Ich war neunzehn
DDR 1969
Regie: Konrad Wolf.
Kamera: Werner Bergmann.
Länge: 112 Min. s/w
Darsteller: Jaecki Schwarz, Wassili Liwanow, Alexei Ejboshenko, Calina Polskich.
Zeitkritischer Kriegsfilm. Ende des Zweiten Weltkriegs marschiert der ausgewanderte Sohn deutscher Eltern mit sowjetischen Truppen nach Berlin; dramatische, tragische und anrührende Ereignisse zuhauf begleiten die letzten Schlachten. Der Film zügelt seinen Zorn auf die Nazi-Kriegsmaschinerie zugunsten der realistischen Wahrnehmung von Opfern und Tätern gleichermaßen; ein wichtiges Zeitzeugnis.
Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.
Metzler Filmlexikon: Ich war neunzehn
Das Ich im Titel ist ganz persönlich gemeint: Die Familie des Schriftstellers Friedrich Wolf emigrierte 1934 nach Moskau, als ihr Sohn acht Jahre alt war. Im Frühjahr 1945 - nachdem er als Leutnant der Roten Armee den Krieg erlebt hat: das zerstörte Kiew, Majdanek unmittelbar nach der Befreiung, das brennende Warschau - gehörte er zu einer Lautsprechergruppe. Die Front verlief an der Oder. Der 19jährige Konrad Wolf hat Tagebuch geführt. Zwanzig Jahre später werden diese Aufzeichnungen zur Grundlage für den Film Ich war neunzehn.
Das Tagebuch bestimmt die Struktur des Films: Episoden, Begebenheiten zwischen dem 16. April und dem 3. Mai 1945. Sie werden im Film mit Angabe des Datums und Informationen zu Ort, Situation und Auftrag ausgewiesen. Der thematische Bogen des Films ist mit zwei Begriffen zu umreißen: Heimkehr in der Fremde. Kern der Filmgeschichte ist eine Entdeckung: die deutsche Heimat. Was kann sie einem Deutschen sein, der für die Sowjetunion in den Krieg ging?
Schon mit den ersten Bildern des Films wird diese Spannung entwickelt. Im Morgennebel am Fluß wird der Lautsprecherwagen in vorderster Linie in Stellung gebracht. Gregor wendet sich an die deutschen Soldaten und fordert sie auf überzulaufen. Auf dem Fluß treibt ein Floß mit Galgen und einem Erhängten, ein Schild vor der Brust: "Deserteur. Ich hin ein Russenknecht." Der Konflikt ist eindeutig formuliert. Die Entdeckung der Heimat ist unlösbar mit der Frage verbunden: Wer ist ein Vaterlandsverräter? Gregor, zeitweilig Stadtkommandant von Bernau, begegnet ganz unterschiedlichen Menschen: einfachen Leuten, die - verzweifelt oder anbiedernd - sich an ihn wenden; einem intellektuellen, Landschaftsgestalter gleich neben Sachsenhausen, der über deutsche Eigenart und Rückzug in die Innerlichkeit als Selbstschutz philosophiert; befreiten KZ-Häftlingen auf der Siegesfeier am 1. Mai in Sanssouci; deutschen Soldaten und Offizieren - in einer überrollten Kaserne, in der Festung Spandau und bei Kampfhandlungen zum Ausbruch aus dem Kessel Berlin -, deren Haltung in dem breiten Spektrum von dumpfer Ergebenheit und hohlem Diensteifer, Fanatismus und Ehrgefühl angesiedelt ist. Konsequent aus der Perspektive des unmittelbaren Erlebens erzählt, steht diese Szenerie mit ihren tragischen und komischen, geschichtsträchtigen und banalen Aspekten für die widersprüchliche Erfahrung der Wirklichkeit Deutschland 1945. "Eine Sache kann man aus unserem Film auf jeden Fall für sich ableiten", erklärte Konrad Wolf. "Die klare politische Haltung, die klaren politischen Erkenntnisse sind noch kein Garantieschein dafür, daß man jede Lebenssituation, vor die man gestellt wird, von vornherein meistert." Zögern und Zorn, Einsicht und Ratlosigkeit verdeutlichen, wie sehr Emotionen die Selbstfindung Gregors erschweren. Authentizität ist hier nicht nur ein stilistisches Prinzip, sondern ein moralischer Anspruch. Alle Elemente dieser "nachgestalteten Rekonstruktion" (Wolf) sind davon abgeleitet: die Entscheidung für Schwarzweiß, die elliptische dramaturgische Struktur, der Verzicht auf Filmmusik sowie die Besetzung mit möglichst wenig bekannten Schauspielern und Laiendarstellern. Wenn ausnahmsweise von der Ich-Erzählung abgewichen wird, geschieht es im Interesse der erstrebten Unmittelbarkeit. Umstritten ist der Einsatz von Zitaten aus einem Dokumentarfilm über Angehörige der Wachmannschaften von Sachsenhausen, die die Funktionsweise der Tötungsmechanismen und ihre eigenen Handgriffe dabei erklären. Doch wichtiger als die Reinheit des Stils war dem Regisseur die historische Beweiskraft des Dokuments von einem Sachverhalt, der unser Vorstellungsvermögen übersteigt.
Deutsche Akademie der Künste (Hg.): "Der Film Ich war neunzehn". Intention und Wirkung". Berlin (DDR) 1979; Bertrand Duffort: "J´avais dix neuf ans", in: La Revue du Cinema, 1974, H. 280; Karsten Fritz/Rainer Schütz: "Ich war neunzehn (1968)", in: Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft, 1990, H. 39; Ulrich Gregor: "Konrad Wolf. Auf der Suche nach der Heimat", in: Peter W. Jansen/Wolfram Schütte (Hg.): Film in der DDR. München 1977; Ruth Herlinghaus: "Aktuelle Deutung eines antifaschistischen Themas - Ich war neunzehn", in: Filmwissenschaftliche Beiträge, 1969; Gertrud Koch: -Vom Verschwinden der Toten unter den Lebenden., in: Augen-Blick, 1994, H. 17; Barbara Köppe/Aune Renk (Hg.): "Konrad Wolf. Selbstzeugnisse, Fotos. Dokumente". Berlin (DDR) 1985; Isolde I. Mozer: "Ich war neunzehn", in: Rudolf Joos u.a. (Hg.): Filme zum Thema. Bd. 3. Frankfurt a.M., Stuttgart 1990; Rolf Richter: "Konrad Wolf, Geschichte und Gegenwart", in: DEFA-Regisseure und ihre Kritiker, Berlin 1983; Marc Silberman: "Erinnern - Erzählen - Filmen: Die Filme von Konrad Wolf," in: Albrecht Schöne (Hg.): Kontroversen, alte und neue. Bd. 10. Tübingen 1986; Dieter Wiedemann: "Ich war neunzehn - Intention und Wirkung", in: Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft, 1987, H. 39; Gerhard Wolf: "Fakten und Überlegungen", in: Filmwissenschaftliche Beiträge, 1968, H. 1.
Autor: Rudolf Jürschik.
Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.
111 Meisterwerke des Films: Ich war 19
Ein nebelverhangener Fluß: die Oder. Auf einem Koffergrammophon dreht sich eine Schlagerplatte. Nach der Musik spricht eine Stimme über das Wasser: "Der Krieg ist endgültig verloren. Eure Lage ist hoffnungslos." Ein Floß treibt vorüber mit einem Galgen, an dem ein Mann in deutscher Uniform aufgeknüpft ist, über der Brust ein Schild "Deserteur - Ich bin ein Russenknecht". Und wieder die Stimme über den Lautsprecher auf einem sowjetischen LKW: "Hört mich an, habt Vertrauen, ich bin Deutscher." Ein Titel über dem Bild zeigt das Datum: 16.April 1945.
Damals begann die sowjetische Offensive auf Berlin. Zwei Tage später bricht das Tagebuch des 19jährigen Leutnants der Roten Armee Konrad Wolf ab. Die letzten Eintragungen dienen mehr als zwei Jahrzehnte danach, 1968, dem 42jährigen Regisseur der DEFA Konrad Wolf als Grundlage eines Films über seine Erlebnisse in jenen Tagen: "Ich war 19." Das Drehbuch schreibt er mit Wolfang Kohlhaase, einem der besten Babelsberger Szenaristen, später Autor von drei weiteren Konrad-Wolf-Filmen ("Mama, ich lebe", "Der nackte Mann auf dem Sportplatz", "Solo Sunny").
Die Kamera führt, wie schon bei acht vorangegangenen Konrad-Wolf-Filmen, Werner Bergmann. Er hatte, als der Kriegsfreiwillige Konrad Wolf 1943 im Kaukasus seine Exil-Heimat zu verteidigen begann, noch als Bildberichter auf Seiten der Invasoren gestanden. Jaecki Schwarz, der in der Rolle des Gregor Hecker bei der DEFA debütierte, war noch gar nicht geboren, als der von ihm verkörperte autobiographische Filmheld seine Heimat wiedersah, die er als achtjähriger Junge verlassen mußte.
1933 war die Familie des jüdischen Arztes Friedrich Wolf, der als kommunistischer Dramatiker in den zwanziger Jahren bekannt wurde, aus Nazi-Deutschland emigriert. Konrad Wolf wuchs in Moskau auf. Mit einem Frontlautsprecherwagen kehrte er als Agitator 1945 in ein Land zurück, das ihm fremd geworden war und das er als Feindesland erlebte. Der Film reflektiert seine damalige Suche nach der eigenen Identität. In vielen Begegnungen macht Gregor Hecker, Wolfs alter ego im Film, erste Erfahrungen mit seinen ehemaligen Landsleuten, die inzwischen von zwölf Jahren Nazismus geprägt sind.
Aus mehreren Episoden, die jeweils mit der Einblendung des Tagesdatums beginnen und durch Erläuterungen der Situation mit Gregors Kommentarstimme verbunden sind, ersteht ein wahrhaftiges Bild jener letzten Kriegsphase. Der Film brach dabei mit einer propagandistischen Betrachtungsweise, die bis dahin Darstellungen des Kriegsendes in DDR-Medien beherrscht und so einer gewissen Legendenbildung Vorschub geleistet hatte. Er machte zwar deutlich, daß die deutsche Niederlage Befreiung vom Faschismus bedeutete, aber er ließ auch keinen Zweifel, daß wohl nur wenige Deutsche jene Tage mit diesem Gefühl, befreit worden zu sein, erlebten. Der Einmarsch der Roten Armee wurde nicht mehr als Triumphzug vorgeführt.
Im märkischen Städtchen Bernau wird Gregor - wie damals Konrad Wolf - für einen Tag als Ortskommandant eingesetzt und kommt dort in ein Haus, wo eine alte Frau gerade Selbstmord begangen hat. Nur ein junges Flüchtlingsmädchen ist noch zurückgeblieben, verängstigt und ohne Hoffnung. Später bittet es, in der als Kommandantur beschlagnahmten Wohnung übernachten zu dürfen, und kommentiert diesen Wunsch mit den bezeichnenden Worten: "Lieber mit einem als mit jedem!"
In manchen Episoden mischt sich Tragisches mit Komischem, stehen auch Kontraste nebeneinander. Ein deutscher Major, auf seiner Dienststelle von den Russen überrascht, meldet sich bei seinen Vorgesetzten telefonisch ab in Gefangenschaft. In die fröhliche Siegesfeier der Rotarmisten am 1. Mai in Sanssouci kommen aus dem Zuchthaus befreite deutsche Antifaschisten, noch gezeichnet von dem eben überstandenen Grauen. In einem Dokumentarfilmausschnitt erläutert der Henker des KZ Sachsenhausen ungerührt und sachlich den Todesmechanismus der Gaskammer; kontrapunktisch trifft Gregor in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers auf einen Landschaftsgestalter, der inmitten von Klassiker-Bänden in die innere Emigration gegangen war und jetzt über die Unveränderbarkeit des Menschen philosophiert.
"Ich war 19" wirkt durch seine Authentizität, zu der auch der Verzicht auf Farbe und ein Bildstil beitragen, der bewußt jede Kunstfertigkeit vermeidet und durch eine frei gehandhabte Kamera der Arbeit eines Kriegsberichterstatters unter Frontbedingungen gleicht. Unter den vielen Filmen über den Zweiten Weltkrieg wird Konrad Wolfs "Ich war 19" Bestand haben als das sehr persönliche Zeugnis eines Regisseurs, dessen viel zu früher Tod im März 1982 nicht nur für die Filmkunst der DDR einen unersetzlichen Verlust bedeutete.
Autor: Heinz Kersten.
Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.
Reclams Filmführer: Konrad Wolf
Wolf, geboren am 20. Oktober 1925 in Hechingen (Deutschland) und gestorben am 7. März 1982 in Berlin (DDR), ist der Sohn des Dramatikers Friedrich Wolf. 1933 emigrierte er mit seinen Eltern in die Sowjetunion. Im Krieg war er Offizier in der sowjetischen Armee; von 1949 bis 1954 studierte er dann (bei Sergej Gerassimow) an der Filmhochschule in Moskau. Wolf arbeitete als Regieassistent mit Joris Ivens und Kurt Maetzig zusammen und lieferte sein Regiedebüt bei der DEFA mit der musikalischen Komödie Einmal ist keinmal (1955). Sein Film Lissy (1957) brachte ihm einen internationalen Erfolg, und seither galt er als der bemerkenswerteste Filmregisseur in der DDR.
Seine größten Erfolge erzielte Wolf überraschend mit den Filmen, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Da sind Milieu und Atmosphäre einer Zeit, die er selbst nicht oder doch nicht bewußt miterlebt hat, präzise eingefangen, da wird bei den Helden und ihren Gegenspielern auf jede Verzeichnung verzichtet. Ein subtiler Realismus bewährt sich, der ohne viele Worte die kleinen Fehler summiert, die das deutsche Bürgertum in die große Katastrophe führten. Bei seinen Gegenwartsfilmen hat man manchmal das Gefühl mangelnder Distanz; da unterlaufen ihm gelegentlich formale Spielereien und ein leichtes Pathos. Erst Solo Sunny zeigt hier eine Gelassenheit, die ganz angemessen und ganz überzeugend erscheint.
Einmal ist keinmal (1955), Genesung (1956), Lissy (1957), Sonnensucher (1957-59 - uraufgeführt 1972 im Fernsehen), Sterne (DDR/Bulgarien 1959), Leute mit Flügeln (1960), Professor Mamlock (1961), Der geteilte Himmel (1964), Der kleine Prinz (1966-uraufgeführt 1972 im Fernsehen), Ich war neunzehn (1967), Goya - oder Der arge Weg der Erkenntnis (DDR/UdSSR 1969-71), Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1973), Mama, ich lebe (1976), Solo Sunny (1979 - Co-R: Wolfgang Kohlhaase), Busch singt (1980-82 - sechsteiliger Dokumentarfilm - Co-R) u. a.
Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.







