Jean de La Fontaine: Die Grille und die Ameise
Die Grille trällerte und sang
Den ganzen lieben Sommer lang
Und fand sich plötzlich sehr beklommen,
als der Nordwind war gekommen:
im Haus war nicht ein Bröselein
Regenwurm und Fliegenbein
Hunger schreiend lief sie hin
Zur Ameis´, ihrer Nachbarin,
mit der Bitte, ihr zu geben
etwas Korn zum Weiterleben
nur bis nächstes Jahr:
Ich werde Euch zahlen, sprach sie gar,
noch vor Verfall, mein Grillenwort,
Hauptstock, Zinsen und so fort.
Die Ameis aber leiht nicht gern;
Sie krankt ein wenig an Knausrigkeit:
Was triebt Ihr denn zur Sommerzeit?
Fragt sie die Borgerin von fern.
Da war ich Tag und Nacht besetzt,
ich sang und hatte viel Applaus.
Gesungen habt Ihr? Ei der Daus,
wohlan, so tanzet jetzt!
Aus: Dithmar, Reinhard (Hrsg.): Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. Beispiele didaktischer Literatur. München 1970, 146






