Elsässische Literatur
Nach einer theoretischen Einführung in die besondere Situation des Elsass, wird im Folgenden die elsässische Literaturgeschichte (ab dem 19. Jahrhundert) zunächst in ihrer Chronologie nachvollzogen, wobei zwischen den "Vätern" (bis 1900) ausgegangen wird, denen relativ junge "Söhne" gegenübergestellt werden. Exemplarisch wird der Schriftsteller Claude Vigée vorgestellt, der in besonderer Weise Heimatverbundenheit und Weltoffenheit in seiner Biographie gelebt hat.
Eine elsässische Literaturgeschichte, die auch bewusst auf den Dialekt zurückgreift, gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Dabei mussten sich die Schriftsteller immer entscheiden zwischen einer Zuordnung zur deutschen oder zur französischen Literatur. Nur wenigen gelingt es, eine Position dazwischen, als VertreterInnen einer Brückenkultur aufrechtzuerhalten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten die elsässische SchriftstellerInnen sich immer mehr von der Position einer klaren politischen Zuordnung zu Frankreich (was nicht ausschloss, dass man sich sprachlich und kulturell als „deutsch” erklärte) zu einer dezidierten Stellungnahme für eine politische wie sprachliche Integration in das Deutsche Reich.
Thema: Elsässische Literatur
Klassenstufe: 11-13
Bezug zu anderen Fächern: Geschichte, Französisch
Karl Friedrich Hartmann: Meinem Elsasse
August Stoeber: Der Wasgau zum Schwarzwald
Adolf Stoeber: Preis der deutschen Sprache
André Weckmann: Wie die Würfel fallen
Claude Vigée - Überkreuz- und Mehrfachidentitäten
Claude Vigée: Schwárzi sengessle flàckere ém wénd. en elsässisches Requiem
Claude Vigée: Bischweiler oder Der große Lebold
Frédéric Hartweg: Das Elsaß: Stein des Anstoßes und Prüfstein der deutsch-französischen Beziehungen
Frédéric Hartweg ist Professor für deutsche Sprache und Zivilisation an der Université Marc Bloch in Straßburg und einer der besten Kenner der deutschen Geschichte in Frankreich.
Frédéric Hartweg: Das Elsaß - Stein des Anstoßes und Prüfstein
Der latente Verdacht, der auf den »Opfern/Komplizen« lastete, sowie die Müdigkeit der Generationen, die seit 1870 viermal die Staatsangehörigkeit gewechselt hatten, ebneten den Weg für die kulturelle Assimilierung. Deutsch, zunächst Feindes-, dann Fremdsprache, später »Sprache des Nachbarn« und sogar »Regionalsprache Frankreichs«, verlor seine soziale Existenz, während die Mundart verkümmerte und ihre Weitergabe in der Familie heute gefährdet ist. Erst spät artikulierten die Elsässer ihr Befremden darüber, dass ihnen das Verleugnen ihrer Sprache als Gradmesser ihres Patriotismus zugemutet wurde nach Art eines ungeschriebenen Pakts, in dem man die stillschweigende Aufgabe regionaler Besonderheiten gegen die Wiedereingliederung in den Nationalmythos eintauscht.
Die 1871, 1918, 1940 und 1945 in Kriegen gegen den »Erbfeind« in besiegten Armeen eingesetzten Elsässer befanden sich jedesmal nach Abschluß des Krieges im Lager der Sieger. Dieses Schicksal kann nur derjenige als glücklich begreifen, der die dadurch erlittenen seelischen Wunden nicht wahrnimmt. Die Logik von Verdrängung und Erzeugung von Schuldgefühl haben an der elsässischen Psyche, die eine Art Hologramm der deutschen und französischen darstellt, schweren Schaden angerichtet, und der Prozeß der sprachverschlingenden und akkulturierenden Normalisierung ist trotz einiger Anzeichen größerer Konvivialität der Sprachen weit fortgeschritten.
Dazu verurteilt, »mit dem (zu leben), was die drei Jahrhunderte deutsch-französischen Neben- und Gegeneinanders zwischen Rhein und Vogesen angeschwemmt haben« (A. Weckmann), sind die Elsässer nun dazu aufgerufen, sich von dem Flitterwerk des ewig unentschlossenen und unzufriedenen »Hans im Schnokeloch« zu befreien, einem Stereotyp, der dem Elsässer von außen her, von zwei Gesellschaften, die Gefangene ihrer eigenen sprachlichen Abgeschlossenheit sind, aufgezwungen wurde, selbst wenn dieser sie seitdem verinnerlicht hat. Da jegliche irredentisitische Versuchung nunmehr beseitigt ist, kein deutscher Anspruch auf das Elsaß mehr besteht und »die Liebe zu Frankreich nicht (mehr notwendigerweise) auf dem Haß der Deutschen« (J. Egen) beruht, können die Elsässer eine Identität fordern, die etwas anderes darstellt als die immerwährende Übersetzung, die darauf hinausläuft, das Original überflüssig zu machen.
Diese Forderung, die das Manifest Identität und Freiheit (1995) als einen Entwurf zur Öffnung und eine Einladung zum Teilen vorstellt, tritt der Unterstellung entgegen, das Elsaß ziehe sich ängstlich und nostalgisch auf sich selbst zurück. Sie verwahrt sich gegen eine unzulässige Verquickung, die darin eine ethnische Abschottung mit Tendenz zu extremistischem Wahlverhalten erkennen will. Vielmehr gründet sie auf einer Zweisprachigkeit, die den Zugang zu den beiden großen europäischen Kulturen ermöglicht, die im Elsaß verwurzelt sind - und welche von Schule und Gebietskörperschaften allmählich mitgetragen wird. Diese neue Identität kann auch, angesichts der europäischen Einigung, das Gefühl des Verlustes des Nationalstaates auffangen helfen.
Aus: Picht, Robert/ Hoffmann-Martinot, Vincent/ Lasserre, René/ Theiner, Peter (Hrsg.): Fremde Freunde. Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert, München/Zürich: Piper 1997, 62-68 (gekürzt)
Anregungen für den Unterricht
- Fasse die wesentlichen Aussagen des Textes von Hartweg in einer Inhaltsangabe zusammen.
- Wie bewertet Hatweg die aktuelle Situation des Elsass?
Die Väter
Zunächst werden die "Väter" dargestellt, d.h. die Schriftsteller, die bis 1900 die Grundlagen für eine elsässische Literatur legten. Dabei wird besonders Bezug genommen auf Texte, die eine Selbstbeschreibung der elsässischen Literatur versuchen
"Große" Elsässer
Paul Schall, der 1927 als Vertreter der Unabhängigen Landespartei (ULP) mehrfach verhaftet wird, wird bei den Komplottprozessen von Colmar 1928 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Trotz zahlreicher Versuche, diese autonomistischen Strömungen historisch annähernd objektiv aufzuarbeiten, ist bis heute nicht klar, inwieweit die elsässischen Autonomisten in den 30er Jahren den Nationalsozialisten zuarbeiteten. Die folgende Auflistung Schalls entspricht dem, was sich auch in anderen Abhandlungen über das Elsass findet: Mit einer Liste von "großen Elsässern" vom Mittelalter bis heute soll eine einheitliche elsässische Identität konstruiert werden.
Große Elsässer
Otfried von Weißenburg
Gottfried von Straßburg
Johannes Tauler
Martin Schongauer
Geiler v. Kaysersberg
Martin Bucer
Jakob Wimpheling
Thomas Murner
Sebastian Brant
Hans Baldung
Jakob Sturm von Sturmeck
Johann Heinrich Lambert
Friedrich Lienhard
René Schickele
Albert Schweitzer
Aus: Schall, Paul: Geschichte des Elsaß in Kurzfassung, Filderstadt-Bernhausen: Gesellschaft der Freunde und Förderer der Erwin von Steinbach-Stiftung o.J. (1978), passim
Anregungen für den Unterricht
- Vor dem Lesen der Liste: Nennt selbst eine Liste von "großen Elsässern".
- Nach dem Lesen der Liste: Stimmt ihr mit der Liste überein?
- Erstellt nun selbst eine Liste von "großen Pfälzern/Württembergern/Badenern", von "großen Deutschen" und von "großen Franzosen". Nach welchen Kriterien wird eure Wahl bestimmt? Unternehmt dann eine Spitzenliste der "Großen" in eurer Klasse wie dies in populärer Form im November 2003 in der Kerner-Show im ZDF durchgespielt wurde. Sucht euch einzelne Personen aus, die ihr vorstellt und verteidigt nach einer selbstgewählten Kriterienliste. (In Kerners Sendung waren diese Kriterien: Mut, Menschlichkeit, Genialität, Weltgeltung und Aktualität.) Gewonnen hat damals als "größter Deutscher" Konrad Adenauer vor Martin Luther und Karl Marx. (An der Online-Umfrage haben sich 3 Millionen BürgerInnen beteiligt.)
- Sucht euch in Gruppen elsässische AutorInnen aus Vergangenheit und Gegenwart, die ihr den anderen vorstellen könnt. Dazu erstellt jede Gruppe ein Plakat, das mindestens Folgendes enthalten sollte: Bild der Autorin/des Autors, Cover eines Buches, Inhaltsangabe, Textausschnitt, Kommentar dazu, weitere Werke, evtl. benutzte Sekundarliteratur.
- Das Plakat wird dann vor einer kleinen Gruppe von Zuhörerinnen und Zuhörern jeweils fünf Minuten vorgestellt. Nach fünf Minuten wechseln die ZuhörerInnen zu einem anderen Plakat und man sucht sich ein neues Publikum für seine Ausführungen.
- Eine Alternative wäre eine Präsentation mit Power-Point-Folien.
Karl Friedrich Hartmann: Meinem Elsasse
Karl Friedrich Hartmann (1788-1864) ist noch ein Vertreter einer Brückenposition: Das Elsass hat zwar eine deutsche Sprache und auch eine deutsche Kultur, politisch aber orientiert man sich an Frankreich, weil hier eine größere Freiheit und Mitspracherecht zugebilligt wird. Diese Position, hervorgegangen aus dem Geist der Französischen Revolution und auch für die Südpfälzern noch lange bedenkenswert, fand sich nur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Karl Friedrich Hartmann: Meinem Elsasse
"Nimm freundlich hin, du Heimatland,
Den Kranz, den freudig ich dir wand
In meinen Feierliedern!
Es ist die Freude süß und rein,
In deinem Schoß erzeugt zu sein
Und Lieb´ dir zu erwidern.
Prang fort in deiner stillen Pracht,
die fremd- und heim´schen Auge lacht
Prang´ fort zur Schöpfung Ehre!
Bleib´, Perle aus dem Altertum,
Verjüngt in deiner Kinder Ruhm,
Dass fort dein Nam´ sich ehre.
Prang´ herrlich fort, mein Alsaland,
Aus Neid das Zwitterland genannt
Allwärts des Rheines Grenzen!
Du bleibst doch, wie dich Gott bestellt;
Und aller Neid der Außenwelt
Macht dich nicht minder glänzen.
Ein Frankenherz und deutsche Sprach´
Sind dem Alsaten keine Schmach,
Wie´s auch der Fremde deute;
Er komm´in unser Zwitterland
Beschau den Schmuck von Berg und Land,
Und´s Aug der Zwitterleute.
Er schau sich um, er schau sich satt,
Bis ausgezürnt und tadelmatt
Die Weisung er gefunden:
Dass, wo der Geist der Freiheit wallt,
Umsonst der Ruf zum Knechtsein schallt;
Was frei, bleibt Frei´m verbunden!”
Drum blühe fort, mein Heimatland,
Du Grenzeschmuck vom großen Land
Der Freiheit und des Mutes!
Sei fort gesegnet, fort geehrt,
Erhalte deiner Kinder Wert
Im Wallen edlen Blutes."
Aus: Borries, Emil von: Deutsche Dichtung im Elsass von 1815 bis 1870. Eine Auswahl, Strassburg: Trübner 1916, 85 f.
Anregungen für den Unterricht
- Was fällt bei Hartmanns "nationalem" Lob des Elsass auf? Was lobt er besonders? Gegen welche Vorwürfe wehrt er sich?
- Vergleicht dieses Gedicht mit folgenden Ausführungen: Der Sprachwissenschaftler Leo Weisgerber beschreibt in Vorteile und Gefahren der Zweisprachigkeit zwar die Vorteile der Zweisprachigkeit, betont aber, dass sie nur für eine kleine Elite für sinnvoll ist: "Für eine große Menge behält es Geltung, dass der Mensch im Grund einsprachig ist. (...) Vor allem aber gehen corruption du language und corruption des moeurs Hand in Hand (...). Das geht von einer Störung der geistigen Entfaltung zu einer Einbuße der Geistesschärfe selbst; geistige Mittelmäßigkeit ist die Folge, erschwert dadurch, dass zugleich die Kräfte des Charakters leiden: man lässt sich gehen, unscharfer, grober, fahrlässiger Sprachgebrauch, das ist gleichbedeutend mit wachsender Trägheit des Geistes und sich lockernder Selbstzucht, einem Abgewöhnen des Drängens nach sprachlicher Vervollkommnung. Die Trübung des sprachlichen Gewissens führt nur zu leicht zum Erschlaffen des Geistes insgesamt." Aus : Weisgerber, Leo: Vorteile und Gefahren der Zweisprachigkeit. In: Wirkendes Wort 16 (1966) 2, 73-89, 73.
- Wie werden heute "Doppelkultur", "Multi-Kulti" oder Mehrsprachigkeit in Deutschland beurteilt? Untersucht dazu Reden und Äußerungen zur Einwanderungsdebatte und zur "deutschen Leitkultur".
August Stoeber: Der Wasgau zum Schwarzwald
August und Adolf Stoeber waren die Söhne des bekannten Elsässer Schrifstellers Daniel Ehrenfried Stoeber. Sie gründeten 1838 die deutsche Zeitschrift Erwinia, deren Ziel es war, nachzuweisen, dass elsässische Kultur nur als Teil der deutschen Kultur wahrgenommen werden kann. Trotzdem ist das folgende Gedicht noch als Ausdruck einer Brückenposition zu deuten. Interessant ist, dass hier nicht Vogesen und Schwarzwald gegenübergestellt werden, sondern eine Diagonale zwischen dem deutschen Wasgau und dem deutschem Schwarzwald angenommen wird.
Dieses Gedicht kann mit dem von Sepp Schirpf "Oberrhein selbdritt" verglichen werden.
August Stoeber: Der Wasgau zum Schwarzwald
Ihr Schwarzwaldberge, wie so nah,
Wie ganz erschlossen liegt ihr da!
Ich seh auf euern lieben Höhn
Die Schlösser alle leuchtend stehn;
Die Pfade seh´ich durch den Wald
Ahn´manche wandelnde Gestalt.
Inmitten rauscht der alte Rhein,
Der sagt: „Ihr müsset Brüder sein!”
Und schau´ich euch ins Auge klar,
So find ich auch die Deutung wahr.
Ihr Menschen zwischen drin im Land,
So reicht euch denn die Bruderhand.”
Aus: Borries, Emil von: Deutsche Dichtung im Elsass von 1815 bis 1870. Eine Auswahl, Strassburg: Trübner 1916, 118
Anregungen für den Unterricht
- Wohin gehört das Elsass? Wie vermittelt Stoeber seine politische Haltung? Mit welchen rhetorischen Mitteln arbeitet er?
Adolf Stoeber: Preis der deutschen Sprache
Augusts Bruder Adolf Stoeber (1810-1892) schlägt nun etwas klarere Töne für Deutschland an: Es geht ihm nicht nur um das Lob der deutschen Sprache und den Beweis dafür, wie lebendig diese im Leben der Elsässer ist, sondern darüber hinausgehend auch um eine politische Einordnung: Das Elsass ist Teil der deutschen Kultur und damit auch verpflichtet, militärisch für Deutschland einzutreten. Das Gedicht endet mit einem missionarischen Aufruf, sich weltweit für die deutsche Sprache einzusetzen ("Weltumfassend sei dein Streben"), es wird nicht ganz klar, ob dies nur im geistigen Sinn gemeint ist oder auch eine militärisch expansionistische Politik für die Verbreitung der deutschen Kultur und Sprache.
Adolf Stoeber: Preis der deutschen Sprache
Muttersprache deutschen Klanges,
O wie hängt mein Sinn an dir!
Des Gebetes und Gesanges
Heil´ge Laute gabst du mir.
Sollt´ich deine Fülle missen,
O mich kränkte der Verlust
Wie ein Kind, das man gerissen
Von der warmen Mutterbrust!
O wie klingt in deinen Tönen
Gottes Wort so voll und reich,
Mächtig wie Posaunendröhnen
Und wie Hirtenflöten weich!
Wie die Orgel mannigfaltig,
Leihst du jedem Geist den Mund,
Tust Prophetenernst gewaltig,
Jüngermilde lieblich kund.
Gilt´s dem edlen Vaterlande,
Seiner Freiheit, seiner Ehr:
Gilt es gegen schnöde Bande
Heil´gen Kampf und tapfre Wehr:
Wie die Schlachttrompete schmettert,
Zürnen deine Laute dann;
Wie ein Schwert, das Blitze wettert,
Dienest du dem freien Mann.
Von der Heimat trauten Räumen
Von des Hauses Lust und Schmerz,
von der Kindheit Rosenträumen
Sprichst du wie ein Mutterherz,
Weiß in farbenhellen Bildern
Und im goldnen Märchenstil
Treu die Kinderwelt zu schildern
Und der Häuslichkeit Asyl.
Des Gemütes tiefsten Saiten
Lock´st du ab den hellen Laut,
Seine zartsten Heimlichkeiten
Hat das Herz dir anvertraut:
Liebesweh und Liebeswonnen,
Sehnsucht und Befriedigung,
Was im Busen sich entsponnen,
Kündet deiner Töne Schwung.
Maienlust und Herbstestrauer,
Alpengrün und Gletscherpracht,
Blütenduft und Windsbrautschauer,
Wiesenglanz und Waldesnacht
Deutest mit geweihten Zeichen
Du, Vertraute der Natur,
Wie Druiden unter Eichen
Lauschten auf des Gottes Spur.
Immer forschend unerschrocken,
Zu gewinnen edlen Fund,
Senkst du deine Taucherglocken
In der Wahrheit tiefsten Grund,
Sammelst an verborgnem Riffe
Einen reichen Perlenkranz:
Aller Wissenschaft Begriffe,
Leuchtend in des Wortes Glanz.
Ja, so weit als die Gedanken
Fliegst du deinen hohen Flug,
Schwebend über engen Schranken
Wie der Wandervögel Zug.
Weltumfassend sei dein Streben
Wie des Himmels blaue Flur,
Reich und rege wie das Leben,
Groß und frei wie die Natur.
Aus: Borries, Emil von: Deutsche Dichtung im Elsass von 1815 bis 1870. Eine Auswahl, Strassburg: Trübner 1916, 167 f.
Anregungen für den Unterricht
- Welche Kommunikationssituationen zählt Stoeber auf?
- Informiert euch über die "Pflege der deutschen Sprache im Ausland" heute. Wer kümmert sich darum? Welche wirtschaftlich-politischen Hintergründe hat diese Arbeit? Vergleicht die Sprach- und Kulturpolitik Deutschlands und Frankreichs heute (z.B. indem ihr die Veröffentlichungen des IFA (Institut für Auslandsbeziehungen) einseht).
Karl Hackenschmidt: Mein Elsaß deutsch!
Karl Hackenschmidt (1839-1915) war Pfarrer, Volksschriftsteller und Vertreter eines deutschgesinnten Elsässertums.
Hier wird die deutsche Muttersprache als Einheitssprache wahrgenommen und die polyglotte Situation im Elsass nur als problematische Übergangssituation skizziert. Westen und Osten finden im Elsass völkertypologisch seine Grenzen, wobei die aufgehende Sonne im Osten der untergehenden im Westen natürlich vorzuziehen sei - auch wenn das mit Opfern verbunden sein muss. Selbstverständlich wird angenommen, dass die deutsche Besatzung nur als Befreiung vom welschen Joch verstanden werden kann, eine Position, die die politische Orientierung der Elsässer verkennt. Gottfried von Straßburg ("Isoldens Dichter") wird schließlich als Beweis dafür angeführt, dass das Elsass immer schon ein deutsches Kulturerbe hatte.
Karl Hackenschmidt: Mein Elsaß deutsch!
Mein Elsass deutsch! Mein Elsass frei!
Mir ist, als träumt ich noch
Ist´s Wahrheit? Ist der Strick entzwei?
Ersprengt das fremde Joch?
Liegt wieder in der Mutter Arm
Der längst verlor´ne Sohn?
Schallt wieder frei, so frisch und warm,
Der Muttersprache Ton?
Hat sich der deutsche Löwenmut
Dem langen Schlaf entrafft?
Ruht wieder die geraubte Brut
Im Schatten seiner Kraft?-
Nun brich mir nicht vor sel´ger Lust,
Mein Herz, mein deutsche Herz!
Nun steige aus befreiter Brust
Mein Danklied, himmelwärts!
Und du, mein Land, mein Heimatland,
Was senkst du trüb den Blick?
Was ballst du eine zorn´ge Hand?
Was fluchst du deinem Glück?
Du zählst die Wunden immerfort, -
Sie heilt der Liebe Macht!
Suchst Frankreichs Stern im Westen dort -
Er sank in blut´ge Nacht.
Nach Osten blick! In Frührotpracht
Geht deine Zukunft auf,
Ersteht dein Blut zu neuer Macht,
Zu neuem Heldenlauf!
Wenn Alles hofft, wenn Alles singt,
Was trauerst du allein? -
Wohlan, wenn nicht dein Mund erklingt,
So red´ und zeug´ der Stein!
Du Münsterturm, so hoch und schön,
Du Strom, der uns umzieht,
Ihr Eichen auf des Wasgaus Höhn,
Auf, werdet Klang und Lied!
O Helden-Vorwelt, Dichterchor,
Steig aus der Gräber Ruh!
Hol frisch dein Saitenspiel hervor,
Isoldens Sänger du!
Es gilt ein Dank aus frommem Trieb
Dem Retter gottgesandt,
Ein Gruß in alt´ und neuer Lieb´
Dem großen Vaterland!
Aus: Borries, Emil von: Deutsche Dichtung im Elsass von 1815 bis 1870. Eine Auswahl, Strassburg: Trübner 1916, 245-246
Anregungen für den Unterricht
- Das Elsass wurde 1871 von den Deutschen besetzt. Wie geht Hackenschmidt mit dieser politischen Situation um. Welche Bedeutung spielt in seinem Text die deutsche Sprache?
- Vergleiche die Entwicklung, die zwischen Hartmann und Hackenschmidt in der elsässischen Literatur stattgefunden hat. Was hat sich verändert?
Die Söhne
Nach den Vätern widmen wir uns nun den Söhnen der elsässischen Literatur.
Roger Siffer: Elsass im Ausverkauf
Roger Siffer gehört noch heute zu den bekanntesten Vertretern der elsässischsprachigen "Liedersänger". Er singt, leitet die "Choucrouterie" in Straßburg, spielt dort elsässisches Kabarett und ist Kulturmanager - u.a. organisiert er das "Festival européen des cultures minoritaires - BABEL". Er gehörte zu der Generation, die im Zuge der 68er Bewegung die Region als Widerstandsraum entdeckte.
Roger: Siffer (Text und Melodie): Elsaß im Ausverkauf
Em Elsass isch güet lawa
Drumm kumme se alli su garn ze uns
D´Schwitzer Lölli und d´Schwowe
Han alles um e sunscht
Refrain: Juche des esch d´modern Kültür
Juche des isch modarni Kültür
Se käufe unsra Schnaps un Win
Versäue verdruele verschmüerle de Rhin (mer äu)
Se käufe unsre Alterdum
Bringe unsri Küeche um
(Refrain)
Se käufe d´Hieser im ganze Tal
Oder bäue Bunker s´esch ne egal
Se bäue Fawrike verbote bi ihne
Un d´Elsässer schaffe drewe
(Refrain)
(...)
D´Bariser sin d´Beschde han d´schènschde Kültür
Bretoner, Elsässer dü besch nür e Bür
D´Bariser Dampfwalz die walzt d´Litt so glatt
Sans Kraft et ohne Gschmack
(Refrain)
Met alle Touriste sin mer so natt
Mer danze un singe un ga´ne noch Spack
(...)
Grossvatter geh nüs mach d´Schlupfkapp uf´s Ohr
Worsch photographiert des kommt noch mol so
Mer merke net as mer langsam krepiere
Un sahn net was mer verliere
D´r Schnawel esch mer elsassisch gewachse
Un so ne Verkäuf kann ich net verdaxe
Mi Harz esch mer elsassisch gewachse
Ihr kenne mi Buckel nuf kratze ...
Aus: "Jean2: Elsass: Kolonie in Europa. Mit einem Vorwort über Occitanien, Korsika, Wales und Jura, Berlin: Wagenbach 1976, 130
Anregungen für den Unterricht
- Welches Bild von den Elsässern, den Deutschen und den Franzosen zeichnet Siffer?
- Siffer spricht neben den Elsässern auch von den Bretonen. Welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede gibt es zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Kennt ihr andere Gruppen in Frankreich oder Deutschland, die eine Minderheitenkultur repräsentieren? Wie wird jeweils sprach- und schulpolitisch auf sie eingegangen? Arbeitet mit dem Französischunterricht zusammen.
- In welchen literaturhistorischen, in welchen politischen Zusammenhang ist dieses Lied zu stellen?
- Informiert euch über die Rolle Siffers in der heutigen elsässischen Kulturpolitik.
André Weckmann: Wie die Würfel fallen
In seinem Roman Wie die Würfel fallen (1986) stellt André Weckmann die grenzübergreifende Protestbewegung in Südbaden und Südelsass in den 70er Jahren dar. Dabei nimmt er einerseits die Rolle der Deutschen und Franzosen ironisch auf, sieht andererseits auch selbstkritisch die Selbststilisierung der elsässischen Protestbewegung. Ort des Geschehens ist der alte Bauernhof des Bauern Brechenmachers in dem fiktiven elsässischen Ort Ixheim, der nun zum "Centre Culturel" umgewandelt werden soll. In der Person des Heribert Krahn stellt Weckmann sich selbst kritisch dar. Wie die Würfel fallen
Anregungen für den Unterricht
- In welchem Ton spricht Weckmann über die Ereignisse im "revolutionären Ixheim"? Wen/Was kritisiert er?
- Weckmann zeichnet ein Bild der Protestbewegung im Elsass der 70er Jahre. Wie stellt er dabei die Elsässer, die Deutschen und die Franzosen dar? Untersucht die Stereotypen im Text. In seinem Minorités et régionalismes. L´Europe fédérale des régions: enquête sur le plan allemand qui va bouleverser l´Europe( 2002) wirft der Pariser Wissenschaftler Pierre Hillard den Deutschen vor, sie wollten regionalistische Strömungen in ganz Europa nur für ihre eigenen expansionistischen Interessen ausnutzen, die sie schon immer gehegt hätten: "Deutschland hat den anderen seine politische Philosphie, d.h. den Föderalismus und seine ethno-kulturelle Sicht auferlegen können, die in der Charta zu den Regional- bzw. Minderheitensprachen sowie in dem Rahmenerlass für den Schutz der Minderheiten auf den Punkt gebracht wurde. Diese Maßnahmen verurteilen den Nationalstaat zum Tode. (...) Aber wenn nichts diesen Prozess unterbricht, wird unerbittlich alles auf die Landkarte eines föderalen Europas der Regionen hinauslaufen, ähnlich der, die die Waffen-SS anstrebte, die selbst nur der xte Anlauf Deutschlands auf einem Weg war, der schon zur Zeit der Ottonen oder der Hohenstaufen angegangen wurde oder der im 19. Jahrhundert bzw. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewählt wurde." (Hillard 2002, 299 f., Übertragung A.K.)
- Vergleicht diesen Text mit den Auszügen von Weckmann und von Siffer (und evtl. mit Graff Sek II: 4.2.3.) Wie werden hier die Deutschen dargestellt? Tauscht euch mit euren elsässischen AustauschpartnerInnen aus. Würden sie der pessimistischen Sicht zustimmen?
- Kürzt Weckmanns Text auf ein Drittel zusammen. Was ist euch jeweils wichtig? Vergleicht.
Überkreuz- und Mehrfachidentitäten: Das Beispiel Claude Vigée
Claude Vigée wurde 1921 als Claude Strauss im niederelsässischen Bischwiller als Sohn einer alten jüdischen Familie geboren. Er sprach zunächst elsässischen Dialekt und lernte von seinem Seebacher Großvater das "judéo-alsacien", einen speziellen Dialekt, der heute ausgestorben ist. Er beschreibt seine Identität folgendermaßen: "Je suis Juif alsacien, donc doublement Juif et doublement Alsacien." Die Beziehung zwischen beidem lag ihm Zeit seines Lebens am Herzen. Da ihm in der Schule der Dialekt ausgetrieben werden sollte, brauchte er später lange, sich wieder eine Sprache anzueignen, die er als adäquat für sich sieht. Vigée floh 1940 vor den Nationalsozialisten in den französischen Südwesten, wo er an der „Armée juive”, einer jüdischen Widerstandsbewegung teilnahm. Jetzt nannte Vigée sich um - nach dem biblischen „Vie j´ai”. Er musste in die USA fliehen, wo er bis 1959 an der Ohio State University französische Literatur lehrte. 43 Mitglieder seiner Familien wurden in Konzentrationslagern ermordet. Das Gefühl, "Überlebender" zu sein, wird Vigées Leben weiter bestimmen. Er heiratete seine elsässische Kusine, suchte weiter nach einer Heimat und wanderte 1960 als Professor an die hebräische Universität nach Jerusalem aus. Er lebt heute in Jerusalem, in Paris und im Elsass.
Seine wichtigsten Werke sind Heimat des Hauches (1985) mit zweisprachigen Gedichten und Gesprächen, die Großgedichte Schwàrzi sengessle flàckere ém wénd/ Les orties noires flambent dans le vent (1988) und Wéndôwefîr/ Le feu d´une nuit d´hiver (1989), der autobiographische Bericht Leben in Jerusalem (1990), die Lyrikauswahl Soufflenheim (1996) sowie die zweibändige Autobiographie Bischweiler oder der große Lebold (frz. 1994-1995, dt. 1998). Vigée erhielt für sein Werk den schweizerischen "Jakob-Burkhardt-Preis" 1979, den "Hebel-Preis" 1984, den "Würth-Preis für europäische Literatur" 2002 und den "Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis" 2003.
Claude Vigée: Schwárzi sengessle flàckere ém wénd. en elsässisches Requiem
Claude Vigée hat das Gedicht von mehr als 700 Versen 1982 während des Krieges in Israel geschrieben. Es erschien 1983 in der Revue alsacienne de littérature und 1984 mit französischer Übertragung bei Flammarion. Vigée schreibt über die Entstehung des Gedichts, er sei schon lange von dem Gedanken getrieben worden, etwas über das Schicksal der Juden des Elsass seiner Generation zu schreiben. Dies habe er aber sein ganzes Leben nicht wirklich umsetzen können, weil seine inneren Ängste, sich mit dem Thema zu beschäftigen, zu groß gewesen seien. Erst die israelische Kriegssituation konfrontiert ihn mit neuen Erfahrungen von Gewalt und Sterben, und bringt ihn zum Schreiben des Gedichts:
"J´ai sorti de moi ainsi ce texte d´une violence baroque, bouffonne et funèbre, Schwàrzi sengessle flàckere ém wénd. Les orties noires flambent dans le vent". En français, évidemment, cela fait plus stylisé, mais en dialecte, c´est la chose-même, ces orties, le mal qui brûle..." (Vigée nach Finck 1990, 47)
Im Folgenden wird der Anfang und das Ende des Gedichts abgedruckt.
Claude Vigée: Schwàrzi sengessle flàckere ém wénd - en elsässisches Requiem
Mànichmool glaawi, 's hängt mr noch
ebbs ém ohr
vun denne germurmelde werter,
wu längscht vergesseni stémme friher
ganz lîsli henn gsààt:
so rieselt dr làndraaje em spootjohr
geduldi durich dérri bletter,
àm ràndd vum gröje laubwàld,
wu 's Rootbächel rüscht,
miseleschtéll wie soot,
gànz tief dort drunte
ém schwàrze sengessel-pfààd. (...)
Ehr kénder én dr bischwiller
bubbeleschüel,
vun hitt àb villicht
brüche n´r éich némmi schämme,
wenn´r dumm un frech uff dr stroos
geje àlle ànstànd
zegààr vur de bessere litt
unter éich geläjentli
gràd vun dr läwwer wegg
e béssel elsässisch bàbble.
Weil pletzli de puls vum junge läwe
üs éjere hälsle neruff-gschwellt isch,
wie so e groosi well ém schwàrze wàmbe vum meer,
derfe´ner villicht hitt schun
erüskriche un blerre
un jukse un dànze un làche,
wenn´er éisch so gànz verstoole
vum tiefschte oodem här e lànger schnüfer hoole.
Jetz dröje n´éhr wédder emool
mét éjere ajeni werter singe -
die wu vum düschtere blüetstroom
dort drunte ém herzgrund heimlich begràwe
wie flammroodi kérschbaim ém april üsschlààwe,
dann schwälwele-fréi züem herrgott sim obs-gàarde
himmelhooch ém gedicht nuff schwinge
un stéll én de blüescht vum sterne-hell verklinge.
Jérüsalem ém Kriechsummer 1982
Aus: Finck, Angèle: Aspects de la littérature bilingue en Alsace (Cahier No 7 Langue et Culture Régionales). Strasbourg CNDP 1985, 22-23
Anregungen für den Unterricht
- Vigée hat dieses Gedicht 1982 mitten im Krieg im Jerusalem geschrieben und greift damit die von ihm aktuell erlebten Gewalterfahrungen in Israel wie die Gewalterfahrungen seiner Kindheit im Elsass auf. Zeigt dies an dem vorliegenden Ausschnitt: Wo geht es hier um Gewalt? Was hat die jüdische Identität mit der elsässischen Sprache gemeinsam?
- Welche Rolle spielt die Natur in diesem Gedicht? Erklärt den Titel.
- Informiert euch über Claude Vigées Leben. Inwieweit ist es typisch für Menschen seines Alters und seiner Herkunft, inwieweit nicht?
Claude Vigée: Bischweiler oder Der große Lebold
Vigée greift in seiner zweibändigen Autobiographie weit zurück in der Familiengeschichte und gibt damit auch einen Überblick über die Geschichte der Juden im Elsass. Hier haben bis 1945 auch außerhalb von Straßburg große jüdische Gemeinden gelebt, die von der elsässischen Bevölkerung ziemlich gut integriert wurden (vgl. den Text von Asall s. u.).
Die dargestellte Situation bigotter Verlogenheit könnte ebenso übertragen werden auf christliche Alltagsreligiosität, ist aber typischer Bestandteil der jüdischen Witze, die immer wieder um die Versuche der Juden kreisen, ihre Gebote zu umgehen, wobei sie sie gleichzeitig durch diese immerwährende Thematisierung hochhalten.
Claude Vigée: Bischweiler oder Der große Lebold (1998)
An einem Sommertag, lange vor dem Krieg von 1914, beschlossen meine Großmutter Coralie, ihr Mann Jules und ihre Tochter Thérèse auf einem Spaziergang durch die Wälder von Gries und Marienthal, am Waldrand im Grünen zu essen, im blühenden Gastgarten der Unterhütte. Sie bestellten ein herzhaftes Gericht mit gekochtem Schinken und Schnittlauchquark. Also eine doppelte und überaus schwerwiegende Übertretung der mosaischen Vorschrift, die sowohl den Verzehr von Schweinefleisch als auch die unreine Mischung von Fleisch- und Milchgerichten verbietet.
Wie sie da sitzen und Früchte ihrer Sünde genießen, kreuzt ein Trupp ultrafrommer Hagenauer Juden auf, nahe Verwandte der Familie, in Begleitung etlicher Honoratioren ihrer großen israelitischen Gemeinde. Coralie, über den allzu sichtbaren Anblick der rosa Schinkenscheiben auf ihrem Teller beschämt, wirft schnell eine Leinenserviette mit rot gesticktem Rand darüber, um sie neugierigen Blicken zu entziehen, bis sich die frumme Hawenauer aus dem Wirtsgarten in die Gaststube verzogen haben, wo man kühler bei seinem braunen Bier sitzt, das frisch vom Eichenfaß gezapft wird.
Bald geht das Roggenbrot auf dem Tisch meiner Großeltern aus, und meine Tante Thérèse, damals noch ein junges Mädchen, wird von ihrer Mutter ins Haus geschickt, um ein Viertel Weißbrot zu holen. Thérèse entdeckt in einem dunklen Winkel des Schankraums unsere frommen Nachbarn und Glaubensbrüder gemütlich vereint um eine Platte mit rohem Schinken und dazu noch ordentlich fettem Räucherspeck. Als sie ihrer Fanilie, die einsam im Garten tafelt, erzählt, was sie eben gesehen hat, ist die Wut meiner Großmutter Coralie groß. Haben doch die Hagenauer Tartuffes sie erst in Verlegenheit gebracht und dann noch hereingelegt. »Esoo e Jesu Jiddeband«, so eine Bande jüdischer Jesuiten, ruft sie und verschluckt sich am letzten Bissen Schinken.
Aus: Vigée, Claude: Bischweiler oder Der große Lebold. Jüdische Komödie. 2 Bde. Berlin: Das Arsenal 1998. Zweites Buch 122 f.
Anregungen für den Unterricht
- Vergleiche die Struktur der Geschichte mit den typischen jüdischen Witzen (etwa bei Salcia Landmann)
- Befragt eure Großeltern oder andere ältere Personen über die religiösen Gebote in ihrer Kindheit. Welche Einstellung hatte man früher zu anderen Konfessionen oder Religionen in ihrem Dorf/ ihrer Stadt? Gerade in der Südpfalz gab es lange Zeit rein katholische und rein evangelische Dörfer. Welche Auswirkungen hatte das? (Beziehe dazu einen älteren Text ein, etwa den Roman Das Nonnensusel (1886) von August Becker ein, wo religiöse Regeln der Zeit gut beschrieben werden.)
- Schreibt eine ähnlich strukturierte Geschichte zur Übertretung eines christlichen Gebotes. Achtung, behaltet den historischen Zeitpunkt des Dargestellten bei, schreibt also z.B. etwas über „Steinfeld, im Jahre 1900”.
Claude Vigée: Abbrill in Amerika
Vigée hat 20 Jahre in den USA gelebt, wohin er vor dem NS-Terror geflohen war. Dort schrieb er auch elsässische Gedichte. Das folgende ist in "Du bec à l´oreille" (1977) zum ersten Mal erschienen.
Claude Vigée: Abbrill in Amerika
'S Kend schlooft im Hiesele vun grien-wiss Fichteholz.
Uff sinere Fürschtang in dr Schwarzwaldühr
Blüet´ d´Naacht-lang d´Sunn üss biss züem Morjerot.
'S Boston-Ziggel plifft schun durich d´ Voorordschafte, lm Berjepferich lejt e Hoerd vun Bérike Sini Oohre nidder under de Fungelschloosse.
'S Schniffele halwer offe, en Ellebôje underem Gnigg,
Schlooft´s Kénd un fillt´s ganz Hüss mit sinem Schnüüfe.
Manichmool gracht e Wand wenn d´Yipsschicht irjets brecht
Un dr Meerwind drowwe rumbelt bletzlich zwische de Balike.
Drüss schteht jetz d´Erd in Blüescht under de breide Schderne,
Aus: Finck; Adrien: Lire Claude Vigée. Strasbourg CRDP 1990, 21
- Zeigt an diesem Gedicht die Situation eines Emigranten. Wie geht er mit seiner neuen "Heimat" um? Wieso schreibt er im elsässischen Dialekt?
Claude Vigée: Leben in Jerusalem
In seiner Rede zur Verleihung des Hebel-Preises sagt Vigée 1984 zu seinem Leben in Jerusalem:
Claude Vigée: Leben in Jerusalem
Israel - wenn man ruhig, spießbürgerlich leben will, dann soll man nur nicht dorthin ziehen. In den 24 Jahren, die ich dort mit meiner Familie verbracht habe, gab es vier Kriege, und der nächste kann irgendwann in jedem Moment ausbrechen. So ist es dort. Das jüdische Schicksal ist kein einfaches, angenehmes Weitergehen, es war nie eines. Jude-Sein in dieser Welt, seit dem Anfang, heißt potentieller Kriegszustand. Persönlich und kollektiv. Und so ist das auch in der Bibel zu begreifen. Als Gottes Ruf an Abraham ergeht, ganz am Anfang, was sagt er ihm? «Reiße Dich weg», «lech lecha», gehe weg von Deines Vaters Haus, von Deiner Heimat und von Deiner Heimatstadt, reiße Dich weg und gehe wohin? In das Unbekannte. Werfe Dich in den endlosen Krieg der Zukunft, damit einmal der wahren Ben-Adam, der Menschensohn sein wird, aus dem tierischen Adam aus roter, blutiger Erde.
Exil und Rückkehr bleiben immer miteinander verbunden. Eine dialektische Einheit, die sich nur in der Spannung verwirklicht. Und so habe ich auch mein Leben in Israel verstanden. Das Leben hat etwas Erfreuliches in der Mitte der Angst; im Kern der Besorgnis, der Bedrohung und der Unsicherheit flammt Hoffnung. Freudige Unsicherheit gibt, wie Salz dem Brot, wie Tanz und Traum dem Alltagsleben, dem heutigen Dasein seinen unersetzbaren Reiz. Und das ist auch wieder tief altjüdisch empfunden. Es ist gerade das Unsichere, das Gefährliche, das Unmögliche des irdischen Tuns, der Zweifel am menschlichen Streben, was dem Leben seinen Preis und seine Einmaligkeit gibt. So lebt man das Einzige, das Unersetzbare in einem ewigen Jetzt, das morgen verschwinden kann. Und so stößt man mit dem Kopf gegen die Berge, man wandert weiter durch alle Zeiten, man geht vielleicht doch einmal die starre Felsenwand hindurch.
Aus: Finck, Adrien: Lire Claude Vigée. Strasbourg CRDP 1990, 26.
Anregungen für den Unterricht
- Welchen Grund hat Vigée, weiter in Jerusalem leben zu bleiben?
- Diese Rede wurde zur Verleihung des Hebel-Preises gehalten. Gibt es Bezüge von der Rede zu diesem Preis?
- Vergleiche diesen Text mit anderen zum Thema "Heimat".
Literaturhinweise:
Bach. Bernard: Bibliographie der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur im Elsass. Frankfurt/Main/ Bern/ New York: Lang 1992.
Bach, Bernard: Entre peur et révolte: la littérature d´expression allemande en Alsace (1945-1980). Frankfurt/Main/ Berlin u.a.: Lang 1995.
Finck, Adrien (Hrsg.): Nachrichten aus dem Elsass, Deutschsprachige Literatur in Frankreich. Hildesheim/ New York: Olms 1977 (= Nachrichten aus dem Elsass 1).
Finck, Adrien (Hrsg.): Nachrichten aus dem Elsass, Deutschsprachige Literatur in Frankreich 2. Mundart und Protest. Hildesheim/ New York: Olms 1978 (= Nachrichten aus dem Elsass 2).
Finck, Adrien (Hrsg.): Neue Nachrichten aus dem Elsass, Deutschsprachige Literatur in Frankreich. Hildesheim/ New York: Olms 1985 (= Nachrichten aus dem Elsass 5).
Finck, Adrien (Hrsg.): Littérature alsacienne XXe siècle. Elsässische Literatur 20.Jahrhundert. Strasbourg: Editions SALDE 1990.
Finck, Adrien: Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Elsaß. Hildesheim: Olms 1987.
Wackenheim, Auguste: La littérature dialectale alsacienne. D´une guerre à l´autre. Paris: Prat Editions (Bd. 4) 1999.
Wackenheim, Auguste: La littérature dialectale alsacienne. L´âge d´ôr du XIX e siècle, la fin de l´empire, la restauration, le second empire. Paris: Prat Editions (Bd. 2) 1994.
Wackenheim, Auguste: La littérature dialectale alsacienne. La période allemande. Paris: Prat Editions (Bd. 3) 1997.
Wackenheim, Auguste: La littérature dialectale alsacienne. Une anthologie illustrée. Paris: Prat Editions (Bd. 1) 1993.
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<i>Autorin: Annette Kliewer</i>






