Metanavigation:


Ronja Räubertochter

Ronja Rövardotter

Schweden 1984

Regie: Tage Danielsson.

Kamera: Rune Erikson.

Länge: 129 Min.

Darsteller: Hanna Zetterberg, Dan Hafström, Börje Ahlstedt, Lena Nyman, Per Oscarsson.

 

Leihmöglichkeit: DVD/Video (Nr. 46 51110) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Literaturverfilmung. Die einem Märchen entsprungene wilde Räuberliebe zwischen Ronja und Birk, den Sprößlingen zweier verfeindeter Sippen, ist eine neue Romeo-und-Julia-Romanze; witzig, romantisch, frech gespielt, mit prachtvollen Naturaufnahmen; nach Astrid Lindgren.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

 

 

111 Meisterwerke des Films: Ronja, die Räubertochter

In einer stürmischen Gewitternacht bringt Lovis ihrem Mann, dem Räuberhauptmann Mattis, eine Tochter zur Welt. Zur gleichen Zeit spaltet ein Blitz die Räuberburg in zwei Hälften. Dazwischen klafft nun ein gefährlicher Höllenschlund im Berg. Zwölf Jahre später entdeckt Ronja, die Räuberstochter, daß der zweite, vermeintlich unzugängliche Felsenburgteil von der feindlichen Sippe des Räuberkonkurrenten Borka besetzt worden ist. Zwischen den rauhbeinigen Räuberhäuptlingen und ihren ungebärdigen Banden bricht eine alte Fehde wieder auf.

 

Ronja lernt inzwischen Borkas Sohn Birk kennen, der in der gleichen Nacht wie sie selbst geboren wurde. Auf ihren abenteuerlichen Streifzügen durch die urwüchsigen Wälder, die von allerlei bedrohlichen und betulichen Fabelwesen bevölkert sind, bestehen beide gemeinsame Gefahren. Einmal rettet sie Birk in der gefährlichen Höllenschlucht das Leben, ein andermal rettet er Ronja knapp vor dem Sturz in einen Wasserfall. Die geschwisterliche Kinderfreundschaft blüht bald auf zur ersten Liebe. Doch die beiden müssen ihre aufkeimenden Gefühle verheimlichen. Weil sich ihnen die verfeindeten Räuberclans in den Weg stellen, reißen Ronja und Birk schließlich aus. In einer Bärenhöhle richten sie sich häuslich ein und ernähren sich von Lachsfang und von Stutenmilch.

 

Doch der dickschädelige Räubervater Ronjas kann den Verlust der Tochter nicht ertragen und holt die Verstoßene wieder heim in die Mattisburg. Durch ihre Hartnäckigkeit schaffen es die Sprößlinge schließlich sogar, ihre Väter zu versöhnen, die sich nun mit vereinten Kräften gegen die feindlichen Landsknechte behaupten können. Ronja und Birk sind also nicht Romeo und Julia. Die zarten Bande werden in diesem romantischen Abenteuermärchen nicht abrupt gekappt wie in Shakespeares Tragödie. Die von ihren Kindern zur Raison gebrachten Eltern erlauben in Zukunft den gemeinsamen Sommeraufenthalt des Nachwuchses in der Bärenhöhle. Eines jedoch ist gewiß: Räuber wollen die beiden nicht werden.

 

Mit diesem Film ist dem schwedischen Regisseur Tage Danielsson und der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren vor vier Jahren ein großer Wurf gelungen. Wie zu den meisten Verfilmungen ihrer Werke hat die greise Schriftstellerin auch diesmal das Drehbuch selbst geschrieben. Zwar ist die Liebesgeschichte im Film entschärft worden, ansonsten jedoch sind Geist und Sinn der literarischen Vorlage adäquat bewahrt. Der Kinderbuchfilm ist zugleich ein Bilderbuchfilm.

 

Der einfühlsame Regisseur hat das Seinige dazugetan, indem er erstklassige Schauspieler zu Höchstleistungen anspornte. Börle Ahlstedt etwa weiß dem gutmütigen Mattis reiche Facetten abzugewinnen. Die beiden Hauptdarsteller Hanna Zetterberg und Dan Håfström als Ronja und Birk sind Glücksbesetzungen. Selbst Nebenfiguren sind noch psychologisch durchgezeichnet. Der Kameramann Rune Ericson hat traumhaft schöne, archaische Landschaften des hohen Nordens in leuchtenden Farben fotografiert. Die Tricktechniker und Kostümbildner haben Grau-Gnomen und Wild-Druden zum Leben erweckt.

 

"Ich möchte gerne, daß meine Filme Kinderfilme und Filme für Erwachsene sind." Dieser Wunsch hat sich erfüllt. Genau genommen ist "Ronja Räuberstochter" ein Familienfilm par excellence. Obwohl sich bei dem Robin-Hood-ähnlichen Thema Gewaltszenen angeboten hätten, verzichtet der Film auf unnötige Brutalitäten. Für seine "besondere Phantasie" erhielt die aufwendige schwedisch-norwegische Koproduktion bei der Berlinale 1985 einen Silbernen Bären.

 

Kritik fällt bei diesem Meisterwerk nicht leicht. Immerhin ist der gut zweistündigen Kino- beziehungsweise Videofassung bei manchen harten Schnitten und abrupten Szenenwechseln anzumerken, daß ihr eine längere Fernsehfassung, die das mitproduzierende ZDF zum ”Astrid-Lindgren-Jahr” (1987) ausstrahlte, zugrunde lag. Die niedlichenWichtel sind in überflüssiger Anlehnung an amerikanischen Fantasy-Kitsch allzu süßlich geraten. Auch die computeranimierten Wild-Druden, die wie Hitchcocks ”Vögel” auf die Kinderköpfe niederstoßen, fallen aus der perfekt inszenierten Naturidylle heraus.

 

Zwischen all den herrlichen Bildern erscheint nur gelegentlich verstohlen der pädagogische Zeigefinger: ”Ronja Räubertochter” will gewiß nicht plump moralisieren, hat aber doch moralische Anliegen. So wirbt der Film dafür, Kinder als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen. ”Besonders wertvoll” - nicht nur durch das Filmbewertungsprädikat macht den Film die souveräne Art und Weise, wie hier gezeigt wird, daß kindliche Ängste spielerisch bewältigt werden können, indem man sich ihnen mutig, aber umsichtig aussetzt, und daß Erwachsenwerden ein schmerzlicher Abnabelungsprozeß ist, bei dem man lernen muß, Vertrauen zu sich und anderen zu fassen. Dabei wird allerdings der von Machtstreben beherrschten Welt der Erwachsenen das kindliche Reich der Liebe und Hilfsbereitschaft gegenübergestellt.

 

Bei ihrem Plädoyer gegen Gewalt überzeugen die Kinder am Ende ihre Väter, sie nehmen ihre Zukunft in die eigene Hand. Hier schimmert die Überzeugung der Lindgren durch, daß die Erwachsenen, wenn sie sich überhaupt ändern wollen, von den Kindern lernen können, ja müssen. In einer solch friedlichen Utopie zählt dann selbst ein faustgroßer Silberklumpen nichts mehr - Ronja wirft ihn am Schluß einfach in den Fluß.

 

Insgesamt hält der Film bewundernswerte Balance zwischen humanistischer Wertevermittlung und schwelgerischer Räuberballade, zwischen geschickter Räuberwaldpädagogik und beschwingtem Kinoabenteuer. ”Ronja Räubertochter” ist ein Glückstreffer für's Kinderkino. Der Regisseur Tage Danielsson starb am 13. Oktober 1985 im Alter von 57 Jahren. Weitere heiter-skurrile Filme, wie sie typisch für ihn waren, wird es nun leider nicht mehr geben.

 

Autor: Meinolf Zurhorst.

Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.