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Heimatliteratur

Heimatliteratur wird auch heute noch vor allem als triviale Heftchenliteratur an der Supermarktkasse angeboten. Autorinnen und Autoren aus dem 19.Jahrhundert wie der hier angeführte Ludwig Ganghofer, Karl Heinrich Waggerl, Louis Trenker oder Wilhelmine von Hillern (Die Geier-Wally aus dem Jahr 1880 wurde 2004 neu verfilmt!) werden noch gelesen - im Gegensatz zu Autorinnen und Autoren wie Gustav Frenssen oder Hermann Löns, die heute wegen ihrer ideologischen Ausrichtung im Sinne der Heimatkunst nicht mehr dem Publikumsgeschmack entsprechen.

 

Ganz anders schreiben heutige Autorinnen und Autoren, die sich zum Beispiel zum Elsass bekennen. Ihre Literatur hat auch nichts mehr mit den mitunter schwülstigen Heimatromanen früherer Zeit zu tun.

Ludwig Ganghofer: Das Schweigen im Walde

Geboren am 7.7.1855 in Kaufbeuren als Sohn eines Forstbeamten, studierte Ganghofer in den Jahren 1874-1877 Philosophie und Philologie in München und Berlin und promovierte 1879 zum Dr. phil. in Leipzig. Ab 1880 lebte er in Wien und war dort Dramaturg des Ringtheaters. Von 1886-1892 arbeitete er als Feuilletonredakteur, dann als freier Schriftsteller. Ganghofer war ein ebenso produktiver wie erfolgreicher deutscher Volksschriftsteller. Seine Heimatromane aus der bayrischen Alpenwelt zeigen die Schicksale und Erlebnisse meist einfacher Menschen. Ganghofer starb am 24.7.1920 in Tegernsee. Die folgende Szene zeigt die Nebenfiguren des Romans (aus dem Volk): der Praxmaler Pepperl liebt eigentlich die Sennerin Gustl - sie können aber nicht zueinander finden. Ihr ironisch kommentiertes Schwanken zwischen Aggression und Liebe eskaliert, als Pepperl einem französischen Kammermädchen den Hof macht. Sie ist mit ihrer Baronin in die Bergwelt gekommen, um die Ruhe des Fürsten Ettingen zu stören, der sich dorthin zurückgezogen hat.

 

Das Schweigen im Walde

Anregungen für den Unterricht

  • Wie werden die verschiedenen Personengruppen (Touristen, Einheimische, Französin) dargestellt? Charakterisiere sie.
  • Welche Bedeutung hat die französische Sprache in diesem Text? Entspricht dies dem allgemeinen Klischee über das "Französische"?
  • Mit wem sympathisiert der Erzähler der Geschichte. Verändert diese Erzählerhaltung: Er soll jetzt auf der anderen Seite stehen. Wo müsste man da Eingriffe vornehmen?
  • Erstellt einen Fotoroman zu dem dargestellten Textausschnitt. Besorgt Euch Fotoromane (aus Heimatromanserien, aus der Bravo,...) zum Vergleich. Im Vorfeld wäre zu überlegen, ob man sich eine unkritische Version (à la Heftchenroman) zu Ziel setzt oder ob ihr kritischer vorgehen möchtet. Technisch ist folgendermaßen zu arbeiten: Man skizziert zunächst die zu machenden Fotos und überlegt sich einerseits die Sprech- oder Denkblasen der dargestellten Personen, andererseits die Zwischentexte. Diese "Regiebücher" werden jetzt in Fotos umgesetzt. Dazu müssen die "Schauspieler" und die Drehorte ausgesucht und "gestylt" werden. Mit einer Digitalkamera wird fotografiert, die Fotos werden dann am Computer ausgewählt und bearbeitet (z.B. mit dem Power Point- Programm).

Emma Guntz: Wie man Elsässerin wird

Emma Guntz, Badenerin, die seit Jahrzehnten im Elsass lebt, hat im Jahr 2000 den Hebel-Preis erhalten und war 2002 Turmschreiberin im pfälzischen Deidesheim (nach André Weckmann, der hier 1999 sein "Der Geist aus der Flasche" schrieb).

In guten Klassen ist der Text mit Canettis "Wortanfällen" zu vergleichen.

 

Emma Guntz: Wie man Elsässerin wird

 

Ich habe zwei Pässe, einen deutschen und einen französischen und besitze durch meine französische Heirat zwei Staatsangehörigkeiten, die französische und die deutsche. Wenn ich beim Ausfüllen amtlicher Papiere auf die Frage nach meiner Staatsangehörigkeit stoße, antworte ich «französisch». Denn ich, eine geborene Badnerin, lebe, wähle und arbeite seit mehr als zwanzig Jahren in Frankreich, in Straßburg im Elsaß, mit meinem Mann und meinen drei Kindern.

Manchmal stellt man mir die Frage, ob ich mich als Französin oder als Deutsche fühle. Ich antworte - je nach Fragesteller auf deutsch oder französisch - «als Elsässerin», «je me sens Alsacienne». Denn ich fühle mich eher einer Region zugehörig als einem nationalen Gefüge, das mir persönlich abstrakt vorkommt. Im Fall Elsaß kommt eine weitere Dimension hinzu. Elsässersein heißt für mich nicht nur im Elsass wohnen, Elsässersein bedeutet, eine ganz besondere geistige Haltung einzunehmen. Das heißt: zwischen und mit zwei Sprachen und Kulturen zu leben, zwischen ihnen zu vermitteln, ohne dabei seine eigene Persönlichkeit aufzugeben.

Das kann eine Lebensaufgabe sein. Und manchmal ist man versucht aufzugeben, bevor man es einigermaßen gelernt hat, sein sprachliches und kulturelles Gleichgewicht zu finden und anmutig «auf zwei Stühlen» zu sitzen. Ich kann ein Lied davon singen und stimme dem elsässischen Maler und Humanisten Camille Claus voll und ganz zu, wenn er sagt: «On ne nait pas Alsacien, on le devient». Man wird nicht als Elsässer geboren, man kann es werden...

Nun, ich wollte es werden. Ich wollte dazugehören und mitsprechen können. Ich merkte bald, daß man weder als nur Deutschsprachiger, noch als nur Französischsprachiger wirklich zum Elsaß gehört. Und daß auch das Elsässerditsch allein keinen richtigen Elsässer ausmacht, sondern erst das Zusammenleben der drei sprachlichen Ausdrucksformen und damit das Zusammenleben dreier Kulturen.

Das war und ist eine schwierige, aber begeisternde Aufgabe, die viel Durchhaltevermögen erfordert. Denn jede meiner drei elsässischen Sprachen gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Damit ist nicht nur die grammatikalische, syntaktische und phonetische Eigengesetzlichkeit jeder Sprache gemeint. Ich endeckte, daß jede meiner Sprachen ihren ganz spezifischen logischen Aufbau besitzt, der beim Schreiben und Argumentieren berücksichtigt werden will. Und zu meinem Erstaunen führen Gefühle, Träume, Sinneseindrücke in jeder Sprache ihr Eigenleben.

Wie steht es heute mit mir und meinem Versuch der Doppelsprachigkeit und der Doppelkultur? Ich schwimme wie ein Fisch im Geplätscher der französischen Kon-versation, schreibe lebendige französische Briefe, habe mich mit dem Amtsschimmelfranzösisch vertraut gemacht, verteidige mich gegenüber der Steuerbehörde, ergattere als Präsidentin eines Jugendvereins alle möglichen Subventionen vom französischen Staat, mache französische Interviews für Radio Alsace... Doch wenn ich einen französischen Artikel schreibe, schwitze ich Blut und Wasser, überwache jedes Wort, zweifle an der Korrektheit jeden Satzes. Ich bin mir darüber klar, daß ich mit meiner neuen Lebenssprache nie unbefangen umgehen werde. Außerdem habe ich bemerkt, daß ich meine Muttersprache zu vernachlässigen beginne und daß ich ständig auf der Hut sein muß, um Lücken zu schließen und auf dem Laufenden zu bleiben.

Im Übrigen habe ich mir «mein» Elsässerditsch zusammengebastelt, das ich mit meinen Freunden spreche, wenn wir gerade Lust auf Dialekt haben. Ich verstehe und lese die Varianten des elsässischen Dialekts, der seit 1945 eine moderne kraftvolle Lyrik hervorgebracht hat.

Ich bin weit davon entfernt, «meine» Sprachen zu beherrschen. Aber wird dieses Gefühl der Unzulänglichkeit nicht aufgewogen durch die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich anbieten? Durch die Öffnung und die Fähigkeit, sich in verschiedene Sprach- und Kulturbereiche einzuleben und zu einer persönlichen Symbiose zu verbinden? Ich habe entdeckt, daß ich mit dieser Frage nicht allein stelle und daß diese «elsässische» Frage für viele Elsässer von lebenswichtiger Bedeutung ist. Denn sie wollen im französischen Elsaß aus allen ihren sprachlichen und kulturellen Quellen trinken können, um ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart gerecht zu werden, um zu sich selbst zu finden. Um unserer normwütigen Gesellschaft von heute die Möglichkeit, das Recht auf das Anderssein vorzuleben.

 

Aus: Weckmann, André: Vivre dans nos langues - In unseren Sprachen leben, (Cahier No 5 Langue et Culture Régionales), Strasbourg, CNDP 1985, 40-41.

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Was bedeutet es für Emma Guntz "Elsässerin" zu sein?
  • Befragt Elsässer/innen, ob sie sich als Elsässer/innen und/oder Franzosen gleichermaßen fühlen und wie sie mit den drei Sprachen der Region umgehen.

Helga Schneider: E Fahne

Die Lehrerin Helga Schneider (geb.1940 in Kaiserslautern) war mehrfache Siegerin in Bockenheim und Dannstadt in der Kategorie Lyrik. Eine eingehende didaktische Analyse zu diesem Text bietet Nikolaus Hofen. Hier soll es nur um die Kombination von pfälzischer und bundesdeutscher Identität gehen: Bezugspunkt ist die schwarz-rot-goldene Fahne, die in der Region vor allem Symbol für das Hambacher Fest sind, wo diese Farben von aufständischen Burschenschaften erstmals verwendet worden sind. Gleichzeitig zeigt das Gedicht aber auch die problematischen Seiten der Fahnenverehrung auf, die sich in Nationalismus und Krieg zeigen.

 

Helga Schneider: E Fahne

 

E Fahne hoch iwwer de Mauere.

E Fahne hoch iwwerm Wald.

E Fahne - Feiere? Trauere?

Mich schuckerts. Mer werd's kalt.

 

Sie flattert, wie se die Luft treibt.

Dorch Fenschderhehle guckts bloo.

Ruine, in denne de Wind schreibt

Viel sinn do vorbeigezoo.

 

Die Sunn deckt sich zu; es gebt Schatte.

E Fluchzeich, e Vochelschwarm hoch.

Gedunkelt die Farwe, die satte.

Doch 's Duch wackelt weider noch.

 

Blitzt dort net hellglänzend e Schrääfe?

Die Alte han ne gewollt.

Als Zeiche fer frei und recht lewe

leichts uns noch wie ihne, des Gold.

 

Aus: Hofen, Nikolaus: Mundart im Deutschunterricht, Ludwigshafen: Volkshochschule Landkreis Ludwigshafen u.a., 1998, 90.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Die Autorin spricht von der Vergangenheit unserer Region und von der Vergangenheit der deutschen Nation. Zeigt dies an den Symbolen, die sie verwendet und informiert euch über die Hintergründe der deutschen Fahne(n).
  • Nikolaus Hofen schreibt zu diesem Gedicht: "Nicht zuletzt ermöglicht das Gedicht (...) die Erkenntnis, dass und wie gerade unser Lebensraum, die Pfalz, in die Geschichte unseres ganzen Landes eingebunden ist. Darauf darf ein Pfälzer stolz sein."(Hofen 1998, 94) Nimm Stellung zu dieser Beurteilung.

Gerd Forster: Unser Dorf

Gerd Forster (geb. 1935) ist Schriftsteller, Gymnasiallehrer aus Kaiserslautern und Herausgeber zahlreicher pfälzischer Texte. In dem folgenden Text geht es um den ausgeprägten Lokalpatriotismus, der sich nur auf eine Ortschaft bezieht.

 

Gerd Forster: Unser Dorf

 

Ein außerordentliches Ziel erfordere ein außerordentliches Vorgehen, hatte der Bürgermeister gesagt.

Eine außerordentliche Auszeichnung erfordert eine außerordentliche Überprüfung, sagte der Kommissionsvorsitzende.

Da stimmt doch etwas nicht, dachte der Busfahrer. Er stand schon über die Zeit hinaus mit geöffneten Türen auf dem Dorfplatz und las, um ruhig zu bleiben, die Namen der Gefallenen zweier Weltkriege vom verwitterten roten Sandstein des Kriegerdenkmals ab. Er befahl sich noch drei Minuten Geduld. Schließlich, da niemand mehr sich zeigte, betätigte er die automatische Türverriegelung, blickte noch ein letztes Mal auf die Uhr und fuhr kopfschüttelnd los. Er hätte jemand fragen können, tat es aber nicht, und von sich aus hatte keiner reden wollen so früh am Morgen.

Die Sonne brannte bereits heiß vom Himmel, als sich ein grauer Mercedes-Diesel dem Dorf näherte und vor dem Ortseingangsschild auf dem frischgemähten Randstreifen anhielt. Vier Männer stiegen aus, strafften ihre Anzüge, zupften mit den Fingern der linken Hand am Kravattenknoten, um sich in der Hitze etwas Luft zu machen, während die rechte eine Aktenmappe umklammerte.

Jetzt, hatte der gerade erneut im Amt bestätigte Ortsbürgermeister auf jener Sondersitzung gesagt und ausnahmsweise den Ausschank eines halbtrockenen Deidesheimer Herrgottsackers gestattet, jetzt gilt's! Dieses Mal soll unser Dorf ... Muß! hatte der SPD-Vorsitzende gerufen und sich für diesen Beitrag einen langen Schluck genehmigt. Auf jeden Fall, so der Bürgermeister und sich darin der Unterstützung aller sicher, darf Katzfeld, das auch im Gespräch ist, auf keinen Fall das Rennen machen. Nichts gegen Katzfeld, aber das wäre ja noch schöner wäre das.

Irgendein anderer Ort, weit weg, auch bitter, aber zur Not zu verkraften, Katzfeld jedoch, gerade vier Kilometer entfernt, das würde Hundweiler den Rest geben, wir müßten alle tot umfallen.

Der Bürgermeister, ein Spätfünfziger mit ständig gerötetem Kopf, Maurermeister von Beruf und von Berufung überall Mitglied, hatte eine Idee, von der seine Gesichtsfarbe nun ins Glutrote gepresst wurde. Diese seine Idee wolle er aber erst vortragen, wenn man sich vorher einig sei, so hatte er sich ausgedrückt, der Gemeinderat wie ein Mann handeln müsse, einschließlich der Kollegin von den Grünen. Ein außerordentliches Ziel erfordere ein außerordentliches Vorgehen.

Einig! Klar! Eisern! Schulterschluss! war daraufhin aus der Runde zu hören gewesen. Mit Gottes Segen' hatte der stellvertretende CDU-Vorsitzende ergänzt und den Kopf auf seinen Herrgottsacker gesenkt.

Moment noch! Der Bürgermeister hatte beide Hände erhoben, die jetzt ebenfalls von der Glut erreicht worden waren. Alle Anstrengungen? Heftiges Kopfnicken. Selbst vormachen? Kopfnicken. Keine Kosten scheuen? Zögerndes Kopfnicken. Die Leute überzeugen? Nicken. Die Frauen vor allem? Leichtes Kopfwiegen, wobei jeder kurz überprüft hatte, ob er dabei angeschaut wurde.

Der Bürgermeister, sein Glas nachfüllend, obwohl er erst einen Schluck getrunken hatte: Futtertröge bepflanzen, Geranienkästen an die Fenster, Lorbeerbäume auf die Treppen, Sauställe weißeln, das ist bereits geschehen, das können aber alle, auch die Katzfelder, da müsse, habe er sich gedacht, noch etwas anderes her, zusätzlich, etwas Einmaliges.

Die Hundweilerer sollten ihr blühendes Leben, hatte er gesagt und dabei auf seinen Zettel geschaut, mit glücklichen Menschen nicht nur in Äußerlichkeiten demonstrieren, die Kommission muß das innere, das häusliche Glück, muß Einblicke in die Hundweiler Harmonie. Wir könnten doch wie im Theater, dies seine Idee ... .

Heraus damit!

... die vierte Wand herausnehmen an einigen Häusern der Hauptstraße.

Erschrockene Gesichter, heftiges Gemurmel, ablehnende Handbewegungen.

Nur für ein, zwei Tage! In diesem Jahrhundertsommer kein Risiko!

Zur Beruhigung, falls ja ein Gewitterguß, könnte ja die Feuerwehr auf dem Dorfplatz Aufstellung nehmen, wäre dann auch gleich im Blickfeld. Maurer, ob einer daran zweifele, bekäme er genug zusammen, weitgehend kostenlos, versteht sich, auch für hinterher und Gipser, alles tipptopp, wahrscheinlich schöner als vorher.

Und wohin solange mit den Steinen, hatte einer wissen wollen, den Fenstern, den Türen?

Hinter die Häuser! Einen besseren Vorschlag hatte der Bürgermeister nicht.

Aber, hatte einer gerufen, da müssten dann noch ein paar Räume frisch gestrichen oder tapeziert werden. Und das eine oder andere Möbelstück, was nicht mehr ganz so attraktiv ist, wohin damit, wenn in der Wohnung oder der Garage kein Platz?

Hinter das Haus halt, Plastikfolie drüber!

Beim Peter, war einem eingefallen, dem größten Haus im Dorf, liege zur Straße hin nur Toilette und Bad.

Da hatte der Bürgermeister gelächelt, das mache doch nichts, das sei auch Leben, Leider habe der Peter, soviel er wisse, keine erwachsene, hübsche Tochter. Nein, hatten die kundigen Männer bestätigt, und die Vertreterin der Grünen hatte empört das geschüttelt, was manche am Tisch für keine Frisur hielten, und einer hat seinem Nachbarn zugeflüstert, er sei schon einmal in Amsterdam gewesen. Dann, hatte der Bürgermeister gemeint, müsse für diesen Tag ein anderes sauberes Mädchen her, duschen, sich schön trocknen, ein bißchen Aerobic und so, die Kommission bestehe schließlich aus Männern.

Die Männer der Kommission kühlten ihre sonnenbetroffenen Schädel im Schatten eines Apfelbaumes und überlegten ihr Vorgehen. Einer stapfte schräg die Böschung hoch Richtung Gebüsch, dort verdeckte er mit der Aktentasche das, was mit einer Hand zu erreichen ihm einige Mühe bereitete.

Und die Schule? hatte jemand von der Freien Wählergruppe gefragt. Da könne man vielleicht einen Saal ein wenig aufmachen und eine gute Klasse hineinsetzen.

Und was ist mit der Kirche!

Da genüge es, hatte der Bürgermeister gemeint, die Eingangspforte sperrangelweit aufstehen zu lassen, Orgelklänge natürlich.

Die Kommission käme doch aber an einem Werktag.

Wenn sie aktives Dorfleben zeigen wollten, müsse halt etwas zusammengelegt werden: Schule plus Gottesdienst plus Feuerwehr plus Seniorennachmittag plus Chorprobe und so fort. Aber die vielen Leute, woher die nehmen?

 

Während der Busfahrer sich bemühte, den Zeitrückstand wieder aufzuholen, drängte es ihn nun doch, den Grund für die vielen leergebliebenen Sitze zu erfahren. Die Planen an der Vorderfront hatte er vor lauter Kopfschütteln nicht wahrgenommen. Die Kommission käme heute Nachmittag, die Kommission für den Dorfwettbewerb, deshalb sollten möglichst viele zu Hause bleiben.

Einen Tag Urlaub, hatte der Bürgermeister hochrot in die Runde geworfen, dieses Opfer müsse man für eine solche Sache bringen. Vielleicht könnten alle zusätzlich noch ein paar Tanten, Onkels, Cousins, Cousinen und Leute aus der Freundschaft herbeischaffen, natürlich nicht aus Katzfeld, die sollten nach Möglichkeit von all dem überhaupt nichts erfahren, absolute Geheimhaltung.

Auch der Kommission dürfe nicht auffallen, daß so viele Menschen zusätzlich im Ort seien, hatte einer hinzugefügt, all die Autos.

Hinter die Häuser, so der Bürgermeister, über die Feldwege, zur Not über die Äcker, jetzt Ende August. Heftiger Protest der Frau von den Grünen, ihr erschrockener Nachbar hatte ihr daraufhin schnell Wein eingegossen.

Ja, der Preis sei hoch, nichts aber zu hoch für den ersten Preis.

Die Preisrichter standen im Schatten des Apfelbaums, die Finger der linken Hand hinter dem Schlipsknoten. Ob es denn bei dieser Hitze unbedingt nötig sei, die steile Hauptstraße rauf und runter zu marschieren, meinte der Vorsitzende, die Geranien hingen ihm schon zum Hals heraus. Im übrigen habe er, als die Schmückerei schon so gut wie abgeschlossen gewesen sei, zwei Dutzend Fotos machen lassen - er klopfte auf seine Aktentasche-, die könnten sie ja nachher bei einem kühlen Bier in Ruhe ansehen. Wäre es nicht aufschlußreicher, das Dorfensemble noch aus einer anderen Perspektive zu betrachten? Er schlage vor, einmal um den Ort herumzuspazieren, eine außerordentliche Auszeichnung erfordere eine außerordentliche Überprüfung. In diesem Augenblick begannen die Glocken zu läuten. Die Männer blickten einander an. Also gut, gehen wir! Links herum oder rechts herum?

 

Aus: Finck, Adrien/ Geißler, Karl-Friedrich (Hrsg.): "Wenn man die Füße weniger schwer macht .../ Quand on allège les pas...". Erzählungen aus Rheinland-Pfalz/ Récits de Rhénanie-Palatinat. Landau 1993, 52-62

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Dieser Text eignet sich gut zum Umschreiben als Theaterstück bzw. zum Nachspielen. Wie sieht das Leben in einem "typischen" Pfälzer Haus aus, das man den Fremden präsentieren möchte, wie sieht es aus, wenn die Fremden nicht zusehen?
  • Auch zu diesem Thema könnte eine Hypertextversion erstellt werden, die Texte, Bilder/Fotos und Tondokumente (etwa mit Mundartaufnahmen) miteinander verknüpft.
  • Möglich wäre auch die Erstellung eines Scrap-Books oder einer Collage, in denen Dokumente aus der Region festgehalten werden. Dabei kann es sich um Ausrisse der Regionalzeitung, um aufgezeichnete Originaldialoge, um kurze Texte zu Assoziationen und Erinnerungen aus dem Alltag und um alle Arten von Dokumenten von Alltagsleben handeln.
  • Haltet die Rede des Bürgermeisters beim Besuch der Jury. Macht Euch vorher ein Konzept, das Ihr dann aber frei halten müsst.

Autorin: Annette Kliewer

 

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