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Autor: Aufenanger, Stefan.
Titel: Medienpädagogik.
Quelle: Krüger, Heinz-Hermann/ Grunert, Cathleen (Hg.): Wörterbuch Erziehungswissenschaft. Wiesbaden 2004, S.302-307.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Stefan Aufenanger
Medienpädagogik
Medienpädagogik kann als eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft bezeichnet werden, die von der Annahme ausgeht, dass zum einen das Verhältnis des Menschen zur Welt in modernen Gesellschaften größten Teils durch Medien vermittelt ist, zum anderen pädagogisches Handeln nur als ein Handeln in einer durch Medien geprägten Welt gedacht werden kann. Unter Medien werden in einem weiten Sinne alle Vermittlungsformen von Welt verstanden, wie etwa die Sprache, in einem engeren und gebräuchlicheren Sinne alle technisch produzierten - wie etwa das Buch - oder mit Hilfe von Technik ermöglichten Formen der Kommunikation - wie etwa das Fernsehen oder das Internet. Dabei werden Medien eingebunden in politische, gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle und lebensweltliche Zusammenhänge gesehen, wozu die Medienpädagogik Stellung nehmen muss.
Die Medienpädagogik entwickelt zum einen wissenschaftlich begründete Konzepte und gibt Orientierung für den praktischen Umgang mit Medien. Sie muss diese Konzepte in der Praxis auf ihre pädagogische Umsetzbarkeit und auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Zum anderen beschäftigt sich die Medienpädagogik aber - auch mit einer kritischen Reflexion der bestehenden Praxis im Umgang mit Medien in der Alltagswelt von Menschen und von Institutionen. Sie hat die Ergebnisse dieser kritischen Betrachtung zur Aufklärung von Praxis an diese zurückzugeben, ohne diese aber bevormunden zu wollen. Die Medienpädagogik als eine wissenschaftliche Disziplin muss dazu mit der Praxis in einen Dialog treten. Die Praxis, die sich mit Medien beschäftigt, wird Medienerziehung genannt. Sie setzt medienpädagogische Konzepte um und versucht, die in der Medienpädagogik erarbeiteten Ziele mit den unterschiedlichsten Methoden zu erreichen. Dabei sollen diese Ziele und Methoden selbst wiederum einer kritischen Betrachtung im Handeln mit Medien unterworfen werden. Ziel der Medienerziehung ist es, Menschen das kompetente, selbstbestimmte, sozialverantwortliche, kritische und solidarische Handeln in einer durch Medien geprägten Welt zu ermöglichen. Der Begriff der Medienkompetenz versucht diese Zielvorstellungen zu bündeln.
Konkret umfasst Medienpädagogik zum einem die Frage nach der Rolle von Medien in Prozessen des Erziehens, Unterrichtens und Informieren, also nach dem sinnvollen Einsatz von Medien in Prozessen pädagogischen Handeln. Zum anderen befasst sich die Medienpädagogik auch mit den Einflüssen von Medien auf die Persönlichkeit und damit verbunden mit entsprechenden erzieherischen Konzepten, wie darauf unter der Maßgabe der Stärkung der Autonomie und der Kompetenz der Subjekte zu reagieren ist. Medienpädagogik selbst stellt die theoretische, systematische und konzeptionelle Ausarbeitung der Antworten zu diesen Fragen dar, während Medienerziehung eher auf die Praxis dieser Konzepte zielt.
Die Geschichte der Medienpädagogik lässt sich an dem Aufkommen der jeweils - zeithistorisch gesehen - neuen Medien gut veranschaulichen. Schon die Verbreitung des Buches durch entsprechende Techniken hat bei Pädagogen des 18. Jhs. zur Ablehnung des Lesens geführt. Einen wesentlichen.Einschnitt stellte jedoch das Aufkommen des Kinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar, .welches nach Meinung vieler damaliger Pädagogen und Lehrer zur Verrohung, Kriminalisierung und Sexualisierung der Jugend führen würde., Die Folge waren die Ausarbeitung des ersten Jugendmedienschutzgesetzes 1923 sowie die ersten Formulierungen eines bewahrpädagogischen Ansatzes. Ähnliche Diskussionen lassen sich mit der Verbreitung des Fernsehens als Massenmedium zu Beginn der 1960er-Jahre sowie der Verbreitung von Videogeräten in den 1980er-Jahren finden. Auch die so genannten ,neuen‘ Medien wie Computerspiele und das Internet sind von solchen kulturkritischen Vorwürfen nicht verschont geblieben. Entsprechend dieser Medienentwicklungen lassen sich medienpädagogische Ansätze finden, die das Denken und das Handeln von Pädagogen in medienpädagogischer Absicht bestimmt haben.
Traditionsreich und auch heute noch wirksam ist die kulturkritisch-geisteswissenschaftliche Position. Sie ist durch zwei Strömungen bestimmt: die Bewahrpädagogik und die Filmerziehung. Die Bewahrpädagogik sieht vor allem die negativen Einflüsse von Medien und will deshalb die Menschen vor deren schädlichen Einflüssen schützen. Historisch ist sie mit die älteste Position und hat sich jeweils mit den ,neuen‘ Medien kritisch auseinandergesetzt. Sie ist heute noch in vielen Köpfen von Pädagoginnen und Pädagogen und den entsprechenden pädagogischen Institutionen wirksam, wenn etwa elektronische Medien in der pädagogischen Arbeit nicht zugelassen werden, da man ihre negativen Einflüsse fürchtet oder etwa meint, dies sei nur Zeitverschwendung. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die oftmals heftig angefeindeten Medien schnell zum Alltag der Menschen wurden und eine gesellschaftliche Akzeptanz fanden. Ein typisches Kennzeichen der bewahrpädagogischen Position ist, dass sie die Menschen und insbesondere Kinder und Jugendliche als hilflose Opfer der entsprechenden Medien sieht. In eine ähnliche Richtung hat auch der Ansatz der Filmerziehung gedacht, der aber nun nicht alle schlechten Medien verbieten wollte, sondern vielmehr die Stärken und das Gute mancher Medien nutzte, um an positiven Beispielen orientiert sich entwickeln zu können.
Eine Verbesserung von Lernen durch und mit Hilfe von Medientechnologien und eine Optimierung von Lernprozessen erhoffte sich die technologisch-funktionale Position. Sie war in den 1960er- und 1970er-Jahren besonders aktiv und forderte schon recht früh den Einsatz elektronischer Medien in den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Dazu gehörten etwa das Lesenlernen mit Hilfe des Computers, der Einsatz des Schulfernsehens als auch des Schulfunks sowie das Sprachlabor. Die mangelnde technische Entwicklung dieser Medien im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten sowie die doch sehr einfache Lerntheorie, die diesen Ansätzen zugrunde lag, führten zu keinen großen Erfolgen. Glaubte man damals noch, dass eine einfache Verstärkung von Lernerfolgen ausreichen würde, sieht man heute Lernen doch als einen kognitiv komplexeren als auch sozialen Prozess. In dieser Position stand mehr das Medium und nicht die Menschen im Zentrum.
Eine Reaktion auf diese technologische Position war die Ausbildung von ideologie- und gesellschaftskritischen Positionen. Die vor allem in den 1970er-Jahren mit der Studentenbewegung aufkommenden Ansätze stellten die Massenmedien: unter einen Manipulationsverdacht, glaubten also, dass die Menschen bewusst nicht alle Informationen, die für die politische Willensbildung notwendig seien, bekommen würden. Sie forderten eine Medienerziehung, die sich kritisch mit den Massenmedien wie Zeitungen und Fernsehen auseinandersetzt und die die Medien selbst zur Herstellung einer Gegenöffentlichkeit nutzt. Die ideologiekritische Position sah zwar auch den Menschen als Opfer der Medien ähnlich wie der bewahrpädagogische Ansatz, sie unterstellte aber die Möglichkeit, mit Hilfe von und der Arbeit mit Medien eine kritische Position gegenüber Medien zu entwickeln.
Mit dem letzt genannten Aspekt ist auch der Übergang zu einem heute noch dominierenden und von vielen Medienerziehern praktizierten Ansatz geschaffen: der handlungsorientierten Medienpädagogik. Durch aktive und erfahrungsbezogene Auseinandersetzung mit den Medien - vor allem durch so genannte handhabbare Medien wie Fotoapparat, Filmkamera oder Video - sollten die positiven Aspekte von Medien sowie ihre Stärken für gestalterische Momente und zum Ausdruck der eigenen Befindlichkeit be- und genutzt werden.
Die Medienpädagogik gliedert sich in unterschiedliche Bereiche: Da ist zuerst natürlich die Medienerziehung, die als die Praxis der Medienpädagogik verstanden wird. Die Mediendidaktik fragt nach dem pädagogisch-didaktisch sinnvollen Einsatz von Medien in Lehr- und Lernprozessen. Die Medientheorie ist notwendig, um eine Bestimmung der Struktureigenschaften unterschiedlicher Medien vorzunehmen und legt dabei eine wesentliche Grundlage für die Medienpädagogik hinsichtlich des darin enthaltenen Begriffs von Medien. Fragen des verantwortungsvollen Umgangs mit Medien durch Menschen als auch durch Institutionen und Gesellschaft thematisiert die Medienethik. In der Medienkunde soll Wissen über Medien und ihre Handhabung vermittelt werden. Sie spielte traditionell in der Medienpädagogik eine große Rolle, muss heute aber erweitert um das Wissen über Mediensysteme, also die gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle und politische Dimension von Medien gesehen werden. In der Mediensozialisation wird untersucht, wie die Medien sich auf psychische und soziale Aspekte der Mediennutzer auswirken.
Insgesamt lassen sich in der Medienerziehung gemeinhin folgende Aufgabenbereiche auflisten (vgl. Tulodziecki 1997):
- Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten
- Medienbotschaften verstehen und bewerten
- Medienangebote unter Abwägung von Handlungsalternativen auswählen und nutzen
- Medien selbst gestalten und verbreiten
- Medien hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung analysieren und beeinflussen
Dabei deckt die Medienpädagogik vielfältige Praxisfelder ab. Im Zentrum steht die Familie, in der grundlegende Voraussetzungen zur Erlangung von Medienkompetenz gelegt werden. Ergänzt und unterstützt werden müssen die dortigen Anstrengungen durch Medienerziehung im Kindergarten und in der Schule. Vor allem im schulischen Bereich hat sich eine breite Palette von Ansätzen ausgebildet, die zwar alle Formen von Medien umfasst, sich in letzter Zeit aber verstärkt um die neuen Medien, insbesondere um den Einsatz von Computer und Internet im Unterricht, dreht. Aber auch der außerschulische Bereich hat eine lange Tradition und stellt einen bedeutsamen Bereich dar, in dem Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben wird, aktiv und kreativ mit Medien umgehen zu lernen.
Insgesamt erweitern sich die Gegenstandsbereiche der Medienpädagogik auch mit der Veränderung und dem Aufkommen neuer Medien. So spielen medienpädagogische Konzepte bei Fragen der Integration von Computer und Internet in Lehr- und Lernprozessen eine große Rolle und sie können einen wichtigen Beitrag zum Einsatz von Lernprogrammen oder zur Gestaltung von multimedialen Lernumgebungen leisten. Auch der Bereich der Erwachsenenbildung als auch der Seniorenarbeit werden zukünftig wichtige Arbeitsfelder der Medienerziehung darstellen.
Eine explizite Theorie der Medienpädagogik liegt nicht vor. Vielmehr ist die moderne Medienpädagogik durch verschiedene Ansätze zu kennzeichnen, die aber gemeinsame Annahmen teilen. Diese neueren Ansätze zeichnen sich etwa dadurch aus, dass sie sich an sozial- und medienwissenschaftlichen Forschungsergebnissen orientieren, selbst empirische Studien durchführen und den Umgang als auch die Rezeption von Medien als einen komplexen Vorgang betrachten, bei dem sich nicht so einfach von einer Wirkung von Medien auf den Menschen sprechen lässt. Vielmehr sehen diese Ansätze den Menschen in seinem Handeln und Umgang mit Medien als aktiv und nicht als Opfer. Einen Paradigmenwechsel stellten die Arbeiten von Charlton und Neumann (1986) dar, die den Medienrezeptionsprozess als thematisch voreingenommen kennzeichneten. Sie meinten damit, dass Mediennutzung nicht zufällig oder willkürlich geschieht, sondern durch die Spiegelung symbolischer Themen in den Medien in Bezug auf die eigenen zu bearbeitenden Themen gesehen werden muss. Damit wurde deutlich, dass Konzepte der Medienerziehung zuerst die ,handlungsleitenden Themen‘ (Bachmair) der Mediennutzer beachten müssen, bevor konkrete Interventionen durchgeführt werden. In dem Ansatz von Tulodziecki (1997) kommen situations- und bedürfnisspezifische sowie sozio-moralische und entwicklungspsychologische Aspekte der Mediennutzung bei der Gestaltung von Medienerziehung zum Tragen. Spanhel (1999) vertritt einen integrierten Ansatz einer Medienerziehung, der deutlich macht, dass Medien im schulischen Prozess in allen Fächern angesprochen werden müssen und nicht auf ein Fach beschränkt bleiben dürfen.
Mehr auf die Bedeutung und Funktion von Medien für die Lebensbewältigung als auch für die Identitätsentwicklung gehen Charlton, Neumann-Braun und Aufenanger in ihrem Ansatz der strukturanalytischen Rezeptionsforschung ein. Medienerziehung darf aus dieser Perspektive nicht einfach nur auf Wirkungen von Medien zielen, sondern sollte berücksichtigen, welche Funktionen Medien im Leben von Kindern und Jugendlichen ausüben und welche positive Bedeutung diese haben können. Medien, Mediengeschichte und Mediencharaktere können aus dieser Position zur Identifikation, zur Projektion als auch zur Regulierung von Kommunikation und Interaktion dienen. Baacke (1997) und Mitarbeiter haben einen sozial-ökologischen Ansatz entwickelt, der die verschiedenen Medienwelten von Kindern und Jugendlichen bei der Konzeption medienpädagogischen Handelns einbezieht.
Mit dem Aufkommen des Begriffs der Medienkompetenz wurden ebenfalls Ansätze entwickelt, die aufbauend auf dem sozialwissenschaftlichen Kompetenzbegriff und dessen Rezeption in der Medienpädagogik (Baacke 1975) das, worauf Medienerziehung zielen soll, näher bestimmen wollen. Dabei werden kognitive, soziale, ethische, affektive und ästhetische Aspekte ins Spiel gebracht.
Die Medienpädagogik fragt zum einen nach den möglichen Einflüssen von Medien auf Menschen, auf ihr Denken und Handeln, und versucht dabei die jeweiligen Stärken und Schwächen, positiven und negativen Aspekte von Medien herauszuarbeiten und in ein pädagogisches Konzept zu integrieren. Zum anderen hat sie aber auch die Absicht, die Medien den Menschen vertraut zu machen, ihnen zu helfen, sich mit Medien auszudrücken, sie zur Informationsübermittlung, für kreative Zwecke als auch als Werkzeug zu benutzen. Auch hierbei kommt es dabei darauf an, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen dem Möglichen und dem pädagogisch Sinnvollen im Zusammenhang der Arbeit mit Medien herzustellen. In Zukunft werden neue Aufgabenbereiche zur Medienpädagogik hinzukommen, die sich u.a. mit Fragen der Virtualität von Medien und den neuen Medien als Bildungsmedium stärker befassen werden.
Aufenanger, St. (Hrsg.): Neue Medien - Neue Pädagogik. Ein Lese- und Arbeitsbuch zur Medienerziehung in Kindergarten und Grundschule. Bonn 1991
Baacke, D.: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München 1975
Baacke, D.: Medienpädagogik. Tübingen 1997
Charlton, M./Neumann, K.: Medienkonsumm und Lebensbewältigung in der Familie. Weinheim 1986
Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Handbuch Medienerziehung im Kindergarten. 2 Bde., Opladen 1994
Hiegemann, S./Swoboda, W. (Hrsg.): Handbuch der Medienpädagogik. Opladen 1994
Hüther, J./Schorb, B.: Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2003
Issing, L. J./Klimsa, P: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Weinheim 2002
Marotzki, W./Meister, D./Sander, U. (Hrsg.): Zum Bildungswert des Internet. Opladen 2000
Moser, H.: Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. Opladen 2000
Schell, F.: Aktive Medienarbeit mit Jugendlichen. München 2003
Schorb, B: Medienalltag und Handeln. Medienpädagogik in Geschichte, Forschung und Praxis. Opladen 1995
Spanhel, D.: Integrative Medienerziehung in der Hauptschule. München 1999 Tulodziecki, G.: Medien in Erziehung und Bildung. Bad Heilbrunn/Obb. 1997
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