Johann Peter Hebel
Johann Peter Hebel (1760-1826) lebte lange Jahre in Karlsruhe, zuletzt als Prälat der lutherische Landeskirche. Bekannt wurde er vor allem durch seine alemannischen Dialektgedichte, aber auch durch das Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds (1809-1811), eine Sammlung von volkstümlichen Anekdoten, die meist durch den Kommentar eines Erzählers zum Nachdenken anregen, da die vordergründig offensichtliche Moral in Frage gestellt wird. Hebel greift demnach auf eine am Oberrhein besonders lebendige Tradition zurück. Seine Kalendergeschichten gehören zum festen Kanon für die Orientierungsstufe. Hier soll auch zur Sprache kommen, dass Hebel über das Leben in einer mehrsprachigen Gesellschaft schreibt.
Johann Peter Hebel: Der kann Deutsch
Johann Peter Hebel gibt Schwänke, Anekdoten und Kurzgeschichten aus seinem Badischen Landkalender Rheinischer Hausfreund aus den Jahren 1803 bis 1811 als eigenständigen Sammelband heraus. In dem folgenden Text geht er von einem festen Tugendkanon aus, womit er seine Nähe zur Aufklärung zeigt. Seine volksnahe Sprache verhindert aber, dass Hebel in Pedanterie verfällt. Seine kunstvoll inszenierte Absichtslosigkeit lässt den Leser erst nach und nach erkennen, wie Bauernschläue mit "fremden Situationen" umgeht.
Johann Peter Hebel: Der kann Deutsch
Bekanntlich gibt es in der französischen Armee viele Deutschgeborne, die es aber im Feld und im Quartier nicht immer merken lassen. Das ist alsdann für einen Hauswirt, der seinen Einquartierten für einen Stockfranzosen hält, ein groß Kreuz und Leiden, wenn er nicht französisch mit ihm reden kann. Aber ein Bürger in Salzwedel, der im letzten Krieg einen Sundgauer im Quartier hatte, entdeckte von ohngefähr ein Mittel, wie man bald darhinter kommt. Es ging so zu: der Sundgauer parlierte lauter Foutre Diable, forderte mit dem Säbel in der Faust immer etwas anders, und der Salzwedler wußte nie, was? Hätts ihm gern gegeben, wenn er gekonnt hätte. Da sprang er in der Not in seines Nachbarn Haus, der sein Gevatter war und ein wenig Französisch kann, und bat ihn um seinen Beistand. Der Gevatter sagte: Er wird aus der Dauphine sein, ich will schon mit ihm zurecht kommen. Aber weit gefehlt. Wars vorher arg, so wars jetzt ärger. Der Sundgauer machte Forderungen, die der gute Mann nicht zu befriedigen wusste, so daß er endlich im Unwillen sagte: Das ist ja der vermaledeiteste Spitzbube, mit dem mich der Bolettenschreiber noch heimgesucht hat. Aber kaum war das unvorsichtige Wort heraus, so bekam er von dem vermeinten Stockfranzose eine ganz entsetzliche Ohrfeige. Da sagte der Nachbar: »Gevattermann! Nun laßt Euch nimmer Angst sein, der kann Deutsch«.
Aus: Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Nachdruck der Ausgabe von 1811 sowie sämtliche Kalendergeschichten aus dem "Rheinländischen Hausfreund" der Jahre 1808-1819. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Jan Knopf. Frankfurt/Main 2004, 165 f.
Anregungen für den Unterricht
- Klärt für euch fremde Wörter im Text.
- Spielt die Geschichte nach. Dazu müsst Ihr sie erst einmal in "Theaterform" bringen. Wie viele Szenen gibt es, wie viele Schauspieler, wie viele Schauplätze? Spielt die Szene am besten in Zusammenarbeit mit Eurer Französischlehrerin/Eurem Französischlehrer oder mit Euren elsässischen Partnern/innen (Was sagt der "Franzose"?).
Johann Peter Hebel: Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Grenzen kam
Dass Hebel nicht nur einen traditionellen Tugendkanon vertritt, zeigen seine Geschichten vom Heiner und vom Zundelfrieder, zwei badischen Spitzbuben. Der Erzähler zeigt offenes Vergnügen, wenn er von deren Streichen berichtet. Hebel drückt damit seinen Protest gegen die öffentliche Scheinmoral aus. Auch in dieser Geschichte geht es um das Zusammenleben mehrerer Volksgruppen nebeneinander. In der geschilderten Reaktion der Militärs gegenüber der dummdreisten Erklärung des Zundelfrieders, er spreche nur Polnisch und seine - auf deutsch geführte - Unterhaltung über diese Tatsache wie auch dem Verhalten des Postens auf der anderen Seite der Stadt zeigt sich eine klare Kritik an dem Geisteszustand der Obrigkeit.
Johann Peter Hebel: Wie der Zundelheiner eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Grenzen kam
Eines Tages, als der Heiner den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte, und dachte, «Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken», und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze.
Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei, und wie er hieße, und was er im Schilde führe, «Könnt Ihr Polnisch?» fragte herzhaft der Heiner die Schildwache. Die Schildwache sagt: «Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.» «Wenn das ist», sagte der Heiner, «so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können.» Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei?
Die Schildwache holt den Torwächter, es sei ein Polack an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. «Es geht hiezuland nicht stark ab», sagte er, «und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.» «Wenn ich das wüßte», sagte der Heiner, und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, «so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kömmt der Mond.» Der Torhüter sagte: «Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß», und war froh, daß er seiner los ward.
Also kam der Heiner glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. «In euch Gänse», sagte er, «ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.» Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals, und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte.
Als er aber an das andere Tor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Heiner mit herzhafter Stimme: «Wer da?» Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: «Gut Freund!» Also kam der Heiner glücklich wieder zum Städtlein hinaus, und über die Grenzen.
Aus: Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Nachdruck der Ausgabe von 1811 sowie sämtliche Kalendergeschichten aus dem "Rheinländischen Hausfreund" der Jahre 1808-1819. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Jan Knopf, Frankfurt/Main 2004, 297 f.
Anregungen für den Unterricht
- Findet selbst Situationen, in denen Missverständnisse entstehen können, weil zwei Sprachen sich begegnen. Spielt diese Situationen vor.
- Vergleicht mit der bekannten Hebel-Geschichte Kannitverstan.
- Erzählt die Geschichte noch einmal aus der Sicht des Zundelfrieders. Er erzählt einem Kumpan schadenfroh von seinen Erlebnissen.
- Was hält der Erzähler vom Zundelfrieder? Wie kann man das herausbekommen?
Literaturhinweise:
Rhefeld, Swantje: Johann Peter Hebel in Karlsruhe. Materialien zu Leben und Werk. Karlsruhe 1999.
Schlaffer, Hannelore (Hrsg.): Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes. Ein Werk in seiner Zeit. Tübingen 1980.
Autorin: Annette Kliewer
Autorin: Annette Kliewer
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