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Hermann Ebeling: Schattenleben

Der folgende Text greift sowohl die deutsch-französische Identität Chamissos wie auch Motive aus seiner Erzählung auf, um sie in einem Spiel mit verdrängten erotischen Leidenschaften in einen neuen Kontext zu stellen. Dabei ist das Aufdecken der verdrängten Anteile des Menschen im Zusammenhang mit der romantischen Kunsttheorie zur Zeit von Chamisso zu sehen. Hermann Ebeling, selbst deutsch-französischer Grenzgänger, greift Klischees der deutsch-französischen Beziehungen auf, nach denen die französische Frau besondere Reize auf den deutschen Mann ausübt. Der Text geht in seinen erotischen Fantasien recht weit, die Lehrkraft sollte zunächst prüfen, ob die Lerngruppe damit umgehen kann.

 

Hermann Ebeling (geb. 1935) lebt im elsässischen Weißenburg, war lange Zeit Redakteur beim Südwestfunk, unter anderem zuständig für Regionalliteratur. Seine Theaterstücke, Hörspiele und Novellen sind vor allem der fantastischen Literatur zuzuordnen.

Beringer hatte „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” in der Ramschkiste des Bahnhofsbuchhändlers entdeckt und für die Reise nach Paris gekauft, wo er im Museum für Naturgeschichte neu entdeckte Versteinerungen studieren sollte. Der Zug fuhr jetzt nach dem Halt in Nancy und Bar-le-Duc durch die Champagne und Beringer dachte beim Hinausschauen auf die hügelige, kreidig getönte Landschaft, dass hier irgendwo Schloss Boncourt gestanden hatte, in dem Chamisso geboren war.

Bruchstücke eines Gedichtes, das Beringer in der Schule gelernt hatte, gingen ihm durch den Kopf. „Ich träum´ als Kind mich zurücke... wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, die lang ich vergessen geglaubt.” Dann las er weiter im „Peter Schlemihl”, wusste schon im voraus, dass gleich seine Lieblingsstelle kommen würde, wo der unheimliche Fremde im grauen Rock auf dem Boden kniet, den schönen Schatten des armen Schlemihl vom Gras löst und aufhebt, zusammenrollt und dann einsteckt. Es war am späten Nachmittag, Ende Oktober, die Sonne stand schon tief, füllte das Abteil, in dem Beringer saß, mit einem klaren, kühlen Licht und warf lange Schatten über den Boden und die breiten Sitze mit den heruntergeklappten Armstützen. Beringer hatte sich ans Fenster gesetzt, ihm schräg gegenüber auf dem Platz zum Gang saß eine Frau. die ihm nur kurz zugenickt hatte, als sie in Bar-le-Duc zugestiegen war, und jetzt konzentriert und gründlich eine Tageszeitung las. Die anderen Plätze waren leer geblieben. Beringer legte das Buch beiseite und schaute zum Fenster hinaus, ließ seine Gedanken zwischen dem verschwundenen Schloss Boncourt und dem verschwundenen Schatten Schlemihls hin und her gehen und entdeckte plötzlich das Schattenspiel, welches die Sonne auf seinem Handrücken zustande brachte, wie sie Sehnen und Adern Relief gab, wie sie kleinste Härchen aus der Unsichtbarkeit holte und sich das Bild dieser Miniaturlandschaft bei jeder winzigen Bewegung der Hand veränderte. Und dann suchte Beringer nach dem Schatten seiner Hand. Er lag, schräg gegenüber auf dem mittleren Sitz, auf dem samtartigen Bezug, war gestochen scharf und als Beringer seine Hand langsam um ein Paar Zentimeter verschob, bewegte sich auch ihr Schatten und glitt ruhig über den grünlich-grauen Stoff. Neben sich auf diesen leeren Sitz, hatte die Frau, als sie ins Abteil gekommen war, ihre Handtasche gelegt, eine kleine Tasche aus schwarzem glänzenden Leder und als Beringer seine Hand jetzt noch einmal bewegte, hüpfte der Schatten auf die Klappe der Ledertasche und blieb dort ruhig und selbstverständlich liegen. Der Messingverschluss, der zuvor golden in der Sonne geglitzert hatte, war jetzt nur noch stumpf und glanzlos, bis Beringer seine Hand weiterschob und das Messing wieder blitzte." Schon wieder ein Chamisso-Gedicht!" musste er denken. "die Sonne bringt es an den Tag." Und dann war es Beringer, als ob er mit einem Mal etwas begriffe: dass unser Schatten nicht nur ein optisches Phänomen ist, sondern viel mehr, dass da etwas von uns, von unserem Sein, wenn man so will von unserer Seele darin steckt. Das war doch seine Hand, die sich dort gegenüber auf dem Sitz an einer fremden Tasche zu schaffen machte, das war nicht nur ein physikalischer Vorgang, es war mehr! Nachdenklich ließ er seinen Blick immer wieder zwischen der Hand und ihrem Schatten hin und her gehen. Plötzlich ließ die Frau die Zeitung, hinter der sie fast versteckt gewesen war, auf die Knie sinken. Beringer fühlte, wie sein Atem stockte: hatte sie etwas bemerkt? Aber sie warf nur einen flüchtigen, registrierenden Blick zu ihm hinüber, nahm dann ihre Handtasche, öffnete den Verschluss und zog nach kurzem Suchen ein Notizbuch heraus. Sie notierte etwas, legte dann das Notizbuch neben die Handtasche und griff wieder zu ihrer Zeitung. Beringer versuchte, ruhig zu bleiben: die Frau konnte seine verstohlene, harmlose Spielerei mit einem Schatten nicht bemerkt haben, und hinter seiner Stirn lesen konnte sie auch nicht! Wie um eine bequemere Stellung zu finden, stützte er jetzt den Ellbogen auf den Fensterrahmen und konnte aus dem Augenwinkel verfolgen, dass sich der Schatten seiner Hand langsam über das zierliche Notizbuch schob.

Zehn, fünfzehn Zentimeter weiter lag das Sonnenlicht auf dem Rock der Frau und modellierte unter dem faserigen Stoff die Hüfte und einen festen, schön gerundeten Oberschenkel. Beringer wusste, dass er etwas Verbotenes, etwas Ungehöriges vorhatte, er spürte es an seinem Herzklopfen, aber auch an einem noch vagen Gefühl, das aus der Tiefe seines Körpers hinauf in sein Bewusstsein drang.

« Lass es », sagte er sich, « du bist lächerlich und grotesk, bleib bei deinem schattenlosen Schlemihl und seinem traurigen Leben! » Aber dann bewegte er, wie spielerisch und wie an den Fäden einer Marionette seine Hand etwas nach oben und konnte erkennen, dass sich der Schatten seiner Finger ganz vorsichtig auf die sanfte Rundung des Oberschenkels legte. Er meinte fast die Wärme des Stoffes, des Körpers fühlen zu können, als er seine Finger weiter bewegte, Zentimeter um Zentimeter, bis er in tiefer Verwirrung über das, was er tat, innehielt und sich zwang, wie ein Reisender, dem die Zeit lang wird, aus dem Fenster hinauszuschauen. Der Zug fuhr immer noch auf einer kurvenlosen Strecke und Beringer sah, ohne wirklich zu sehen, wie sich draußen die Landschaft um einen unendlich fernen, unsichtbaren Mittelpunkt drehte. Aber mit seinen Gedanken war er bei dem seltsam labyrinthischen Muster des Rocks, über den eben noch die Schatten seiner Fingerspitzen geglitten waren. Er versuchte, sich dieses Muster vorzustellen: waren es geometrische Formen gewesen oder war es ein verschlungenes Rankenwerk aus krümmenden Zweigen, aus Trieben und Lianen, an denen sich die Finger vorantasten konnten, um den Rätseln dieses Irrgartens auf die Spur zu kommen?

Beringer wusste, dass er sich mit dieser Gedankenakrobatik nur ablenkte. und er wusste auch, was er wirklich wollte: er wollte wieder mit seinen Fingern über den eng anliegenden Rock streichen, er wollte die Wärme des Frauenkörpers spüren, er wollte langsam die Fingerkuppen an ihrem Schenkel hinaufgleiten lassen, die Rundung der Hüfte nachziehen und aus den sanften, tastenden Bewegungen stärkere, festere Berührungen werden lassen, er wollte, den fremden Körper entdecken und erregen, aus einem Objekt seiner eigenen Begierde in einen selbst nach Lust suchenden Körper verwandeln.

Die Frau saß mit korrekt übereinander geschlagenen Beinen; Beringer fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um eine Fliege wegzuwischen und ließ die Hand dann, sorgsam gelenkt von den Marionettenfäden seiner Phantasie, wieder sinken. Mit einer kurzen Kopfbewegung konnte er sich überzeugen, dass ihr Schatten jetzt auf den hellen, seidigen Stoff eines hauchdünnen Strumpfes gefallen war. Beringer nahm sich Zeit. Wie um die unfreiwillige Partnerin seiner Schattenspiele in Sicherheit zu wiegen, schaute er wieder zum Fenster hinaus, scheinbar aufmerksam die Details der Landschaft registrierend: weite Felder, verstreute Baumgruppen und manchmal in der Ferne, fast nur zu ahnen die Spitze eines Kirchturms: Aber lang ließ sich das Drängen seiner Sinne nicht zügeln. Er gab ihm nach und konnte ganz am Rande seines Blickfeldes verfolgen, wie seine Finger auf der hellen Seide langsam nach oben strichen, der Schatten seiner Hand auf die schöne Rundung der Kniescheibe legte, ein Moment wie geschaffen zum Innehalten. Um sich dem seltsamen, ungekannten Zauber dieser Situation ganz hinzugeben.

Aber die Frau ließ in diesem Augenblick die Zeitung sinken und verdeckte mit ihr Rock und Knie. Von einem Augenblick auf den anderen war die Szenerie seiner Schattenspiele verschwunden. Beringer blieb ruhig und schaute, wie aufgestört durch das plötzliche Rascheln der Zeitung, hinüber zu der Frau. Für einen zeitlos langen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Beringer versuchte, im Gesicht der Frau etwas zu erkennen. Hatte sie den Schatten seiner Hand bemerkt? Hatte sie gesehen, wie er sich langsam an sie herangetastet hatte, wie er, als Ersatz für wirkliche Berührungen, seine unwirklichen Schattenspiele getrieben hatte? Was lag in ihrem kühlen, desinteressiert scheinenden Blick? War es die stumme Botschaft, dass sie ihn ertappt hatte, dass sie ihn einfach nur übersah, ihn nicht einmal einer wütenden oder angewiderten Reaktion für wert hielt? Beringer schämte sich plötzlich, dass seine Phantasien so banal und so direkt waren, er spürte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg und er war vollends verwirrt, als er merkte, dass er auch keine Lust hatte, dieses kaum erfundene Spiel schon wieder abzubrechen. Ein Risiko musste er eingehen. Aber es könnte ja sein, überlegte er dann , dass die Frau hinter ihrer Zeitung seine körperlosen Tastversuche längst bemerkt, dass sie gewissermaßen mitgespielt und einfach als Frau auf die Berührungen reagiert hatte und jetzt die Wirkung dieses federleichten und schattenhaften, körperlos gewordenen Streichelns spürte. Denn das Gesicht der Frau blieb unbewegt, so maskenhaft starr, dass Beringer dann die Anstrengung des Versteckspielens zu erkennen meinte. Doch er wusste auch, dass er sich beeilen musste. Bald würde die Sonne so weit gesunken sein, dass er allenfalls noch Schultern und Brüste der Frau erreichen konnte, nicht mehr aber Beine und Hüften und dass er nie an das geheime Ziel seiner schattenhaften Wanderungen gelangen würde, an die sanfte Mulde, die der Rock zwischen den Oberschenkeln bildete und an deren oberem Rand sich die leichte Wölbung des Venusbergs abzeichnete.

Eine Bilderflut überschwemmte die Gedanken Beringers. Warum trug die Frau auch diesen extravaganten Rock, dessen Muster ihn an die Urwälder des Zöllners Rousseau erinnerte? Es war ihm als ob er in einen schwül-heißen Regenwald eindringen sollte, durch dichtes Pflanzengewirr musste er sich vorantasten, Orchideen öffneten ihre rosig schimmernden Blüten zwischen tauglänzendem Moos, Schnecken schoben sich langsam aus bräunlich-warzigen Gehäusen, hinterließen beim Kriechen feucht-klebrige Schleimspuren auf dem weißlich gebleichten Holz umgestürzter Baumstämme, zwischen denen struppige Haarbüschel nie gesehener Pflanzen in das Halbdunkel des Tropenwaldes drängen. Das Wort « Urwaldhölle» schoss Beringer durch den Kopf, doch dies war keine Hölle, dies war eine heiße, sinnliche Verlockung, war ein magischer Sog, wie wenn Lianen oder Schlingarme versteckter amphibischer Geschöpfe ihn immer weiter in einen heißen feuchten Schlund zögen, in dem er eins werden sollte mit dieser brodelnden und betäubenden Fülle ungehemmten Lebens.

Doch dann riss die Frau Beringer unversehens in die Wirklichkeit des Eisenbahnabteils zurück. Sie begann, sich zu bewegen, sich zu strecken und zu räkeln wie eine in der Sonne liegende Katze, aber nur andeutungsweise, mit langsamen, dezenten, fast stilisierten Bewegungen, hinter denen Beringer Rücksichtnahme und Höflichkeit ihm gegenüber vermutete. Sie rutschte dabei auf dem Sitz etwas nach vorn, so dass sich der Rock um ein paar Fingerbreit nach oben verschob, streckte entspannt die Beine aus und lehnte sich dann bequem zurück. Noch einmal kreuzten sich ihre Blicke. Beringer versuchte, einen Ausdruck höflicher Distanz in den seinen zu legen, der Blick der Frau blieb für ihn ohne erkennbare Botschaft, und er konnte auch nicht genügend Französisch, um irgendeine kurze belanglose Bemerkung zu machen, so blieb es still im Abteil. Drückend fühlte Beringer die Sprachlosigkeit auf sich lasten. Auch die Frau musste diese Stille des Ungesagten gespürt haben. Mit einer fast hektischen Entschlossenheit, so schien es Beringer, griff sie nach der Zeitung, die sie neben sich gelegt hatte, blätterte darin und begann mit der Lektüre eines Artikels. Magisch angezogen schlich sich Beringers Blick nach kurzem wachsamen Zögern, wieder zu ihren Knien, wanderte auch der Schatten seiner Hand nach kurzem Suchen dorthin. Und dann bemerkte Beringer, dass diese Knie sich langsam hin und her bewegten, dass sich der Rocksaum bei jeder Bewegung lockerte und dann wieder spannte, dass sich die Schenkel zögernd auf einander zu bewegten und dann wieder voneinander entfernten - hin und her, hin und her. Täuschte er sich? Sah er nur, verwirrt von seinen Phantasien, was er sehen wollte und gab er zufälligen Bewegungen einen geheimen erotischen Sinn? War das eine Antwort, ein stillschweigendes heimliches Einverständnis? Zentimeter um Zentimeter ließ er den Schatten seiner Hand an der Innenseite des gerade noch von der Sonne erreichten Schenkels hinaufwandern. Er spürte sein Herz klopfen, die Lust in seinem Körper pochen, spürte die Glätte der Seide und die Wärme der Haut, war versucht, die Augen zu schließen, um sich ganz seinem vibrierenden Tastsinn zu überlassen. Jetzt musste die Hand unter dem lockenden labyrinthischen Rankengewirr des Rocks verschwinden. Nein! Beringers Gesicht verzog sich in einem schmerzlichen Grinsen, als er sah, dass der Schatten seiner Hand nicht unter das verführerische Kleidungsstücks geriet, sondern sich mit banaler Selbstverständlichkeit über den Stoff schob. Aus. Das Spiel war zu Ende. Es war Beringer, als ob er in sich zusammenfiele, von einer Sekunde auf die andere. Aus. Vorbei. Jetzt war es auch nur noch logisch und zwingend, dass die Frau ihre Zeitung zusammenfaltete und das Notizbuch in die Handtasche schob, dass sie aufstand und mit einem höflichen Gruß das Abteil verließ. "Bon voyage encore" sagte sie, während draußen die Sonne hinter den hohen Gebäuden einer Vorstadt verschwand.

Dann hielt der Zug in Châlons-sur-Marne und Beringer sah die Frau über den Bahnsteig zum Ausgang gehen. Sie kam ganz nahe an seinem Abteil vorüber, aber sie warf keinen Blick auf das Fenster zurück, sie blieb unbeteiligt wie zuvor. Ich werde es nie wissen, dachte Beringer und versuchte gierig, fast verzweifelt, vielleicht bisher noch nicht beachtete Details aus seiner Erinnerung heraufzuholen. Aber da war nicht viel, und da war auch nicht viel, woran er ohne Beschämung denken konnte. So nahm er, um nicht wieder in den Malstrom seiner Phantasien zu stürzen, noch einmal den « Peter Schlemihl » zur Hand, übersprang den ganzen abenteuerlichen Mittelteil der Geschichte und las gleich die Passage, in denen Schlemihl im Besitz von Siebenmeilenstiefeln, aber in tödlicher Einsamkeit als Naturforscher die Weiten der Welt durchstreift, Steine sammelnd, Pflanzen und Tiere beschreibend, aber allein, ganz allein für immer. Wie einsam, dachte Beringer, wie einsam muss dieser Schlemihl gewesen sein.

 

Alle Rechte beim Autor.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche Motive aus Chamissos Erzählung nimmt der Ebeling hier auf, welche Anspielungen auf den Autor Chamisso?
  • Ebeling greift indirekt auf das romantische Interesse an den "Schattenseiten" des Menschen zurück. Stelle Bezüge her zu anderen romantischen Autoren und Texten.
  • Welche Rolle spielen in diesem Text die deutsch-französischen Beziehungen? Mit welchen Klischees wird gespielt? Werden diese durch den Text bestätigt?
  • Ist dieser Text pornographisch. Welche Rolle spielt die Frau?