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Das Beispiel Tomi Ungerer

Tomi Ungerer (geb. 1931 in Straßburg) ist einer der bekanntesten Repräsentanten des Elsass und der deutsch-französischen Verständigung. Er ist Autor und Illustrator von Bilderbüchern und Künstler, der durch seine Karikaturen und Plakate politisch eingreift in die Politik der Region. In Strasbourg wird sein Oeuvre (8000 Zeichnungen, 200 Bücher) und seine Spielzeugsammlung (6000 Spielsachen) in einem Dokumentationszentrum gesammelt (Centre Tomi Ungerer, 4 rue Haute-Montée, 67000 Strasbourg, Tel. 0388323154, Donnerstag 10 - 12 und 14 - 18 Uhr).

 

Literaturhinweise:

Hornbostel, Wilhelm: Tomi Ungerer - Zwischen Marianne und Germania. München 2000.

 

Thema: Das Beispiel Tomi Ungerer

Klassenstufe: 7-9

Bezug zu anderen Fächern: Bildende Kunst, Geschichte.

 

Librairie Kléber

Karikatur: Mein Elsass

Wir sind Sieger der Geschichte

Karikatur: Excorporé de force

Flix

 

Librairie Kléber

Am 28. November 2001 gab die Regionalzeitung "Dernières Nouvelles d´Alsace" eine 32-seitige Sonderbeilage zu Tomi Ungerers 70. Geburtstag heraus. Die Sponsoren der Sonderbeilage haben Ungerer gebeten, Zeichnungen für ihre Werbeanzeigen zu gestalten. Es finden sich also von ihm gestaltete Anzeigen für Brauereien, für die politischen Instanzen und für einzelne Geschäfte in dieser Ausgabe. (Auf das Bild klicken, dann wird es größer.)

Anregungen für den Unterricht

  • Deutet das Bonmot von Ungerer in der Anzeige. (Auf das Bild klicken, dann wird es größer.)
  • Habt Ihr selbst Bilderbücher von Tomi Ungerer zu Hause oder könnt Ihr Euch erinnern, dass Ihr welche von ihm gelesen habt?
  • Informiert Euch über sein Werk, sein Leben, seine Stiftung.

Ungerers Karikatur: Mein Elsass

Aus: Centre Culturel Français de Karlsruhe

Anregung für den Unterricht

  • Wie nimmt Ungerer die besondere Stellung des Elsass in dieser Karikatur auf?

Tomi Ungerer: Wir sind Sieger der Geschichte

Ich hatte gesagt. das Elsass sei immer noch wie eine Toilette in der Mitte Europas: immer besetzt. Und dergleichen mehr. Das war heftig, da kamen sogar Drohbriefe von so genannten französischen Patrioten, die mich erschießen wollten, wenn ich zurückkäme. Weil ich gesagt habe, ich wäre doch lieber ein dreckiger Deutscher mit einer Identität und würde auch so behandelt, als ein Franzose ohne Identität zu sein. Ich habe damals stark gegen diesen Pariser Zentralismus gekämpft. Die Franzosen haben uns nach dem Krieg sehr unterdrückt, haben von den sales boches, den schmutzigen Deutschen, gesprochen. Sie haben überall Plakate hingehängt, auf denen stand "Es ist schick, Französisch zu sprechen", und in den Schulen waren Deutsch und Elsässisch verboten. Schon für ein Wort wurden wir bestraft; in manchen Schulen gab es sogar eins auf die Fresse. Und was haben sie uns beigebracht'? Den Charme" von unserem Akzent.

Diese Nachkriegszeit hat noch lange nachgewirkt. Wir sind markierte Menschen, markiert von der Nazizeit und von den Franzosen. Erst haben wir siebenmal so viele Menschen im Krieg verloren wie die Franzosen, prozentual gesehen-, und dabei haben wir nicht kollaboriert: Nur 3,5 Prozent der Elsässer waren aktive Nazis. Und nicht wir, sondern die Franzosen haben die Juden nach Auschwitz geschickt, Aber gut, das ist lange her. Inzwischen sind wir eine gut verheilte Narbe auf der Karte Europas. Und dennoch sind wir nicht am Ende. Wir haben viel Kontakt mit Deutschland, aber die meisten dieser Kontakte sind geschäftlich. Ich habe mal gefordert, jeder Elsässer müsse einen Brückenkopf auf seinem Rücken tragen. So weit sind wir noch lange nicht... (...)

Der Elsässer hasst die Gewalt, auch die Gewalt von Argumenten. Wenn die mit Arroganz daherkommen, ob von einem Deutschen oder einen Franzosen, dann schließt er sich ein. Das nenne ich seinen escargotisme, sein Schneckentum. Wir ziehen uns einfach zurück. Wir sind wie Schnecken: sehr empfindlich. Aber wir haben vier Augen, zwei deutsche und zwei französische. Es gab auch keinen Riesenwiderstand gegen die Nazis. Die Elsässer haben sich einfach zurückgezogen, in kleine Subversionen. Individuelle Aktionen wie Deserteure über die Grenze bringen. Schnecken können nämlich, als einzige unter allen Tieren, über eine Rasierklinge schleichen, ohne sich zu schneiden. Zweitens, der Elsässer ist sehr pragmatisch, und was Wunder - kann sich an alle Umstände gut adaptieren. Das nenne ich seinen Chamäleonismus.

(...)

lmmer wenn wir wieder besetzt wurden, wollten die Eroberer ihre Präsenz markieren, mit Monumenten. Zwischen 1870 und 1914 bauten die Deutschen den Kaiserpalast, die Universität und dann noch das protestantische Münster, das ist das mit den zwei Türmen. Das war die Kasernenkirche der großen preußischen Garnison, jeden Sonntag marschierten die deutschen Soldaten dorthin. Und die Franzosen haben es genauso gemacht. Wir sind Opfer und zugleich immer auf der Seite der Sieger. Denn wir sind der Preis, das Gewünschte, die Trophäe. Und davon haben wir profitiert. Und: Wir sind ein Relativitäts-Staat; wenn man die Dinge relativ sieht, dann kann man vergleichen, und dann nimmt man das Beste von beiden Seiten. Das ist sogar im Essen so: französische Qualität und deutsche Portionen. (S. 30)

 

Aus: Ungerer, Tomi: Wir sind Sieger der Geschichte. Interview mit Mathias Greffrath in: Merian-Heft Elsass 53 (2000) 9, 26-32.

 

Karikatur: Excorporé de force

Die Karikatur ist eine Illustration dessen, was Ungerer über die Versuche der Elsässer gesagt hat, sich in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen, wenn es in der Geschichte brenzlig wurde. Außerdem sind Schnecken ein typisch elsässisches Gericht der Haute Cuisine.

Der Titel spielt auf die in der Wehrmacht zwangsverpflichteten Elsässer (die "malgé nous"), statt "incorporé de force" werden die Elsässer aber immer auch "excorporé de force" - "zwangsexcorporiert"/"mit Gewalt herausgerissen", sowohl aus ihrem Schneckenhaus, wie auch aus der Kultur des jeweils Anderen, der befeindeten Deutschen oder Franzosen.

 

Aus: Centre Culturel Français de Karlsruhe/Musée de Strasbourg.

Anregungen für den Unterricht

  • Erklärt die Karikatur in Bezug auf das, was Ungerer in seinem Interview über die Schneckennatur der Elsässer gesagt hat.
  • Welche weitere Bedeutung hat die Schnecke für das Elsass?
  • Erklärt den Titel: "Excorporé de force".

Flix

Tomi Ungerer zeichnet in seinem Bilderbuch "Flix" ein Bild von der deutsch-französischen Freundschaft. Flix, ein Hund, der in eine Katzenfamilie hineingeboren wurde und der schließlich eine Hündin heiratet, steht demnach für die Elsässer, die sich zwischen den Fronten befinden.

Aus: Ungerer, Tomi: Flix. Deutsch von Anna von Cramer-Klett. Zürich: Diogenes-Verlag, 1997.

Anregungen für den Unterricht

  • Besorgt Euch das Bilderbuch Flix. Spielt die Geschichte pantomimisch nach, während einer oder mehrere den Text auf oder französisch vorlesen.
  • Kopiert Euch nur den Text und fertigt selbst Illustrationen. Vergleicht sie dann mit Ungerers Bilderbuch.
  • Schreibt selbst eine ähnliche Geschichte von einem Wesen, das zwischen zwei Kulturen aufwächst.

Autorin: Annette Kliewer

 

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