Stuttgarter Schule

- Eine kleine, stumme Kamera konnte zusätzliche Bilder ohne großen Aufwand aufnehmen ("Die Misswahl", SDR 1966), bei denen man auf das Angeln des Tons verzichten konnte.
Als Gegenpol entwickelte sich die Dokumentarfilmabteilung des SDR in Stuttgart, die bewusst nach neuen Formen gegenüber der Kulturfilmtradition suchte. Wilhelm Bittorf, der sehr früh zum Team um Heinz Huber gehörte, hat dies sehr direkt formuliert:
"Ich glaube, unser Ausgangspunkt war unterschwellig immer, das Gegenteil mit Film zu machen von dem, was die Nazis damit gemacht hatten, die ihn äußerst geschickt dazu benutzt hatten, zu heroisieren, die Wirklichkeit zu überhöhen, um gewaltige patriotische Emotionen auszulösen. (...) Wir waren entschlossen, von Huber angefangen, den Film kritisch einzusetzen. Diese Mittel der Vergegenwärtigung, der Lebendigkeit zu benutzen um Wirklichkeit unheroisch und eher entlarvend und kritisch darzustellen." (Steinmetz/Spitra (Hg.): Dokumentarfilm als "Zeichen der Zeit", München 1992, S.27)
Bittdorf kam wie andere Redakteure vom Hamburger Magazin Spiegel und dies prägte den neuen Stil, der im SDR entwickelt wurde und sich als "Stuttgarter Schule" einen Namen machte. Dazu hat das Haus des Dokumentarfilms die Video-Edition "Zeichen der Zeit" mit 16 Filmen und einem umfangreichen Begleitbuch herausgegeben, das bei der Münchner TR-Verlagsunion erschienen ist. Es bietet reichhaltiges Material um verschiedene Aspekte des Dokumentarfilms in Unterricht und Lehre zu behandeln.

- Bild aus "Schützenfest in Bahnhofsnähe" von Dieter Ertel/Georg Friedl, (SDR 1961).
Unter der Leitung von Heinz Huber und später Dieter Ertel waren die prominentesten Autoren der schon erwähnte Wilhelm Bittorf, Peter Dreesen, Georg Friedel, Peter Nestler, Helmut Greulich, Elmar Hügler und als einzige Frau Corinne Pulver. "Zeichen der Zeit" war der symptomatische Titel der längsten Reihe der Abteilung. Darin nahm sich das Team aktueller Stoffe des wirtschaftswunderlichen Alltags der Bundesrepublik an und entlarvte die biedere Oberfläche häufig durch ironisch-bissige Kommentare und geschickte Montage. Themen waren beispielsweise Bausünden beim Wiederaufbau, Massentourismus, "Der Autokult", "Die Misswahl" oder die Kölner Narretei ebenso wie der Kongress religiös anmutender Vegetarier. Wenn sich die Regisseure der Stuttgarter Schule dem Alltag zuwandten, dann fanden sie nie das beschauliche, das Pittoreske, sondern unheimliche Alltagsszenen und -dramen, die vorher offenbar noch niemand aufgefallen waren: In "Schützenfest in Bahnhofsnähe" (1961) lallt ein besoffener Schützenvereinsvorsitzender dem Filmteam von Vaterland, Disziplin und heiliger Traditionspflege ins Mikrofon, als spräche er von der Waffen-SS.
Einer der wichtigsten und politischsten Filme der Stuttgarter Schule war sicherlich "Der Polizeistaatsbesuch" von Roman Brodmann. Darin dokumentiert er den Besuch des Schah von Persien 1967 und zeigt die Studentenproteste, die in der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg ihren traurigen Höhepunkt finden.
"Der Film entlarvt die katzbuckelnde Unterwürfigkeit der gastgebenden Republik mit ihren ausufernden Verschönerungsarbeiten als Realsatire. Die Kanonenschüsse beim Ehrensalut werden parallel montiert zu Handschlag und Knicks der Gastgeber; die Transparente der Studenten "Nieder mit dem Schah-Regime" werden kontrastiert mit Bildern von Kisten im Pressezentrum, die die Aufschrift "Nicht stürzen" tragen. (Manfred Riepe, FR 1.6.1996).

- Bild aus dem Film "Die Borussen kommen" von Wilhelm Bittdorf, (SDR 1964).
Natürlich war die Stuttgarter Schule stark beeinflusst von dem Stil des Direct Cinéma und Kameramänner wie Justus Pankau versuchten Bilder einzufangen, die für sich sprachen und nutzten dabei alle Möglichkeiten der kleinen, und beim Dreh oft stummen Kameras. Der Begriff der "entfesselten Kamera" trifft für diese Arbeitsweise hervorragend. Dies gibt den Filmen eine Direktheit, die bis heute fasziniert. Waren die Filme Anfang der 60er Jahre noch sehr orientiert auf die möglichst scharfzüngige Kommentierung, so versuchte Elmar Hügler in der Reihe "Notizen vom Nachbarn" - ein für die Ausrichtung der Dokumentarabteilung symptomatischer Titel - ab 1969 ganz auf Kommentierung aus dem off zu verzichten und ließ die Bilder und den O-Ton für sich sprechen.






