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Mittelalter

Der Deutschunterricht beschränkt sich in der Literaturauswahl meistens auf Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Dies ist insbesondere der Fall für die Unter- und Mittelstufe. Im Gegenzug sollen im Folgenden auch für dieses Alter Materialien aus Mittelalter und Humanismus aus der Region vorgestellt werden, da dies eine Zeit betrifft, in der grenzüberschreitende Kultur noch eine Selbstverständlichkeit war. Der Kontakt mit mittelalterlicher Literatur, der ja über das Thema "Sagen" im Lehrplan für die 6. Klasse vorgesehen ist, stellt auch einen Kontakt mit fremder Kultur dar und eine Herausforderung an die Fähigkeit, sich auf Ungewohntes einzulassen. Dies kann sogar erste Versuche der Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen einbeziehen

Thema: Mittelalter

Klassenstufe: 6/7

Bezug zu anderen Fächern: Geschichte, Bildende Kunst, Musik

Walthari-Lied und die Schlacht am Wasigenstein

 

Gottfried von Straßburg

 

Spätmittelalter

Die Schlacht am Wasigenstein

Der Wasigenstein in den Nordvogesen kann von den Schülerinnen und Schülern gemeinsam bestiegen werden. Er ist der Ort einer mittelalterlichen Sage, die im Zusammenhang mit dem Nibelungenlied entstanden ist.

 

"Das Walthari-Lied ist vermutlich im 10. Jahrhundert entstanden und wird von Jacob Grimm dem Mönch Ekkehard I. zugeschrieben. Es ist ein mittellateinisches Epos, das in 1456 Hexametern die Geschichte Walthers von Aquitanien und seiner Verlobten Hiltgunt von Burgund, ihre Flucht aus der Gefangenschaft am Hof Etzels, Walthers Kampf gegen den Frankenkönig Gunther, Versöhnung und glückliche Heimkehr schildert. Das Heldenlied bezieht sich sehr deutlich auf das Nibelungenlied, variiert jedoch satirisch die Charaktere und Situationen: So erscheint vor allem der von Geiz und Gier getriebene König Gunther im Waltharilied äußerst jämmerlich. Das in großer Sprachfertigkeit verfasste Epos mündet in einem komischen Schlusstableau: Am Ende liegen Hand, Beine, sechs Zähne und ein Auge als heiter-groteske Bilanz im Staub. "

 

Aus: "Waltharilied", Microsoft® Encarta® 98 Enzyklopädie. © 1993-1997

 

André Weckmann: Walthari-Lied

Es waren einmal zwei Königskinder, der Westgote Walter, Sohn des Königs von Aquitanien, und Hildegund, Tochter des Königs von Burgund, Beide waren Gefangene des Hunnenkönigs Etzel im Ungarland. Sie sehnten sich nach ihrer Heimat und dachten immer wieder an die Flucht. Die gelang ihnen dann eines Abends, als die Hunnen nach einem glänzenden Sieg alle sternhagelvoll waren. Sie füllten zwei Schreine mit Gold und Edelsteinen, stiegen auf ihre Pferde und galoppierten davon.

Nach einem vierzigtägigen pausenlosen Ritt kamen sie in den Nordvogesen an. Am Wasigenstein wollten sie sich endlich ausruhen. Doch da erwartete sie eine böse Überraschung: Gunther, König zu Worms, hatte von den beiden Flüchtlingen erfahren, war dann mit Hagen von Tronje und elf Rittern aufgebrochen, um den beiden den Schatz abzunehmen,

In einer engen Felsenschlucht griffen sie Walter an, was eine große Dummheit war, denn da konnte immer nur einer von ihnen gegen Walter kämpfen. Dieser war ein gewaltiger Haudegen und beförderte einen nach dem anderen die elf Ritter ins Jenseits.

Hagen hatte sich zurückgehalten, er war Walters Jugendfreund und wusste, dass mit dem nicht zu spaßen war. Doch, als er die elf am Boden liegen sah, packte ihn die Wut. Er riet aber dem König, nun nicht mehr in der Schlucht zu kämpfen, sondern auf freiem Feld. Es gelang ihnen auch, den übermütigen Walter aus der Schlucht herauszulocken, und dann entspann sich ein Kampf, der in die Sage einging,

War das ein fürchterlicher Lärm! Sie droschen auf einander ein, dass die Funken nur so stoben, und der Wald bis hinunter in die Ebene von ihrem Wutgeschrei widerhallte. Sie hörten erst auf, als alle drei ganz elend zugerichtet waren: Hagen fehlte ein Auge, Gunther war ein Bein abgeschlagen und Walter vermisste seine rechte Hand.

Nun saßen sie da, schauten sich dumm an, riefen die schöne Hildegund herbei, damit sie die Wunden verbinde, und schlossen Frieden. Sie hätten's auch billiger haben können, nicht wahr? Aber die Zeiten waren damals halt so.

Und die Königskinder zogen weiter, er stolz, Gunthers Streitmacht vernichtet zu haben, sie liebevoll zu ihm hinüberblickend.

Die Dichter des hohen Mittelalters haben aus dieser Geschichte ein schönes Epos gemacht: das Waltharilied. Und wenn ihr mal nachts beim Wasigenstein unterwegs seid, erschreckt nicht, wenn ihr ein furchterregendes Geheul hört. Der finstere Wald erinnert sich dann an dieses große Gemetzel, das da einmal stattgefunden hatte, in uralten Zeiten.

 

Aus: Weckmann, André: Zusammenleben. L´allemand en classe de troisème. Strasbourg: CRDP, 1991, 34.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleicht die beiden Texte.
  • Vergleicht das Waltharilied mit dem Nibelungenlied. Wo gibt es Überschneidungen? Informiert Euch über beide "Lieder".
  • Vergleicht mehrere Fassungen der Sagen - für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, in mittelhochdeutscher Sprache,...
  • Welche Orte der Region werden im Walthart-Lied, welche im Nibelungenlied erwähnt? Besorgt Euch dazu die Nibelungen-Karte beim Badischen Landesmuseum Karlsruhe. (Übrigens liegt die wichtigste Handschrift C des Nibelungenliedes seit kurzem in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe und heißt deshalb jetzt die "Karlsruher Handschrift"!)

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde

Einer der bekanntesten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters war Gottfried von Straßburg (1170-1215). Sein Hauptwerk ist "Tristan und Isolde" (1210), ein unvollendetes Epenfragment in fast 20 000 Versen, die er nach der französischen Version des Thomas d' Angleterre dichtete. Dieser war ein Vertreter der "Trouvères", einer Gruppe von Dichtern, die beeinflusst von den südfranzösischen Troubadouren gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Nordfrankreich in der "langue d´oeil" schrieben. In der deutschen und französischen Mittelalter-Forschung gab es eine lange Auseinandersetzung darüber, ob Gottfried nur Übersetzer aus dem Französischen gewesen sei oder als selbstständiger Schriftsteller angesehen werden kann.

Richard Wagner schrieb seine Oper Tristan und Isolde 1859 nach Gottfrieds Fassung. Einzubeziehen wäre auch der Text "Tristan aboriginee" von Volker Gallé.

 

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde (1210)

In der Minnegrotte wohnen Tristan und Isolde wie König und Königin; ihre Hofleute ("ingesinde") sind die Vögel, die Blumen ...

 

ir staetez ingesinde

dazz was diu grüene linde,

dar schate und diu sunne,

diu rivier' und der brunne,

bluomen, gras,

Joup und bluot,

daz in den ougen sanfte tuot.

 

Aus: Weckmann, André: Zusammenleben. L´allemand en classe de troisème. Strasbourg: CRDP, 1991, 31.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Versucht den Text vorzulesen (iu wird als ü ausgesprochen, uo: u-o beide Vokale getrennt)
  • Versucht, den im Mittelhochdeutschen verfassten Text ins Neuhochdeutsche zu übertragen!
  • Informiert Euch über Gottfrieds Tristan und Isolde. Fragt auch Eure Musiklehrerin/Euren Musiklehrer nach der Vertonung von Richard Wagner in seiner Oper Tristan und Isolde (1865), die zunächst als "unspielbar" zurückgewiesen wurde.

Literaturhinweise:

Weber, Gottfried: Gottfried von Straßburg. Stuttgart 1962.

Das Bild aus der "Manessischen Handschrift" soll Gottfried von Straßburg darstellen.

Aus: Dentinger, Jean: L´age d´or de la littérature en Alsace. Das Goldene Zeitalter der Literatur im Elsass, Mundolsheim 1986, 78.

Anregungen für den Unterricht

  • Informiert Euch über die "Manessische Handschrift". Wo liegt sie heute?
  • Untersucht das Bild. Wie sind der Schriftsteller, wie seine Zuhörer dargestellt?

Spätmittelalter

Thema: Spätmittelalter

Klassenstufe: 7/8

Bezug zu anderen Fächern: Geschichte, Bildende Kunst

 

Sebastian Brant: Das Narrenschiff

Hans Baldung Grien: Die sieben Todsünden

Johannes Pauli: Schimpf und Ernst

 

Mehr noch als im Mittelalter war die Region im Spätmittelalter geistiges Zentrum Europas. Die folgende Reihe geht nur auf die Illustrationen der Texte ein, auch die meisten für die Sek II abgedruckten Texte und Bilder eignen sich für die Arbeit in der Mittelstufe!

Die Lehrtexte des Spätmittelalters waren immer reich bebildert, um den Zugang zum Buch interessanter zu gestalten. Mit der Erfindung des Buchdrucks erlebte auch die Druckgrafik in der Region eine Belebung.

 

Literaturhinweise:

Lorenz, Sönke/ Zotz, Thomas (Hrsg.): Spätmittelalter am Oberrhein. Alltag, Handwerk und Handel 1350-1525. Aufsatzband (Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, 29. 9.2001- 3. 2. 2002). Karlsruhe 2002.

 

Sebastian Brant: Das Narrenschiff

Sebastian Brant (1457-1521) schrieb mit dem Narrenschiff 1494 den ersten Bestseller in deutscher Sprache. Das Buch wurde übersetzt, bearbeitet, illustriert, raub gedruckt, mehrfach aufgelegt und nachgeahmt - all dies war das Ergebnis der Buchdruckerei, die Johannes Gutenberg etwa 50 Jahre vorher in Straßburg erfunden hatte.

Grafik aus: Dentinger, Jean: L´age d´or de la littérature en Alsace. Das Goldene Zeitalter der Literatur im Elsass, Mundolsheim 1986, 135.

Hans Baldung Grien: Die sieben Todsünden

Von Hans Baldung Grien weiß man weder das genaue Geburtsjahr (1484 oder 1485?) noch den Geburtsort (Schwäbisch Gmünd oder Weyersheim im Elsass?). Er erhielt seine künstlerische Ausbildung in Schwaben und arbeitete auch in Dürers Werkstatt in Nürnberg. Er erwirbt 1509 das Bürgerrecht der Stadt Straßburg, wo er bis zu seinem Tod bleibt. Obwohl er auch einige bekannte Bildnisse malt, besteht der Hauptakzent seines Schaffens in der Grafik und in den Zeichnungen. Die sieben Todsünden, die Grien hier darstellt, wurden von Papst Gregor im 6. Jahrhundert festgelegt und haben bis heute an Aktualität nicht verloren.

Man beachte nur die populäre Wirkung in Filmen wie "Seven" (USA 1995) oder den Skandal, den die Eis-Firma Langnese 2003 mit der Magnum-Serie mit den Namen der sieben Todsünden hervorrief: Völlerei (hier "Fresserei"), Wollust (hier "Unkeuschheit"), Geiz, Zorn, Neid, Hochmut und Trägheit. Interessant ist ein Literaturprojekt von Abiturientinnen und Abiturienten im schweizerischen Aargau zu diesem Thema: 7 Todsünden.

Zu vergleichen wäre mit der Gestaltung des Themas durch Otto Dix in der Kunsthalle Karlsruhe (Orangerie).

 

Grafik aus: Rieger, Théodore: Hans Baldung Grien en Alsace por le 500e anniversaire de sa naissance, (Cahier No 8 Langue et Culture Régionales). Strasbourg: CNDP, 1986, 32.

Johannes Pauli: Schimpf und Ernst

Johannes Pauli (1450/54 bis nach 1530), Franziskanermönch im Kloster Thann, sah seine Schwänke, Fabeln, Anekdoten, Gleichnisse und Beispielgeschichten vor allem für die Predigten vor (Predigtmärlein), um diese aufzulockern. Sein Schimpf und Ernst (erschienen 1522 in Straßburg) bezog sich größtenteils auf die Predigten Geilers von Kaysersberg, auf lateinische Quellen und auf einige humanistische Schwanksammlungen.

Grafik aus:Dentinger, Jean: L´age d´or de la littérature en Alsace. Das Goldene Zeitalter der Literatur im Elsass, Mundolsheim 1986, 167.

Anregungen für den Unterricht

  • Was seht Ihr auf den Bildern? Beschreibt!
  • Sucht Euch ein Bild aus, zu dem Ihr dann eine Geschichte erzählt. Sie sollte zu den dargestellten Personen passen, muss aber nicht unbedingt in der Zeit des Spätmittelalters spielen.

Autorin: Annette Kliewer

 

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