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Heimat, Region, Nation

Wer heute von "Heimat" in der Literatur spricht, kommt nicht umhin, sich mit der Geschichte der Heimatliteratur auseinander zu setzen. Sie beginnt nicht mit der Blut- und Boden-Literatur des Nationalsozialismus. Heimat ist schon zentrales Thema der Romantiker, wird dann im Dorfroman des Poetischen Realismus aufgegriffen und mündet schließlich in die widersprüchliche Tradition der Heimatkunstbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts. Natürlich stößt man auch schon hier auf antiaufklärerische, antimodernistische, antiurbane, antisemitische und antiintellektuelle Aussagen; gleichzeitig wandten sich viele Autorinnen und Autoren aber auch gegen nationalistische Vereinnahmungen. Ihnen ging es nicht um "Großdeutschland", sondern um "ihren kleinen Flecken" und oft um eine schonungslose Darstellung auch der negativen Seiten seiner Bewohner.

 

Das Thema "Heimat" nimmt auch heute noch durch seine subjekte Füllung einen besonderen Platz in der deutschen Kulturgeschichte ein. Der Begriff schillert zwischen einem Trivialmythos und einer nationalistischen Ideologisierung. Zu einer besonderen Relevanz kommt er durch seine globale Ausweitung. Geht es doch um die Frage, ob angesichts einer medialen und wirtschaftlichen Öffnung regionale Begrenzungen nicht einem Anachronismus gleich kommen. Nachhaltigkeit im lokalen wie im globalen Handeln scheinen aber ineinander greifen zu müssen, um globale Probleme lösen zu können. Schließlich stellt sich die Frage nach der "Heimat" in besonderer Weise angesichts der - durch eine ungerechte Ressourcenvertei-lung provozierten - Migrationsströme, die Menschen weltweit zu einem Verlust von "Heimat" treiben.

 

Bezüge zu den Texten von Heinrich Heine bieten sich an.

Joseph von Eichendorff: Die Heimat. An meinen Bruder

Joseph von Eichendorffs (1788-1857) Gedichte lassen sich reduzieren auf ein Gesamtbild, dem Motiv der Trennung von der kindlichen Heimat. Dafür sind biographische Erfahrungen konstitutiv: Die Trennung von Lubowitz, dem "Schloss (...) auf stiller Höh", das Gefühl, nach dem Tod des Vaters dem Untergang der Familienwelt tatenlos zusehen und damit die Unwiederbringlichkeit der Kindheit erfahren zu müssen. Diese Elemente lassen sich natürlich über das Biographische hinaus auch einer allgemeinen romantischen Geisteshaltung zuschreiben, dem Gefühl des Unbehaustseins, der Sehnsucht nach den Ursprüngen etwa oder der Skepsis gegenüber Technik und ihren geistigen, moralischen und sozialen Folgen. Eichendorff will aber nicht einfach zurück zu unschuldigen Vorzeiten, seine Darstellung der Heimat ist eher zeitgemäß verwirrend. So beinhaltet Heimat für ihn immer Fremdheit und hat damit auch eine utopische Konnotation. Ausgangspunkt dieses Utopischen ist die Kindheitserinnerung. Die "tiefere Heimat" ist im vorliegenden Gedicht nur im Traum zu finden: Nur hier, wo verwirrendes Rauschen des Waldes (4), "Zauberklänge als ob die Bäume und die Blumen sängen" (10-11) und "geheimes Singen" (16) Eindrücke neben der real erfahrbaren Welt vermitteln, ist eine innere Landschaft präsent, eine Rückkehr zur "alten schönen Zeit" möglich.

Das Gedicht kann sowohl in einer Reihe zum Thema "Romantik" wie auch in einer Reihe zum Thema "Heimat in der Literatur" bearbeitet werden.

 

Joseph von Eichendorff: Die Heimat

An meinen Bruder

Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh´?

Das Horn ruft nächtlich dort, als ob´s dich riefe,

Am Abgrund grast das Reh,

Es rauscht der Wald verwirrend aus der Tiefe -

O stille! wecke nicht! es war, als schliefe

Da drunten unnennbares Weh.-

 

Kennst du den Garten? - Wenn sich Lenz erneut,

Geht dort ein Fräulein auf den kühlen Gängen

Still durch die Einsamkeit

Und weckt den leisen Strom von Zauberklängen,

als ob die Bäume und die Blumen sängen,

Von der alten schönen Zeit.

Ihr Wipfel und ihr Brunnen, rauscht nur zu!

Wohin du auch in wilder Flucht magst dringen:

Du findest nirgends Ruh´!

Erreichen wird dich das geheime Singen,

In dieses Sees wunderbaren Ringen

Gehen wir doch unter, ich und du!

 

Aus: Joseph von Eichendorff: Gedichte. In: ders.: Ausgewählte Werke. Bd.1. Hrsg. von Hans A. Neunzig, Mün-chen: Nymphenburger 1987, 415-416

 

Anregungen für den Unterricht

  • Arbeitet biographische Elemente heraus, findet eventuell Überschneidungen im Mo-tivrepertoire mit anderen Gedichten des Autors (etwa mit seinem berühmten Gedicht Mondnacht) und mit anderen Gedichten der Romantik heraus.
  • Vergleicht mit einem Zitat aus Eichendorffs Ahnung und Gegenwart (1815). Dort sagt der Held Friedrich: "Meine frühesten Erinnerungen verlieren sich in einem großen schönen Garten. (...) Diese ganze stille Zeit liegt weit hinter all dem Schwalle der seitdem durchlebten Tage, wie ein uraltes, wehmütig süßes Lied, und wenn mich oft nur ein einzelner Ton davon wieder berührt, fasst mich ein unbeschreibliches Heimweh, nicht nur nach jenen Gärten und Bergen, sondern nach einer viel ferneren und tieferen Heimat, von welcher jene nur ein lieblicher Widerschein zu sein scheint. Ach, warum müssen wir jene unschuldige Betrachtung der Welt, jene wundervolle Sehnsucht, jenen geheimnisvollen, unbeschreib-lichen Schimmer der Natur verlieren, in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekannte(n), seltsame Gegenden wiedersehen!" (Aus: Eichendorff, Joseph von: Ahnung und Gegenwart. Roman (1815), in: Joseph von Eichendorff: Ausgewählte Werke. Bd. 3, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans A. Neunzig, München: Nymphenburger 1987, 53 f.)
  • Vergleicht mit der Heimatdefinition von Ernst Bloch (s.u.)

Ernst Moritz Arndt: Des Deutschen Vaterland

Ernst Moritz Arndt (1769-1860) schrieb als Professor und Schrifsteller gegen Napoleon und für die deutsche Einheit, u.a. mit seiner Flugschrift "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze" (1813). Im folgenden Gedicht aus seinem Gedichtband Lieder für Teutsche (1813) fordert er, die regionale Identität zugunsten einer gesamtdeutschen aufzugeben.

Ernst Moritz Arndt: Des Deutschen Vaterland (1813)

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist´s Preußenland, ist´s Schwabenland?

Ist´s, wo am Rhein die Rebe blüht?

Ist´s, wo am Belt die Möwe zieht?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muß größer sein.

(...)

 

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist´s Pommerland, Westfalenland?

Ist´s, wo der Sand der Dünen weht?

Ist´s, wo die Donau brausend geht?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muß größer sein.

(...)

 

Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land!

So weit die deutsche Zunge klingt

Und Gott im Himmel Lieder singt,

Das soll es sein

Das wackrer Deutscher, nenne dein!

(...)

 

Das ist des Deutschen Vaterland?

Wo Zorn vertilgt den wälschen Tand,

Wo jeder Franzmann heißet Feind,

Wo jeder Deutsche heißet Freund -

Das soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein!

 

Das ganze Deutschland soll es sein

O Gott vom Himmel sieh darein

Und gib uns rechten deutschen Mut,

Dass wir es lieben treu und gut.

Das soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein!

 

Aus: Conrady, Karl Otto: Das große deutsche Gedichtbuch. Frankfurt/Main: Athenäum 1987, 392.

 

  • Welche Deutung des Begriffs "Heimat" findet sich bei Ernst Moritz Arndt. Informiere Dich über den Schriftsteller. Was waren seine politischen Ziele?
  • Was ist von seiner Position heute zu halten? Organisiert eine Pro-Contr-Diskussion.

Kurt Tucholsky: Heimat (1929)

Kurt Tucholsky (1890-1935) hat diesen Text 1929 geschrieben, zu einem Zeitpunkt also, an dem er sich schon über Paris nach Schweden verabschiedet hatte, sich schon weigerte, auch nur deutsche Zeitungen zu lesen. Hier schreibt nicht der Zyniker Tucholsky, sondern ein Mann, der an Deutschland und seinem Leben in der Emigration leidet. Er hat Deutschland schon 1924 verlassen und ging nach Paris, lange bevor die Nationalsozialisten ihn auswiesen. Nie wieder ist er danach (außer zu Vorträgen oder kurzen Besuchen) nach Deutschland zurückgekehrt, nie wieder hat er nach 1924 eine deutsche Adresse besessen.

 

Sein Text ist das Abschlußstück in einem bitteren Band mit dem ironischen Titel "Deutschland, Deutschland über alles" und bildet die Summe des Buches. Er orientiert sich damit eher an dem von Ernst Bloch geprägten utopischen Bild von Heimat (s.u.): Er muss sich auf dieses Land intellektuell beziehen, er kann seine Utopie einer demokratischen Gesellschaft nur mit diesem Land verbinden. Wenn er also schreibt "Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen - weil wir es lieben", so bedeutete dies, dass er hasst, was aus "seinem Deutschland" gemacht wird.

 

Tucholsky versucht, den von den Nationalisten und Konservativen besetzten Begriff "Heimat" wieder für die kritische Linke zurückzuerobern, ein Vorhaben, an dem auch Generationen nach ihm noch scheitern mussten. Heimat ist bei ihm demnach gleichzeitig das Gefühl einer gemeinsamen Herkunft wie auch das einer gemeinsamen demokratischen Zukunft.

 

Sind Schülerinnen und Schüler oft noch nicht in der Lage, selbst für sich ein Gefühl von "Heimat" aufzubauen, so könnten sie gefühlsmäßig Solidarität mit den "Heimatlosen", mit Exilierten entwickeln.

 

Kurt Tucholsky: Heimat (1929)

 

Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft - und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja -: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.

Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.

Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie - warum nicht eins von den andern Ländern? Es gibt so schöne.

Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache - wir sagen "Sie" zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn - aber es ist nicht das.

Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames - und für jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rand der Ge-birgseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so verfälscht, daß man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt ... nein, wer gar nichts andres spürt, als daß er zu Hause ist; daß das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt ... es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen - aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut sitzen.

Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen schlagen muß; wir versuchen, an solchen Monstrositäten vor-beizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den Wäldern und auf den öffentlichen Plätzen manch Konditortortenbild eines Ferschten dräut - laß ihn dräuen, denken wir und wandern fort über die Wege der Heide, die schön ist, trotz alledem.

Manchmal ist diese Schönheit aristokratisch und nicht minder deutsch; ich vergesse nicht, daß um so ein Schloß hundert Bauern im Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte - aber es ist dennoch, dennoch schön. Dies soll hier kein Album werden, das man auf den Ge-burtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets unvollständig - es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Photograph nicht mitgenommen hat ... außerdem hat jeder sein Privat-Deutschland. Meines liegt im Norden. Es fängt in Mitteldeutschland an, wo die Luft so klar über den Dächern steht, und je weiter nordwärts man kommt, desto lauter schlägt das Herz, bis man die See wittert. Die See - Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach plötzlich eine tiefere Bedeutung haben ... wir stehen nur hier, sagen sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt - für das Meer sind wir da. Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den Zähnen.

Die See. Unvergeßlich die Kindheitseindrücke; unverwischbar jede Stunde, die du dort ver-bracht hast - und jedes Jahr wieder die Freude und das "Guten Tag!" und wenn das Mittelländische Meer noch so blau ist ... die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, daß der Schritt nicht zu hören ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die Mücken tanzen - man kann die Bäume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ‚Deutschland, Deutschland über alles´ bekom-men, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll:

Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich »national« nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen. "Im Namen Deutschlands ... !" Sie rufen: "Wir lieben die-ses Land, nur wir lieben es." Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen - wir fühlen international. In der Heimat-liebe von niemand - nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die - umgekehrte Nationalisten - nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle - so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen - aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln - mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel - mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen - weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichti-gen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheits-liebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn »Deutschland« gedacht wird ... wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht - unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimen-talität und ohne gezücktes Schwert - die stille Liebe zu unserer Heimat.

 

 

Aus: Lindemann, Klaus (Hrsg.): Heimat. Gedichte und Prosa, Stuttgart: Reclam 1992, 84-87

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche unterschiedlichen Vorstellungen von Heimat werden von Tucholsky angesprochen? Wie reagiert Tucholsky auf diese Vorstellungen?
  • In welcher Situation hat Tucholsky den Text geschrieben? (Bezieht biographische Informationen ein!)
  • Übertragt den Text von Tucholsky auch auf die heutige Situation: Welches Bild von Heimat habt ihr selbst? Welche "Heimat" haben die ImmigrantInnen in unserer Gesellschaft? Stellt ihre Präsenz eine Bedrohung unserer "Heimat" dar?
  • Vergleiche Tucholskys Heimatliebe mit der Heimatliebe Heinrich Heines in Deutschland - ein Wintermärchen.

Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog

Mascha Kaléko (1907 Schidlow (Polen) -1975 Zürich) hatte mit ihrem Lyrischen Stenogrammheft, das 1933 im Rowohlt-Verlag erschien, erste literarische Erfolge. Wie auch in ihren Chansons in Kabaretts und der neusachlicher Alltagslyrik in Berliner Zeitungen beschrieb sie hier das Berliner "Milljöh", die Arbeitswelt der kleinen Leute in der Großstadt, die Situation der Angestellten, Verkäuferinnen, Sekretärinnen. Ihre Gedichte wurden von den Nationalsozialisten verboten, sie floh 1938 mit ihrem Lebensgefährten, dem chassidischen Synagogalmusiker Chemjo Vinaver und ihrem Sohn nach New York, und hielt sich mit Werbetexten für Toilettenartikel oder Unterwäsche und Reportagen am Leben. Sie siedelte 1960 nach Jerusalem um und lehnte im selben Jahr den Fontane-Preis ab, weil ein Jury-Mitglied eine NS-Vergangenheit hatte, es gelang ihr erst spät ein erneuter Erfolg (1975 eine Auflage von 100 000 Exemplaren des Lyrischen Stenogrammheftes).

 

Auch ihre nachgelassenen Gedichtbände finden einen großen Zuspruch. Mascha Kaléko zeigt in dem Gedicht, dass Heimatgefühle erst dann überlebensnotwendig werden, wenn diese Heimat verloren gegangen ist. Das Gedicht kann in einer Reihe zu "Neue Sachlichkeit", zu "ExilschriftstellerInnen" oder aber zu "Heimat" durchgenommen werden. Besonders ein Vergleich mit Kurt Tucholsky bietet sich an, da beide Gedichte den herkömmlichen Begriff von Heimat in Frage stellen. Aber auch ein direkter Vergleich mit den Gedichten von Heine würde sich lohnen.

 

Die Anspielungen im Einzelnen:

 

  • "Ich hatte einst ein schönes Vaterland" - Anspielung auf Heinrich Heine (1833): In der Fremde
  • Auch das "ich weiß nur nicht, wonach" spielt auf Heines Loreley an ("Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,...") und die Schlusszeilen erinnern an Heines Enfant perdu: "Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen/ Sind nicht gebrochen - Nur mein Herz brach"
  • Die Bürokratensprache ("Wir alle hatten einst ein (siehe oben!)") und Anspielung auf NS-Organisationen ("Kraft durch Freude") ist in Opposition zu Anspielungen auf Romantik ("Die Nachtigallen wurden stumm") und "hoher Literatur" ("O Röslein auf der Heide") zu lesen.

Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog (1945)

Ich hatte einst ein schönes Vaterland -

so sang schon der Flüchtling Heine.

Das seine stand am Rheine,

das meine auf märkischem Sand.

 

Wir alle hatten einst ein (siehe oben!).

Das fraß die Pest, das ist im Sturz zerstoben.

O Röslein auf der Heide,

dich brach die Kraftdurchfreude.

 

Die Nachtigallen wurden stumm,

sahn sich nach sicherm Wohnsitz um,

und nur die Geier schreien

hoch über Gräberreihen.

 

Das wird nie wieder, wie es war,

wenn es auch anders wird.

Auch wenn das liebe Glöcklein tönt,

auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

 

Mir ist zuweilen so, als ob

das Herz in mir zerbrach.

Ich habe manchmal Heimweh.

Ich weiß nur nicht, wonach.

 

Aus: Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog. In: Verse für Zeitgenossen, Reinbek bei Hamburg:Rowohlt 1978, 53.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche Informationen über das Leben der Autorin erhalten wir durch den Text selbst. Vervollständigt diese Informationen mit Hilfe von Nachschlagmedien.
  • Versucht (zunächst auf Verdacht), Zitate und Anspielungen im Text aufzudecken. Dabei wird wohl die Hilfe der Lehrkraft nötig sein.
  • Das Gedicht zeigt insbesondere, dass mit dem Exil der jüdischen Intellektuellen eine deutsch-jüdische Symbiose zusammengebrochen ist, die für die deutsche Geistesgeschichte grundlegend war.. ("Das wird nie wieder, wie es war, wenn es auch anders wird.") Bildet Kleingruppen zu folgenden Themen und präsentiert eure Ergebnisse - am besten als Power-Point-Präsentation oder auf Plakaten.
  • Versucht Informationen über die deutsch-jüdische Geistesgeschichte zu finden.
  • Wie erging es jüdischen und nichtjüdischen ExilantInnen nach 1945. Untersucht z.B., wie Thomas Mann 1945 in Westdeutschland begegnet wurde.
  • Vergleicht mit Jean Amérys Essay Wieviel Heimat braucht der Mensch? Er betont die besondere Situation der jüdischen Intellektuellen, die gerne zur deutschen Kultur dazu gehören möchten, aber hier ihre Heimat nicht finden können.
  • Vergleicht mit Thomas Manns Briefwechsel mit Bonn, einer Antwort Manns auf die Aberkennung der Doktorwürde durch die Universität Bonn vom 19.12.1936. Auch hier stellt er sich als derjenige dar, der - anders als die NationalsozialistInnen - das Recht hat, die deutsche Kultur für sich beanspruchen zu können.
  • Vergleicht mit Yüksel Pazarkaya: deutsche sprache (1989) und anderen Äußerungen von MigrantInnen heute. (z.B. Ermine Sevgi Özdamar Mutterzunge (1991)

Ernst Bloch: Heimat

Ernst Bloch (geboren 1885 in Ludwigshafen, gestorben 1977 in Tübingen) hat sich immer wieder mit dem Thema "Heimat" auseinandergesetzt, seine berühmten Sätze aus dem Prinzip Hoffnung werden immer wieder zitiert. Er betont, dass der Begriff gerade durch seine regressiven Konnotationen eine utopische Ausrichtung nehmen könnte. Bloch selbst hat seine "Heimat" oft verlassen müssen. Er floh vor dem Nationalsozialismus in die Schweiz, die Tschechoslowakei, Frankreich und die USA, folgte nach dem Krieg einem Ruf nach Leipzig und floh wieder, weil er Schwierigkeiten mit der DDR-Obrigkeiten bekam, nach Tübingen.

Ernst Bloch: Heimat

"Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

 

Aus: Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. (Bd. 3) Frankfurt/Main: Suhrkamp 1969, 1628.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Schreibt einen Kommentar zu diesem Textauszug. Nehmt dazu jeden Satz für sich und erörtert ihn.

Wolfgang Diehl: Zum Abschied von Ernst Bloch

Wolfgang Diehl geht mit Ernst Bloch auf einen Intellektuellen ein, der erst kürzlich mit dem Entstehen des "Ernst-Bloch-Zentrums" in Ludwigshafen für die Region wiederentdeckt wurde, nachdem man ihn lange aufgrund seiner kommunistischen Position "ausbürgern" wollte.

Wolfgang Diehl: Zum Abschied von Ernst Bloch (1987)

Heimat -

mehr als Heim, abbrechbar,

wie die Brücken

zu sprengen sind,

Häuser verdorren

oder werden kühl und gefräßig.

 

Nicht der Flüchtende

durchwandert

die Mehrzahl von Heimat -

Das Denken wagt sich hinaus

und findet immer wieder

zu sich zurück.

 

Wächst aus der Hoffnung

mehr als kurzer Mut,

erobert der aufrechte Gang

die Heimat

auch beim Sprung

über Grenzen

hinüber - herüber.

 

Heimat ist dort,

wo das Böse weniger wird,

zuweilen,

Heimat ist

Samariterland,

wo die nicht miteinander

verwandten Brüder

hausen

nicht nur in Häusern...

 

Aus: Diehl, Wolfgang: Heimatliebe - Heimattrauer Pfalzgedichte, Landau: Pfälzische Verlagsanstalt 1987, 103-104

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleicht Diehls Gedicht mit der Biographie von Ernst Bloch.
  • Welche Ideen zum Thema "Heimat" übernimmt Diehl aus Blochs Definition?

Autorin: Annette Kliewer