelne gesellschaftliche Gruppen weitgehend verzichten zu können. Religion kann als »ideale Gemeinschaft« begriffen werden. »Sie vermag auf unterschiedlicher materieller und gesellschaftlicher Basis entstandene Gemeinschaften, heterogene Sozialformen, Klassen, Stände, Nationen zusammenzubinden«.127 Diese Qualität suchten die NS-Propagandisten für die Verankerung ihrer »Volksgemeinschaftsidee« in den Massen fungibel zu machen.

Die subjektive Aneignung autoritärer Gesellschaftsvorstellungen und deren personalisierter Leitbilder kann also weitgehend aus dem Praxiszusammenhang einzelner Gruppen erklärt werden; fehlt aufgrund der Erziehung und der vorherrschenden antidemokratischen politischen Kultur bei den Abhängigen die Einsicht in die objektiven Ursachen der ökonomischen, sozialen und kulturellen Krise, so können auch sie nach Maßgabe der Stärke und Resistenz ihrer Organisationen128 in entfremdete, mystifizierte Formen wie den Führerkult flüchten. Zur Erklärung dieses Phänomens kommt es nun aber entscheidend darauf an, festzustellen wie und mit welchen Intensitätsgraden die Verankerung dieser Bewußtseinsinhalte auf der Einstellungsebene gelingen kann.



Teilvernunft im Führerkult

Wir erinnern uns, daß die Freudsche Massenpsychologie die Beziehung zwischen »Führer« und »Masse« auf individualpsychologische Prozesse zurückführte. Bei der Massenbildung wie bei der Ich-bildung spiele der Mechanismus der Identifizierung die zentrale Rolle. An die Stelle des individuellen Vaters trete in der Massenbildung die Führergestalt, in deren Zügen die des individuellen Vaters überdimensional repräsentiert sei und die so, wie Freud meinte, unbewußt archaische Vorstellungen eines allmächtigen »Urvaters« reaktivieren könnten. Der Führer müsse einerseits als »Übermensch« erscheinen, andererseits aber gewöhnliche, alltägliche Züge annehmen, in denen sich der Durchschnittsmensch erkennen kann. Nach der psychoanalytischen Theorie vermittelt sich die Notwendigkeit, das Bild des Führers in der Propaganda den Geführten anzuähneln, über den latenten Narzißmus der Geführten. »Wegen der Anteile der narzißtischen Libido der Geführten«, schreibt Adorno, »die nicht in das Führerbild investiert werden, sondern mit dem eigenen Ich verbunden bleiben, muß der Übermensch zugleich doch noch den Geführten ähnlich sein und als seine >Vergrößerung< erscheinen. Einer der Hauptkunstgriffe der personalisierten faschistischen Propaganda ist der Topos des >großen-kleinen Mannes<, einer Person, die ebenso die Vorstellung von Allmacht erweckt, wie die, daß er bloß einer der Geführten ist [...] Das Bild des Führers befriedigt den doppelten Wunsch der Geführten, sich der Autorität zu unterwerfen und zugleich selbst Autorität zu sein.«129 Für die Erklärung dieser Verhaltensdisposition hatte die psychoanalytische Literatur den Begriff des Sadomasochismus geprägt, der auch die psychologische Schlüsselkategorie sozialpsychologischer Faschismustheorien bildet. Die Abläufe in diesem »sadomasochistischen autoritären Charakter«, in denen Adorno, Fromm u. a. die »Persönlichkeitsgrundlage des Faschismus«130 sahen, werden in der psa-orientierten Sozialpsychologie bis auf ihren ontogenetischen Ursprung in der bürgerlichen Familie zurückverfolgt: durch strenge, irrationale Erziehung werde das kindliche Triebleben unterdrückt und rufe so aggressive Strebungen gegen die Erzieher hervor. Da die Realisierung dieser Aggressivität von Strafe bedroht ist, wird sie vom »Ich« des Kindes angstvoll abgewehrt. Dieser Prozeß vollziehe sich bei allen von der sexualfeindlichen bürgerlichen Familie verbotenen Triebregungen. Die ständige Abwehr lasse den Trieb auf prägenitale Stufen regredieren, wodurch die heterosexuellen Strebungen eine Schwächung erfahren und als anal und phallisch-sadistische Tendenzen erneut zur Befriedigung drängen, ohne daß sie jedoch, wegen der nun perversen Form vom »Ich« akzeptiert werden könnten.131 Zum Teil werden diese Bedürfnisse durch charakterologische Formationen (Geiz, krankhafte Reinlichkeit, Pünktlichkeit usw.) relativ gebunden. Eine permanente Abwehr sexueller und aggressiver Strebungen aber steigere sich schließlich bis zu sadistischer Wut, die die erfolgten Reaktionsbildungen zu durchstoßen droht. »Angesichts dieser mächtigen sadistischen Strebungen unterwirft sich das Ich immer mehr dem Über-Ich, ohne dessen Kraft es sich nicht gegen die anstürmenden pervers gewordenen Triebregungen der unterdrückten Sexualität und der unterdrückten Aggression erwehren kann. Eingeklemmt zwischen Es und Über-Ich, durchdrungen von Schuldgefühlen (Schuldangst) und Angst, wird die Vernunftinstanz, das Ich, machtloser, schwächer und masochistisch. Der Verzicht auf Triebbefriedigung und die Verinnerlichung der Aggression, einst Bedingungen von Selbststärkung, schlagen nun aus in Triebkräfte der Selbstzerstörung. Aus dieser Triebfigur – in der bürgerlichen Familie erzeugt – leitet sich das heftige, ambivalente, sadomasochistische Verhalten der Autoritären her: die zugleich rebellisch und unterwürfig liebenden Haltungen gegenüber mächtigen Autoritäten, ihr Haß aufs Schwache und ihr Mangel an offensiver Potenz gegen die herrschenden Mächte.«132 Überträgt man die psychoanalytische Argumentation auf Verhaltensweisen der Massen im Faschismus, so ließe sich folgern, daß die sadistischen Komponenten ihren zerstörerischen Ausdruck im antisemitischen Syndrom finden konnten, während die passiv masochistischen Anteile in der Projektion einer allmächtigen ungezügelten Vaterimago gebunden wurden. Legten wir nun dieses Modell zur Erklärung der rhetorischen Wirkung des Führermythos an, so hätten wir selbst dann, wenn das Publikum aus einer homogenen Gruppe bestünde, die mehr oder weniger stark das beschriebene Triebschicksal miteinander teilte, keine befriedigende Lösung des Problems. Der Agitator setzt nämlich nicht unterhalb der Meinungsinhalte bei der Charakterstruktur der einzelnen Zuhörer an, sondern nutzt die kollektiv psychischen Determinanten133 der Situation, die für die unterschiedlichen Individualcharaktere dieselben sind. Bei dem von der Goebbelsschen Propaganda in dieser Situation lancierten Führerbild fällt dann auch auf, daß sich zwar die ambivalenten Züge des »grossen-kleinen Mannes« entdecken lassen, daß sie aber immer in einem rationalen, mit den (vermeintlichen) Interessen der Angesprochenen verbundenen Kontext stehen.

Von den Befehlen des »Führers«, der über allen »Volksgenossen« steht, gehen alle geschichtlichen Aktivitäten aus:

»[...] Parteigenosse Speer hat vom Führer den geschichtlichen Auftrag erhalten [...], die deutsche Rüstungswirtschaft zu mobilisieren [...]134

Der »Führer« ließ »am 22. Juni 1941 (die deutsche Wehrmacht) im Osten zum Angriff antreten!«135

Der »Führer« kann den »Volksgenossen« die »Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen« abverlangen und sie sind »entschlossen«, wenn der Führer es befiehlt, »10, 12, und wenn nötig 14 und 16 Stunden zu arbeiten [...]«.136

Die Legitimation für seine Befehlsgewalt wird nun aber nicht, wie früher üblich, aus seiner Person, sondern aus seinen Verdiensten abgeleitet. Nicht das abstrakte »Über-Ich«, nicht der »religiöse Retter«, sondern das konkrete Vorbild wird von der Propaganda in dieser Situation bemüht. Goebbels versucht so etwas wie eine rationale Begründung des Personenkults. Der Führer, so wird von Goebbels argumentiert, habe selbst durch sein »gutes Beispiel« das Recht, den Geführten dieselbe Bedürfnislosigkeit und dieselben Pflichten abzuverlangen, denen er sich seit eh und je unterzogen habe: »Der Führer hat seit Beginn des Krieges und lange vorher nicht einen Tag Urlaub gehabt. Wenn also der erste Mann im Staate seine Pflicht so verantwortungsvoll auffaßt, dann muß das für jeden Bürger und jede Bürgerin des Staates eine stumme, aber doch unüberhörbare Aufforderung sein, sich auch danach zu richten«.137 Daß die »Bedürfnislosigkeit« des »Führers« auf die Diätverordnung seines Arztes zurückzuführen sein mochte und er in seiner »Bescheidenheit« durch die Tantiemen für den Zwangsverkauf von Mein Kampf immerhin zum mehrfachen Millionär aufstieg138, bleibt dabei Staatsgeheimnis.

Das Verbindende und Gemeinsame zwischen »Volk« und »Führer« wird behauptet, sei die Arbeit. Die Arbeitsleistung des »Führers« wird dabei aber zugleich dermaßen übertrieben, daß die nötige Distanz zwischen ihm und der übrigen Bevölkerung erhalten bleibt. Das zynische Quid pro quo, in dem die Physiognomie der Herrschenden die der Ausgebeuteten annimmt, soll letzteren Gemeinsamkeit signalisieren; »[...] durcharbeitete Tage und durchwachte und zersorgte Nächte« sollen Privilegien legitimieren und als Glaubenssatz die aus dem Verantwortungs- und Risikoargument der Unternehmerphilosophie stammende Überzeugung in den Massen verankern, daß »der am besten fährt, der ganz unten steht [...] und der am schwersten trägt, der ganz oben steht und befehlen muß.«139 Hierin liegt der soziofunktionale Sinn dieser Methode. Die durch Führerbefehl legitimierten harten Forderungen (der Führerbefehl ist hier keineswegs nur Selbstzweck, der die durch den Wandel ökonomischer Verhältnisse abstrakt gewordene Autorität des Vaters in der bürgerlichen Familie reflektiert) werden nicht deshalb begeistert aufgenommen, weil sie masochistisch den Verzicht jedes eigenen Glücksanspruchs implizieren, oder weil sie auf die sadistische, unerbittliche Verfolgung der Ansprüche anderer abzielen, sondern deswegen, weil der Agitator durch den gesamten Kontext der Rede versucht, diese Befehle als einzig noch möglichen Ausweg auszugeben; als notwendiges Übel, durch das allein eine Lösung der Krise noch denkbar erscheint.



Compliance

»Je hilfloser das Massenindividuum aufgrund seiner Erziehung in Wirklichkeit ist«, hatte Reich geschrieben, »desto stärker prägt sich dann die Identifizierung mit dem Führer aus, desto mehr verkleidet sich das kindliche Anlehnungsbedürfnis in die Form des Sich-mit-dem-Führer-eins fühlens«.140 Für den konkreten Kommunikationsvorgang ist allerdings fraglich, ob eine sozialisationsbedingte »Ich-Schwäche« die Akklamationsbereitschaft der Massen bei Erwähnung des »Führers« ursächlich erklären kann. Zwar liegt es in der Absicht des Propagandisten, daß sich die Massen dem »verheißungsvollen Schein eines Mythos ausliefern, der ihnen Erfüllung durch Unterordnung, persönliche Stabilisierung durch Selbstaufgabe, neue Hoffnung durch alten Glauben verspricht.«141 Die Rede vom »autoritativen Erwartungshorizont ohnmächtiger und klassenindifferenter Massen«142 als Schlüssel für den Erfolg der Überredung aber bleibt solange mißverständlich, wie die Ursachen für Ohnmacht und Klassenindifferenz auf psychosoziale und diese auf individualpsychologische Einstellungssyndrome reduziert werden. Der Reduktionismus psychoanalytischer Wirkungserklärungen des Führermythos für die vorliegende Kommunikationssituation wird offenbar, wenn man die sozialen Einflußprozesse mitthematisiert, die beim rhetorischen Akt der Meinungs-Formierung im Spiel sind.143 Hinter der im Sinne des Redners positiven Reaktion des Publikums auf das angebotene Identifikationssymbol »Führer« mochte es sich bei vielen um bloße Compliance144 , eine oberflächliche Übernahme des Kommuniqués handeln, die unter dem Druck der äußeren Bedingungen angesichts der immer noch faktisch wirksamen Macht des Kommunikators zustande kam; ein geringer Teil der Zuhörer mochte noch Identifikatoren145 aufrechterhalten, die sich in der Phase nationalsozialistischer Erfolge gebildet hatten, als eine gewisse Attraktivität des Mythos bestand146, weil sich ein Teil der von der Propaganda mit ihm in Verbindung gebrachten Hoffnungen (Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Lösung vom Versailler Diktat usw.) tatsächlich erfüllten. Angesichts des in den »Meldungen aus dem Reich « eruierten und von offizieller Seite eingestandenen Manipulationsbewußtseins der Bevölkerung war Internalisation147 eine weitgehend situations- und ereignisunabhängige (gleichwohl aber an die Glaubwürdigkeit des Kommunikators gebundene) stabile Übernahme des Meinungsbildes der Propaganda längst die Ausnahme.

Die Reaktion auf das Führerimago in den zehn Suggestivfragen am Ende der Rede legt prima vista die Annahme nahe, in der Bevölkerüng existiere tatsächlich ein unerschütterlicher fest verankerter Glaube an den »Führer«. Insgesamt fünf Mal wird, wie schon zitiert, der »Führer« eingespannt, um eine zustimmende Antwort des Publikums zu den Forderungen des Redners zu evozieren. Die angeblich durchschlagende Wirkung dieser Fragen wird im Kommentar enthusiastisch hervorgehoben:

»Die Menge erhebt sich wie ein Mann. Die Begeisterung der Masse entlädt sich in einer Kundgebung nicht dagewesenen Ausmaßes. Vieltausendstimmige Sprechchöre brausen durch die Halle: >Führer befiel, wir folgen!< Eine nicht abebbende Woge von Heilrufen auf den Führer braust auf. Wie auf ein Kommando erheben sich nun die Fahnen und Standarten, höchster Ausdruck des weihevollen Ausdrucks, in dem die Masse dem Führer huldigt.«148 Das verräterische »Wie auf Kommando« überführt die hervorgehobene Spontaneität der Massen der Lüge, und deutlich tritt am beschworenen Schein der Unmittelbarkeit der dahinterstehende kalkulierte Eingriff hervor. Dieser beschränkt sich nicht auf die rhetorische Stimulierung von Identifizierungswünschen. Die nicht nur von den propagandistischen Kommentatoren behaupteten, sondern durch das historische Tondokument nachweisbaren Reaktionen des Sportpalastauditoriums werden bereits präkommunikativ programmiert. Um als Redner zu reüssieren, manipuliert der faschistische Propagandist bereits die Bedingungen. Dazu gehört neben den oben beschriebenen Details der äußeren Inszenierung der Veranstaltung auch die geschickte Plazierung von Claqueuren und überzeugten Anhängern innerhalb der einzelnen Gruppen des Publikums, die – als spontane »Meinungsführer« – ihrer Gruppe das erwünschte Verhalten signalisieren. Selbst im »Block der Rüstungsarbeiter« genügen letztlich ein paar fanatische Anhänger, um die Gruppe zu applaudierenden Heilrufern zu machen. Das Risiko, öffentlich als »Defaitist«, »Miesmacher«, »Kritikaster« stigmatisiert zu werden, erhöht den Konformitätsdruck. Die libidinöse Hinwendung zum »Führeridol« mag für den einzelnen Fanatiker, für einen Teil der Jugend, eine Rolle gespielt haben. Die pathologische Persönlichkeitsstruktur des Sadomasochisten mag für die berüchtigten KZ-Wächter und Henker typisch gewesen sein; für viele Mitläufer, Passive, »innerlich Abseitsstehende« und sogar Gegner mußten bei der Aufforderung zur Akklamation durch den Propagandisten andere Mechanismen wirken. Die experimentelle Sozialpsychologie hat nachgewiesen, wie stark sich individuelle Meinungen und Einstellungen unter Gruppendruck149 verändern können; wie unter Situations- und Autoritätsdruck absurde »pathogene« Meinungsveränderungen und Verhaltensänderungen erzeugt werden können. Ähnlich wie Nationalsozialisten sich gesellschaftliche Gruppierungen gefügig machten, indem sie Schlüsselfiguren in den einzelnen Lebensbereichen für sich gewannen – Adelheid von Saldern hat diese Strategie an den verbandspolitischen Aktivitäten der Nazis bei Handwerkern, Händlern und Bauern eindrucksvoll nachgewiesen – ähnlich wie sie mit dem Blockwartsystem durch Verteilung von Macht im Alltag Kolporteure und Kontrolleure für ihre Formierungsmaßnahmen gewannen – ähnlich verfuhren sie mit den Inszenierungen ihrer Massenveranstaltungen.

Das echte »Bekenntnis« der Schlüsselfiguren im Auditorium, das von den Kameraleuten ebenso im Einzelbild festgehalten wird, wie die mittelbare »Ansteckungswirkung« ihres Verhaltens, verleiht dem ganzen den Schein der Authentizität. Die Manipulation wird schwerer durchschaubar, weil der Eingriff nicht in der Situation selbst erfolgt, sondern dieser voraus geht. Nicht eine massenweit vorhandene und durch den Redner aktualisierte libidinöse Führerbindung löst das Rätsel der Beifallsstürme, nicht das individualpsychologische Syndrom des »Autoritären Charakters« ist der direkte Schlüssel zum Verhalten der Massen im Sportpalast, sondern die situationsspezifischen gruppen- und massenpsychologischen Phänomene.150

Für die Triftigkeit dieser Annahme spricht nicht zuletzt die Tatsache, daß die in den Reaktionen des Auditoriums im Sportpalast zum Ausdruck kommenden Stimmungen den Erkenntnissen der Meinungsforscher über die Einstellungen der Bevölkerung zur politischen Führung in dieser Zeit diametral entgegengesetzt sind.151 Der im Sportpalast mitjubelnde »Volksgenosse« mußte im Alltag kein Hitlerverehrer sein. War er es überhaupt jemals, so begann er spätestens mit der Niederlage von Stalingrad, dem faktischen Ereignisverlauf entsprechend und die Folgen eines verlorenen Krieges vor Augen, den Glauben an die politische Führung (einschließlich der Person A. Hitlers) zu revidieren.



Zur Sozialpsychologie der Goebbelsschen Maieutik

Der synthetische Schein einer plebiszitären Abstimmung für den »totalen Krieg« am Ende der Rede gelingt vordergründig durch die Einbeziehung des Publikums nach dem einfachen Muster einer »Kasperletheater-Befragung«. Wie das Kasperle die Kinder durch Einbeziehung in seine Entscheidungen zu Mitakteuren macht, sein Spiel scheinbar von ihren Interessen und Ansichten lenken läßt, so läßt der faschistische Agitator seine Sicht der Dinge, seine Urteile über falsch oder richtig, gut oder böse als die vom Publikum (gleich Volk) vorgegebenen und gewollten erscheinen, bzw er läßt sich die aus seiner Lageanalyse abgeleiteten Forderungen als die der Auffassung seines Auditoriums gemäßen bestätigen. Freilich bedarf es bei dieser Parodie der »sokratischen Methode« angesichts der zu gewärtigenden schwerwiegenden Folgen der anstehenden Entscheidungen noch besonderer rhetorischer Sorgfalt, um den »zersetzenden Verstand«, die aus Selbsterhaltung im Alltag durchaus intakte Vernunft des Volkes in der aktuellen Überredungssituation auszuschalten.

Die Sozialpsychologie der Goebbelschen Maieutik stellt sich genau besehen folgendermaßen dar: Der Agitator spricht in seinen Fragen Kognitionen an, die, wie wir sahen, in der deutschen Bevölkerung allgemein verbreitet sind. Er redet vom fehlenden Glauben an einen deutschen Sieg, von Kampfesmüdigkeit, von Abwehrhaltungen gegen totale Kriegsmaßnahmen, vom fehlenden Vertrauen in den »Führer« – versieht diese Äußerungen jedoch mit dem alles entscheidenden apodiktischen Vorsatz: »Die Engländer behaupten [...]«. In die chorische Empörung gegen die als Propagandalügen des »Feindes« ausgegebenen eigenen Überzeugungen stimmt nun nolens volens auch derjenige ein, der die Ansichten des Gegners im Grunde längst teilt, weil er sich, dem versteckten Angriff des Agitators zufolge, als Verräter an der eigenen (gleich deutschen) Sache fühlen muß. Er wird – dem Gruppendruck und der Stigmatisierungsgefahr gehorchend – sein »Ja« um so lauter brüllen, je deutlicher er »Nein« meint.

Die Bearbeitung der durch Stimulierung von »Schuldgefühlen« aktuell geschürten Dissonanz hat der Agitator nun fest in der Hand. Schon mit der den Widerspruch provozierenden Eingangsformel »Die Engländer behaupten [...]« hat er allen einen Weg möglicher Dissonanzreduktion gewiesen: die extrapunitive Projektion des schlechten Gewissens. Mit der uneingeschränkten Zustimmung zum »totalen Krieg« kann schließlich allen völlige »Absolution« zuteil werden.

Der zuletzt angesprochene Gesichtspunkt verweist zugleich noch auf ein weiteres Moment Goebbelsscher Rhetorik. Die Einstellungsformierung gelingt nicht zuletzt wegen des parareligiösen Charakters der verwendeten Überredungsform. Dem Inhalt der Überredung, den »Führer« als »Retter« in der Not auch weiterhin zu akzeptieren, korrespondiert die liturgische Form. Die Art der Wiederholungen entspricht ziemlich genau einem kirchlichen Ritual.152 Die Prüfung des Sportpalastauditoriums ist dem katholischen »Taufexamen« nachgebildet, in welchem die (Tauf-)Gemeinde aufgefordert ist dem Teufel zu widersagen und durch rhythmisch chorische Wiederholungen ihren Glauben an Jesus Christus und die Kirche zu bekennen:

Der Priester: »[...] Wenn Sie bereit sind als gläubige Menschen diese Aufgabe [die christliche Erziehung der Kinder, J. B.] zu übernehmen, dann sagen Sie jetzt im Gedanken an Ihre eigene Taufe dem Bösen ab und bekennen Sie Ihren Glauben an Jesus Christus, den Glauben der Kirche, [...].

Deshalb frage ich Sie: Widersagen Sie dem Satan und allen Verlockungen des Bösen?«

Die Gemeinde: »Wir widersagen.«

Der Priester: »Glauben Sie an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde? «

Die Gemeinde: »Wir glauben. «

Der Priester: »Glauben Sie an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn ... der von den Toten auferstand und zur Rechten Gottes sitzt?«

Die Gemeinde: »Wir glauben.«

Der Priester: »Glauben Sie an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben?«

Die Gemeinde: »Wir glauben.«

Der Priester: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen.«153

Der responsorische Wechsel von Aufforderung (dem »Bösen« zu widersagen), Abschwören, Aufforderung (sich zu Christus und zur Kirche zu bekennen) und wiederholter Glaubensaffirmation wird mit den entsprechenden säkularen Übertragungen (»Engländer«, »Führer«, »NS-Regierung«) in verschiedenen Variationen im Frageritual am Schluß der Sportpalastrede verwendet:

Goebbels: »Ich möchte aber zur Steuer der Wahrheit an Euch, meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen, eine Reihe von Fragen richten, die ihr mir nach bestem Wissen und Gewissen beantworten müßt [...]

Die Engländer behaupten, das deutsche Volk habe den Glauben an den Sieg verloren.«

Das Auditorium: (Stürmische Rufe) »Nein!« »Nie!« »Niemals!«

Goebbels: »Ich frage Euch: Glaubt Ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen und totalen Sieg der deutschen Waffen?«

Das Auditorium: (Stürmische Rufe) »Ja!« (Starker Beifall, Sprechchöre) »Sieg Heil! Sieg Heil!«

Goebbels: »Ich frage Euch: Seid Ihr entschlossen, dem Führer in der Erkämpfung des Sieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen zu folgen?«

Das Auditorium: (Stürmische Rufe) »Ja!« (Starker Beifall, Sprechchöre) »Sieg Heil! Sieg Heil!«, »Wir grüßen den Führer«, usw., usf.154

Die Vertrautheit dieser formalen Reaktionsschemata, ihr gruppenunspezifischer Verbreitungsgrad und kultureller Vertrauenskredit erleichert eine allgemeine Überrumpelung. Derart verfestigte Denkhaltungen, die antirationales (nicht aber notwendig inhumanes) Verhalten befördern, können für die inhumanen Zwecke der faschistischen Machthaber fungibel gemacht werden.155 Die Gesellschafilich Psychologie der Massen, von der kulturellen Aktivität der Kirche zementiert, öffnet ihren erklärten ideologischen Widersachern eine propagandistische Angriffsfläche bei den Verführten.



SCHLUSSBEMERKUNG

Die Beurteilung der relativen Macht wie notwendigen Ohnmacht propagandistischer Formierung unter der Herrschaft des Nationalsozialismus war Thema unserer Untersuchung. Sie mündete – ausgehend von einer Bestandsaufnahme der Denk- und Verhaltensgewohnheiten der Bevölkerung und der Diskussion meinungsformierender Strategien – in eine Fallstudie, die den Wirkungsmöglichkeiten einer Propagandakampagne bis in einzelne rhetorische Überredungstechniken hinein nachging.

Die Ergebnisse unseres Vorhabens nun summarisch aufzulisten oder thesenartig zu kondensieren, würde selbst dem flüchtigen Leser kaum Vorteile bringen, weil ihm die erreichte Präzision konkreter Gegenstandsanalysen entginge und die einer theoretischen Durchdringung des Problems dienlichen Differenzierungen wieder preisgegeben werden müßten. Zur retrospektiven Überprüfung der Bedeutung des Gelesenen mag es indes nützlich sein, den Anlaß unserer Untersuchung, ihren Argumentationsgang und die propagandatheoretisch gesetzten Akzente abschließend noch einmal in Erinnerung zu rufen:

Wenn heute von faschistischer Propaganda und ihrer Macht die Rede ist, werden teilweise immer noch Einschätzungen bemüht, mit denen sich die Propagandisten einst selbst der vermeintlich durchschlagenden Wirkung ihrer Methoden zu vergewissern suchten. Das Wesen von Propaganda bestand nach solchen Auffassungen etwa darin, »Menschen für eine Idee zu gewinnen, so innerlich, so lebendig, daß sie am Ende ihr verfallen und nicht mehr davon loskommen.« Derartige Formulierungen, die eine idealistisch verkürzte Sicht des Integrationsproblems vornehmen, werden zudem nicht lediglich als Absichtserklärungen verstanden; man nimmt sie vielfach als Indiz für tatsächlich eingetretene Wirkungen. Dabei beziehen Vorstellungen über die Massenwirksamkeit propagandistischer Formierung im Faschismus ihre Evidenz nach wie vor aus Propagandaprodukten, die selbst Teil eines Apparates sind, dessen persuasive Gewalt sie gerade beweisen sollten. Daß auf diese Weise viele Zeitgenossen und selbst eine Reihe moderner Interpreten noch (gewollt oder ungewollt) zu Trittbrettfahrern des Wunschdenkens der politischen Verführer von Gestern wurden, mag nicht verwundern; ebenso wenig wie eine dem projektiven Selbstbild manches Geistesarbeiters entspringende Vorliebe für den Topos von der »Macht des Wortes«, die sich zuweilen sogar mit der Annahme einer grenzenlosen Suggestibilität der Massen verbindet.

Der in der vorliegenden Studie unternommene Erklärungsversuch der relativen Macht wie notwendigen Ohnmacht von Propaganda im Nationalsozialismus mißtraut den verbreiteten (empirisch kaum ausgewiesenen) Selbstgewißheiten einer elitären Kulturkritik ebenso wie den Gemeinplätzen einer (zwar notwendigen, ohne das historiographisch detaillierte Erschließen bisher vernachlässigter herrschaftstechnischer Konkreta aber zirkulär bleibenden) kritischen Theoriediskussion.

Der Begriff Propaganda wurde im Kontext unserer Untersuchung verstanden als Formierung handlungsrelevanter Meinungen und Einstellungen sozialer Großgruppen. Gegenstand, an dem die Wirkungsmechanismen propagandistischer Beeinflussung vornehmlich expliziert wurde, war die Massenrede. Die gesellschaftliche Funktion dieses propagandistischen Genres wurde dabei nie isoliert aus sich selbst heraus zu erklären versucht, sondern immer im Hinblick auf objektive Gegebenheiten der sozialen Praxis und deren Sedimentierung in subjektiven Erfahrungsstrukturen. Die herrschaftstechnische Bedeutung von Massenreden innerhalb des Ensembles spontan wirkender, wie bewußt praktizierter Integrationsmodi zu bestimmen, setzte zudem voraus, daß man sie stets im Zusammenhang mit anderen ideologisch-geistigen, ideologisch-praktischen, vor allem aber auch praktisch-terroristischen Formierungsmethoden diskutierte.

Die propagandistische Modellierung von Einstellungen und Handlungsbereitschaften basierte – so die Ausgangshypothese unserer wirkungsgeschichtlich orientierten Argumentation – auf einer präkommunikativ erschlossenen Kenntnis vorhandener Massenstimmungen und Haltungen. Diese ließen sich anhand von historischen Wirkungsdokumenten, wie z. B. den »Meldungen aus dem Reich« rekonstruieren. Daß die Voraussetzungsforschung für die Bedingungen von Wirkungen im Bezug auf geplante oder abgeschlossene Propagandaaktivitäten wie sie die Nationalsozialisten mit einem aufwendigen Apparat der Meinungs-Kontrolle betrieben, auch den Ausgangspunkt unserer Analyse bildete, hatte mehrere Gründe:

Erstens konnten wir aus den geheimen Dossiers der sogenannten »Lebensgebietsberichterstattung« ein relativ realistisches Bild von den Erfolgen und Mißerfolgen propagandistischer Formierung gewinnen. Das häufige Auseinanderfallen von Intention und Wirkung war so nicht mehr nur theoretisch deduzierbar, sondern empirisch nachweisbar.

Zweitens ließ sich die auch im Zusammenhang mit Propagandaproblemen wichtige faschismustheoretische Streitfrage um irrationale Dimensionen faschistischer Herrschaft sinnvoll erörtern. Allein schon die Tatsache, daß sich die faschistischen Agitatoren systematisch der Sozialtechnik Meinungsforschung bedienten, wirft ein Licht auf die technisch rationale Organisation ihrer Eingriffe. Irrationale Überschüsse entsprangen demnach nicht der Willkür und dem Fanatismus einzelner Führer, sondern gingen ursächlich auf inhaltliche Zielwidersprüche der von ihnen zu exekutierenden Politik zurück.

Drittens ließ die Auswertung der Befunde der Meinungs-Kontrolle eine Überprüfung des unentschiedenen Respekts gegenüber bestimmten propagandatheoretischen Erklärungsansätzen zu, die den Erfolg der Formierung von Massen im Faschismus auf die Stimulierung irrationaler Potentiale und die bloße Reproduktion konformer Mentalitäten reduzierten: So kann angesichts sozial heterogener und situativ wechselnder Massenstimmungen von überredeten (der Faszination völkischer Verführer erlegener) Massen nur sehr bedingt die Rede sein. Ähnliches gilt für die These von der »ideoIogischen Wucht« des NS; zeigten viele Berichte doch, daß dem offiziösen Verbreitungsgrad ideologischer Syndrome nur selten eine entsprechende Tiefe auf der Einstellungsebene entsprach. Auch Auffassungen, die davon ausgehen, daß die Alltagsvernunft des Volkes dem irrationalen Sog der »Volksgemeinschaft« total erlag, konnten der Konfrontation mit der jeweils vorherrschenden Meinungskonstellation nicht standhalten. In der Regel nämlich folgte das soziale Lagebewußtsein den Realerfahrungen und nicht den Zerrbildern der Propaganda.

Auf dem Hintergrund dieser quasi erfahrungswissenschaftlich abgesicherten Einblicke ins Adressatenbewußtsein konnten in einem zweiten Argumentationsschritt Strategien der Meinungs-Formierung dargestellt und beurteilt werden. Sie waren darauf hin zu untersuchen, ob sie das, worauf sie zielten – das Einstellungen und bedingt auch Handlungen regulierende Alltagsbewußtsein – adäquat berücksichtigten. Als Materialgrundlage dienten propagandistische Anweisungsdokumente, insbesondere die Protokolle der Geheimen Ministerkonferenzen im RMVP. Den Propagandaverantwortlichen konnte nun zwar einerseits ein ausgeprägtes Problembewußtsein, Sachkompetenz, sowie ein hohes Maß an pragmatischer Flexibilität bescheinigt werden. Die Untersuchung ergab aber auch, daß eine inhaltlich richtige Abstimmung von Maßnahmen auf das Adressatenbewußtsein und die Erfordernisse der jeweiligen Lage zwar eine notwendige aber keine zureichende Bedingung für Propagandaerfolge darstellte. Die propagandistische Bindung der Massen an die faschistische Politik stieß, zumal in kritischen Situationen, immer wieder an objektive Grenzen. In besonderem Maße galt dies für die akzelerierende Krise des Systems nach der militärischen Niederlage bei Stalingrad. In dieser Phase hatte sich die informelle Meinungsbildung schon weitgehend von der offiziösen gelöst.

Dem Apparat der ideologischen Formierung drohte ein totaler Funktionsverlust, der an einer Reihe formierungstechnischer Aporien festzumachen war:



An diesen Widersprüchen zeichnete sich das notwendige Scheitern einer Propaganda ab, welche die Massen an eine ihren objektiven Interessen zuwiderlaufende Politik zu binden suchte. Der endgültige Bankrott des Systems der Meinungs-Formierung, das nach Auskunft von Propagandaminister Goebbels einst konzipiert worden war, um » Macht über die Herzen des Volkes zu gewinnen« wurde schließlich zu dem Zeitpunkt offenbar, an dem der Terror einer pausenlos den »Volksgemeinschaftsgeist« beschwörenden Propaganda in die offene Propagierung des Terrors umschlug.

Dennoch: Den objektiv bedingten Auflösungstendenzen zum Trotz gelangen einzelnen Propagandisten noch sporadisch größere publizistische Erfolge. Dies verwies, über die Beachtung der Dialektik von Meinungskontrolle und Meinungsformierung hinaus, auf ein weiteres notwendiges Bedingungsmoment wirksamer Propaganda; die situationsgerechte inszenatorische und rhetorische Umsetzung geplanter Formierungsstrategien. Als bekanntestes Beispiel einer höchst publikumswirksamen Veranstaltung gilt Goebbels' Sportpalastrede zum »Totalen Krieg« am 18. Feburar 1943. Den Verführungstechniken dieser Rede wurde abschließend nachgegangen. Gezeigt wurde, wie die Macht geschickter Inszenierung und das rhetorische Vermögen eines versierten Massenagitators in der unmittelbaren Kommunikationssituation trotz extrem gesunkener Glaubwürdigkeit des Kommunikators noch riesige Akklamationsstürme hervorrufen konnten, deren Vehemenz freilich keinen Beweis für praktische Handlungskonsequenzen bot. Im Gegenteil. Der ausbleibende praktische Mobilisierungseffekt ließ sich mit gewissem Recht durch die Umkehrung des Schlußappels des Redners – »Kein Volk stand auf, kein Sturm brach los!« – kommentieren.

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1Goebbels' Rede im Sportpalast vom 18.2.1943. In: Helmut Heiber (Hrsg.), Goebbels Reden, Band 2, 1939-1945. Düsseldorf 1972, S. 203.

2Vgl. Günter Moltmann, Goebbels' Rede zum totalen Krieg am 18. Februar 1943. In: VfZ, 12. 1964, S. 29.

3Vgl. Walter Hagemann, Publizistik im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Methodik der Massenführung. Hamburg 1948, 465.

4Vgl. Moltmann (Anm. 2), S. 42.

5Willi A. Boelcke, »Wollt Ihr den totalen Krieg?« Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939-1943. Stuttgart 1967, S. 341.

6Hans-Joachim Weinbrenner, Handbuch des deutschen Rundfunks 1939/40. Heidelberg-Berlin-Magdeburg 1939, S. 3.

7Goebbels' Sportpalastrede vom 18. 2. 1943, zit. aus Fiddikow (Hrsg.), Rede des Reichspropagandaleiters Reichsminister Dr. Goebbels 1943. Herausgegeben von der Reichspropagandaleitung der NSDAP. O.O. 1943, S. 3.

8Goebbels in: Heiber (Anm. 1), S. 173 f.

9Ebd.

10Zur Funktionsbeschreibung dieser Kundgebungsarchitektur vgl. Pit (Wenk) 1980b, S. 265f.

11Vgl. Moltmann (Anm. 2), S. 29.

12Fiddikow (Anm. 7), S. 31.

13Ebd., S. 7

14Ebd., S. 26

15Vgl. Herbert Marcuse, Ideengeschichtlicher Teil der Studien über Autorität und Familie. In: Studien über Autorität und Familie, Bd. 1. Paris 1936, S. 140ff.; vgl. auch Franz Neumann, Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, 2. Aufl. Dt. Frankfurt/ Main 1977, (engl. 1942), S. 117ff.

16Fiddikow (Anm. 7), S. 28.

17Max Horkheimer, Autoritärer Staat. In: Ders., Die Juden und Europa – Autoritärer Staat – Vernunft und Selbsterhaltung. Amsterdam 1967 (¹1939), S. 54.

18Max Horkheimer, Egoismus und Freiheitsbewegung. In: Ders., Kritische Theorie, Bd. 2. Frankfurt/ Main 1968 (¹1936), S. 35.

19Vgl. ebd., S. 38. Dort heißt es genauer: »Die Massen sollen in sich gehen, sie sollen moralischer, genügsamer, ergebungsvoller werden [...]. Die bürgerlichen Tugenden[ ...] werden von der Kanzel aus mit der Gottesfurcht dem Volke eingeschärft. Zur Anforderung an die Masse, daß sie die adäquate Befriedigung ihrer Triebe sich versage und nach innen wende, gehört gleichsam als Trost, als Kompensation, die fortwährend erneuerte Überzeugung, daß jene, die den Verzicht nicht leisten, verworfen sind [...]. Die Menschenverachtung der Reformatoren gibt sich auch den eigenen Anhängern eindeutig zu erkennen [...].«

20Ebd., S. 35.

21Max Horkheimer, Autorität und Familie. In. Ders., Kritische Theorie, Bd. 1. Frankfurt/ Main 1968 (¹1936), S. 298.

22Horkheimer (Anm. 18), S. 33f.

23Ebd., S. 45f.; vgl. auch Klaus Horn, Politische Psychologie – Erkenntnisinteresse, Themen und Materialien. In: Gisela Kress und Dieter Senghaas (Hrsg.), Politikwissenschaft. Eine Einführung in ihre Probleme. Frankfurt/ Main 1969, S. 324.

24Horkheimer (Anm. 18), S. 46.

25Ebd., S. 47. Vgl. auch Max Marcuse, Über den affirmativen Charakter der Kultur. In: Ders., Kultur und Gesellschaft 1, Frankfurt/ Main 1965, S. 66.

26 Wolfgang Abendroth, Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie. Aufsätze zur politischen Soziologie, Neuwied – Berlin 1967, S. 470.

27Vgl. Marcuse (Anm. 25), S. 94.

28Vgl. z. B. Ernst Jünger, der gegen den »unrealen Betrieb« und gegen seine »grotesken Erbauungsformen« Front macht und die herrschende Kulturpropaganda als »unerträgliche[n] Luxus« bezeichnet, den man sich in einem »Geschichtsabschnitt, in dem alles abhängt von einer ungeheuren Mobilmachung und Konzentration der Kräfte, die zur Verfügung stehen«, nicht mehr leisten könne. (Zit. nach: Marcuse (Anm. 25), S. 95.)

29Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Umfunktionierung historischen Vokabulars vgl. Lutz Winckler, Studie zur gesellschaftlichen Funktion faschistischer Sprache. Frankfurt 1970, S. 82, 91 und passim.

30Vgl. Horkheimer (Anm. 18), S. 66 und 68.

31Fiddikow (Anm. 7), S. 6.

32Ebd.

33Ebd., S. 31.

34Vgl. Leo Löwenthal und Norbert Gutermann, Agitation und Ohnmacht. Neuwied – Berlin 1966, S. 25; Theodor W. Adorno, Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt/ Main 1971, S. 49.

35Fiddikow (Anm. 7), S. 14. Die Brechtsche Methode der Wiederherstellung der Wahrheit angewendet, hörte sich das etwa so an: hier kämpfte derjenige Teil der deutschen Bevölkerung, dem nichts gehört als seine Arbeitskraft, für die Interessen jener, die ihn ausbeuten [...] Sie verteidigen die Beibehaltung eines Zustandes, der selbst den Ersatz für ihre materiellen Entbehrungen beseitigt, seine Familien zerstört, seine Frauen in die Fabriken treibt und seine Kinder zu Spitzeln und Kanonenfutter macht [...] (Vgl. Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 20. Frankfurt/ Main 1967, S. 191 ff.).

36Fiddikow (Anm. 7), S. 15.

37Ebd.

38Klaus Vondung, Magie und Manipulation. Ideologischer Kult und politische Religion des Nationalsozialismus, Göttingen 1971, S. 104 ff.

39Soziologische Exkurse 1967, S. 169.

40Die Notwendigkeit, vor den Massen moralisch zu argumentieren, wurde von den Propagandisten im internen Kreis wiederholt hervorgehoben. Vgl. z. B. Hitler im Gespräch mit Rauschning: »Es wird mir nicht schwer fallen, meiner Politik einen moralischen Anstrich zu geben und die Motive meiner Gegner als Heuchelei zu entlarven. Für die Masse sind moralische Gemeinplätze unentbehrlich und nichts ist verkehrter, als wenn ein Politiker auch nach außen als der amoralische Übermensch erscheinen will.« (Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler. Zürich – New York 1940, S. 256). Vgl. auch Manfred Ach und Clemens Pentrop, Hitlers »Religion«. Pseudoreligiöse Elemente im nationalsozialistischen Sprachgebrauch, (Irmin-Edition 3) München 1977, S. 88, 101.

41Heinrich Regius (d.i. Max Horkheimer), Dämmerung. O.O. 1934, S. 137.

42Vgl. Herbert Marcuse, Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung. In: Ders. Kultur und Gesellschaft 1. Frankfurt/ Main 1965, S. 17f., 25.

43Regius (Anm. 41), S. 138.

44Vgl. Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Stuttgart 1980.

45Fiddikow (Anm. 7), S. 22

46Boelcke (Anm. 5), S. 339.

47Fiddikow (Anm. 7), S. 22.

48Regius (Anm. 41), S. 8.

49Vgl. Ernst Laboor, Der Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen Militarismus und Kriegsgefahr 1927-1929. Berlin 1961; s. auch Martin Broszat u.a. (Hrsg.), Bayern in der NS-Zeit, Bd. IV. München – Wien 1981, S. 705.

50Es erscheint m. E. als gerechtfertigt, hier mit der auf Sozialpsychologie verweisenden Kategorie des Ressentiments zu operieren; auch wenn der NS, solange er gezwungen war, seinen Charakter als Mittelstandsbewegung, als Partei der »kleinen Leute« hervorzukehren, tatsächlich in der Öffentlichkeit antikapitalistisch auftrat. Ressentiment meint, daß die darin zum Ausdruck kommenden Erfahrungen die Ursachen des sozialen Elends verzerrt widerspiegeln und den Weg zur Überwindung durch solidarisches, politisches Handeln versperren. Im Gegensatz zum denunziatorischen »Neidbegriff«, wie er in bürgerlichen Sozialtheorien (z. B. Helmut Schoeck, Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft. Freiburg 1966) auftaucht und für die Propagandaanalyse zur Erklärung von Ausdrucksformen des Klassenkampfes adaptiert wurde (vgl. Wolfgang Thate. Die Rolle des Emotionalen in der nationalsozialistischen Propaganda, Diss. Berlin 1954, 60 ff.) signalisiert der Ressentimentbegriff die grundsätzliche Anerkennung des Protestes.

51Thate (Anm. 50), S. 80f.

52Zur Erklärung der ideologischen Funktion des Rassismus/Antisemitismus vgl. Projekt Ideologie Theorie, Faschismus und Ideologie 1, Argument Sonderband AS 60. Berlin 1980, S. 59ff. Neben bekannten Einsichten, daß derjenige, der der Rassentheorie anhängt, »auch die bessere Rasse innerhalb seiner Rasse, nämlich die Hierarchie der herrschenden Klasse und der Machtelite« anerkennen muß, ist vor allem die Analyse der ideologischen Transformationsarbeit Hitlers hervorzuheben. Der Hitlersche Antisemitismus habe das »»völkische Gemengsel» kohärent« gemacht, »von demokratischen Verbindungen, d. h. von allen Artikulationen mit Gleichheit« gesäubert und einen Eingriff in die »Soziale Frage von rechts« ermöglicht (S. 67).

53Vgl. den Abdruck des NSDAP-Programms von 1920 bei Ulrike Hörster-Philipps, Wer war Hitler wirklich? Großkapital und Faschismus 1918-1945, Dokumente. Köln 1978, S. 29-33.

54Zit. nach Wolfgang Ruge, Monopolbourgeoisie, faschistische Massenbasis und NS-Programmatik in Deutschland vor 1933. In: Faschismus in Deutschland, Faschismus der Gegenwart. 1980, S. 145f.

55Ebd., S. 146.

56Heuss zit. nach: Philip W. Fabry, Mutmapungen über Hitler. Urteile von Zeitgenossen. Königsten/Ts 1979 (¹1969), S. 52f.

57Ebd., S. 53.

58Zit. nach: Ruge (Anm. 54), S. 151 f.

59Vgl. Dirk Stegmann, Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- uund Angeestelltenbewegung 1910-1919. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte XII. 1972, S. 351 ff.; Kurt Gossweiler, Faschismus und Arbeiterklasse. In Faschismusforschung 1980, S. 112.

60Der sozialistischen Arbeiterbewegung gegenüber mußte man den politischen Sozialismusbegriff zu entwerten versuchen, dem Kleinbürgertum »sozialistische« Gedanken dagegen nahebringen. Beides funktionierte nur unter der Bedingung einer radikalen Entspezifizierung seiner bisherigen Bedeutung. Einen Einblick in die vielfältigen Erklärungsvarianten gibt Willi Münzenberg, Propaganda als Waffe. Ausgewählte Schriften, hrsg. Von Til Schulz. Frankfurt/ Main 1972, S. 242-244.

61Äußerungen Hitlers in einem »Tischgespräch« vom 8. April 1942. (Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-1942. Stuttgart, 2. Aufl. 1965, S. 261f.).

62Zit. nach Gossweiler (Anm. 59), S. 119.

63Zit. nach Gossweiler (Anm. 59), S. 119.

Die prinzipielle Resistenz der Arbeiterschaft schloß natürlich nicht aus, daß Arbeiter sich unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise der NSDAP und ihren Unterorganisationen anschlossen. Ihr Anteil aber kann - folgt man den Tyrellschen Berechnungen (Albrecht Tyrell (Hrsg.), Führer befiehl...Selbstzeugnisse aus der Kampfzeit der NSDAP. Düsseldorf 1969) oder neueren Schätzungen zur Wählerfluktuation zwischen 1928 und 1932, wonach rund 600000 ehemalige SPD-Wähler, aber 8,7 Millionen Wähler der bürgerlichen Parteien sich der NSDAP zuwandten (Vgl. Ali Wacker, Haben die Arbeitslosen Hitler an die Macht gebracht? Anmerkungen zum Verhältnis von Massenarbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus. In: Terror und Hoffnung n Deutschland 1933-1945. 1980, S. 451) – für den propagandistischen Massenerfolg nicht gerade als relevant bezeichnet werden. Ein Blick auf die Motive für den Eintritt kann diese Aussage noch erhärten. Theodor Geiger kommentierte diesen Vorgang Anfang der dreißiger Jahre wie folgt: »Die besoldeten [!] und zum großen Teil kasernierten Kampfgarden der Partei haben in nicht geringer Zahl erwerbslose Arbeiter angeworben, auch ehemalige Rotfrontkämpfer aufgenommen. [...] Diese Erscheinungen sagen nichts über die Haltung der Arbeiterschaft aus. Der Arbeitslose sucht sein Brot, wo er es findet, seine Handlungsweise pflegt begreiflicherweise oft mehr durch die Not als durch Überzeugung bestimmt zu sein. « (Zit. nach Wacker 1980, S. 453 f.) Vergegenwärtigt man sich diesen Sachverhalt, so wird die Aussage vom weltanschaulichen Idealismus ebenso zur Phrase wie die Angaben Hitlers, mit den oben genannten massenpsychologischen Mitteln »sei es ihm gelungen [...], viele gute Elemente der Arbeiterbevölkerung für die Bewegung zu gewinnen [...] « (Picker (Anm. 61), S. 262.)

64Vgl. Gossweiler (Anm. 59), S. 120f.

65Vgl. Reinhard Kühnl, Die nationalsozialistische Linke 1925-1930. Meisenheim am Glan. 1966, S. 78.

66Ebd., S. 72.

67Ebd., S. 72.

68Vgl. ebd., S. 67.

69Vgl. ebd., S. 67ff.

70Vgl. hierzu eine Reihe aufschlußreicher Schlüsseldokumente: Denkschrift Hitlers für Industrielle vom 22. Oktober 1922 (Auszüge abgedruckt in: Hörster-Philipps (Anm. 53), S. 35 ff., voller Wortlaut bei Tyrell (Anm. 63), S. 45-55); Rede A. Hitlers vor den Mitgliedern des »Hamburger Nationalklubs von 1919« am 28. Februar 1926 (Auszüge abgedruckt in: Hörster-Philipps (Anm. 53), S. 60 f.); Der Weg zum Wiederaufstieg, Denkschrift Hitlers, angefertigt für Emil Kirdorf im August 1927 (Vollständiger Text bei Henry A. jr. Turner, Faschismus und Kapitalismus. Göttingen 1972, S. 47-59); Rede Hitlers vor dem Düsseldorfer Industrie-Klub am 27. Januar 1932 (Gekürzter Wortlaut in: Erhard Klöss (Hrsg.), Reden des Führers. Politik und Propaganda Adolf Hitlers 1922-1945. München 1967, S. 55-74).

71Pointiert merkte dazu in einer »im schönsten und fruchtbarsten Sinne summarischen Arbeit« (Bloch) J. Schumacher an: »An allem Übel ist nur der Jude schuld, und der ist geborener Bolschewist. Hat man diesen kaltgestellt, so sind die äußeren Juden und Bolschewisten schuld«. (Joachim Schumacher, Die Angst vor dem Chaos. Über die falsche Apokalypse des Bürgertums, Frankfurt/ Main 1978 (¹1937), S. 60). Der Propaganda aber war es, wie Kershaw in seiner detaillierten Regionalstudie über »Antisemitismus und Volksmeinung« bilanziert, zu keiner Zeit gelungen »den traditionell noch stark vorhandenen, aber überwiegend nur latenten und passiven Antisemitismus zum Kristallisationskern eines allgemeinen Radikalismus und ideologischen Aktivismus zu machen.« (Ian Kershaw, Antisemitismus und Volksmeinung. Reaktionen auf die Judenverfolgung. In: Bayern in der NS-Zeit, Bd.II, München – Wien 1979, S. 345).

72Fiddikow (Anm. 7), S. 11.

73Boelcke (Anm. 5), S. 337.

74Vgl. auch Jörg Bohse, Elemente von Pseudoklassenkampf in Goebbels' Rede zum »Totalen Krieg«. In: Rhetorik Ästhetik Ideologie. Aspekte einer kritschen Kulturwissenschaft. Stuttgart 1973, S. 226.

75Vgl. hierzu z.B. Goebbels' Leitartikel in: Das Reich vom 31. 5. 1942; 23. 8. 1942; 18. 10. 1942 und 15. 11. 1942. Im Artikel vom 31. 5. 1942 hieß es unter der Überschrift »Wofür? « u. a.: » [...] Heute weiß jeder deutsche Soldat, Arbeiter und Bauer, wofür wir kämpfen und arbeiten. Das ist ein Krieg für Thron und Altar, es ist ein Krieg für Getreide und Brot für einen vollgedeckten Mittags- und Abendtisch [...], ein Krieg um Rohstoffe, um Gummi, um Eisen und Erze.«

76Boelcke (Anm. 5), S. 341.

77Ebd., S. 331.

78Fiddikow (Anm. 7), S. 9.

79Ebd., S. 13.

80Ebd., S. 10.

81Ebd., S. 12.

82Ebd., S. 13.

83Ebd., S. 9.

84Ebd., S. 11.

85Ebd., S. 9.

86Vgl. Heinz Boberach (Hrsg.), Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS. Vollständige Texte aus dem Bestand des Bundesarchivs, Bd. 14. Koblenz 1984, S. 5532ff.

87Ebd., S. 5533.

88Vgl. Kershaw (Anm. 71), S. 343 ff.

89Vgl. Reinhard Kühnl, Faschismustheorien. Texte zur Faschismusdiskussion 2. Ein Letfaden. Reinbek 1979, S. 177.

90Fiddikow (Anm. 7), S. 17.

91Ebd., S. 30.

92Ebd., S. 21.

93Vgl. Wolfgang Bleyer, Staat und Monopole im totalen Krieg. Der staatsmonopolistische Machtapparat und die »totale Mobilisierung« im ersten Halbjahr 1943. Berlin (DDR) 1970, S. 19.

94Fiddikow (Anm. 7), S. 21.

95Vgl. Löwenthal/Gutermann (Anm. 34), S. 37.

96Fiddikow (Anm. 7), S. 21.

97Moltmann (Anm. 2), S. 37.

98Hans Dieter Müller, Porträt einer deutschen Wochenzeitung. In: Facsimile Querschrift durch das Reich, hrsg. Von H.D. Müller, München 1964, S. 7.

99Ebd., S. 143.

100Moltmann (Anm. 2), S. 37.

101Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt/ Main 1963, S. 48.

102Wolfgang F. Haug: Kritik der Warenästhetik. Frankfurt/ Main 1971, S. 171.

103Brecht (Anm. 35), S. 226.

104Fiddikow (Anm. 7), S. 19.

105Ebd., S. 25.

106Bleyer (Anm. 93), S. 104.

107Ebd., S. 140.

108Ebd., S. 109.

109Vgl. hierzu Martin Broszat u.a. (Hrsg.), Bayern in der NS-Zeit, Bd. I. München – Wien 1977, S. 16; neuerdings auch die wirkungsgeschichtliche Analyse des »Führermythos« von Kershaw (Kershaw (Anm. 44)).

110Fiddikow (Anm. 7), S. 29.

111Vgl. Gerhard Voigt, Goebbels als Markentechniker. In: Warenästhetik. Beiträge zur Diskussion, Weiterentwickling und Vermittlung ihrer Kritik. Frankfurt/ Main 1975, S. 231-260.

112Nach Angaben von Hans Domizlaffs, dem »wichtigsten Theoretiker der Markenwerbung in Deutschland« (Voigt), soll Goebbels dessen Buch Propagandamittel der Staatsidee fast auswendig gekannt haben. (Vgl. Voigt (Anm.111), S. 240).

113Boris von Borresholm, Dr. Goebbels nach Auzeichnungen aus seiner Umgebung. Berlin 1949, S. 115.

114Voigt (Anm. 111), S. 250. Vgl. auch Cornelia Berning, Vom Abstammungsnachweis zum Zuchwart. Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 1964, S. 83 und Ernest K. Bramsted, Goebbels und die nationalsozialistische Propaganda 1925-1945. Frankfurt/ Main 1971, S. 280ff.

115Zit. nach Werner Hamerski, »Gott« und »Vorsehung« im Lied und Gedicht des Nationalsozialismus. In: Publizistik 5. 1960, S. 292.

116Baldur von Schirach (Hrsg.), Das Lied der Getreuen. Leipzig 1938, S. 22.

117Zit. nach J. P. Stern, Hitler, der Führer und das Volk. München – Wien 1978, S. 106.

118Zit. nach Bracher/Sauer/Schulz. Die Nationalsozialistische Machtergreifung. Frankfurt/ Main – Berlin – Wien 1974 (¹1962), Bd. 3, S. 366. Eine subtile Ehrenrettung Schmitts unternimmt Günter Maschke, Im Irrgarten Schmitts. In: K. Corino (Hrsg.), Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus. Hamburg 1980, S. 204 ff.

119Vgl. Manfred Weißbecker, Zur Herausbildung des Führer-Kults in der NSDAP. In: Monopole und Staat. 1973, S 118.

120Reinhard Kühnl, Formen bürgerlicher Herrschaft (1). Liberalismus – Faschismus. Reinbek 1971, S. 88.

121Ebd., S. 87.

122Zur Entstehung dieses »modernen« und keineswegs »archaischen« Gesetzes vgl. Timothy W. Mason, Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft. Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterpolitik 1936-1939. Opladen 1975, S. 322-351.

123Vgl. von Adelheid von Saldern, Mittelstand im »Dritten Reich«. Handwerker – Einzelhändler – Bauern. Frankfurt/ Main – New York 1979, S. 216.

124Kühnl (Anm. 120), S. 88f.

125Vgl. Kershaw (Anm. 44), S. 44.

126Wolfgang Heise, Aufbruch in die Illusion. Zur Kritik der bürgerlichen Philosophie in Deutschland. Berlin 1964, S. 205.

127Agnes Heller, Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion. Frankfurt/ Main 1978, S. 141.

128Vgl. Erich Fromm, Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Stuttgart 1980, S. 252.

129Theodor W. Adorno, Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda. In: Ders., Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt/ Main 1971 (¹engl. 1951), S. 50.

130Erich Fromm, Sozialpsychologischer Teil der Studien über Autorität und Familie. In: Studien über Autorität und Familie. Bd. 1, Paris 1936, S. 110ff.

131Vgl. ebd.

132Reinhart Westphal, Psychologische Theorien über den Faschismus. In: Das Argument 32, S. 34.

133Vgl. dazu Ali Wacker, Zur Akutalität und Relevanz klassischer psychologischer Faschismustheorien. In Gerhard Paul/ Bernhard Schoßig (Hrsg.), Jugend und Neofaschismus. Provokation oder Identifikation? Frakfurt/ Main 1979, S. 125f.

134Fiddikow (Anm. 7), S. 31.

135Ebd., S. 8.

136Ebd., S. 29. Vgl. auch die Seiten 7, 14, 17, 18, 20, 21, 26, 27, 30.

137Ebd., S. 22.

138Vgl. Brechts Satire: Das Bankkonto des Führers.

139Goebbels zum »Führergeburtstag« 1943, zit. nach Bramsted (Anm. 114), S. 308.

140Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus. Kopenhagen 1933, S. 46.

141Rudolf Schnell, Die Zerstörung der Historie. Versuch über die Ideologiegeschichte faschistischer Ästhetik. In: Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften 10. 1978, S. 31.

142Ebd.

143Aufschlußreich auch für die Vorgänge rhetorischer (Massen-)Kommunikation sind hier die in Kelmans klassischer Untersuchung herausgearbeiteten sozialen Komponenten im Prozeß der Überredung. (Vgl. Herbert C. Kelman, Processes of opinion change. In: Public Opinion Quarterly 25. 1961, S. 57-78).

144Verhalten im Sinne der Compliance liegt beispielsweise vor, wenn man über einen Witz des Chefs lacht, ohne ihn eigentlich witzig zu finden. Compliance (= Nachgeben) »beruht auf unserer Motivation, von einem Kommunikator belohnt zu werden oder zumindest Bestrafung zu vermeiden.« (Wolfgang Stroebe, Grundlagen der Sozialpsychologie I. Stuttgart 1980, S. 295).

145Identifizierung beruht nach Kelman auf dem Wunsch, eine akzeptable Rollenbeziehung zum Kommunikator herzustellen. Im Vordergrund steht also die Beziehungsebene, während die Inhaltsseite des Kommunikationsvorgangs sekundär bleibt. Verliebtheit in den Lehrer als Motiv des Lernens wäre ein analoges Beispiel aus dem pädagogischen Bereich. Die über Identifizierung zustandegekommenen Einstellungsänderungen sind entsprechend labil: bei veränderten Beziehungen können auch die unkritisch übernommenen Meinungen hinfällig werden.

146Vgl. Kershaw (Anm. 44), S. 111 ff.

147Maßstab der Internalisierung ist die Glaubhaftigkeit des Kommunikators. »Die Beibehaltung der einmal übernommenen Ansichten geschieht dann auch unabhängig von der weiteren Beziehung zum Kommunikator« (Stroebe (Anm. 144), S. 294).

148Fiddikow (Anm. 7), S. 30.

149Vgl. z.B. die klassischen Experimente von Solomon E. Asch, Effects of group presure upon the modificaton and distortion of judgments. In: Guetzkow (Hrsg.), Groups, Leadership and Men. Pittsburgh 1951, S. 177-190 und ders. Studies of independence and submission to group pressure I. A minority of one against a unamimous majority. In: Psychological Monographs 70. Nr. 417, 1956.

150Vgl. Stanley Milgram, Behavioral study of obedience. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 67. 1963, S. 371-378 und ders. Some conditions of obedience and disobedience to authority. In: Human Relations 18. 1965, S. 13-43.

151Vgl. auch die in Goebbels' Tagebuch kolportierte Aussage des Sprechers des OKW Oberst Martin, zur »Glaubwürdigkeit« der NS-Regierung. Martin hatte erklärt, »daß das deutsche Volk der deutschen Nachrichtenpolitik gar nichts mehr glaube. Wir wären absolut in Mißkredit geraten und könnten uns noch so sehr anstrengen, die Glaubwürdigkeit der Regierung sei endgültig dahin.« (Goebbels Tagebücher 1942/43. Mit anderen Dokumenten hrsg. von Louis P. Lochner. Zürich 1948, S. 354.)

152Zur Definition des Begriffs vgl. Hubert Cancik, Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Stuttgart 1980, S. 38.

153Vgl. Zielfelder ru: Unterrichtswerk für den katholischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe I. hrsg. vom Dt. Katecheten-Verein München. 1975, S. 185.

154Zit. nach Heiber (Anm. 1), S. 204ff.

155Vgl. Stern (Anm. 117), Kap. 10, S. 83-88, 90.

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