Das Essen
Hans-Jürgen Teuteberg und andere haben in ihrem Band zur kulturellen Bedeutung des Essens erörtert, welche Bedeutung das Kulinarische für die Identitätskonstituierung hat - etwa indem sie zeigen, wie sich deutsche und französische Küche im Elsass begegnen. "Wir sind ein Relativitäts-Staat; wenn man die Dinge relativ sieht, dann kann man vergleichen, und dann nimmt man das Beste von beiden Seiten. Das ist sogar im Essen so: französische Qualität und deutsche Portionen." - so nimmt Tomi Ungerer ein elsässisches Bonmot auf.
Literaturhinweise:
Teuteberg, Hans Jürgen/ Neumann, Gerhard/ Wierlacher, Alois (Hrsg.): Essen und kulturelle Identität. Berlin 1997.
Sue Style: Die Küche im Elsass heute
Im Elsaß wird gerne die Geschichte erzählt, daß man einen Reisenden fragte, ob er lieber in Frankreich oder in Deutschland essen würde. "In Deutschland ist das Essen reichlich", antwortete er, "aber nicht gut; in Frankreich ist es gut, aber nicht genug; im Elsaß ist das Essen reichlich und gut!" Französisches Flair mit deutschen Mengen - das Nonplusultra. Im Elsaß kennt man viele Redensarten, die bezeugen, wie wichtig hier Essen und Trinken ist - "Esse un trinke halt Lib un Seel zamme", oder "Asse un nit getrunke isch so viel as gehunke". François Voegeling stellt in seiner Gastronomie Alsacienne trocken fest, daß "der Elsässer Appetit qualitativ etwas über dem nationalen Durchschnitt liegt".
Anders als in anderen Ländern besteht im Elsaß kein markanter Unterschied zwischen Restaurantessen und häuslicher Küche. Viele der traditionellen Hausfrauengerichte (choucroute, Baeckeoffe, gekochtes Rindfleisch mit Salat, Zwiebelkuchen, Matelote, um nur einige zu nennen) findet man ebensogut in einem Wirtshaus im touristischen Riquewihr wie auf dem Tisch der Familie Hugel (auch wenn man sicherlich sagen darf, daß Madame Hugels Version besser sein wird). Der Club Prosper Montagné macht sich sehr um die Erhaltung alter Rezepte verdient, indem er jährlich an Hausfrauen einen Preis für die beste Version einer traditionellen Elsässer Spezialität vergibt. Zu den jüngsten preisgekrönten Rezepten zählen Tourte de la Vallée de Munster, Zwiebelkuchen, Tarte au fromage blanc, Kugelhopf und Pot-au-feu à l'alsacienne.
Auch essen gehen hat im Elsaß eine feste Tradition. Man geht Sonntagmittag zum Essen, oder man nutzt einen speziellen Anlaß wie eine Taufe, eine Erstkommunion, einen "runden" Geburtstag oder Hochzeitstag. Vielleicht geht man manchmal auch "einfach so" zum Essen, um es sich gutgehen zu lassen und die Köchin einmal zu entlasten. Es ist daher verständlich, daß das Elsaß eine der kulinarischsten Gegenden Frankreichs ist, in der es so viele großartige Restaurants gibt, daß sich die Sterne gar nicht alle auf die Karte vorne am Guide Michelin pressen lassen und auf einem Kartenausschnitt dargestellt werden müssen. Es gibt hier nicht nur einige begnadete Küchenchefs - diese haben dank der Fülle und Vielfalt der alten gastronomischen Kultur auch das Glück, Inspirationen aus einer einzigartigen Fülle regionaler Ideen und Einflüsse schöpfen zu können.
Was den interessierten Besucher im Elsaß immer wieder begeistert, ist die Tatsache, daß immer ein Hauch von Elsaß vorhanden bleibt, wie haute die cuisine auch ist: Hopfenschößlinge mit kurz pochierten Eiern (Emilie Jung, le Crocodile, Straßburg), ein mini-Baeckcoffe, aromatisiert mit Trüffeln, der von seinem Ursprung als Waschtagsessen bis zu den Tischen der Auberge de l'Ill eine große Karriere zurückgelegt hat; kleine Preßkopfwürfel auf einem Hügel aus Linsen und Feldsalat, aromatisiert mit einem warmen Meerrettichdressing (Robert und Michel Husser, Le Cerf, Marlenheim), oder Schniederspättle, die Ravioli der Region, mit Froschschenkeln an einer Kerbelsauce (Antoine Westermann, Buerehiesel, Straßburg). Der" beau jardin", den der Sonnenkönig seufzend bewunderte, ist ein Garten, der seinen Küchenchefs noch heute Inspirationen gibt.
Aus: Style, Sue: Typisch Elsaß. Landschaften - Leute - Brauchtum - Rezepte. Cham/ Stuttgart/ Wien 1992, 18-19.
Anregungen für den Unterricht
- Vergleicht die hier genannten Restaurants mit einem Restaurantführer aus dem Elsass.
- Welches Bild von den Elsässern zeichnet die Autorin durch ihre Beschreibung der elsässischen Küche?
- Sucht selbst in Kochbüchern nach den genannten elsässischen Gerichten. Vielleicht könnte ihr ja ein typisch elsässisches Essen kochen.
- Sue Style ist Engländerin. Ist ihre Beschreibung der elsässischen Küche trotzdem allgemeingültig oder erkennt man, dass sie von außen kommt?
- Wie geht die Autorin mit der französischen und der deutschen Sprache um?
Hjalmar Hartenfels: Pfälzer Schlemmer-Brevier
Regionale Kochbücher transportieren immer Klischees über die Menschen der Region - das soll nun auch am pfälzischen Beispiel gezeigt werden.
Hjalmar Hartenfels: Pfälzer Schlemmer-Brevier
Der Gott, der Reben wachsen ließ...
Die Sache ist einleuchtend: Bacchus, der Gott der Reben und aller fröhlichen Zecher war ein Pfälzer. Klarer Fall! Und Lukullus, sein schlemmerhafter Bruder, muß ebenfalls dieses Land gut gekannt haben,
Ja, - woher denn sonst, wenn nicht aus diesem Paradies der Genießer? Dem Land mit seinen fruchtbaren Böden, mit reichen Früchten, mit Wild und Wald, und seinem endlosen Meer von Reben? Wo hätte sich Bacchus wohler gefühlt als im Land der schillernden Vielfalt reifer und vollmundiger Weine? Hier passen doch Land und Leute so herrlich zueinander. Ein Volk von Winzern, Küfern und Kellermeistern. Ein Menschenschlag voll Saft und Kraft, von polterndem Humor und fröhlicher Geselligkeit. Gesegnet mit unbekümmertem Appetit und erheblichem Durst. Nur hierzulande konnten so kernige Sprüche geboren werden wie »ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel«, oder gar »bei uns muß äner schun verdammt viel saufe, bis man von ihm sagt, er trinkt«. Dabei kann es sich doch wirklich nur um Pfälzer handeln, - um das fröhliche Fußvolk dieser sympathischen Götter praller Lebenslust.
Unter uns gesagt, und das werden Sie den alten Pfälzer Winzern nicht ausreden können: In manchen lauen Nächten - so um die Zeit der Rebenblüte - kann man aus dem tiefen Bauch der hochgewölbten Weinberge bisweilen das Echo dröhnenden Lachens, klingender Humpen, satten Schlürfens und das girrende Kichern blutjunger Nymphen hören. Bacchus und Lukullus feiern mit ihrem Gefolge! Daheim - in der Pfalz! Wenn das zu hören ist, weiß man: Ein reicher Herbst steht bevor an guten Weinen und in einer Fülle, dass die Fässer überschwappen.
Aus: Hartenfels, Hjalmar: Pfälzer Schlemmer-Brevier. Von Land und Leuten - Speis und Trank. Neustadt 1983, 14.
Anregungen für den Unterricht
- Zu welcher Einschätzung von Land und Leuten kommt Hartenfels über die Pfälzische Küche? Vergleicht diesen Text mit Gastronomie- und Tourismuswerbungen der Pfalz sowie mit anderen pfälzischen Kochbüchern. Wird dort auch etwas über den Charakter der Pfälzer gesagt?
- Schreibt selbst einen Text, der ein Gericht Eurer Region als Hinweis auf den Charakter ihrer Bewohner darstellt: Was sagen z.B. Dampfnudeln, Saumagen, Flamkuchen oder Sauerkraut über die Menschen aus, die diese Gerichte mögen? Ihr könnt auch typische Regionalgerichte anderer Regionen nehmen.
- Vergleicht das pfälzische Kochbuch mit dem zum Elsass (s.o.). Zu welcher Einschätzung der Elsässer/Pfälzer gelangt man jeweils?
Autorin: Annette Kliewer
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