Thomas Mann zu Peter Schlemihl

- Thomas Mann 1955 bei der Schillerfeier in Marbach/Neckar.
Der "Mann ohne Schatten" wäre als "Mann ohne Nation" zu deuten. Chamissos Unentschiedenheit zwischen der deutschen und der französischen Nationalität stellt aktuelle Fragen: Gibt es eine moralische Pflicht zur Nation/Identität?
Der folgende Essay Thomas Manns zu Chamisso führt diese Idee weiter, indem er die bürgerliche Identität in den Blick nimmt und man denkt schnell an seine eigene Sehnsucht nach dem Unbürgerlichen, dem genialen Außenseiter wie er sie von Tonio Kröger über den Tod in Venedig bis zum Doktor Faustus immer wieder neu thematisiert hat. Anders als Chamisso war Thomas Mann selbst aber von früher Jugend an Teil einer mittelständischen „menschlichen Zugehörigkeit” und seine finanziellen Mittel durch Frau Katja erlaubten es ihm selbst in seinen Emigrationszeiten in "bürgerlicher Solidität" zu leben. Träume von der Auflösung von Identitäten - wie sie Thomas Mann etwa in seiner geheimen Homosexualität erfahren hat - blieben demnach für das Leben "des Zauberers" reine Fiktion, die er literarisch umso fruchtbarer umsetzen konnte.
Mann leitet seinen Essay mit Ausführungen zum Leben Chamisso ein, wobei er vor allem die Mehrsprachigkeit Chamissos betont ("Es ist überliefert, dass er produzierend, bis zuletzt seine Eingebungen laut auf französisch vor sich hinsprach, bevor er daran ging, sie in Verse zu gießen, - und was zustande kam, war dennoch deutsche Meisterdichtung." (S. 58). Dem folgt eine Interpretation des Peter Schlemihl.
Thomas Mann zu Peter Schlemihl
»Songez au solide!« Das ist also die ironische Moral dieses Buches, dessen Autor nur zu genau wußte, was es heißt, der Solidität, der menschlichen Standfestigkeit, des bürgerlichen Schwergewichts zu ermangeln. »So stand ich«, sagt er in dem autobiographischen Abriß, den wir von ihm besitzen, »in den Jahren, wo der Knabe zum Manne heranreift, allein, durchaus ohne Erziehung; ich hatte nie eine Schule ernstlich besucht. Ich machte Verse ... Irr an mir selber, ohne Stand und Geschäft, gebeugt, zerknickt verbrachte ich in Berlin die düstere Zeit.« Er kannte die Qualen der jugendlich problematischen Existenz, die, ohne regelrechte Laufbahn und ohne regelrechte Zukunft, sich nicht auszuweisen vermag und mit wundem Ichgefühl überall Hohn und Verachtung spürt, besonders von Seiten der Dicken, Soliden, »die selbst einen breiten Schatten werfen«. Er besaß vielleicht noch sonderbarere Einsichten in die schwebende Unwirklichkeit und Unsolidität seines Daseins. Er war, ein Franzose von Geburt, in Deutschland heimisch geworden und konnte sich sagen, daß er, wenn der Zufall es gewollt hätte, ebensogut überall sonst hätte heimisch werden können. Ausdrücklich erklärt er irgendwo in seinen Schriften, daß er die Gabe in sich gefunden habe, »sich überall gleich zu Hause zu finden«; und eine ähnliche Bewandtnis hatte es vielleicht mit seiner außerordentlichen Begabung für alle möglichen Sprachen, von der deutschen bis zur hawaiischen, die man bei ihm festgestellt hat. Was war er, wer war er überhaupt? Ein Nichts und ein Alles? Eine unumschreibbare, überall heimische und überall unmögliche Unperson? Es mag Tage gegeben haben, wo er sich nicht gewundert haben würde, wenn er vor lauter Unbestimmtheit und Unwirklichkeit nicht einmal einen Schatten geworfen hätte.
Der Schatten ist im Peter Schlemihl zum Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit geworden. Er ist mit dem Gelde zusammen genannt, als das, was man zu verehren habe, wenn man unter den Menschen leben wolle, und dessen man sich nur entschlagen möge, wenn man ausschließlich sich und seinem besseren Selbst zu leben gewillt sei. Den Bürgern, wie man heute sagen würde, den Philistern, wie der Romantiker sagte, gilt der ironische Zuruf: »Songez au solide!« Aber Ironie heißt fast immer, aus einer Not eine Überlegenheit machen, und das ganze Büchlein, das nichts als eine tief erlebte Schilderung der Leiden eines Gezeichneten und Ausgeschlossenen ist, beweist, daß der junge Chamisso den Wert eines gesunden Schattens schmerzlich zu würdigen wußte.
Aus: Mann, Thomas: Chamisso. In: ders.: Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosphie. Bd. 1. Frankfurt/Main, Fischer-Verlag GmbH, 1960, S. 56-73, 71 f.
Anregungen für den Unterricht
- Wie deutet Thomas Mann die Zwischenposition Chamissos?
- Vergleiche Biographie und Werk Thomas Manns mit denen von Chamisso. Lassen sich Verwandtschaften und Unterschiede erkennen?






