La Strada - Das Lied der Straße
Italien 1954
Regie: Federico Fellini
Kamera: Otello Martelli.
Länge: 98 Min. s/w
Darsteller: Giulietta Masina, Anthony Quinn, Richard Basehart, Marcella Rovere.
Leihmöglichkeit: 16mm Film (Nr. 32 51347-48) beim LMZ Baden-Württemberg.
Zeitkritischer Film. Ein frühes "Road Movie", dessen Hauptdarsteller ein verkauftes Mädchen, ein tumber Kettensprenger, ein Dreiradzirkus - und eben die Straße sind. Gleichnishafter und doch ganz realistischer Film um eine scheue Liebe, Abhängigkeitsverhältnisse, Armut - und darüber, wie schön das Leben sein könnte, von dem in diesem Meisterwerk in winzigen Gesten, kleinen Gefühlen und intensiven Stimmungen erzählt wird.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: La Strada
Der Schausteller Zampanò zieht übers Land und läßt seine Kräfte bewundern: Mit bloßem Brustkasten kann er Eisenketten sprengen. Das Mädchen Gelsomina, das er für ein paar tausend Lire ihrer Mutter abgekauft hat, begleitet ihn auf seinen Fahrten mit dem umgebauten Dreirad und assistiert ihm bei seinen Auftritten auf den Marktplätzen. Gelsomina ist linkisch und leicht zurückgeblieben; der ungehobelte Zampanò brüllt sie an und betrachtet das Mädchen als sein Eigentum. Der Seiltänzer Matto dagegen ist freundlich und sanftmütig, er gewinnt ihre schüchterne Liebe. Es kommt zum Streit zwischen Matto und Zampanò; der brutale Gewaltmensch, der mit seinen Kräften nicht umgehen kann, erschlägt den Seiltänzer. Zampanò überläßt die tief verstörte Gelsomina ihrem Schicksal und reist allein weiter. Viele Jahre später erfährt er, daß sie an ihrem Leid gestorben ist: Zum erstenmal rührt sich bei dem dumpfen Kraftprotz ein Gefühl, er wütet und betrinkt sich, sucht den einsamen Strand auf - und weint.
La strada ist ein poetisches Märchen, angesiedelt in der Wirklichkeit der italienischen Landstraßen. Anthony Quinn machte aus der Figur Zampanò keinen bloßen Widerling: Unrasiert, im grobgestrickten Pullover, die Wollmütze auf dem Kopf, stolz auf sein seltsames Gefährt wirkt er eher wie ein kaum zivilisierter Wilder, der sich nimmt, was er braucht. Reine Emotionen bestimmen auch die Darstellung der Gelsomina: Was sie denkt und fühlt, läßt sich unmittelbar an ihren Augen ablesen. Giulietta Masinas sinnliche Präsenz, die ausdrucksstarke Mimik und Gestik, das weiß geschminkte Gesicht, auf dem sich Trauer und Schalk und manchmal beides zugleich spiegeln, ist ein schauspielerisches Bravourstück und trug wesentlich zum internationalen Erfolg von La strada bei, der mit einem Oscar gekrönt wurde. Zuvor war der Film bei der Biennale in Venedig mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet worden, während Senso von Luchino Visconti leer ausging. Während der Preisverleihung kam es zu Protesten, die beinahe zu einer Saalschlacht führten: La strada später Höhepunkt und zugleich Überwindung des italienischen Neorealismus. ließ die Positionskämpfe der Filmemacher zum Ausbruch kommen.
Der Konflikt begann als ästhetische Debatte und wurde zu einer politischen Auseinandersetzung. Cesare Zavattini, der theoretische Kopf der Neorealisten, warf Fellini Flucht aus der Wirklichkeit vor. Visconti ergänzte: Von den tatsächlichen Problemen der Armut im Lande werde im Film nichts sichtbar. Der marxistische Kritiker Guido Aristarco meinte, der Film beschwöre lediglich private Stimmungen und Erinnerungen; La strada verweise nicht auf die Realität, sondern verwandte sie in ein symbolisches Diagramm, in eine Legende. Der angegriffene Fellini, als Mitarbeiter Rossellinis an den frühen Meisterwerken des Neorealismus beteiligt, warf seinen Kritikern Eindimensionalität vor: "Der Mensch ist nicht nur ein soziales Wesen, sondern auch ein göttliches." Seine gleichnishafte Fabel läßt religiöse Deutungen zu: Gelsominas Weg ist eine Passionsgeschichte, Zampanòs späte Selbsterkenntnis ein Prozeß der Läuterung. Ist Matto (wörtlich übersetzt bedeutet der Name: verrückt) ein Narr Gottes? Der Seiltänzer tritt hoch über der Erde mit Engelsflügeln auf; der erschlagene Artist wird mit ausgebreiteten Armen vom Zampanò über den Boden ins Gebüsch geschleift: ein Gekreuzigter. Doch bleibt die Inszenierung immer konkret, präsentiert Figuren und Handlung "als quasi dokumentarische Offenbarung (André Bazin): in der Ästhetik (und nicht in der Ideologie) liegt der neorealistische Gestus von La strada. Zu einer christlichen Interpretation seines Films schwieg sich Fellini aus: Er versteht sich als "Streifensänger", nicht als Wanderprediger.
Federico Fellini: "La Strada". Hg. Christian Strich. Zürich 1977. (Drehbuch, Materialien).
Guido Aristardo: "Italian Cinema", in: Peter Bondanella/Manuela Gieri (Hg.): La Strada. New Brunswick und London 1987; Dominique Aubier: "Mythologie de La Strada", in: Cahiers du Cinéma, 1955, H. 7; André Bazin: "Filmkritiken als Filmgeschichte". München 1981; Gordon Gow: "La Strada", in: Films and Fiming, 1969/70, H. 1; Edward Murray: "La Strada", in: Peter Bondanella (Hg.): Federico Fellini. Oxford u.a. 1978; Martin Schlappner: "Von Rossellini zu Fellini. Das Menschenbild im italienischen Neo-Realismus". Zürich 1958; Harvey Swados: "La strada: Realism and the Comedy of Poverty", in: Yale French Studies, 1956, Summer.
Autor: Michael Töteberg.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
111 Meisterwerke des Films: La Strada
La Strada - 1954 entstanden - ist möglicherweise nicht der genialste Film Federico Fellinis. "Otto e Mezzo" ("Achteinhalb"), das Schlüsselwerk des Maestros aus Italien, ist in seiner filmischen Struktur komplexer, "Amarcord" in seiner Lebensfülle praller. Aber "La Strada" ist zweifellos der reinste Film des heute bald 66jährigen Regisseurs: der reinste in seiner schlicht überzeugenden formalen Geschlossenheit, der reinste in der kraftvollen Zeichnung einer einfachen, aber bewegenden Geschichte, der reinste schließlich auch in seiner überwältigenden Menschlichkeit.
Er habe, sagte Fellini einmal, die Geschichte zu "La Strada" jahrelang mit sich herumgetragen, weil sie ein Stück seiner selbst und zutiefst mit seinen Gedanken und Überzeugungen verbunden sei. Der Film, so Fellini, "ist entstanden aus der Vorstellung von einem Mann und einer Frau, die äußerlich zusammenleben, aber in ihrem Innern durch astronomische Welten voneinander getrennt sind". Das Unvermögen zweier Menschen, einander zu begreifen, und der schreckliche Abgrund, der sich deshalb zwischen ihnen auftut, bilden den Ausgangspunkt zu diesem Film.
Die zwei Menschen, die zwar zusammen leben und gemeinsam einen Weg gehen, aber deren Lebenslinien doch wie zwei Parallelen nebeneinander verlaufen, sind Zampanò (Anthony Ouinn) und Gelsomina (Giulietta Masina). Er, ein ungehobelter Kraftmensch, hat sie ihrer in Not lebenden Mutter für 10000 Lire abgekauft. Nun reisen sie mit einem motorisierten Dreirad, das ihnen zugleich als Wohnwagen dient, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Zampanò gibt dort für ein paar Lire seine billigen Entfesselungskünste zum Besten, assistiert von Gelsomina, welche die Trommel schlägt und die Trompete bläst. Die Reise durch die Weite des herbstlich-winterlichen Landes - symbolischer Ausdruck des Lebensflusses durch eine karge seelische Landschaft - legt den Blick auf die Charaktere der beiden frei: Zampanò ist ein Gefangener seiner Körperlichkeit, ein derber, gefühlsarmer Mensch, dumpf und schweigsam, wenn ihm nicht gerade der Alkohol die Zunge lockert. Er hat kein Verhältnis zu Gelsomina oder vermag es zumindest nicht auszudrücken. Gelsomina wiederum verkörpert die reine Unschuld des naiven, staunenden Menschenkindes, das in der Welt immer wieder neue Dinge entdeckt, über den kleinen Schönheiten des Lebens sein schweres Schicksal vergessen kann und nie die Hoffnung aufgibt, Zampanòs Härte aufzubrechen und die Finsternis seines Innern zu erleuchten. Aber sie leidet an der Vorstellung, ein unnützes Leben zu führen.
Gerade hier nun setzt ein Dritter, ein Seiltänzer, den alle "il matto", den Verrückten, nennen, eine entscheidende Marke in Gelsominas Leben. Er, selber ein Verzweifelter und am Rande der Gesellschaft Stehender, aber immerhin einer, der seine Not bewußt erlebt und mit ihr umzugehen weiß, bringt Gelsomina bei, daß alles im Leben einen Sinn hat, daß es das Unnütze in der Schöpfung nicht gibt. Gelsomina beginnt zu begreifen, daß ihr Leben neben Zampanò den Zweck hat, diesen aus seiner dumpfen Lethargie herauszureißen. Daß dieser auf ihre Liebe nicht reagiert, sondern vielmehr in einem Anfall von blindem Zorn und Eifersucht "il matto" zu Tode prügelt, erträgt Gelsomina indessen nicht.
Jahre später hört Zampanò, der sein unstetes Leben weiterführt, jene Melodie, die Gelsomina immer auf der Trompete gespielt hat. In schmerzvoller Erinnerung folgt er der Spur der Töne und erfährt vom Tode seiner früheren Partnerin. Noch versucht er, im Alkohol zu vergessen, doch dann droht ein rasender Schmerz ihn zu zerreißen. Er erkennt, was er an Gelsomina verloren hat: alles, was seinem Leben eine Wende, einen Sinn hätte geben können. Diese Erkenntnis löst Verzweiflung und tiefste seelische Not aus, aber sie sprengt auch die Fesseln jener tiefen Einsamkeit, die Zampanò stärker umfangen hielt als die Ketten, die er als Attraktion jeweils zu zerreißen pflegte.
"La Strada" ist ein großartiges Gleichnis über die erlösende Kraft der Liebe und die Befreiung des Menschen durch die Gnade. Fellini läßt es im Milieu des fahrenden Volkes spielen, unter Menschen also, die am Rande der Gesellschaft stehen. Er tut dies nicht allein deswegen, weil er diese Menschen aus eigenem Erleben kennt, sondern weil sie unterwegs sind: unterwegs zu neuen Orten, zu neuen Erkenntnissen, zu neuen Hoffnungen. Das fahrende Volk der Artisten, der Gaukler und Schausteller wird zum Sinnbild für die menschliche Gesellschaft schlechthin. Daß gerade diesen geringgeschätzten, verachteten Menschen Gnade widerfährt, gehört mithin zur zutiefst christlichen Botschaft dieses Films.
Daß die eindrückliche Geschichte und ihre bewegende Botschaft eine formale künstlerische Entsprechung in Bildern erfahren, die voll poetischer Kraft sind und damit eine Umsetzung der Gefühlswelt in sichtbare Zeichen und Gesten ermöglichen, gehört zur Meisterschaft dieses Films. Aber was wäre "La Strada" ohne Giulietta Masina, die als Gelsomina über eine Ausstrahlung verfügt, die alle Regungen der Freude, der Verzweiflung, der Niedergeschlagenheit, aber auch der immer wieder aufkeimenden Hoffnung mit feinsten Gesten auf den Zuschauer zu übertragen vermag? Durch ihre Darstellung wird "La Strada" auch eine Hymne an die Sensibilität und die Sinnlichkeit der Frau, in der die Geheimnisse des Lebens - die Kraft der Erneuerung, die Schöpfung, die Liebe und der Tod - aufgehoben sind.
Autor: Urs Jaeggi.
Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.
Reclams Filmführer: Federico Fellini
Fellini, geboren am 20. Januar 1920 in Rimini (Italien) und gestorben am 31. Oktober 1993 in Rom (Italien), war zunächst Karikaturist und Rundfunkautor, trat in Varieté auf und schrieb für die humoristische Wochenzeitschritt "Marc Aurelio". Auch zum Film kam er zunächst als Autor: Er war Co-Autor bei Rossellinis Roma città aperta und Paisà, bei Lattuadas Senza pietà und Germis Il cammino della speranza (Der Weg der Hoffnung, 1951) u. a. In Rossellinis L'amore war er als Darsteller der Partner von Anna Magnani. 1950 drehte er zusammen mit Alberto Lattuada den Film Luci del varietà (Lichter des Varietiés). Ein Jahr später entstand sein erster eigener Film. Spätestens mit La strada errang Fellini internationalen Ruhm.
Fellinis Filme vereinen auf faszinierende Weise einen sehr subjektiven Realismus mit einer wuchernden Bildphantasie und einem mystischen Glauben an die Kraft der Gnade, die vornehmlich den Armen und Naiven zuteil wird. Christliches Gedankengut mischt sich mit Obsessionen, die offenbar aus Kindheitserinnerungen stammen. Fellini sagt: "Meine Arbeit ist nichts anderes als das Bekenntnis meiner Sehnsüchte und Wünsche. Sie ist der Spiegel meines Lebens."
Während die ersten Filme Fellinis genau kalkulierte Geschichten erzählten, überwiegt später, ab La dolce vita, eine episodische, fast essayistische Struktur, bei der nicht mehr die Handlung, sondern die genaue Beschreibung von Situationen wichtig ist. Vieles wirkt dort improvisiert, wie eine spontane Eingebung. "Eine Arbeit mit einer festgefügten Konzeption zu beginnen wäre für mich undenkbar. Irgendwann würde ich sie doch über den Haufen werfen" (Fellini). Das ergibt oft einen suggestiven Fluß der Bilder, entgeht aber gerade in den letzten Filmen nicht immer der Gefahr unverbindlicher Effekte.
Luci del varietà (Lichter des Varieté, 1950 Co-R: Alberto Lattuada), Lo sceicco bianco (Die bittere Liebe, 1951), Amore in città (Liebe in der Stadt, 1953 - Episode), I vitelloni (Die Müßiggänger, Italien/Frankreich 1953), La strada (La Strada / Das Lied der Straße, 1954), Il bidone (Die Schwindler, Italien/Frankreich 1955), Le notti di Cabiria (Die Nächte der Cabiria, Italien/ Frankreich 1956), La dolce vita (Das süße Leben, Italien/Frankreich 1959), Boccaccio 70 (Boccaccio 70, Frankreich/ Italien 1962 - Episode), Otto e mezzo (8½, Italien/Frankreich 1962), Giulietta degli spiriti (Julia und die Geister, BRD/Italien/ Frankreich 1965), Histoires extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten, Frankreich/Italien 1967 - Episode: Toby Dammit), Fellini: Satyricon (Fellinis Satyricon, 1969), I clowns (Die Clowns, 1970 - Fernsehproduktion), Fellini: Roma (Fellinis Roma, Italien/Frankreich 1971), Amarcord (Amarcord, 1973), Il Casanova di Fellini (Fellinis Casanova, Italien/England 1974/ 1975), Prova d'orchestra (Orchesterprobe, Italien/BRD 1978), La città delle donne (Fellinis Stadt der Frauen, Italien/Frankreich 1978/ 1979), E la nave va (Fellinis Schiff der Träume, Italien/Frankreich 1983), Ginger e Fred (Ginger und Fred, Italien/Frankreich/BRD 1985), Federico Fellini intervista (Fellinis Intervista, Italien/ Frankreich 1986), La voce della luna (Die Stimme des Mondes, Italien/Frankreich 1989) u. a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.








