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Interkulturelle Märchen und Fabeln

Märchen

 

Fabeln

Märchen werden im interkulturellen Unterricht gerade deshalb gerne einbezogen, weil sie anthropologische Konstanten aufzeigen und damit Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Kulturen besonders deutlich machen. Problematisch ist dieser Zugang, wenn dabei das kulturell Besondere auf der Strecke bleibt, weil das "Allgemeine" im Vordergrund der Beobachtungen steht. Dabei ist auf den aktuellen Prozess der weltweiten Vermarktung von Kinderliteratur und Populärmythen zu verweisen, die dazu führt, dass kulturelle Unterschiede weitgehend eingeebnet werden müssen, um die Produkte universell vermittelbar zu halten.

Außerdem besteht die Gefahr, dass "Volkslieder, Sagen, Märchen und Sprichwörter auch Bilder und Deutungsmuster konservieren, die der Wirklichkeit dieser Kulturen nicht mehr entsprechen."(Hunfeld 1995, 5) Weder die Welt der Gebrüder Grimm noch die Welt Perraults existiert heute noch.

Im Folgenden sollen in einem ersten Teil Märchen auf ihren besonderen kulturellen Hintergrund analysiert werden, in einem zweiten Teil die Gattung der Fabeln in den Blick genommen werden, die viel stärker auf die Umwelt bezogen werden müssen. Dabei werden auch Texte außerhalb der deutsch-französischen Kulturbeziehungen gewählt, um Unterschiede deutlich zu machen.

 

Literaturhinweis:

Hunfeld, Hans: Zur Normalität des Fremden: Voraussetzungen eines Lehrplanes für interkulturelles Lernen. In: LIFE - Ideen und Materialien für interkulturelles Lernen. München 1997.

 

Märchen

Im Folgenden werden drei Fassungen des berühmten Märchens Aschenputtel vorgestellt. Dabei wurde die Fassung der Gebrüder Grimm nicht abgedruckt, da sie leicht zugänglich ist.

Das Märchen eignet sich gut für einen Vergleich, weil es ein Motiv birgt, das weltweit verarbeitet wurde. Interessant ist vor allem der geschlechterspezifische Aspekt, der in den folgenden Fassungen unterschiedlich gestaltet wird.

 

Charles Perrault: Aschenputtel oder Das gläserne Pantöffelchen

Charles Perrault (1628-1703) gab ähnlich wie die Gebrüder Grimm mündlich überlieferte Märchen in seiner Sammlung Geschichten oder Märchen aus vergangenen Zeiten (bekannt geworden als Contes de ma mère l´oye (1697)) heraus. Dabei lässt sich eine deutliche Färbung der Märchen erkennen: Perrault situiert sie klar in seiner französischen Feudalgesellschaft, die er aber auch mit Ironie darstellt. Perrault versieht sein Märchen mit zwei abschließenden Moralschlüssen, die einen klaren Bezug zur Realität Perraults darstellen (vgl. Tomkowiak/ Marzolph 1996, 40).

 

Text: Aschenputtel oder die gläsernen Pantöffelchen

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleicht die Fassungen von Grimm und von Perrault. Welche Unterschiede sind für das Verständnis der Texte wichtig?
  • Perrault beschreibt seine eigene Welt in Frankreich um das Jahr 1700. Sucht aus dem Text Beispiele heraus, die zeigen in welcher Umgebung und zu welcher Zeit der Text verfasst wurde.
  • Vergleicht diese beiden Fassungen auch mit denen, die ihr in Märchenbüchern zu Hause oder in der Bibliothek findet. Orientiert man sich hier mehr an der deutschen oder mehr an der französischen Fassung? Eventuell sind auch Märchenbearbeitungen im Film ("SamsalaGrimm" oder Walt Disney) einzubeziehen.
  • Untersucht besonders die beiden Moral-Schlüsse Perraults. Wie würde die Moral bei den Brüdern Grimm heißen, wie bei den anderen Märchen dieser Reihe?

Elsässisches Märchen: Hansel in der Asche

Ein interessantes Beispiel für eine verdrehte Geschlechterperspektive ist das folgende, elsässische Märchen: Wenn man bedenkt, welche Effekte der "Cinderella"-Effekt auf die weibliche Psychologie hatte (man vergleiche mit Colette Dowlings Buch Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit !), so ist eine Änderung der Heldin in einen Helden ein revolutionärer Akt. Erinnert der Anfang etwas an Einer, der auszog das Fürchten zu lernen, so finden sich doch deutliche Anklänge an das bekannte Aschenputtel.

In diesem Zusammenhang ist der tschechische Film Drei Nüsse für Aschenbrödel zu empfehlen, der auch ansatzweise eine Auflösung der Geschlechterrollen anbietet (vgl. dazu die Unterrichtsempfehlung von Dieter Matthias: Schluss mit dem Warten auf den Märchenprinzen! Zur filmischen Gestaltung eines "emanzipierten" Mädchenbildes. in: Praxis Deutsch 143 (1997), 48-55): Hier misst sich Aschenputtel im Schießen und Jagen mit dem Prinzen und zeigt sich auch sonst von ihrer männlichen Seite.

 

Text (anonym): Hansel in der Asche (Entstehungszeit unbekannt)

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleicht den Text mit den "normalen" Fassungen vom Aschenputtel. Was ist anders? Wie sieht eine weibliche Heldin aus, wie ein männlicher Held?
  • Dieses Modell wäre auf andere bekannte Märchen zu übertragen. Wie sähe ein männliches "Rotkäppchen", wie ein männliches "Dornröschen" aus? Was muss verändert werden, damit die Geschichte trotzdem stimmig ist?
  • Vergleicht mit dem tschechischen Film "Drei Nüsse für Aschenbrödel".

Japanisches Märchen: Nukanbuku und Komenbuku

Dieses außereuropäische Märchen füge ich hier ein, um die weltweite Verbreitung des Märchenmotivs vom Aschenputtel zu zeigen.

Der Kagura-Tanz ist ein shintoistisches Ritual und zugleich ein Begriff für jede festliche Aufführung im Shinto-Schrein, die der Anrufung der Götter dient.

Vor dem Lesen des japanischen Märchens wäre die Frage zu stellen, inwieweit japanischen Kindern auch die deutsche oder französische Fassung des Aschenputtels gegeben werden könnte. Womit könnten sie Schwierigkeiten haben. Liegen diese Schwierigkeiten am Zeit-Abstand oder am Abstand zwischen verschiedenen Kulturen?

 

Text (anonym): Nukanbuku und Komenbuku (Entstehungszeit unbekannt)

Anregungen für den Unterricht

  • Wo haben deutsche Kinder Verständnisschwierigkeiten, wenn sie die japanische Fassung hören. Wie könnten diese Verständnisschwierigkeiten ausgeräumt werden? (Lexikon, Internet, japanische MitbürgerInnen,...)
  • Gibt es diese Verständnisschwierigkeiten bei uns auch bei der französischen oder elsässischen Fassung? Warum (nicht)?
  • Die Illustrationen zu den verschiedenen Fassungen könnt ihr im Kunstunterricht selbst anfertigen. Dabei könnt ihr auch die gleiche Szene in verschiedenen Fassungen zeichnen. Das japanische Märchen könnte zu einem asiatischen Schattentheater führen. (Einfacher als hinter einer weißen Leinwand geht das mit dem Overhead-Projektor!)
  • Schreibt selbst das Märchen vom Aschenputtel für andere Kulturen um: Wie würden die Eskimos, wie die Indios dieses Märchen erzählen?

Fabeln

 

 

 

Gaston Bonheur druckt in seiner Textsammlung "Qui a cassé le vase de Soissons?" (1976) verschiedene Texte ab, die er für die Bildung französischer Auto-Stereotype für grundlegend hält. Dort findet sich u.a. die La Fontaine-Fabel von der Grille und der Ameise:

"Le Français est le fils naturel d´une cigale et d´une fourmi. Son atavisme gaulois, ses moustaches conquérantes, son coup de rouge, son grain de folie, ses chansons, son esprit, sa cocarde: c´est son côté cigale. Et le coeur sur la main. 'Que faisiez- vous au temps chaud? - ' Je me battais.' - 'J´en suis fort aise...' C'est l´été, en effet, que d´habitude, il va à la guerrre. Mais, l´hiver venu, il traîne sa jambe de bois et sa mauvaise humeur. Le petit jardin derrière, la cave où il garde le vieux morceau de fer, le grenier où il suspend l´ail et l´oignon: c´est son côté fourmi."(zit. nach Firges/Melenk 1985, 109)

 

Die Grille steht demnach vor allem für Leichtlebigkeit und Genialität, die Ameise für Geiz und Arbeitssamkeit, beides bezieht Bonheur auf den französischen Nationalcharakter. Aber auch eine Übertragung auf die nationalen Stereotypen "der leichtlebigen Franzosen" und "der arbeitsamen Deutschen" läge hier nahe.

Einzubeziehen sind eventuell auch die elsässischen Fassungen der La-Fontaine-Fabeln von Frère Denis Sibler, die im Selbstverlag herausgegeben wurden.

 

Literaturhinweis:

Firges, Jean/Melenk, Hartmut: Landeskunde: Stereotypen - schädlich - unvermeidlich - nützlich? In: Donnerstag, Jürgen/Knapp-Potthoff, Annelie (Hrsg): Kongresdokumentation der 10.Arbeitstagung der Fremdsprachendidaktiker. Tübingen 1985, 97-114.

 

Das französische Original "La cigale et la fourmi" gibt es auf der Seite einer französischen Akademie in Grenoble. Dort haben wir auch das Bild her.

Jean de La Fontaine: Die Grille und die Ameise

Jean de La Fontaine (1621-1695) wurde vor allem für seine "Fables choisies mises en vers" (1668-1694) berühmt, die schließlich in zwölf Bänden herauskamen. Die folgende Fabel gehört zu den bekanntesten, die jedes französische Schulkind einmal auswendig lernen muss.

 

Text: Jean de La Fontaine: Die Grille und die Ameise

Anregungen für den Unterricht

  • Befragt Eure elsässischen Partner: Kennen sie das französische Original. Haben sie es in der Schule gelernt?
  • Vergleicht mit dem französischen Original: Welche Wörter könnt Ihr wieder erkennen. Stellt eine Liste der Wörter auf, die Ihr verstanden habt.
  • Diese Fabel wurde 1964 von Rolf Mayr ins Deutsche übertragen. Wie musste er vorgehen, damit aus der Übersetzung dieser lustigen Fabel auch im Deutschen eine ansprechende Geschichte werden konnte?
  • Versucht möglichst viele Bücher zu finden, in die diese Fabel aufgenommen wurde. Vergleicht die Übersetzungen/Übertragungen. Welche gefallen Euch am besten? Vergleicht auch die Illustrationen.
  • La Fontaine will mit seinen Tieren eigentlich Menschen darstellen. Spielt die Szene zwischen Ameise und Grille nach. Wie verhalten sich die beiden? Ihr dürft ruhig etwas übertreiben.

Helmut Arntzen: Die Grille und die Ameise

Helmut Arntzen (geb. 1931) verkürzt in seiner Sammlung "Kurzer Prozeß" (1966) Fabeln auf wenige Sätze. Sie ähneln somit eher satirischen Aphorismen und damit auch der Entlarvung der fragwürdigen Moral der vorliegenden Fabeln. Arntzens Zusatz betont insbesondere die Unvergleichbarkeit von Unvergleichbarem und nimmt damit indirekt das Thema der deutsch-französischen Nationalstereotypen auf.

 

Helmut Arntzen: Ohne Titel

Was Singen und Arbeiten betrifft, so habe ich schon deiner Mutter gute Ratschläge gegeben, sagte die Ameise zur Grille im Oktober. Ich weiß, zirpte die, aber Ratschläge für Ameisen.

 

Aus: Dithmar, Reinhard (Hrsg.): Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. München 1970, 255.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Helmut Arntzen verändert die Fabel etwas. Vergleicht mit La Fontaine und erklärt.
  • Sucht Euch eine andere Fabel von La Fontaine und verändert sie, wie dies Arntzen gemacht hat. Dabei dürft Ihr auch die heutige Zeit einbeziehen.
  • Wenn Ihr Grille oder Ameise eine Staatsangehörigkeit geben würdet (Amerikanerin, Deutsche, Italienerin,...), welche würdet Ihr wählen? Erklärt. Was sagen Eure elsässsischen PartnerInnen dazu?

Autorin: Annette Kliewer

 

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