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Schule und Region

Die Schule nimmt in der Formung nationaler Identitäten eine Schlüsselrolle ein. Im Elsass wurde sie demnach mit jedem Machtwechsel zum Austragungsort von obrigkeitlicher Sprachenpolitik. Während der Einfluss auf den Sprachgebrauch der Erwachsenen sehr begrenzt blieb, konnte durch den Einsatz von einsprachigen Lehrerinnen und Lehrern ein Sprachwechsel in der Schule relativ schnell durchgesetzt werden. Dies erforderte eine Pädagogik, die die Sprache der Kinder rigoros der der Herren anpasste. Nicht zuletzt deshalb finden sich so viele literarische Texte zum Thema "Schule" in der Region.

Alphonse Daudet: Die letzte Schulstunde

Der französische Autor Alphonse Daudet (1840-1897) wurde vor allem durch humoristisch-naturalistische Schilderungen des Provinzlebens (Lettres de mon moulin und der Erzählzyklus zu Tartarin) bekannt. Die elsässische Situation beschreibt er von außen, das merkt man auch an kleinen Ungenauigkeiten, die zeigen, dass Daudet sich etwa in der Geographie der Region nicht sehr gut auskannte (z.B.: der kleine Elsässer geht auf der Saar Schlittschuh laufen). Der Text ist demnach aus dem patriotischen, innerfranzösischen Interesse an der Situation im Elsass nach 1871 zuzuordnen, wie die Romane René Bazins (Les Oberlé 1901) oder Maurice Barrès´ (Au service de l´Allemagne 1905).

Im Folgenden sollen die Schülerinnen und Schüler den Schluss der Erzählung finden. Er lautet:

 

meine, ich ... ich ...« Doch irgend etwas erstickte seine Stimme. Er konnte seinen Satz nicht beenden. Dann drehte er sich zur Wandtafel um, nahm ein Stück Kreide und schrieb, indem er mit aller Kraft aufdrückte, so dick er nur konnte: »Es lebe Frankreich!« Dann blieb er stehen, lehnte den Kopf an die Wand und machte uns ohne zu sprechen mit seiner Hand ein Zeichen:

"Es ist aus ... geht nun."

 

Alphonse Daudet: Die letzte Schulstunde

 

Bericht eines kleinen Elsässers

An jenem Morgen hatte ich mich sehr verspätet, um zur Schule zu gehen, und ich hatte große Angst ausgeschimpft zu werden, um so mehr als Herr Hamel uns gesagt hatte, er wolle uns die Partizipien abfragen, und ich wußte kein einziges Wort. Einen Augenblick kam mir der Gedanke, die Stunde zu schwänzen und einfach querfeldein zu laufen.

Das Wetter war so warm, so klar!

Man hörte die Amseln am Waldesrand singen und auf der Wiese von Rippert hinter der Sägemühle die Preußen exerzieren. Das alles reizte mich viel mehr als die Regeln über die Partizipien; doch ich vermochte zu widerstehen und lief rasch zur Schule hinüber.

Als ich am Rathaus vorüberkam, sah ich vor dem kleinen Gitter mit den Anschlägen viele Leute stellen. Seit zwei Jahren sind uns von dort alle schlechten Nachrichten gekommen: die verlorenen Schlachten, die Beschlagnahmungen, die Befehle von der Kommandantur; und ohne erst anzuhalten, dachte ich bei mir: "Was ist nun schon wieder los?"

Und als ich über den Platz rannte, rief mir der Schmied Wachter zu, der dort mit seinem Lehrling gerade den Anschlag las: »Du brauchst dich nicht so zu beeilen, Kleiner: du kommst immer noch früh genug in die Schule!"

Ich glaubte, er mache sich über mich lustig und erreichte ganz außer Atem den kleinen Schulhof von Herrn Hamel.

Für gewöhnlich herrschte zu Beginn der Stunde ein großer Lärm, den man bis auf die Straße hörte, Pulte auf, Pulte zu, die Hausaufgaben, die alle zusammen ganz laut hersagten und sich dabei die Ohren zuhielten, um besser lernen zu können, und das dicke Lineal des Lehrers, der auf die Tische schlug: »Etwas mehr Ruhe, bitte!«

Ich zählte auf diesen ganzen Lärm, um unbemerkt meinen Platz zu erreichen; doch ausgerechnet an diesem Tag war alles ruhig wie an einem Sonntagmorgen. Durch das offene Fenster sah ich meine Klassenkameraden schon ordentlich auf ihren Plätzen sitzen und Herrn Hamel hin- und hergehen, das gefürchtete Lineal aus Eisen unterm Arm. Ich mußte also die Türe aufmachen und mitten in dieser großen Stille eintreten. Ihr könnt euch denken, wie rot ich wurde und was für Angst ich hatte!

Doch nein! Herr Hamel sah mich ohne Zorn an und sagte ganz gütig zu mir: »Geh schnell an deinen Platz, mein kleiner Franz; wir wollten gerade ohne dich anfangen.«

Ich sprang über die Bank und setzte mich sofort an mein Pult. Erst jetzt, nachdem ich mich von meiner Angst etwas erholt hatte, bemerkte ich, daß unser Lehrer seinen schönen grünen Gehrock, seine fein plissierte Hemdkrause und das schwarze bestickte Seidenkäppchen trug, die er sonst nur an besonderen Tagen wie Zeugnis- und Preisvertellung anzulegen pflegte. Oberdies lag über der ganzen Klasse etwas Ungewöhnliches und Feierliches. Am meisten überraschte mich indes, daß ich hinten in der Klasse auf den Bänken, die für gewöhnlich leer blieben, Leute aus dem Dorf sitzen sah, ebenso schweigsam wie wir, den alten Hauser mit seinem dreieckigen Hut, den früheren Bürgermeister, den früheren Briefträger und noch andere Persönlichkeiten. Alle diese Menschen sahen traurig aus, und Hauser hatte eine alte Fibel mit ganz zerfetzten Rändern mitgebracht, die er weit aufgeschlagen auf seinen Knien hielt; seine dicke Brille lag quer über den Seiten.

Während ich mich über das alles wunderte, war Herr Hamel auf sein Katheder gestiegen und sagte mit der gleichen sanften und ernsten Stimme, mit der er mich empfangen hatte, zu uns: »Meine Kinder, das ist das letztemal, daß ich euch eine Stunde gebe. Aus Berlin ist die Anordnung gekommen, daß in den Schulen im Elsaß und in Lothringen nur noch Deutsch unterrichtet werden soll ... Der neue Lehrer kommt morgen, Heute habt ihr eure letzte Stunde Französisch. Ich bitte euch, paßt gut auf.«

Diese wenigen Worte erschütterten mich. Oh! Diese Schufte, das also hatten sie am Rathaus angeschlagen.

Meine letzte französische Stunde! ...

Und ich, der ich mit Mühe und Not schreiben konnte! Ich würde es also niemals lernen! Es würde also Schluß damit sein! Und wie ich mich jetzt über die verlorene Zeit ärgerte, die geschwänzten Stunden, in denen ich Nester suchen oder auf der Saar schlittern ging! Meine Bücher, die ich vorhin noch so langweilig gefunden hatte, so schwer zu tragen, meine Grammatik, meine biblische Geschichte, waren für mich plötzlich gute alte Freunde, von denen ich mich nur sehr schwer trennen konnte. Und ebenso Herr Hamel. Der Gedanke, er würde von uns gehen, ich würde ihn nicht mehr sehen, ließ mich die Strafen, die Schläge mit dem Lineal vergessen.

Der arme Mann!

Zu Ehren dieser seiner letzten Unterrichtsstunde also hatte er seine guten Sonntagskleider angelegt und jetzt begriff ich auch, warum diese Alten des Dorfes erschienen waren und sich hinten in die Klasse gesetzt hatten. Das sollte doch wohl besagen, sie bedauerten, nicht häufiger in diese Stunde gekommen zu sein. Es war auch eine Art und Weise, unserem Lehrer für seine vierzigjährigen guten Dienste zu danken und dem Vaterland, das von uns ging, die Ehre zu erweisen.

So weit war ich mit meinen Überlegungen gerade, als ich meinen Namen hörte. Ich war an der Reihe, die Regeln aufzusagen. Was hätte ich nicht darum gegeben, diese berühmte Regel von den Partizipien ganz laut, deutlich und fehlerlos aufsagen zu können! Doch bei den ersten Worten schon verhaspelte ich mich, stand in meiner Bank und trat von einem Bein aufs andere; das Herz war mir schwer, und ich wagte nicht aufzublicken. Ich hörte Herrn Hamel zu mir sagen: "Ich will dich nicht schelten, mein kleiner Franz, du bist so schon gestraft genug... so geht es halt im Leben. Jeden Tag sagt man sich: "Ach was! Ich hab doch Zeit genug. ich lerne morgen. Und nun siehst du, was passiert ... Ach! Das war das große Unglück für unser liebes Elsaß, daß es seine Bildung immer wieder auf morgen verschoben Jetzt sagen uns diese Leute mit Recht: "Wie! Ihr behauptet, Franzosen zu sein, undd könnt in eurer Sprache weder lesen noch schreiben!" Doch an alledem, mein armer Franz, bist du keineswegs am schuldigsten. Wir alle müssen uns ein gut Teil Vorwürfe machen. Euren Eltern war nie viel daran gelegen, daß ihr etwas lernt. Sie schickten euch lieber auf die Felder oder in die Spinnereien zum Arbeiten, um ein paar Sous mehr zu haben. Und ich selbst, habe ich mir etwa nichts vorzuwerfen? Habe ich euch nicht oft meinen Garten gießen lassen, statt euch zum Lernen anzuhalten? Und wenn ich zum Forellenfischen gehen wollt habe ich mich dann etwa gescheut, euch frei zu geben?«

So kam Herr Hamel über dieses und jenes plaudernd schließlich auf die französische Sprache zu sprechen und meinte zu uns, sie sei die schönste Sprache der Welt, die klarste, die gediegenste; wir sollten sie unter uns pflegen und sie nie vergessen, denn ein Volk, einmal in die Sklaverei geraten, besitzt den Schlüssel zu seinem Gefängnis, solange es seine Sprache beherrscht... Dann nahm er eine Grammatik- und las uns unsere Lektion vor. Ich war erstaunt, wie gut ich das verstand Alles was er sagte, dünkte mich leicht, so leicht. Ich glaube, ich hatte auch noch nie so gut zugehört, und auch er hatte noch nie so viel Geduld auf seine Erläuterungen verwandt. Man hätte meinen können, der Mann wolle uns, ehe er von uns ging, sein ganzes Wissen schenken, es in unsere Köpfe hineintreiben, auf einen Schlag.

Nachdem die Lektion beendet war, mußten wir schreiben. für diesen Tag hatte Herr Hamel uns ganz neue Vorlagen vorbereitet, auf denen in schöner Rundschrift stand. Frankreich, Elsaß, Frankreich, Elsaß. Das sah aus wie kleine Fahnen, die, an der Leiste unserer Pulte befestigt, überall im Klassenzimmer schwebten. Und welche Mühe wir uns gaben, und welche Ruhe herrschte! Man hörte nur das Kratzen der Federn auf dem Papier. Einmal kamen Maikäfer hereingeflogen; doch niemand beachtete sie, nicht einmal die ganz Kleinen, die sich bemühten, ihre Striche zu machen, so hingebungsvoll, so gewissenhaft, als ob das auch Französisch wäre . . . Auf dem Dach der Schule gurrten die Tauben ganz leise, und während ich ihnen zuhörte, dachte ich bei mir: »Wird man die da oben vielleicht auch zwingen, nur auf Deutsch zu gurren?«

Von Zeit zu Zeit, wenn ich mal von meinem Heft aufblickte sah ich Herrn Hamel unbeweglich auf seinem Katheder sitzen und alle Gegenstände rundum unverwandt anschauen, so als wollte er in seinem Blick sein ganzes kleines Schulgebäude mitfortnehmen ... Stellt euch vor! Seit vierzig Jahren hatte er dort immer am selben Platz gestanden, ihm gegenüber lag der Schulhof, das Klassenzimmer war völlig unverändert. Nur die Bänke, die Pulte sahen durch den Gebrauch blanker, abgenutzter aus, die Nußbäume im Hof waren gewachsen, und der Hopfen, den er selbst angepflanzt hatte, rankte sich jetzt um die Fenster bis zum Dach hinauf. Welches Herzeleid mußte es diesem armen Mann bereiten, das alles zu verlassen und seine Schwester in den darüberliegenden Räumen hin- und hergehen zu hören, im Begriff, ihrer beider Koffer zu packen! Am nächsten Tag schon mußten sie das Land für immer verlassen.

Gleichwohl fand er den Mut, uns bis zum Ende zu unterrichten. Nach dem Schreiben hatten wir unsere Geschichtsstunde, darin sagten die Kleinen im Chor das Ba, Be, Bi, Bo, Bu auf. Ganz hinten in der Klasse hatte sich der alte Hauser seine Brille aufgesetzt, hielt seine Fibel mit beiden Händen fest und buchstabierte die Buchstaben mit ihnen. Man sah, daß auch er sich große Mühe gab; seine Stimme zitterte vor Ergriffenheit, und er war so seltsam anzuhören, daß wir alle am liebsten hätten lachen und weinen mögen. Ach! Diesen letzten Schultag werde ich nie vergessen . . .

Plötzlich schlug es zwölf vom Kirchturm, und das Mittagsläuten setzte ein. Im selben Augenblick erschallten unter unseren Fenstern die Trompeten der Preußen, die vorn Exerzieren zurückkamen. Herr Hamel erhob sich von seinem Katheder, ganz bleich. Noch nie war er mir so groß erschienen,

» Meine Freunde«, sagte er, (...)

 

Aus: Daudet, Alphonse: Werke, aus dem Französischen übertragen von Liselotte Ronte und Walter Widmer, München 1972, 153-157

Anregungen für den Unterricht

  • Schreibt den Schluss der Erzählung.
  • Welche Einstellung hat der Lehrer zu Deutschland, welche zu Frankreich? Zeigt das am Text.
  • Der Erzähler erzählt einem Freund aus einer anderen Klasse von seinem Schultag.

Marie Hart: Us unseri Franzosezit

Marie Hart (Biographie s.u.) beschreibt die umgekehrte Situation, als 1918 wieder das Französische zur alleinigen Schulsprache werden soll. Zunächst führt dies dazu, dass das Chaos in der Schule herrscht: Alteingesessene Lehrer haben Angst vor der Denunziation der Schüler, neue, von französischen Behörden eingesetzte Lehrer können oft kein Deutsch und machen sich so zum Spott der elsässischsprachigen Schülerinnen und Schüler.

Marie Hart: Us unseri Franzosezit

 

"Und d´r nei Direkt´r? Loßt denn der dies alles zue?"

"Der? Ei, der kann jo nit emol Ditsch, der Essel! Er kann´s nit emol nit lese! Z´letscht het er uns üs ´m e französische Lesebuch e G`schicht vorgelese, so reecht affektiert, dass m´r de schöne französchen accent vom lerne. Die G´schicht het vom Storik g´handelt, un es kommt en elsässisches Versel drinne vor:

Storik, Storik, Langebein,

Bring´ d´r Mamme e Bubbele heim!

Dies hätt er doch üwerhupfe solle, wenn er´s nit lese kann! Nee, er het´s muen lese! Genn emol aacht, wie er´s gelese het:

Storique, Storique, Langebène,

Bring dère Mamme è Bübbelé hème!

Noo het er de Dietrich dies nämlich Stück lese lon, un wie der ans Versel kommen isch, het er´s ganz genau wie d´r Direkt´r g´sait:

Storique, Storique, Langebène,

Bring dère Mamme è Bübbelé hème!

Dunderlädel noch emol! M´r hin gemeint, m´r muen verknälle vor Lache!"

"Un d´r Direkt´r? Was het denn der g´sait?"

"Joo der! Er het gar nit gewißt, was los isch! Er soll z´erscht Ditsch lerne, ehb dass er in en elsässische Schuel geht! In de Stunde verstehn m´r als vom Geschter ken Messel. Er fräujt als noch alle gelte: 'Avez-voux compris?'

Noo sait einer:

'Nee, min Liewer! Dich verstehn m´r nit!'

Un en anderer rueft:

'Halt´s Müül, dü grindiger Essel! M´r verstehn dich jo doch nit!'

M´r hin als e wahr´s Theater! So schön isch´s noch gar nie g´sin in d´r Schuele!"

 

Aus: Hart, Marie: Üs unserer Franzosezit. Stuttgart 1921, 128 f.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Versteht ihr diesen elsässischen Text? Klärt problematische Wörter.
  • Wie wird bei Daudet und bei Hart beschrieben, dass die SchülerInnen die Sprache wechseln müssen?
  • Schreibt einen Brief des Direktors an einen Freund in Frankreich, in dem er ihm von seiner neuen Stelle erzählt. Wie wird er die Situation darstellen?

André Weckmann/ Raymond Piela: Babbe

Bis heute bestimmt die Kritik an der Schulpolitik die Texte derer, die das Elsässische bewahrt sehen wollen. Der folgende Text ist von André Weckmann (Biographie s.o.), die Karikatur von Raymond Piela, einem für die "elsässische Sache" engagierten Zeichner.

André Weckmann: Babbe

Babbe

het de Jung gsait

se han mi gstroft in de Schuel

wil i nit franzeesch hab geredd.

 

Junge

het de Babbe gsait

mich han se gstroft in de Schuel

wil i nit hochditsch hab geredd.

 

Babbe

het de Jung gsait

wann kracht se e Elsâsser mol

wil er nit elsâssisch redd ?

 

Aus: Ziegler, Jean-Philippe: L´identité alsacienne à travers les dessins de Raymond Piela. o.O. 1998, 51.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Übersetzt das Gedicht ins Hochdeutsche.
  • Darf man an Eurer Schule Dialekt sprechen?
  • Findet Ihr es gut, wenn man in der Schule Dialekt spricht? Welche Vorteile, welche Nachteile hat das? Führt eine Podiumsdiskussion: Pro und Contra: Dialekt in der Schule. Dazu solltet Ihr Euch in Pro- oder Contra- Gruppen zusammensetzen und Eure Argumente aufschreiben. Eine Vertreterin/ein Vertreter Eurer Gruppe vertritt Eure Position auf dem Podium. Sollte er keine Argumente mehr haben oder will ein anderes Mitglied der Gruppe eingreifen, so darf gewechselt werden. Wählt einen Moderator/eine Moderatorin, der/die das Gespräch leitet.

Fritz Stephan: Üss dr Schüel gebabbelt

Der Straßburger Fritz Stephan (1871-1961) war ein talentierter und sehr beliebter "Schnirichle-Reimer". Als "Schnirichle" bezeichnet man die witzigen Reimereien, die man auf Familien- und Vereinsfesten vortrug. Diese Tradition scheint heute ausgestorben zu sein.

Im Unterricht ist darauf einzugehen, dass die beschriebene Situation zur Zeit der deutschen Besatzung (von 1871-1918 oder von 1940 bis 1944) gespielt haben muss. Auch in den bilingualen Schulen des Elsass wird heute Mathematik in deutscher Sprache unterrichtet.

 

Fritz Stephan: Schüelrevision

 

E Schüelinspekter kummt in d'Klass;

er unterricht als gern im Gspass

un findt, so lehrt mr noch so gär.

Die Kneckes saue Zahle her,

un er schriebt uff, grad umgekehrt

als wie er's vun de Kneckes höert.

Wenn einer finfedrissig saat,

nod schriebt er drejefufzig grad,

de Finfer vor, de Drejer nooch

un meint, jetzt gehn die Kneckes hoch

un rüefe lütt: "Dess kann nitt sinn!"

Ja do! Dess fallt ne gar nitt ien.

Sie wundre sich, was der do will

un schweje alli zamme still.

 

Wenn zweiefufzig saat e Kind,

nod schriebt er finfezwanzig gschwind.

s rüeft einer drejesechzig druff,

un er schriebt sechsedrissig uff.

Sie sehn, 's isch lätz, die kleine Litt;-

doch tröje sie's em saue nitt.

Dr allerkleinscht findt endlich d'Sprooch

un streckt de Finger weiss wie hoch.

De Herr Inspektor winkt em züe,

un drejedrissig rüeft dr Büe

un grinst un saat- "Dü dauwer Bätz!

Wenn d'kannsch,

ze schrieb dess au mol lätz!"

 

Aus: Weckmann, André: Zusammenleben. L´allemand en classe de troisème. Strasbourg: CRDP, 1991, 195 f.

Anregungen für den Unterricht

  • Welches Problem greift diese Schulsituation auf? Sie bezieht sich auf elsässische Kinder. Was denkst Du, wann ist dieses Gedicht geschrieben worden?
  • Übersetzt das Gedicht in Euren Dialekt. Was musstet ihr verändern?
  • Schreibt in Hochdeutsch oder Dialekt ein kleines Gedicht über ein lustiges Erlebnis in der Schule.

Hansi: Schulsituation

Hansi (Biographie s.u.) karikiert hier einen deutschen Lehrer, der sich vor seiner elsässischen Klasse lächerlich macht. Ein Schüler zeichnet einem anderen, der gerade abgehört wird, eine deutsche Pickelhaube auf den Rücken.

Aus: Perreau, Robert: Avec Hansi à travers l´Alsace. Le livre du Centenaire de Hansi 1873-1973. Colmar 1973, 156.

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleiche die Karikatur mit den Texten dieser Reihe.

Autorin: Annette Kliewer

 

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