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Werturteile in der Literatur

Gibt es ästhetische Werturteile, die sich auf jede Literatur übertragen lassen oder muss Literatur von Frauen für Frauen anders bewertet werden als Literatur von Männern für Männer, Kinderliteratur anders als Erwachsenenliteratur, Regionalliteratur anders als Literatur, die für eine ganze Nation geschrieben werden? Ausgehend von Goethes Begriff der "Weltliteratur" wäre die Frage nach Universalität und Partikularität an verschiedenen Texten zu diskutieren.

Karl-Jörg Walter: Muscht net alles glaawe

Karl-Jörg Walter (geboren 1941), Lehrer in der Vorderpfalz und mehrfacher Preisträger in Bockenheim, präsentiert hier ein Gedicht, das thematisch sehr nah an Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters steht. Handelt es sich um ein Plagiat? Walter überträgt einerseits Brechts "Fragen" auf die Region, andererseits gerät seine Dialektfassung eher komisch-augenzwinkernd als klassenkämpferisch.

Karl-Jörg Walter: Muscht net alles glaawe!

In de Bischer steht:

"De Kaiser hot den schääne Dom gebaut.2

Vun weesche!

Känn äänzische Stää hot er g´schleppt.

Un des Geld fer den Riesebau

hot er annere aus de Dasch gezoche,

weil er schun längscht machulle war.

 

Mer liest als:

"De Keenisch hot de Feind bezwunge."

Peifedeckel!

In Gala-Mondur is er vornenausgeritte.

Awwer wie die Kuchle g´floche sind,

hänn sei Soldate die Kepp hi´halde misse.

 

In de Zeidung schreiwen se:

"De Finanzminischder hot zwää Milljarde ei´gspart."

Daß ich net lach!

Er hot se vun annere ei´spare losse.

Sei Rumsteck is deshalb kän Zendimeder klänner worre.

 

Vun manchem Herrscher hääßt´s:

"Er hot fer jeden e uff´nes Ohr ghat

un sei Land gerecht reschiert."

Wer´s glaabt, werd seelisch!

Er hot iwwerhaupt kää Ahnung g´ hat,

wie die klänne Leit hänn lewe misse

un des Land, wu´s gerecht zugeht,

is bis heit noch net gfunne worre.

 

Wann d´awwer heerscht:

"Er is g´storwe"

Des kannscht glaawe,

Des hot er ganz allä gemacht.

(. . . falls net en annere

e bissel nochg´holfe hot ...)

 

Aus: Beckmann, Jürgen/Kliewer, Heinz-Jürgen: „Ich redd mein Muddersprooch”. Anthologie Pfälzer Mundartliteratur, Landau: Pfälzische Verlagsanstalt 1997, 315

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Das Gedicht ist mit Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters zu vergleichen. Lassen sich qualitative Unterschiede finden? Was betont Brecht, was Walter? Ist der komische Ton des Gedichts typisch für Gedichte in Mundart?
  • Übertragt ein Gedicht aus der Hochsprache in den Dialekt. Was gewinnt/verliert es dadurch?
  • Schreibt Texte zu Situationen, in denen es zu (komischen, peinlichen, absurden,...) Code-Vermischungen zwischen verschiedenen Sprachebenen oder zwischen Hoschsprache und Dialekt kommt!

Johann Wolfgang von Goethe zur Weltliteratur

Die berühmteste Auseinandersetzung mit der Frage der Universalität von Literatur findet sich in einem Gespräch, das Johann Wolfgang von Goethe 1827 mit Johann Peter Eckermann geführt haben soll. Wenn Goethe von "Weltliteratur" schwärmt, so fordert er, dass Literaturen sich wechselseitig befruchten und damit der Völkerverständigung dienen sollen. Dabei geht Goethe über einen reinen Universalismus hinaus. Hans H. Reich nimmt aber in seinem Beitrag Wahrnehmung und Bewertung des Fremden in Goethes Werk (Reich 2003 a) Goethe vor dem Vorwurf in Schutz, er ziele damit auf eine ethnozentrische Aneignung des Fremden. Reich findet bei Goethe stattdessen Gedanken, in denen die Annäherung an ebendieses Fremde als dynamischer Prozess gesehen wird, als gegenseitiges Kennenlernen, als gegenseitiges Bereichern, aber auch als gegenseitiges Abstoßen. Ihm stimmt der indische Philosoph Ram Adhar Mall zu: "Goethe meint, dass in einer weltliterarischen Konstellation sich orientalisieren und europäisieren zwei Seiten eines weltliterarischen Austausches sind" (Mall 1995, 63).

Eckermann: Gespräche mit Goethe Mittwoch, den 31. Januar 1827

Bei Goethe zu Tisch. »In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen,« sagte er, »habe ich vieles und mancherlei gelesen, besonders auch einen chinesischen Roman, der mich noch beschäftiget und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint.« - »Chinesischen Roman?« sagte ich. »Der muß wohl sehr fremdartig aussehen.« - »Nicht so sehr, als man glauben sollte«, sagte Goethe. »Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich sehr bald als ihresgleichen, - nur daß bei ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugeht. Es ist bei ihnen alles verständig, bürgerlich, ohne große Leidenschaft und poetischen Schwung und hat dadurch viele Ähnlichkeit mit meinem ›Hermann und Dorothea‹, sowie mit den englischen Romanen des Richardson. Es unterscheidet sich aber wieder dadurch, daß bei ihnen die äußere Natur neben den menschlichen Figuren immer mitlebt. Die Goldfische in den Teichen hört man immer plätschern, die Vögel auf den Zweigen singen immerfort, der Tag ist immer heiter und sonnig, die Nacht immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht wie der Tag selber. Und das Innere der Häuser so nett und zierlich wie ihre Bilder. Z.B.: ›Ich hörte die lieblichen Mädchen lachen, und als ich sie zu Gesichte bekam, saßen sie auf feinen Rohrstühlen.‹ Da haben Sie gleich die allerliebste Situation, denn Rohrstühle kann man sich gar nicht ohne die größte Leichtigkeit und Zierlichkeit denken. Und nun eine Unzahl von Legenden, die immer in der Erzählung nebenher gehen und gleichsam sprichwörtlich angewendet werden. Z. B. von einem Mädchen, das so leicht und zierlich von Füßen war, daß sie auf einer Blume balancieren konnte, ohne die Blume zu knicken. Und von einem jungen Manne, der sich so sittlich und brav hielt, daß er in seinem dreißigsten Jahre die Ehre hatte, mit dem Kaiser zu reden. Und ferner von Liebespaaren, die in einem langen Umgange sich so enthaltsam bewiesen, daß, als sie einst genötigt waren, eine Nacht in einem Zimmer miteinander zuzubringen, sie in Gesprächen die Stunden durchwachten, ohne sich zu berühren. Und so unzählige von Legenden, die alle auf das Sittliche und Schickliche gehen. Aber eben durch diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das Chinesische Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen.

Einen höchst merkwürdigen Gegensatz zu diesem chinesischen Roman«, fuhr Goethe fort, »habe ich an den Liedern von Béranger, denen fast allen ein unsittlicher, liederlicher Stoff zum Grunde liegt und die mir im hohen Grade zuwider sein würden, wenn nicht ein so großes Talent wie Béranger die Gegenstände behandelt hätte, wodurch sie denn erträglich, ja sogar anmutig werden. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht höchst merkwürdig, daß die Stoffe des chinesischen Dichters so durchaus sittlich und diejenigen des jetzigen ersten Dichters von Frankreich ganz das Gegenteil sind?«

»Ein solches Talent wie Béranger«, sagte ich, »würde an sittlichen Stoffen nichts zu tun finden.« - »Sie haben recht,« sagte Goethe, »eben an den Verkehrtheiten der Zeit offenbart und entwickelt Béranger seine bessere Natur.« - »Aber«, sagte ich, »ist denn dieser chinesische Roman vielleicht einer ihrer vorzüglichsten?« - »Keineswegs,« sagte Goethe; »die Chinesen haben deren zu Tausenden und hatten ihrer schon, als unsere Vorfahren noch in den Wäldern lebten.

Ich sehe immer mehr,« fuhr Goethe fort, »daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist und daß sie überall und zu allen Zeiten in Hunderten und aber Hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles. Der Herr von Matthisson muß daher nicht denken, er wäre es, und ich muß nicht denken, ich wäre es, sondern jeder muß sich eben sagen, daß es mit der poetischen Gabe keine so seltene Sache sei, und daß niemand eben besondere Ursache habe, sich viel darauf einzubilden, wenn er ein gutes Gedicht macht. Aber freilich, wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gerne bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen. Aber auch bei solcher Schätzung des Ausländischen dürfen wir nicht bei etwas Besonderem haften bleiben und dieses für musterhaft ansehen wollen. Wir müssen nicht denken, das Chinesische wäre es, oder das Serbische, oder Calderon, oder die Nibelungen; sondern im Bedürfnis von etwas Musterhaftem müssen wir immer zu den alten Griechen zurückgehen, in deren Werken stets der schöne Mensch dargestellt ist. Alles übrige müssen wir nur historisch betrachten und das Gute, so weit es gehen will, uns daraus aneignen.«

 

Aus: Gespräch vom 31.1.1827. In: Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Bd. 19,3. München: Hanser 1986, 205-207.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche Rolle spielt für Goethe das Allgemeine und das Besondere in seiner Bewertung von Literatur?
  • Welche Rolle spielt die fremde Literatur für die eigene Literatur?
  • Wo steht Goethe literaturgeschichtlich?
  • Wie wäre Goethes Position auf die heutige Weltliteratur zu übertragen? Schreibt das Gespräch für die heutige Zeit um. Dabei könnt ihr Eckermann auch als Goethes Kontrahenten herausstellen.
  • Was hat Goethes Einschätzung mit der pfälzischen oder elsässischen Regionalliteratur zu tun?
  • Spielt das Gespräch zwischen Goethe und Eckermann nach.

Weibliches Schreiben am Beispiel Frieda von Bülow und Ricarda Huch

Das Problem der Universalität von Bewertungskriterien für Literatur kann am Beispiel der Frauenliteratur verdeutlicht werden. Um 1900 machten sich viele Frauen Gedanken darüber, ob Texte von Frauen sich von denen von Männern unterscheiden oder ob sie sich angleichen sollten. Im Jahr 1899 führten drei damals bekannte Autorinnen eine Art Schreibgespräch zu dieser Frage. Die erste war Frieda von Bülow (1857-1900), ihr antworteten Ricrda Huch und Lou Andreas-Salomé, deren Text zu komplex ist, um ihn hier einzubeziehen. Von Bülow betont, dass Frauen auf ihrer Besonderheit beharren sollten:

Frieda von Bülow: Männerurtheil über Frauendichtung (1899)

 

"Wenn (...) plötzlich einem intelligenten Thier, meinetwegen einem Fuchs, die Fähigkeit würde, in Menschensprache sich ausdrücken zu können (...), so würde dieser Fuchsbeitrag zur Literatur doch ohne Zweifel um so interessanter sein, je treuer sich die von der menschlichen abweichende Fuchs-Auffassung darin spiegelte. Könnten dagegen die Kritiker sagen: man sollte nicht glauben, dass das Werk von einem Füchslein ersonnen sei, so wäre die Kuriosität größer, das Dokument aber wertloser."

Aus: Bülow, Frieda von: Männerurtheil über Frauendichtung. In: Die Zukunft 26(1889), 26-29, 27 f.

 

Ricarda Huch (1864-1947) studierte als eine der ersten deutschen Frauen und promovierte 1891. Sie vertrat eher die Meinung, Frauen sollten sich an allgemeingültigen universalistischen Standards orientieren. Sie schreibt in einem Essay über Annette von Droste-Hülshoff:

Ricarda Huch: Annette von Droste-Hülshoff

Man pflegt Annette von Droste-Hülshoff die größte Dichterin Deutschlands zu nennen, und das ist sie und wird es einstweilen bleiben. Gegenüber den falschen Lobrednern aber, welche mit diesem Titel sie in eine angenommene Frauenliteratur hineinbannen wollen, möchte ich ihn zurückweisen. (...) Der einzige Maßstab für einen Künstler ist die Kunst, nicht Nationaliät oder Geschlecht oder Konfession oder Stand. Geschlecht kann es schon deswegen nicht sein, weil jeder Dichter androgyn ist, es gibt keinen, der nicht Männliches und Weibliches in sich vereinigte. (...) Will man es männlich nennen, wenn man sein Leben in seinem Werk aufgehen lässt, so war sie männlich.

 

Aus: Huch, Ricarda: Gesammelte Schriften. Essays, Reden, Autobiographische Aufzeichnungen. Freiburg/ Br.: Atlantis 1964, 231 f.

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Übertrage die beiden Positionen von Huch und von Bülow auf die Diskussion um allgemeine Literaturkriterien im Kontext der Regionalliteratur. Welche Konsequenzen zur Bewertung dieser Literatur würde jede Position jeweils mit sich bringen?

Johann Gottlieb Fichte: Fremde Literatur als "falsche Sehwerkzeuge"?

In seinen Reden an die deutsche Nation (1808) gegen Napoleon legte Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) die Grundlagen für den modernen deutschen Nationalismus. Der folgende Auszug aus der ersten Rede wendet sich dagegen, dass Deutsche sich ausländischem Denken öffnen - Fichte hält Annäherung der Kulturen letztlich für unmöglich, weil die Sprache und die Denkart eines Volks sinnlich verankert seien und so "Fremdes" nicht integriert werden könne.

 

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation

Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher, in ihre gegenwärtige Lage hervorzubringen gedenke, setze ich voraus Zuhörer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge dieser Art zu sehen, keineswegs aber solche, die es bequemer finden, ein fremdes und ausländisches Sehwerkzeug, das entweder absichtlich auf Täuschung berechnet ist, oder das auch natürlich, durch seinen andern Standpunkt, und durch das geringe Maß von Schärfe, niemals auf ein deutsches Auge passt, bei Betrachtung dieser Gegenstände sich unterschieben zu lassen.

 

Aus: Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation. Hamburg: Meiner 1978, 15.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Das Zitat aus Fichtes Reden an die Deutsche Nation könnte auf Literatur übertragen werden.Wie wird Literatur hier gesehen? Vergleicht mit Goethes Sicht auf die Literatur.

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Autorin: Annette Kliewer