Stalker
UdSSR 1979
Regie: Andrej Tarkowskij.
Kamera: Aleksandr Knjainskij.
Länge: 160 Min. Farbe + s/w
Darsteller: Alexander Kaidanowskij, Alissa Freindlich, Nikolai Grinko, Anatolij Solonizyn.
Zeitkritischer Film.Die Geschichte eines mysteriösen Fremdenführers, der zahlende Interessenten in die magische verbotene Zone führt, in der sich alle Wünsche erfüllen, gestaltet der Russe Tarkowskij in seiner einzigartig suggestiven Filmtraumsprache.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Stalker
Aufgrund unerklärlicher kosmischer Ereignisse hat sich in einem trostlosen, neblig grauen Niemandsland eine menschenverlassene, ausgegrenzte Gegend, "die Zone", gebildet. Diese rätselhafte und gefährliche Enklave ist von Ordnungskräften abgeschirmt. Ein Schriftsteller und ein Naturwissenschaftler heuern den nahe der Grenze lebenden Stalker (to stalk - pirschen, sich heranschleichen) für eine Reise durch dieses Gebiet an. Der Stalker erwähnt die Gefahren der Expedition, berichtet auch von jenem Zimmer, in dem, wenn man es erreicht hat, der stärkste und aufrichtigste Wunsch des Menschen in Erfüllung gehe. Diesen Ort werden die drei, am Ende ihres Weges ins Vorzimmer gedrungen, nicht zu betreten wagen.
Erklärungen, wofür die "Zone" steht, lehnte Andrej Tarkovskij vehement ab. "In keinem meiner Filme wird etwas symbolisiert", schreibt er in seinem Buch "Die versiegelte Zeit". "Die `Zone´ ist einfach die `Zone´. Sie ist das Leben, durch das der Mensch hindurch muß, wobei er entweder zugrundegeht oder durchhält, Und ob er dies nun durchhält, das hängt allein von seinem Selbstwertgefühl ab, von seiner Fähigkeit, das Wesentliche vorn Nebensächlichen zu unterscheiden." Der Film beschreibt eine Reise ins Innere, eine seelische Expedition: die Vorlage bildet eine Science-Fiction-Geschichte, der Film indes hat sie in eine philosophische Parabel verwandelt. Äußere Bewegungsabläufe, Intrigen, Ereigniszusammenhänge interessierten Tarkovskij nach eigenem Bekenntnis von Film zu Film immer weniger. Er versuchte, bei Stalker, mit einem Minimum an Effekten auszukommen: "Ich strebte hier nach einer einfachen und bescheidenen Architektur der filmischen Gesamtstruktur."
Die Kamera durchfährt Räume wie nach einer Schlacht, nach einem rätselhaften Krieg, in dessen Verlauf die Vegetation, das natürliche Wachstum den Menschen zurückgedrängt zu haben scheint. Man erblickt undeutbare Relikte einer Vergangenheit, die in der sie überwuchernden Natur anmuten wie Zeugnisse aus der Urzeit einer Zivilisation. Die "Zone" ist als Natur nach dem Eingriff des Menschen beschrieben worden (Hartmut Böhme), als ein Terrain, in dem Zivilisation in Natur zurückgesunken sei. Darin suchen die drei letzten Menschen - zu interpretieren als Verkörperung der Trias von Religion, Kunst und Wissenschaft - den Weg zu jenem Projektionsraum des Glücks, dem Zimmer, an das der hoffnungslose und elende Stalker wie ein Gläubiger auf der Suche nach Erlösung gebunden ist. In Stalker betreibt Tarkovskij eine Verwischung jeglicher Unterscheidung von Außen- und Innenwelt; Kamerablicke auf Tableaus mit den drei Expeditionsteilnehmern in der Landschaft verändern sich unversehens in nahe Bilder, Detailaufnahmen, Aufsichten auf den Grund eines Flußbettes, wo verschlüsselte Botschaften, Erinnerungszeichen einer verlorenen Zeit zu liegen scheinen. Die Kameraeinstellungen vermitteln die Einheit des Ortes gleich der eines umfassenden Bühnenschauplatzes. Starke atmosphärische Wandlungen geschehen durch Umschnitte der Perspektiven, oft sogar innerhalb der Verlaufslinie einer Einstellung. Zwischen den Sequenzen gibt es keine Zeitsprünge; die Montage markiert hier nichts weiter als die Fortsetzung der Handlung. "Die Einstellung sollte also weder Zeitballast, noch die Funktion einer dramaturgischen Materialorganisation haben", beschreibt Tarkovskij seine Methode. "Alles sollte so wirken, als hätte ich den gesamten Film nur in einer einzigen Einstellung gedreht."
Hartmut Böhme: "Ruinen-Landschaft". in: Konkursbuch, 1985, H. 14; Michael Dempsey: "Lost Harmony: Tarkovsky´s The Mirror and The Stalker", in: Film Quarterly, 1981, H. 1; Danièle Dubroux: "Les limbes du temple", in: Cahiers du Cinéma, 1981, H. 330: Peter Hamm: "Auf der Pirsch nach Erlösung", in: Der Spiegel, 4.5.1981: Vladimir Matusevich: "Tarkovsky´s Apocalypse", in: Sight and Sound, 1980/81, H. 1: Hannes Schmidt: "Das zarte Geäst der Koralle", in: medium, 1981, H. 10; Neja Sorkaja: "Rückkehr in die Zukunft", in: Sowjet-Film, 1977, H.4; Andrej Tarkovskij: "Die versiegelte Zeit". Berlin, Frankfurt/M. 1985; ders.: "Martyrolog. Tagebücher 1970-1986". Berlin 1989; Maja Turowskaja: "Seelenlandschaft nach der Beichte", in: Film und Fernsehen, 1981, H. 5.
Autor: Jörg Becker.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
Reclams Filmführer: Andrej Tarkowskij
1960 beendete er sein Studium mit dem (halblangen) Abschlußfilm Katok i skripka (Die Walze und die Violine), und schon zwei Jahre später machte ihn sein erster abendfüllender Spielfilm international bekannt und berühmt. Mit Iwanowo detstwo (1962) gewann er den Großen Preis beim Festival in Venedig und mehr als ein Dutzend weitere internationale Auszeichnungen. Sein nächster Film über den legendären mittelalterlichen lkonenmaler Andrej Rubljow (1966-69) wurde im eigenen Land zunächst heftig kritisiert und konnte mehrere Jahre lang nicht aufgeführt werden.
Tarkowskis spätere Filme schaffen aus verschlüsselten Bildern eine poetische Traumwelt, in der die moralische Bewährung des Menschen zum beherrschenden Thema wird. Er sagte einmal: "Im Film gibt es zwei Arten von Regisseuren, die zwei verschiedene Arten von Filmen machen: einmal diejenigen, die die Welt in der sie leben, imitieren, und dann die, die ihre eigene Welt erschaffen - die Poeten des Films. Und ich glaube, daß nur die Poeten in die Filmgeschichte eingehen werden, Künstler wie Bresson, Dowschenko, Mizoguchi, Bergman, Buñuel, Kurosawa."
Kein Zweifel, daß auch Tarkowski zu diesen "Poeten des Films" zählt. Doch die eigene Welt, die er erschuf, brachte ihn immer wieder in Konflikte mit den Kulturfunktionären seiner Heimat. In zwei Jahrzehnten konnte Tarkowski auf diese Weise nur fünf Filme in der UdSSR realisieren. So kehrte er schließlich von einer Auslandsreise nicht zurück und ließ sich in Italien nieder. Aber er hat stets betont, daß er seine Emigration nur als "vorübergehend" ansehe.
Iwanowo detstwo (lwans Kindheit, 1962), Andrej Rubljow (Andrej Rubljow, 1966-69), Soljaris (Solaris, 1972), Serkalo (Der Spiegel, 1974), Stalker (Der Stalker, 1980), Tempo di viaggio (Die Zeit der Reise, Italien 1983 - Co-R: Tonino Guerra Dokumentarfilm), Nostalghia (Nostalghia, Italien 1983), Offret (Opfer, Schweden/Frankreich/England 1985).
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.







