Muttersprachen
Das "(Wieder)gewinnen der Sprache"/ "la conquête de la parole" wie es Claude Vigée nennt, ist eines der der Hauptthemen der elsässischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Dabei musste man sich einerseits gegen alle Versuche wehren, die französische oder die deutsche Sprache auferlegt zu bekommen. Zum anderen galt es, eine dritte, "ursprüngliche" Sprache wieder zu finden. Bei vielen Autoren war dies die Muttersprache, der Dialekt, und der Zugang zu dieser Sprache erlaubte auch den Zugang zu verdrängten Erfahrungen der Kindheit. Der Gebrauch des Dialekts ist aber mit Kämpfen verbunden, gerade durch den Eindruck der offiziellen Sprachen ist die Bewahrung des Dialekts ständigen Bedrohungen ausgesetzt.
Thema: Muttersprachen/Dialekt
Klassenstufe: 11-13
Bezug zu anderen Fächern: Französisch, Geschichte
"Elsässer sprecht Eure deutsche Muttersprache"
Frank Peter Woerner: Chinesisch sprechen
André Weckmann: Auf zwei Stühlen
Conrad Winter: d'Sproche wachse
"Elsässer sprecht Eure deutsche Muttersprache"
Roger Siffer druckt in seinem Buch ein altes Schild aus der Zeit des Nationalsozialismus ab. (Aus: Siffer, Roger: Morceaux choisis. Strasbourg: La nuée bleue 1998, 38.)
Anregungen für den Unterricht
- Aus welcher Zeit stammt dieses Schild? Welche Auswirkungen hatte diese Sprachpolitik für das Elsass? Recherchiert.
André Weckmann: Speak white
André Weckmann (geboren 1924 in Steinburg bei Saverne) wurde als 19-Jähriger 1943 eingezogen in die Wehrmacht, eine Tatsache, die entscheidend für sein Leben war. Bis 1989 war er Deutschlehrer an einem Lycée, danach freier Schriftsteller, Schulbuchautor und Kulturpolitiker.
Sein erster Roman über das selbst erlebte Schicksal elsässischer Zwangsarbeiter (Les nuits de Fastov 1968) machte Weckmann schnell berühmt.
Weckmann spielt in dem folgenden Gedicht mit dem Bild des Kolonialismus, wobei als Gegner nur die französische Nation, nicht die deutsche gesehen wird: "Weiß sprechen" ist synonym gebraucht mit "französisch sprechen", dem Annähern an die Norm des Zentrums: Wer sich in einem Prozess der "Mimikry" an die französische Norm anpasse, verliere seine „primitive” Identität als "Neger" und seine Sprache dient nur noch dazu, im Museum ausgestellt zu werden. Sprache ist dabei Grundlage der Identität, Weckmann stellt ironisch elsässische Kompensationsbemühungen derer dar, die hoffen, über eine Anpassung in der Sprache ("redd wiss") auch eine Anpassung in der Identität ("dass wiss wursch") zu erlangen.
André Weckmann: SPEAK WHITE
redd wiss
nêger
wiss ésch scheen
wiss ésch nôwel
wiss ésch gschît
wiss ésch franzeesch
frànzeesch ésch wiss
wiss un chic
elsasser
elsassisch degaje
net
zall ésch brimidîv
vûlgêr
pfùi!
drum redd wiss
nêger
îllnêger brischnêger-môdernêger
drum redd wiss
wiss wi z bariss,
un dunk dini nêgersprôch
en formôl
un schank se em müséum
drum redd wiss
nêger dàss d wiss wursch
andli
wiss un gschît
wiss un chic
wiss wi z bàriss
Aus: Huck, Dominique: André Weckmann. Écrivain de son temps, (Cahier No 13 Langue et Culture Régionales). Strasbourg: CRDP 1989, 27
Anregungen für den Unterricht
- Wieso entscheidet sich Weckmann dazu, in seinem Dialekt zu schreiben und nicht in Deutsch oder Französisch?
- Ist das Elsass eine "Kolonie in Frankreich", wie es dieser Text nahe legt? Schreibe eine Erörterung.
Frank Peter Woerner: Chinesisch sprechen
Der Wachenheimer Schriftsteller und Chemiker Frank Peter Woerner (geb. 1938) ist Schriftsteller und Chemiker und lebt in Wachenheim. In seinen Publikationen spielt die Auseinandersetzung mit dem Fremden - zum Beispiel auf Reisen - immer wieder eine Rolle. Woerner beschreibt in dem folgenden Text eine Situation, die die Problematik der mehrsprachigen Gesellschaften am Beispiel von Belgien aufzeigt. Die dargestellten Kommunikationsprobleme könnten in ähnlicher Form auch im Elsass auftreten: Wenn Deutsche Elsässer auf Französisch ansprechen, so macht man sich oft über die mühsam zusammengesuchten Worte lustig und antwortet auf Deutsch. Sprechen Deutsche Elsässer aber gleich auf Deutsch an, so wird ihnen vorgeworfen, dass sie ihre Sprache selbstverständlich voraussetzen und antwortet ihnen auf Französisch.
Frank Peter Woerner
CHINESISCH SPRECHEN
In Flandern habe ich einen Wallonen
den ich für einen Flamen gehalten hatte
auf Flämisch angesprochen
ich verstehe kein Chinesisch
hat er mir barsch in seiner Muttersprache geantwortet
In Wallonien habe ich einen Flamen
den ich für einen Wallonen gehalten hatte
auf Französisch angesprochen
ich verstehe kein Chinesisch
hat er mir barsch in seiner Muttersprache geantwortet
Welche Überraschung
festgestellt zu haben
des Chinesischen mächtig zu sein
Aus: Woerner, Frank Peter: Unterwegs sein. Landau: Literarischer Verein der Pfalz 1980, 26.
Anregungen für den Unterricht
- Habt ihr das, was Woerner hier für Belgien beschreibt, auch schon in unserer Region erlebt?
- Gibt es Bezüge zwischen dem "Chinesisch" bei Woerner und dem bei Weckmann in seinem Gedicht "Chinesisch"?
Adrien Finck: Fremdsprache
Adrien Finck (geb. 1930) ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der elsässischen Literatur. Er war von 1973 bis 1993 Professor für deutsche und elsässische Literatur an der Université Marc Bloch in Straßburg und gibt heute noch die "Revue Alsacienne de littérature" heraus. Finck schreibt hauptsächlich Lyrik,aber auch Prosa. Hier erzählt er die persönliche Geschichte seiner Beziehung zur deutschen Sprache. Die nationalsozialistische Sprachenpolitik, die Erfahrung der Befreiung durch Sprecher fremder Sprachen, machten ihm das Deutsche zur Fremdsprache, obwohl sie seine Kindersprache war. Er findet erst wieder einen Bezug zum Deutschen über die deutsche Literatur.
Witebsk und Tambov sind Orte in Russland, wo 130 000 elsässische und lothringische Zwangsverpflichtete der deutschen Wehrmacht (die „Malgré-nous”) in Gefangenenlagern festgehalten wurden
Adrien Finck: FREMDSPRACHE
Deutsch
sprache für dich des ersten gebets
des vergessenen
vater unser der du bist
lippen nachgelallt im abendbettchen
noch unverstandenen
und es faltete mutter die hände
fremd nicht
so klangen auch vaters worte
wenn er sprach vom großen krieg
vom schützengraben feuchten
(wir sahen die steifen finger)
wo sie angst hatten die helden und
beteten auch
vater unser der du bist
fast sprachst du auch so
und fandst mit dem zeigefinger
die ersten zeichen der schrift
der weihrauchduftenden
ähnlich klang unser tägliches wort
als sie kamen damals die knechte
mit dern bösen kreuz
sprechen wie der schnabel gewachsen
sagten sie und haben
die kindheit dir genommen
sprache für dich hart
der hitlerjugend
hinliegen aufstehn hinliegen aufstehn
marsch marsch
das beret vom franzosenkopf
weggeschlagen
hast geschworen damals:
kein wort mehr deutsch
sprache für dich auch
des herzbüchleins fast zerrissenen
des wanderers des lindenbaums
des rauschenden
du fändest ruhe dort
und es steht vielleicht
droben noch die kapelle
sprache für dich grau
der gestapo
aufmachen polizei haussuchung
vater verhaftet bruder genommen
nach osten marsch marsch
bleich der mutter gedrückt aufs gesicht
angst und tod
hast geschworen damals:
kein wort mehr deutsch
sie drang auch durch verschlossene türen
hoffnungszunge als wir den schweizer hörten
und engeland war nicht abgebrannt
ici la france libre
es kamen die befreier
in anderen sprachen
doch kalt steht der kachelofen dort und stumm
das haus ist leer der traum ist schwer
es war die kraft des alten
bauerngeschlechts gebrochen
unbegraben der sohn
bei witebsk bei tambov oder
wer weiß wo
sprache
nicht mehr gesprochene
fremdsprache
bildungssprache
was weckst du mich spät
noch in der nacht
das haus ist schwer der traum ist leer
oder waren die frühen verse doch als furchen gegraben
fast ist fremd mir die aufgehende
die frucht
nur brennesseln der kindheit
wirst du zu garben binden
nicht sichelte feiern
im fremden haus
Aus: Finck, Adrien/Weckmann, André/ Winter, Conrad: In dieser Sprache. Neue deutschsprachige Dichtung aus dem Elsass. Hildesheim/New York: Olms 1981 (= Nachrichten aus dem Elsass Bd. 4 = Auslandsdeutsche Literatur der Gegenwart Bd. 13), 9-11
Anregungen für den Unterricht
- Welche Anspielungen auf die Geschichte finden sich?
- Im Text sind viele Parallelen zu dem Text Auf zwei Stühlen von André Weckmann zu finden (Sek II: 4.3.1.1.) Wie verarbeiten beide Autoren ihre ähnlichen biographischen Erfahrung auf stilistisch unterschiedliche Weise.
- Vergleiche diesen Text mit dem folgenden von Conrad Winter.
André Weckmann: Auf zwei Stühlen
André Weckmann spricht auch von der dialektalen Mehrsprachigkeit, dem Vermischen von Dialektvarianten. Diese hat immer wieder dazu geführt, dass Dialekte nur schwer aufgeschrieben werden konnten, weil keine einheitliche phonologische oder grammatikalische Norm gefunden werden konnte. Unter der Leitung von Prof. Hudlett von der Université Mulhouse wird zur Zeit der Versuch gemacht, eine elsässische Normsprache festzulegen, die auch verschriftlicht werden kann.
André Weckmann: Auf zwei Stühlen
Nun zu meinen Schriftsprachen. Meine Hochsprachen als Lese- und Schreiberfahrung. Zuerst war Französisch da. Zuerst war Mademoiselle Paulette da, die so penetrant nach Nelken roch und dem Siebenjährigen das Tor zur Welt öffnete, Meine Kindheitsliebe war ein nach Nelken riechendes Schulfranzösisch, eine patriotisch durchwirkte, mit heimischen Suppennägelein gewürzte Exotik. Dann schlich sich des Schuldirektors Steinmetz biederes Schuldeutsch ein, dem die Fastenpredigten des Herrn Pfarrers - die wir Erstkommunikanten nachschreiben mußten - eine religiöse Weihe gaben.
Beide Sprachen liebte ich innig, und so entstand, sehr früh schon, meine Neigung zur sprachlichen Bigamie, die ich dann später institutionalisierte und der ich den Aufbau meiner heutigen Persönlichkeit verdanke.
Doch kommen wir zur Jugendzeit zurück: Hitler marschiert ein, und ein sonderbares Deutsch beherrscht nun meine Szene, bekämpft mein elsässisches Deutsch, verfolgt mein Französisch. An diesem braunen Deutsch kleben Geifer, Blut und Haß. Ich verabscheue es. Und verdamme es nach dem Krieg in die finstere Gehenna, studiere aber trotzdem Germanistik: es war wohl für einen kriegs- und studiengeschädigten elsässischen Studenten das Nächstliegende.
In meinem schriftlichen Ausdruck (die Lyrik ausgenommen, da bediene ich mich des Dialekts) schwimmt nun das Französische oben, das ich jetzt erst richtig erlerne: kein Schulfranzösisch mehr, sondern lebendiges Französisch, in das ich meine elsässischen Bilder hineinwirke. Ich suhle mich förmlich darin.
Dann aber, behutsam und wie auf Zehenspitzen, kehrte das Deutsche in meine Gefühlswelt zurück. Es war ein ganz anderes Deutsch als mein Steinmetz-Deutsch, das Adolf- Deutsch und mein Uni-Deutsch.
So ganz und gar ungermanisch, weder blond noch blauäugig, wo kam es her? Über den Rhein geschwirrt? Oder in mir selbst gewachsen? Und wie halte ich´s mit ihr? Ist es Liebe, ist es Verliebtheit? Und die andere, die national-offiziell angetraute, liebe ich sie noch? Die beiden starren sich an, Werden sie einander in die Haare geraten? Vertragt euch, Mädchen. Und versteht mich, ich kann nicht zu gleicher Zeit hinter beiden her sein. Nein, wir stellen keinen Stundenplan auf, wir überlassen das der Laune, der Phantasie. Auf jeden Fall werde ich alles tun, um eine jede von euch voll zu befriedigen. Ob mich das nicht einmal überfordern wird?
Wie spreche ich nun mit mir selbst, in meinem engsten Familienkreis. Da funktioniert mein Idiolekt, meine Familienkoine aus Vaters Alemannisch und aus Mutters Fränkisch zusammengebastelt. Das ist mein ureigenster Ausdruck, der Kode unserer Zusammengehörigkeit, der Liebe. Den haben auch Andree und die Kinder übernommen, mit einigen umweltbedingten Veränderungen allerdings. Andree, eine Lothringerin französischer Muttersprache, hat in freier Entscheidung den Dialekt erlernt, und dies war natürlich das lothringisch gefärbte Alemannisch ihres Partners. Und wir verkehren in beiden Sprachen miteinander. Nach welchen bilingualistischen Gesetzen? Ist doch wurscht. Und welches ist nun die Sprache unserer Liebe? Das bleibt unser Geheimnis.
Ich hätte dann noch von meinem zweiten Idiolekt zu sprechen. Das ist das Steinburger Alemannisch, aus dem ich das allzu breite herausgefeilt habe. Und manchmal kleide ich mich ganz städtisch, das wäre dann ein abgewandeltes Straßburgisch. Was spreche ich nun mit wem und wann? Für den Dienstag habe ich zum Beispiel vier verschiedene Aussprachen bereitliegen: Zischdi, Zischdà, Dienschdaa, Dienschdàà. Nach welcher werde ich nun greifen? Bin ich ein Chamäleon, das sich seiner Umwelt anpaßt? Oder habe ich ganz einfach Freude an der dialektophonen Mehrsprachigkeit? Puristen mögen von sprachlicher Inkohärenz sprechen, wenn ich die Dialekte so durcheinandenwirble. Ich ziehe die Phantasie der Ordnung vor.
Aber wie sage ich auf elsässisch «ich liebe dich»? Wie alle Elsässer: «je t´aime». Und ich frage mich. warum ich nie den exotisch schönen Ausdruck aus meinem fränkisch-alemannischen Idiolekt benutze: IGSIDIGAR.
Aus: Huck, Dominique: André Weckmann. Écrivain de son temps, (Cahier No 13 Langue et Culture Régionales). Strasbourg: CRDP 1989, 125-126.
Anregungen für den Unterricht
- Welche Einstellung hat Weckmann zu seinen drei Sprachen?
- Weckman spricht von der "dialektophonen Mehrsprachigkeit". Welche Probleme ergeben sich für den Erhalt eines Dialekts, wenn es vier Begriffe für "Dienstag" gibt? Welche Lösungen gibt es?
- Untersucht euren eigenen Dialekt. Gibt es auch hier verschiedene Begriffe für das Selbe oder verschiedene Aussprachen desselben Wortes? Untersucht dazu auch einen Dialektatlas.
Conrad Winter: d´Sproche wachse
Conrad Winter (geb. 1931), Lehrer und Schriftsteller aus Hagenau und von 1984 bis 1992 "Chargé de mission auprès du Rectorat de l´Académie de Strasbourg pour l´option Langue et Culture Régionale", stellt in seinem Gedicht das Entstehen der Sprachen in Bezug zu dem Wachsen in der Natur. Er plädiert damit dafür, diesen natürlichen Wachstumsprozess nicht durch Steuerung von oben zu stören. Für deutsche Leserinnen und Leser ist der starke Bezug zwischen der Heimatsprache und der Natur aus der Blut- und Boden-Idee heraus eher befremdlich.
Conrad Winter: d´Sproche wachse
d´Sproche wachse
üss gspaltene Baum
üss´m Fihr un
üss de Aesch
wie ´s saelwe Bluet
getrunke
d´Sproch isch a Kind
wie gedeiht
odder schrumpft
d´Sproch isch Soot
d´Gedanke sin Furiche
un d´Zitt gibt
de schwaere Bodde.
d´Sproch wachst
mit ihre Kinder
dort uf zaelle Stuecker
wo unsri Seele
ihri Wohrheit
ernte.
Aus: Weckmann, André: Vivre dans nos langues - In unseren Sprachen leben, (Cahier No 5 Langue et Culture Régionales). Strasbourg CNDP 1985, 11
Anregungen für den Unterricht
- Welche Bedeutung hat in Winters Gedicht die Verbindung von Sprache und "Erde"?
- Vergleiche Winters Ausführungen zur Sprache mit anderen aus dieser Textsammlung (z.B. Weckmann, Pazarkaya,...)
- Führt eine Meinungsumfrage zum Thema: "Soll/Darf man in der Schule Dialekt sprechen?" durch. Wen wollt ihr befragen? Wie differenziert wollt ihr die Ergebnisse aufnehmen (Frau/Mann, Altersstufen, Schulabschluss, Dialektsprecher,...)? Wie viele Fragen wollt ihr stellen?
Robert Schultz: Helle Angscht
Robert Schultz erhielt für das folgende Gedicht den ersten Preis des Mundartwettbewerbs Dannstadter Höhe von 2002 (Kategorie Lyrik). Er spricht hier seine bedrängenden Kindheitserinnerungen im südpfälzischen katholischen Herxheim an. Der Dialekt vermittelt Authentizität, da er Sprache der Kindheit ist und hilft verdrängte Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Die Kurzzeilen geben den Eindruck, dass einzelne Gedanken heraus gestoßen wurden, auch der Satzbau verweist mit seinen Appositionen darauf, dass hier jemand nach und nach zu den dunklen Seiten seines Erwachsenenlebens vorstößt.
Robert Schultz: Helle Angscht
Schun widder der Ton heit Nacht,
ganz dief in mer drenn,
der lätze Ton.
Un sou laut heit Nacht.
Widder nix mit Schloofe.
Un ich benn sou märb,
benns sou lääd,
kää Kraft mee zum drunnehalde.
Un lauder und lauder der Ton -
Un dann unnedrunner
E leises Wimmere
E Kinderheile aus diefschder Seel:
jo nit s´Licht ausmache,
jo nit allää losse im Dunkle
un im Schloof,
wu ma doch dere annere Welt
do driwwe sou noh kummt.”
Un: „Jo, schdell dich doch nit sou aa,
en erwachsener Mann.”
Awwer sie hänn der sou veel verzejlt
Domols
Vun misse und solle
Un uffbasse
Vor dem uuseeliche Deihinker
Wu dich nunnerziecht
Ins eewiche Feier.
Un sou wännich
Vun derfe und vertraue kinne
Un uffgfange werre.
Anregungen für den Unterricht
- Dialekttexte sind der Gefahr ausgesetzt, dass sie als humorvolle Unterhaltung verstanden werden. Gelingt es Schultz dies bei seinem Gedicht zu vermeiden?
- Versucht dieses Gedicht ins Hochdeutsche zu übertragen. Vergleicht beide Fassungen.
- Was haltet ihr von folgendem Satz des Elsässer Germanisten Adrien Finck? "Wenn dein Gedicht nicht gehen kann von deiner Sprache in die andere, dann ist es gefallen in die Falle deiner Sprache." (Finck)
Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken
Albert Schweitzer (1875-1965) ist einer der bekanntesten Elsässer. Er war evangelischer Theologe, Philosoph, Organist und Arzt in Lambarene (Gabun). Er studierte in Straßburg, Berlin und Paris und war zunächst Pfarrer der renommierten Kirche St. Nicolas in Straßburg und dann Leiter des dortigen theologischen Seminars, wo er durch Veröffentlichungen zur Leben-Jesu-Forschung international berühmt wurde. Er wurde Missionsarzt und schrieb während seiner Internierung als deutscher Staatsangehöriger 1917 bis 1918 in Frankreich seine zivilisationskritische Kulturphilosophie, wo er die „Ehrfurcht vor dem Leben” als Grundprinzip propagierte. 1952 erhielt Schweitzer den Friedensnobelpreis. Im Folgenden wird aus seiner Autobiographie Aus meinem Leben und Denken (1931) zitiert.
Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken (1931)
Wohl spreche ich von Kindheit auf Französisch gleicherweise wie Deutsch. Französisch aber empfinde ich nicht als Muttersprache, obwohl ich mich von jeher für meine an meine Eltern gerichteten Briefe ausschließlich des Französischen bediente, weil dies so der Brauch in der Familie war. Deutsch ist mir Muttersprache, weil der elsässische Dialekt, in dem ich sprachlich wurzle, deutsch ist. (...)
Nach meiner Erfahrung scheint es mir eine Selbsttäuschung, wenn jemand zwei Sprachen als Muttersprache zu besitzen glaubt. Mag er sie beide in gleicher Weise zu beherrschen vermeinen, so ist es doch immer so, dass er eigentlich nur in einer denkt und nur in dieser wirklich frei und schöpferisch verfährt. Wenn mir jemand behauptet, dass ihm zwei Sprachen absolut in derselben Weise vertraut seien, komme ich ihm alsbald mit der Frage, in welcher Sprache er zähle und rechne, in welcher er mir das Küchengeschirr und das Handwerkszeug des Schreiners und des Schmiedes am besten hersagen könne und in welcher er träume. Ich habe noch keinen gefunden, der bei dieser Probe nicht das Überwiegen der einen Sprache zugeben musste.
Aus: Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken, Leipzig: Felix Meiner 1931, 51 f.
Anregungen für den Unterricht
- Informiert euch über das Leben Albert Schweitzers und haltet ein Kurzreferat über ihn, wobei ihr wichtige Daten auf Karteikärtchen notieren könnt.
- Sucht in eurem Umfeld nach Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind und führt ein Interview mit ihnen. Dabei könnt ihr ihnen die Äußerungen von Schweitzer als Ausgangspunkt vorlegen. Würden sie ihm zustimmen? Wie haben sie ihre Mehrsprachigkeit erlebt? Was hat sich verändert? Würden Sie ihre Kinder auch mehrsprachig erziehen, wenn sich die Gelegenheit böte?
Anonym: Zu Großvaters Zeit
Die These vom baldigen Ende der Dialekte prägt die Mundartforschung bis in die Gegenwart. Bei Untersuchungen wurden oft die ältesten Männer und Frauen als Gewährsleute herangezogen, weil man "von der Erwartung ausging, daß die Mundart mit den alten Leuten zu Grabe getragen werde". Eine retrospektive Haltung gegenüber der Dialektsprache übernimmt Kategorien der "Sprachreinheit" und eine Kulturzerfallstheorie für die Alltagssprache, obwohl diese immer weiterlebt. Der folgende Text folgt dieser These, er stammt aus der Zeit der deutschen Besetzung im Elsass 1943.
Anonym: Zu Grossvaters Zeit. Spaziergang über den Sprachfriedhof
Die Sprache ist kein totes Wesen. Neue Wörter und Ausdrücke werden, alte vergehen. Die Jugend versteht manches Wort nicht mehr, das zu Grossvaters Zeit noch gang und gäbe war. Leben noch alte Leute, die folgende Ausdrücke kennen oder gar noch anwenden??
Ammedissle? So nannte die Grossmutter ihre Handschuhe ohne Finger.
»Ich will di scho banniche! « d. h. bändigen, drohte der Vater dem ungehorsamen Sohne.
B a r n i d e r, verunstaltet aus Bärenhäuter, bezeichnete einen Faulenzer.
Wer die „Betsch” herauswarf, die erste und dazu grösste Nuss einer Reihe, gewann sämtliche Nüsse. Die heutige Mülhauser Jugend kennt dieses Spiel nicht mehr. Betsch war zugleich »Kosename« für eine grosse Nase.
Verschwunden ist auch der „B o f f z g e”, ein kleiner Klapptisch vor einem Geschäftsladen, der nachts heraufgeklappt wurde.
Kleinen Kindern legte man einen „B o l l i” um die Stirne, eine wulstige Kopfbinde, damit sie sich beim Fallen nicht verletzten.
Wer sagt hier noch „Brimeleferi” für´ Schlüsselblume, entstanden aus primula veris?(...)
„K l e p f e r” nannten, die Schulbuben sehr ausdrucksvoll den Stock oder den Riemen, mit dem sie ihre „L a u s e s t r e i c h e « büssen mussten. Unsere Buben spielen nicht mehr mit dem »Mieschlerohr«, einem Hollunderrohr, durch welches Erbsen geblasen werden. Heute haben sie dafür »S p i c k e r«.
»Nellelestage« gibt es noch, trotzdem der Ausdruck wohl verschwunden ist, d. h. Nullentage, da nichts gelingt, oder Unglückstage. (...)
Die Abgeschlossenheit war der Erhaltung alten Sprachgutes vorteilhaft. Die heutige Verschiebung der Bevölkerung, Suche nach Arbeit, Reisemöglichkeiten, Lesen von Büchern, andere Lebenshaltung, Verschwinden von Gebräuchen und Gebrauchsgegenständen, neue Moden und Erfindungen, dies alles ist wortbildend, spielt zugleich aber für gar manchen Ausdruck den Totengräber.”
Aus: Oberrheinischer Heimatkalender für Baden und das Elsaß. Straßburg 1943, 100.
Anregungen für den Unterricht
- Welche alten elsässischen Begriffe könnt ihr noch verstehen. Wie kann man ihre Bedeutung herleiten? Benutze dazu ein etymologisches Wörterbuch.
- Mache dich auf die Jagd nach verlorenen Wörtern deiner Sprache/deines Dialekts, die ältere SprecherInnen noch benutzen, du aber nicht.
Werner Wintersteiner: Konstellationen literarischer Mehrsprachigkeit
Das folgende Schaubild lässt sich auch bei der Arbeit mit verschiedenen Sequenzen einsetzen. Es bietet sich entweder zu Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Thema Mehrsprachigkeit oder als Abschluss an. Für die unten angeführte Unterrichtsanregung wäre ein Zeitrahmen von mehreren Wochen anzusetzen. In arbeitsteiliger Gruppenarbeit bereiten sich die Schülerinnen und Schüler auf die Präsentation von jeweils einem Werk und seiner Autorin/seines Autors vor. Literarische Mehrsprachigkeit kann sich unterschiedlich begründen. Werner Wintersteiner stellt folgendes Schaubild auf:
| Postkoloniale Literatur | Lange Dominanz der Kolonialsprachen Unterdrückung der einheimischen Sprachen Orale Traditionen der einheimischen Sprachen Mehrsprachigkeit als Normalfall |
in der Kolonialsprache (z.B. Négritude) in Kreolsprachen ansatzweise in einheimischen Sprachen |
| Literatur ethnischer Minderheiten in Europa | „Störfaktor” in einem sich monolingual verstehenden Nationalstaat ev. Kampf um nationale Autonomie/ Unabhängigkeit |
In Minderheitensprachen aus ethnopolitischen Gründen in Mehrheitssprachen Mischformen |
| "Soziale" Migration nach Europa | Arbeitsmigration aus Ost- und Südost-Europag bzw. aus „südlichen” Kontenten, "post-koloniale" Migration rechtliche und soziale Schlechterstellung |
Roman beur littérature décentrée, Migrationsliteratur in deutscher Sprache (und in Herkunftssprachen) Ansätze "Kreol" |
| Politisches Exil innerhalb Europas | Erzwungener Wechsel | Focus auf (ehemalige) Heimat Schreiben in der Herkunftssprache versus "neue" Sprache |
| "Global people" | freiwillige Emigration, tw. Mehrfacher Wechsel keine breite Basis zur eigenen Sprachgruppe im Aufnahmeland meist privilegierte Personen |
Texte in beiden Sprachen oder auch nur einer besondere Sensibilität für Sprachvergleiche unbelastet von politsichen und ethnischen Spannungen |
Nach: Wintersteiner, Werner: Poetik der Verschiedenheit. Literarisch-kulturelle Bildung und Globalisierung. Klagenfurt: Habilitationsschrift 2003, 173 (Ausschnitt).
Anregungen für den Unterricht
- Untersucht in Gruppen unterschiedliche Typen der literarischen Mehrsprachigkeit. Für welche Typen lassen sich Beispiele in unserer Region finden? Dabei könnt ihr auch auf die Vergangenheit zurückgreifen.
- Stellt den anderen in der Klasse eine/n VertreterIn eines Typus genauer vor. Dazu müsst ihr euch länger einarbeiten.
Weiter zu
Autorin: Annette Kliewer








