Vortrag bei der Eröffnung des Transferzentrums für Neurowissenschaft und Lernen - Ulm, 28. April 2004
Im letzten Jahrzehnt kam es zu einem bis dahin beispiellosen Aufschwung der kognitiven Neurowissenschaft. Die Gehirnforschung hat folglich seit kurzem damit angefangen, die Grundlage des Geistes zu erforschen. Nationale und internationale Bildungssysteme haben somit angefangen, sich daran zu interessieren, ob einige dieser neuen Entdeckungen über das Funktionieren des menschlichen Gehirns dazu nützlich sein könnten, Bildungspraktiken zu verbessern. Dafür hat das Zentrum für Bildungsforschung und -innovation (Centre for Educational Research and Innovation) der OECD das Projekt „Erziehungswissenschaften und Gehirnforschung" (Learning Sciences & Brain Research - Potential implications for education policy and practices) 1999 ins Leben gerufen, an dem Prof. Spitzer seit dem Jahr 2000 aktiv beteiligt ist.
Der Zweck dieses Projektes besteht darin, die Zusammenarbeit zwischen Erziehungswissenschaftlern und Gehirnforschern zu begründen und zu fördern. Gleichzeitig wird Kontakt zwischen Wissenschaftlern und den Verantwortlichen für Bildungspolitik hergestellt. So entstanden vor vier Jahren erste Ansätze, Gehirnforscher und Bildungspolitiker an einen Tisch zu bringen, um über Möglichkeiten der Kooperation und des Wissenstransfers zu beraten. Hierbei wurde sehr deutlich, dass die Gehirnforschung bereits heute Ergebnisse aufweist, die man in die Praxis umsetzen kann und sollte bzw. muss, wenn man die Bildungssysteme effizienter gestalten will - oder reformieren möchte.
Es war von Anfang an klar, dass ein derartiges Programm mit schwierigen ethischen Fragen belastet sein würde. Daher wurde von vornherein auf eine internationale Zusammenarbeit hingearbeitet, da die ethischen Fragen, wie Forschungsergebnisse, keine Staatsgrenzen kennen. Ausserdem war zu gewährleisten, dass die Erkenntnisse der Gehirnforschung sich so neutral wie nur möglich gegenüber unterschiedlichen politischen Weltanschauungen verhalten. Diese Erkenntnisse sind dazu geeignet, bildungspolitisches Handeln auf eine neue, wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Ein guter Grund, vorsichtig zu sein.
Basierend auf den Ergebnissen der Foren, die während der ersten drei Jahre des Projekts organisiert wurden (Phase 1), um die Implikationen von Gehirnforschung auf das Lernen in Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu präsentieren und einzuschätzen, entstand die OECD Publikation "Understanding the Brain - Towards a New Learning Science" („Wie funktioniert das Gehirn? Auf dem Weg zu einer neuen Lernwissenschaft"), die 2002 auf englisch und französisch erschien, und im Laufe dieses Jahres in deutsch veröffentlicht werden soll. Da während dieser ersten Phase spezifische Gebiete der Gehirnforschung identifiziert worden sind, die relevant für Bildungspraktiken sind, wurde die Wichtigkeit der Entstehung einer zweiten Phase (während der Gebiete für weitere Forschung mit politischer Relevanz, hoher potenzieller Anwendung, und finanzieller Machbarkeit angesprochen werden), von den OECD Bildungsministern schon in ihrer 2001 Sitzung anerkannt.
Während der zweiten Phase, die bis 2006 andauern wird, werden jede der identifizierten Forschungsgebiete (Gehirnentwicklung und (i) Lesen & Schreiben; (ii) Rechnen; und (iii) lebenslanges Lernen) von ihren eigenen internationalen und transdisziplinären Netzwerken angesprochen, die jeweils aus einer Hauptforschungsinstitution, und einer internationalen Gruppe von Neurowissenschaflern und Bildungsexperten aufgebaut ist. Die Ergebnisse dieser zweiten Phase werden nach und nach auf der Projektwebsite und zusammengefasst in einer Endpublikation (Herbst 2006) präsentiert werden. Insgesamt brachten bisher zehn Symposien (seit Juni 2000 in New York, über drei Kontinente, bis Januar 2004 in Tokio und März 2004 in El Escorial) Neurowissenschaftler, Erziehungswissenschaftler, Bildungsfachleute und Politiker an einen Tisch, um über Gehirnmechanismen frühen Lernens, Spracherwerb, Lesenlernen, mathematisches Denken und emotionale Kompetenz zu diskutieren. Dennoch stehen wir erst am Anfang einer Integration von Gehirn- und Bildungsforschung, und es bleibt noch ein langer Weg, um dieses Ziel zu erreichen.
Über die Jahre hinweg, haben sich mehr und mehr Länder diesem Projekt aktiv angeschlossen. Wobei anfangs gerade einmal fünf Länder beteiligt waren, sind es heute 24 (davon drei OECD nicht Mitgliedsstaaten).
Es sollte wiederholt werden, dass das Verbessern von Lehr- und Lernprozeduren durch den Gebrauch von Gehirnforschungsergebnissen nicht allein alle Bildungsprobleme regeln wird. Dennoch bietet Forschung, die in die Richtung solchen Lernens geht, heute zweifellos eine Richtung für Bildungsexperten (politische Entscheidungsträger, Forscher und Anwender), die zweckmäßigeres, informierteres Lehren und Lernen wünschen. Es bietet bessere Möglichkeiten für Studenten und Erwachsene, die Lernschwierigkeiten haben. Jedoch muss man damit vorsichtig sein, Forschung aus dem Labor ins Klassenzimmer zu befördern, wegen der Komplexität der Forschungsergebnisse und der Bildungsbedürfnisse, sowie der ethischen Fragen, die auftauchen können. Ein „Pilot-Projekt" bester Qualität war hier dringend gebraucht, um sicher zu stellen, dass solide, ernsthafte und ethische Annäherungen entwickelt werden (wie schon vor drei Jahren gesagt, sollte solch ein Pilot-Projekt gleichzeitig von Wissenschaftlern, Politikern und Anwendern durchgeführt werden). Geschichte und "Neuromythen" sind da, um uns daran zu erinnern, dass zu teilhaftes Verständnis, missbräuchliche Verallgemeinerungen, und jeglicher Versuch, Wissenschaft so zu verwenden, dass sie Entscheidungen (die schon gemacht worden sind, oder zu machen sind) „rechtfertigt", nicht nur dazu verdammt sind im Endeffekt, zu versagen, sondern zwischenzeitlich auch äußerst gefährlich sein können.
In diesem Sinne glaube ich, dass so ein Ziel nur erreicht werden kann, wenn wir dieses Projekt so durchführen, dass es von Forschung gesteuert wird, und nicht so sehr von Politik - also anstatt das Ziel von vornherein festzusetzen, und einen Weg zum Ziel zu suchen, sollten wir uns von der Forschung leiten lassen, und das annehmen, was auf uns zukommt ("Kolumbus-Annäherung").
Die drei Ziele des Transferzentrums: (i) kognitiv-neurowissenschaftliche Grundlagen von Lernprozessen zu erforschen; (ii) anwendungsorientierte Forschung an Schulen und Bildungseinrichtungen unter Heranziehung der Ergebnisse von (i) zu entwickeln; und (iii) die Lehrenden weiterzubilden , so dass ein rascher Transfer der Ergebnisse aus (i) und (ii) erfolgen kann (nicht zuletzt um einen deutlichen Motivationsschubs für die Lehrenden zu erreichen) sind für die OECD wichtig, insbesondere (ii) und (iii), die im "CERI Projekt" noch fehlen. Wir betrachten sie jedoch als extrem wichtig für den gesamten Innovationsprozess der Bildungssysteme und folgen deswegen die Entwicklungen in Ulm mit großer Aufmerksamkeit. Wenn wir dazu beitragen können, werden wir natürlich unser Bestes tun.
Daher ist die OECD begeistert von Professor Spitzers Initiative, unterstützt vom Land Baden-Württemberg, dieses Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen aufzubauen, das wesentlich dazu beitragen wird, diesen nötigen Kontakt zwischen Wissenschaft und Bildung/Lehren herzustellen. Die OECD / CERI hatte geplant, solche Transferzentren, als Basis ihrer dritten Phase des Projekts (die 2007 beginnen wird) „Erziehungswissenschaften und Gehirnforschung" zu promovieren. Wir sehen daher das Transferzentrum in Ulm als eine Art Prototyp für dieses Ziel an und hoffen, zu seinem Erfolg beitragen zu können. Wir werden also die Arbeiten und Fortschritte des Transferzentrums genau verfolgen, um zu sehen, was bereits in diesem Bereich machbar ist und was nicht - und warum - und was noch mehr Forschung und Aufmerksamkeit benötigt, um definitiv anwendbar zu werden. Außerdem hoffen wir, dass diese Weltpremiere andere Länder (und internationale Institutionen) anspornen wird, sich dafür zu interessieren, und eventuell ähnliche Zentren zu schaffen, um wissenschaftliche Forschungsergebnisse relevanter für nationale Lehrpläne zu machen.
Autor: Bruno della Chiesa, Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) / Center for Educational Research and Innovation (CERI)






