Taxi Driver
USA 1976
Regie: Martin Scorsese.
Kamera: Michael Chapman.
Länge: 113 Min.
Darsteller: Robert DeNiro, Jodie Foster, Albert Brooks, Peter Boyle, Harvey Keitel.
Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 54688) / DVD (Nr. 46 50101) beim LMZ Baden-Württemberg.
Psychokrimi. Ein labiler Taxifahrer ist zunehmend angewidert vom Elend und Schmutz der Großstadt. Als er eine jugendliche Prostituierte aus dem Sumpf retten will, muß er dafür ein Massaker veranstalten und wird als Held gefeiert. Scorsese ("Raging Bull - Wie ein wilder Stier") schuf einen Metropolen-Alptraum voll latenter Gewalt; moralisch ambivalent, vor Spannung vibrierend. Der definitive Krimi zwischen Vietnam und Watergate, Profitgier und Gleichgültigkeit.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Taxi Driver
Travis Bickle fährt in New York Taxi. Der ehemalige Vietnam-Soldat - 26 Jahre alt, Einzelgänger - verliebt sich in Betsy, eine Mitarbeiterin des Präsidentschaftskandidaten Palantine. Nach anfänglichem Interesse wendet sie sich von ihm ab: Er hat sie mit seiner Einladung in ein Pornokino brüskiert. Durch Zufall begegnet er dem Mädchen Iris, die auf der Flucht vor ihrem Zuhälter in sein Taxi steigt. Travis macht es sich zur Aufgabe, die minderjährige Prostituierte zu 'retten'. Er besorgt sich Waffen und trainiert seinen Körper. Unbewußt richtet sich sein Haß jedoch gegen alle Männer, die zwischen ihm und der von ihm 'erwählten' Betsy stehen. Sein Attentat auf Palantine mißlingt; daraufhin fährt er zu Iris, wo er unter den Zuhältern ein Blutbad, anrichtet. Der Versuch, sich am Ende seines Amoklaufs selbst umzubringen, scheitert. Er wird von der Presse als Held gefeiert und bekommt von Iris' Eltern Dankesbriefe.
Wohl in keinem anderen Film von Scorsese, von Raging Bull (Wie ein wilder Stier, 1979) abgesehen, wird die Affinität von Sex und Gewalt so deutlich wie hier. Waffen werden mit Kosenamen, die sonst nur eine Frau von Männern bekommt, von einem Händler angeboten. Für Travis sind Frauen Engel oder Huren. Nachdem er von Betsy abgelehnt wurde, versucht er, durch ihre Abwertung seine Abfuhr zu verarbeiten. Ironischerweise ist die nächste Frau, der er sich zuwendet, tatsächlich eine Hure, aber in seinen Augen ein gefallener Engel. Taxi Driver verherrlicht nicht, wie von einigen Kritikern Scorsese unterstellt wurde, die Gewalt, sondern kritisiert die Doppelmoral der Gesellschaft, deren politische Repräsentanten wie Palantine Friedensparolen verbreiten, die sich angesichts des von Travis angerichteten Massakers aber, so wie Betsy, auf die Seite des praktizierten Faustrechts schlagen.
In einer Szene tritt der Regisseur selbst auf: Er spielt einen Fahrgast, der seine Ehefrau umbringen will, weil sie ihn betrügt. Es gibt keinen Zweifel: Der Mann wird seine Ankündigung nicht wahrmachen und legt vor dem Taxifahrer die Beichte für eine Tat ab, die er nie begehen wird. Travis ist die Möglichkeit einer solchen Erlösung durch Beichte verwehrt: Er ist vereinsamt und unfähig, sich mitzuteilen. Beim Training zieht er die Pistole und zielt auf sein Spiegelbild: "You talkin' to me?" Er glaubt daran, eine Mission zu haben: die Stadt vom Abschaum zu reinigen. Die Geschichte wird größtenteils aus der Sicht von Travis, der Tagebuch schreibt, geschildert. Nur das Blutbad, am Schluß zeigt Scorsese von oben herab, sozusagen aus göttlicher Sicht, was eine Katharsis nahelegt. Diese tritt jedoch nicht ein: Travis wird durch das Blut, das er vergessen hat, nicht 'gereinigt'. Auch wenn er am Ende in der Öffentlichkeit als Held dasteht, hat sich seine Situation und seine Haltung nicht geändert.
Der Drehbuchautor Paul Schrader hat bekannt, daß er sich von dem Fall des Wallace-Attentäters Bremer, aber auch von den Schriften Jean-Paul Sartres und den Filmen Robert Bressons inspirieren ließ. Taxi Driver sei ein Versuch, den Helden des europäischen Existentialismus in das amerikanische Milieu zu transformieren: Der zerstörerische Impuls richte sich hier nicht gegen sich selbst, sondern gegen die Umwelt. Den asketischen Stil Bressons - Le Journal d'un curé de campagne und Pickpocket (1959) haben unverkennbar Spuren hinterlassen hat Scorsese verbunden mit der vibrierenden Atmosphäre des New Yorker Straßenlebens. Mit den Worten Schraders: Aus einem "protestantischen Drehbuch" machte der Regisseur einen "sehr katholischen Film". Als dritter Beteiligter hat Robert De Niro Taxi Driver entscheidend geprägt. Mit großer Hartnäckigkeit und Kompromißlosigkeit verfolgen Autor, Regisseur und Darsteller über drei Jahre das Projekt, das schließlich mit dem minimalen Budget von 1,9 Millionen Dollar realisiert werden konnte. Der Film wurde von der Kritik - Goldene Palme in Cannes 1976 - ebenso begeistert aufgenommen wie vom Publikum, wo er rasch Kultfilm-Status erlangte.
"Taxi Driver". London, Boston 1990. (Filmtext).
Georg Alexander: "Inferno in New York", in: Die Zeit, 8.10.1976; Carmie Amate: "Scorsese on Taxi Driver and Herrmann", in: Focus on Film, 1976, H. 25 (Interview); David Boyd: "Prisoner of the Nicht", in: Film Heritage, 1976/77, H. 2; David Ehrenstein: "The Scorsese Pcture". New York 1992; Max Färberböck: "Paul Schraders Taxi Driver", in: Filmkritik, 1977, H. 1; Norbert Grob/Norbert Jochum: "Die Hölle: Das Paradies: Die Stadt", in: Filme, Berlin, 1981, H. 10; Pauline Kael: "Taxi Driver", in: dies.: For Keeps. New York u.a. 1994; Peter W. Jansen/Wolfram Schütte (Hg.): "Martin Scorsese". München 1986; Les Keyser: "Martin Scorsese". New York u.a. 1992, James Nomaco: "American Film Now". München 1985; Julian C. Rice: "Transcendental Pornography and Taxi Driver", in: Journal of Popular Film, 1976; Christopher Sharrett: "The American Apocalypse: Scorsese's Taxi Driver", in: Persitence of Vision, 1984/85, H. 1; Richard Thompson: Screenwriter Taxi Driver's Paul Schrader", in: Filmkritik, 1976, H. 10 (Interview); ders./Ian Christie (Hg.): "Scorsese on Scorses". London, Boston 1989; Colin L. Westerbeck jr.: "Beaties and the Beast", in: Sight and Sound, 1976, H. 2; Robin Wood: "The Incoherent Text: Narrative in the '70s", in: Movie, 1980/81, H. 27/28.
Stefan Krauss
Autor:
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
111 Meisterwerke des Films: Taxi Driver
Eine der kreativsten und wohl bedeutsamsten Partnerschaften des jüngeren amerikanischen Films ist die des Regisseurs Martin Scorsese und des Schauspielers Robert De Niro. Bereits mit ihrer ersten Produktion Mean Streets (Hexenkessel, 1973) setzten sie Maßstäbe und prägten das Erscheinungsbild des künstlerisch anspruchsvollen US-Kinos der siebziger und frühen achtziger Jahre. Wohl keiner hat den "loner", den einsamen (Anti-)Helden der Großstadt, dessen Kampf gegen seine Umwelt und die Dämonen der eigenen Persönlichkeit sich meist in eruptiver Gewalt entlädt, so überzeugend dargestellt wie De Niro. Und kein anderer Regisseur hat dafür wie Scorsese so präzise wie stimmige visuelle Metaphern gefunden.
"Taxi Driver" ist der zweite gemeinsame Film dieses kreativen Duos. De Niros Rolle des Travis Bickle, des Taxifahrers, wurde zum Synonym für ein entwurzeltes, orientierungsloses Amerika zur Zeit des Vietnamkrieges. Mit dem durch die nächtlichen New Yorker Straßen gleitenden gelben Taxi gelang eines der sinnfälligsten Bildsymbole für Einsamkeit und Suche nach eigener Identität.
Es ist Nacht in New York, Dampf steigt aus den Kanalschächten auf, ein Taxi schiebt sich langsam ins Bild hinein. Sein Fahrer Travis Bickle, ein Ex-Marine, kann nach seinen Vietnam-Erlebnissen nicht mehr schlafen und hat deshalb begonnen, in der Nachtschicht eines Taxi-Unternehmens zu arbeiten. Travis ist der Stadt und ihren Menschen gegenüber voll dumpfer Wut, er findet keinen Platz mehr in dieser Gesellschaft.
Als Travis dann der blonden Betsy (Cybill Shepard) begegnet, die als Wahlhelferin für einen Präsidentschaftskandidaten arbeitet, ist diese für ihn, inmitten des Schmutzes der Großstadt, eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Betsy verkörpert für ihn die Unschuld (was Scorsese durch ihre weiße Garderobe explizit verdeutlicht). Und doch weiß er nichts Besseres, als sie bei ihrem ersten Rendezvous in ein Pornokino zu führen. Entsetzt läßt der blonde Engel ihn stehen und weist auch in Zukunft seine Annäherungsversuche ab. In Travis läßt die Abfuhr eine dumpfe Wut entstehen.
Als ein Fahrgast (Scorsese) ihm eines Nachts erzählt, seine untreue Frau mit einer 44er Magnum erschießen zu wollen, brechen bei Travis die Hemmungen zur Gewaltanwendung. Er kauft sich ein ganzes Arsenal von Waffen und beginnt vor dem Spiegel in seinem schäbigen Apartment mit rituellen Exerzitien wie vor den Kämpfen im Krieg. In einem Drugstore wird er Zeuge eines Überfalls und erschießt den Täter. Später rasiert er sich den Schädel zur Irokesenfrisur und beschließt, den Präsidentschaftskandidaten umzubringen. Doch Sicherheitsbeamte verhindern das Attentat. Travis kann entkommen und fährt zu dem Zuhälter (Harvey Keitel) der zwölfjährigen Prostituierten Iris (Jodie Foster), die er zuvor kennengelernt hatte und die er nun aus ihrem Elend befreien will. Es kommt zu einem Massaker, in dessen Verlauf Travis selbst verletzt wird. Die Zeitungen machen ihn zu einem Helden, da er ein Kind aus der Unterwelt holte.
Scorsese charakterisiert während Bickles langsamer Nachtfahrten New York als einen urbanen Alptraum, unterstrichen von der elektrisierenden Musik des Hitchcock-Komponisten Herrmann. Er inszeniert eine irreale Atmosphäre durch den häufigen Einsatz von Slow Motion, roten Neonlichtern, die sich auf den nassen Straßen spiegeln, aufsteigendem Dampf, regennassen Scheiben, die die wahrzunehmenden Konturen und Gestalten verwischen. Es ist die Sicht eines Wahnsinnigen, und es ist zugleich das reale New York. Schnell wird klar, daß es sich bei den derart stilisierten Fahrten nicht um die Schilderung von Travis' Tagesablauf handelt, sondern um die langsame Einführung in seine psychische Konditionierung.
So ist der Film vor allem auch das Werk seines Hauptdarstellers Robert De Niro, der wie sein Regisseur aus New York stammt. De Niro spielt diesen modernen Helden, der in seiner Ambivalenz an die Charaktere des "film noir" erinnert, mit konzentrierter Zurückhaltung. Die Augen häufig halb geschlossen, trotzdem intensiv beobachtend, läßt er das Blutbad als unausweichliche Eruption unterdrückter Gefühle erscheinen.
Gewalt bei der Lösung alltäglicher oder psychischer Konflikte war eines der beherrschenden Themen des US-Films der siebziger Jahre. Auf den Schlachtfeldern in Vietnam verloren sich die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und hatten eine zunehmende Isolierung des Individuums innerhalb des großstädtischen Gefüges zur Folge. Einzig die Gewalt schien einen Ausweg zu bieten. Travis gewinnt seine unheimliche, moralische Autorität - und darin unterscheidet er sich vom Helden des "film noir", der sich am Ende immer zum Guten wandelt - aus der konsequenten Fortführung seiner psychischen Defekte. Das trennt ihn auch von spekulativen Rächern nach Art des Charles Bronson-Films "Ein Mann sieht rot".
Autor:
Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.
Reclams Filmführer: Martin Scorsese
Scorsese, geboren am 17. November 1942 in Flushing (USA), kam als Achtjähriger nach New York, wo die Familie in "Little Italy", dem italienischen Viertel, wohnte. Er war ein kränkliches Kind, das an vielen der üblichen Kinderspiele nicht teilnehmen konnte. So wurde er oft in die Rolle des Beobachters gedrängt und entdeckte früh die Traumwelt des Kinos. Scorsese wollte zunächst Priester werden. Doch nach einem Jahr verließ er das Seminar, um (bis 1966) in New York Film zu studieren. Mit seinen Hochschulfilmen gewann er einige Preise; bereits 1968 erschien sein erster abendfüllender Spielfilm (Whos that knocking at my door? - Wer klopft denn da an meine Tür?), den er mühsam selbst produziert hatte. Die erste "Studio-Produktion" ermöglichte ihm - wie schon Bogdanovich und Coppola der experimentierfreudige Roger Corman, für den er die umstrittene Gangster-Studie Boxcar Bertha (Die Faust der Rebellen, 1971) drehte. Nach seinem dritten Film (Mean streets - Hexenkessel, 1972) zählte man ihn bereits zu den vielversprechenden Talenten des "New Hollywood"-Films.
Scorsese hat gerade in seinen besten Filmen das präzis beobachtete Milieu seiner Kindheit aufgegriffen und darin private Erfahrungen und Erinnerungen angesiedelt. Seine Geschichten spielen oft inmitten von Armut und Gewalt; seine Helden sind verzweifelte Einzelgänger, die sich nach Hilfe und nach Erlösung sehnen. Eine vielzitierte Dialogzeile aus Mean streets lautet: "Ich weiß, daß man für seine Sünden nicht in der Kirche büßt, sondern auf der Straße!"
Who's that knocking at my door? (Wer klopft denn da an meine Tür?, 1965-68), Boxcar Bertha (Die Faust der Rebellen, 1971), Mean streets (Hexenkessel, 1972), Alice doesn't live here anymore (Alice lebt hier nicht mehr, 1974), Taxi driver (Taxi-Driver, 1975), New York, New York (New York, New York, 1976), The last waltz (The Band - The Last Waltz, 1978 - Dokumentarfilm), The raging bull (Wie ein wilder Stier, 1979), The king of comedy (The King of Comedy, 1981), After hours (Die Zeit nach Mitternacht, 1985), The color of money (Die Farbe des Geldes, 1986), The last temptation of Christ (Die letzte Versuchung Christi, 1987), New York stories (New Yorker Geschichten, 1988 - Episode), Good Fellas (Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia, 1989), Cape Fear (Kap der Angst, 1990), The age of innocence (Zeit der Unschuld, 1993).
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.








