Goethe in Sesenheim

- Bild: Ivo Schweikhardt. Auf seiner Homepage findet sich eine wunderbare Foto-Reportage zu Goethe in Sesenheim.
Thema: Goethe in Sesenheim
Klassenstufe: 9/10
Bezug zu anderen Fächern: Bildende Kunst, Musik
Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit
Johann Wolfgang von Goethe: Maifest
Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied
Georg Zetter: Friederike von Sesenheim
Die Beziehung zwischen Goethe und Friederike Brion wurde idealisierend popularisiert, indem die Liebe des Genies zum einfachen Mädchen als Hinwendung zum Volk und zum Volkstümlichen gesehen wurde, eine Geste, die insbesondere das Dorf Sesenheim zum Wallfahrtsort von Goethe-Liebhabern machte. Außerdem wurde diese Beziehung aber auch nationalistisch vereinnahmt - sie entsprach dem Bild des Elsass als hilfloses Mädchen. Der französische Germanist Robert Minder schreibt dazu: "Ein prekäres Symbol, das Goethe selbst stören würde, der sich seiner Schuld gegenüber Friederike Brion wohl bewusst war." (Minder 1992, 359)
In Dichtung und Wahrheit beschreibt Goethe nachträglich verklärend von seinen Besuchen in Sesenheim.
Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit
Ich lenkte nach einem Wäldchen, das ganz nah eine Erderhöhung bekrönte, um mich darin bis zur bestimmten Zeit zu verbergen. Doch wie wunderlich ward mir zu Mute, als ich hineintrat: denn es zeigte sich mir ein reinlicher Platz mit Bänken, von deren jeder man eine hübsche Aussicht in die Gegend gewann. Hier war das Dorf und der Kirchturm, hier Drusenheim und dahinter die waldigen Rheininseln, gegenüber die Vogesischen Gebirge und zuletzt das Straßburger Münster. Diese verschiedenen himmelhellen Gemälde waren durch buschige Rahmen eingefasst, so dass man nichts Erfreulicheres und Angenehmeres sehen konnte. Ich setzte mich auf eine der Bänke und bemerkte an dem stärksten Baum ein kleines längliches Brett mit der Inschrift: Friederikens Ruhe. Es fiel mir nicht ein, dass ich gekommen sein könnte, diese Ruhe zu stören: denn eine aufkeimende Leidenschaft hat das Schöne, dass, wie sie sich ihres Ursprungs unbewusst ist, sie auch keinen Gedanken eines Endes haben und, wie sie sich froh und heiter fühlt, nicht ahnden kann, dass sie wohl auch Unheil stiften dürfte.
Kaum hatte ich Zeit gehabt mich umzusehen, und verlor mich eben in süße Träumereien, als ich jemand kommen hörte; es war Friederike selbst.
Aus: Goethe, Johann Wolfgang: Dichtung und Wahrheit. In: Sämtliche Werke. Bd. 16. München 1985, 474 f.
Anregungen für den Unterricht
- Fasst zusammen: Welche Erwartungen hat man an die Beziehung zwischen Goethe und Friederike?
- Vergleicht den Text mit den folgenden Materialien.
Sesenheim
Aus: Kopfermann, Thomas: Exkursion nach Sesenheim, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Elsaß. Europäische Region in Geschichte und Gegenwart, Heft 32 (1996), 28-32, 31
Anregungen für den Unterricht
- Goethe-Hügel, Goethe-Eiche, Goethe-Scheune - das hört sich schon ein wenig lustig an - oder? Fantasiert einmal weiter: Was könnten die Bürger von Sesenheim noch zur Ehre des großen Dichters herbeibringen? Dazu könnten Ihr Schilder und Schildchen für die Besucher entwerfen.
- Spielt eine Gemeinderatssitzung in Sesenheim: Das Interesse an Goethe in Sesenheim nimmt ab. Was könnte die Gemeinde tun, um wieder mehr Touristen für das Thema anzulocken?
- Das Thema eignet sich auch für ein Hörbild: Nehmt Gedichte, Briefe und andere Texte der Betroffenen auf und setzt sie neben moderne Texten zum Goethekult, mit Tourismus- und Reiseführerinformationen, mit Interviews vor Ort in Sesenheim, mit Musik der Zeit, mit Klängen, die in Sesenheim aufgenommen wurden.
Johann Wolfgang von Goethe: Maifest
Geschrieben im Frühsommer 1771 und Teil der Friederikenlieder scheint das folgende bekannte Gedicht das Gefühl von Ganzheitlichkeit in Selbst- und Naturerfahrung des lyrischen Ichs wiederzugeben.
Johann Wolfgang von Goethe: Maifest
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.
Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!
O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!
Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.
Aus: Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Bd. 1,1. München 1985, 162 f.
Anregungen für den Unterricht
- Schreibt nach dem Hören des Gedichts spontane Eindrücke auf, die Euch im Kopf geblieben sind.
- Wie wird im diesem Gedicht die Landschaft dargestellt, wie die Natur allgemein?
- Analysiert die Strophenform im Hinblick auf Zeilenlänge, Wortwahl, Reim und Satzbau.
- Ordnet alle Substantive des Gedichts folgenden Bereichen zu: Natur/ Menschliche Gefühle/ Menschliches Leben. Welche Nebenbedeutungen schwingen mit den Substantiven mit?
- Versucht das Gedicht laut vorzutragen. Kennzeichnet den Rhythmus des Gedichts durch Hebungen und Senkungen. Wo weicht dieses Metrum vom natürlichen Rhythmus ab, der auch dem Sinn des Gedichts entgegenkommt?
- Organisiert eine Gedicht-Rezitation - eventuell mit musikalischer Untermalung, diese muss nicht aus der Zeit Goethes stammen.
- Illustriert dieses Gedicht. Fragt eure Kunstlehrerin/euren Kunstlehrer, welche Techniken sich dafür am besten anbieten.
Goethe und Friederike
Grafik aus: Kopfermann, Thomas: Exkursion nach Sesenheim, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Elsaß. Europäische Region in Geschichte und Gegenwart, Heft 32 (1996), 28-32, 31.
Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied
Zu dem Gedicht gibt es viele eingehende Interpretationen, in unserem Kontext ist von Bedeutung, dass es im Spätsommer 1771 erstmals aufgezeichnet wurde, also die Trennung Goethes von Friederike aufarbeiten soll. Im Folgenden wird die überarbeitete Fassung von 1789 zitiert, wobei in den Arbeitsaufträgen mit der ersten Fassung (Iris-Fassung) verglichen wird.
Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht;
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht:
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - Ihr Götter!
Ich hofft´ es, ich verdient´ es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen, welche Wonne!
In deinem Auge, welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick;
Und doch, welch Glück geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Aus: Goethe, Johann Wolfgang: Dichtung und Wahrheit. In: Sämtliche Werke. Bd.3,2. München 1985, 215.
Anregungen für den Unterricht
- Goethe hat das Gedicht in einer Vorform schon im Sommer 1771 aufgeschrieben, diese ist Teil der "Sesenheimer Lieder":
Mir schlug das Herz, geschwind zu Pferde...
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde
Und an den Bergen hing die Nacht...
(...)
Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du giengst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit naßem Blick;
Und doch, welch Glück geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück.
- Vergleicht diese Fassung des Anfangs mit der obigen Fassung. Was wurde (warum) verändert?
- Ist der Text die Buße eines reuigen Verführers oder das Bekenntnis zum One-Night-Stand oder das innige Einfühlen in die Gefühle der Partnerin oder ... ?
- Schreibt je einen Tagebucheintrag für Goethe und für Friederike nach seinem Wegritt.
- Vergleicht das, was "Euer Goethe" geschrieben hat mit dem, was Goethe in Dichtung und Wahrheit (ca. 50 Jahre später) tatsächlich über diesen Tag geschrieben hat: "In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht lassen, Friederike noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zu Mute." (Aus: Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Bd. 16. München 1990, 532)
- Vergleicht auch mit dem, was er kurz davor über seine Gefühle beim Verlassen von Mädchen generell geschrieben hat (ebda. 530 f.).
Georg Zetter: Friederike von Sesenheim

- Bild: Ivo Schweikhart. Aus seiner Foto-Reportage Goethe in Sesenheim
Georg Zetter (mit dem Pseudonym Friedrich Otte) wurde 1819 in Mulhouse geboren und starb dort 1872. Er arbeitete eng mit August Stöber zusammen, mit dem er die Elsässischen Neujahrsblätter herausgab. Er treibt die Goethe-Verehrung auf die Spitze. Bei ihm ist Friederike nichts als die Muse, die nicht zuviel bezahlt hat, als sie sich entschied, im Andenken an Goethe den Rest ihres Lebens ledig zu bleiben. Hier werden Geschlechtsrollenklischees verknüpft mit Regionalklischees: Das Elsass muss auf die Befruchtung durch die deutsche Kultur warten.
Georg Zetter: Friederike von Sesenheim
Das ewig Weibliche, das ewig Schöne,
Du holdes Kind, laß mich´s in Dir begrüßen,
Ob auch der Haß die schnöde Lust zu büßen,
Dein Leben und dein Lieben noch verhöhne!
Horch! Sind das nicht des Kirchleins Glockentöne?
Die Laube rauscht, und sieh! Dir liegt, der Süßen,
In seiner Liebe Seligkeit zu Füßen
Der glücklichste der deutschen Musensöhne.
Errötend neigst Du, zwischen Ernst und Scherzen,
Dein Haupt hernieder zum geliebten Gaste,
Dem unumschränkten Herrn in Deinem Reiche.
Genügsam thront er noch in Deinem Herzen,
Er, dessen Herz, das hohe, göttergleiche,
In spätern Zeiten eine Welt umfaßte.
Aus: Borries, Emil von: Deutsche Dichtung im Elsass von 1815 bis 1870. Eine Auswahl, Strassburg 1916, 230
Anregungen für den Unterricht
- Welche Rolle spielt Friederike für Zetter? Vergleicht dies mit der historischen Realität.
- Informiert Euch über das Leben Friederikes nach dem Weggang Goethes.
Adrien Finck: Sessenheim
Adrien Finck (geb. 1930) ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der elsässischen Literatur. Er war von 1973 bis 1993 Professor für deutsche und elsässische Literatur an der Université Marc Bloch in Straßburg und gibt heute noch die "Revue Alsacienne de littérature" heraus. Finck schreibt hauptsächlich Lyrik, u.a. herausgegeben in seiner Gesamtausgabe L´Oeuvre littéraire/Das literarische Werk (2001), aber auch Prosa (Der Sprachlose, eine Geschichte mit Zeichnungen von Tomi Ungerer 1994 oder Sesenheim nirgendwo und andere Erzählungen 1990). Er ist vor allem Herausgeber zahlloser Anthologien elsässischer Literatur (Nachrichten aus dem Elsass ab 1977).
Finck kritisiert den Goethe-Kult in Sesenheim, wo für die deutschen Touristen, deren Sprache man nicht einmal mehr spricht, die Beziehung zwischen Goethe und Friederike zur Touristen-Attraktion verkommen ist. Gleichzeitig zeigt er die Realität hinter der Theater-Welt, die aus Umweltverschmutzung und Landschaftszerstörung besteht.
Adrien Finck: Sessenheim
NATUR
wie herrlich leuchtet
sechs stunden von Straßburg
nahe bei drusenheim
aus der ölraffinerie
mir die natur
WILLKOMMEN
zweihundert jahre später spielen sie
ankunft in sessenheim
goethe et frédérique
kostüme aus dem stadttheater
tagesmasken
die pferde sind echt
man spricht nicht deutsch
doch die mark ist willkommen
Aus: Finck, Adrien/ Weckmann, André/ Winter, Conrad: In dieser Sprache. Neue deutschsprachige Dichtung aus dem Elsass. Hildesheim/ New York 1981, 20-21.
Anregungen für den Unterricht
- Wie greift Finck den elsässischen Goethe-Kult und Goethes Gedichte auf?
Raymond Matzen: Säsene
Raymond Matzen (1922), Schriftsteller und ehemaliger Professor für Dialektologie der Université Marc Bloch, beschäftigte sich immer wieder mit Goethe im Elsass. Noch heute, nach seiner Emeritierung hält er populäre Vorträge über die Literatur- und Sprachgeschichte des Elsass.
Matzen nimmt hier unkritisch den "Sesenheim"-Mythos vom Genie und dem Mädchen aus dem Volk auf und bedient damit zum einen Bedürfnisse der Elsässer nach "regionalem Stolz", zum anderen die Bedürfnisse der Touristen, die hier Originalität und Dichterverehrung findet. In diesem Gedicht kommt besonders klar die Rolle des Elsass als Objekt einer genialen Liebe zum Ausdruck - wie sie sich auch auf dem Grabmal von Friederike Brion fand.
Raymond Matzen: "Säsene" (Sesenheim)
Vil alti Döerfer gibt's
Im schöene Elsassland;
'S gibt awwer numme eins,
Wo wajer fascht d' ganz Welt
Schunn hundertfufzig johr
Uf Karte suecht un kennt
Un allewil noch nennt:
Werum grad "Säsene"?
Wil dort e jungs Genie
E Maidel gern het ghet
Uri Gsetzle angstimmt het,
Wo 's Volik als noch singt,
Un au wil 's arme Herz
Ellein gebluete het
Un trey gebliwwe isch
Oh Lieb bis in de Tod ...
Solang wi 's Dichter noch
Un Maidli, netti, gibt,
Solang wi d' Lieb noch flammt
Und traimt un hilt un hofft,
Blit 's alte "Säsene"
Im grüene stille Ried
Am Wald nitt wit vum Rhin
Fur d' Welt e Wallfahrtsort.
Aus: Matzen, Raymond: Lebende elsässische Mundartdichter und Sänger, Sonderdruck aus "Alemannisch dunkt üs güet" 3/4 (1975), 15.
Anregungen für den Unterricht
- Vergleicht die Texte von Finck und Matzen. Wie wird jeweils mit dem Goethe-Kult im Elsass umgegangen?
Literaturhinweise:
Matzen, Raymond: Goethe, Friederike und Sesenheim. Kehl/Strasbourg/Basel 1985.
Minder, Robert: Leitbilder der deutschen Kultur. In: ders.: Die Entdeckung deutscher Mentalität. Essays. Stuttgart 1992, 358-365.
Autorin: Annette Kliewer
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