Elsässische Literaturgeschichte
Thema: Marie Hart
Klassenstufe: 8-10
Bezug zu anderen Fächern: Geschichte, Französisch
Marie Hart: D'r französch Himmel
Marie Hart: D'Cartes d'identité un d'commissions de triage
Marie Hart
Marie Hart wurde 1856 als Marie Hartmann im nordelsässischen Buchsweiler als Tochter eines Apothekers geboren. Sie macht 1874 das französische Lehrerinnenexamen und arbeitet zunächst in einem Mädchenpensionat in Dresden. Während dieser Zeit schreibt sie erste Kurzgeschichten in französischer Sprache. Gegen den Widerstand der Eltern - der Vater war guter französischer Patriot - heiratet sie 1882 den württembergischen Offizier Alfred Kurr und zieht mit ihm zunächst nach Vorarlberg. Die Ehe scheint schwierig zu sein, Kurr geht vor allem der Jagd nach oder stellt sich krank und überlässt die Arbeit Marie, die nun beginnt, unter dem Pseudonym Marie Hart Kindheitserinnerungen in elsässischer Sprache zu verfassen und auch zu veröffentlichen. Das Ehepaar kehrt 1908 nach Buchsweiler zurück, wo Marie eine Schülerpension eröffnet, um finanziell zu überleben. Im Ersten Weltkrieg wird die Stimmung im Elsass zunehmend deutschfeindlich, nach 1918 werden erstmals "lois raciales" erlassen, die die Bevölkerung je nach Blutszugehörigkeit in Gruppen von A bis D einteilt - von den "reinen Franzosen" bis zu den "reinen Deutschen". Alfred Kurr muss als "D-Gruppenangehöriger" das Elsass verlassen. Das Ehepaar lebt danach in Bad Liebenzell.
Jean-Philippe Ziegler und Raymond Piela, zwei Verteidiger elsässischer Kultur aus dem Nordelsass haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Schriftstellerin Marie Hart wieder bekannt zu machen. Dazu haben sie ab dem Jahr 2001 einige ihrer wichtigsten Werke neu aufgelegt. Marie Hart ist eine der wenigen, die im Dialekt nicht nur Gedichte, sondern auch Prosa geschrieben hat, vor allem folgende Romane:
- Marie Hart: Erinnerungsland, Stuttgart: Greiner & Pfeiffer 1930
- Ues minre alte Heimat, Berlin: Bernard und Graefe 1930
- D´r Merkling un sini Dechter, Berlin: Bernard& Graefe 1913 (neu: 2002)
- Üs unserer Franzosezit. Stuttgart: Greiner & Pfeiffer 1921
- D´r Hahn im Korb. Stuttgart : Greiner & Pfeiffer 1917
Texte im elsässischen Dialekt stellen für fränkische und baden-württembergische Dialektsprecher/innen beim Durchlesen eigentlich kein Verständnisproblem dar. Ich möchte aber betonen, dass selbst das Vorlesen dieser Texte zu einem unbeholfenen Gestammel bei denen werden muss, die den Dialekt nicht beherrschen.
Marie Hart: D´r französch Himmel
In der folgenden parodistischen Allegorie macht sich Hart über den französischen Nationalismus lustig. Schließlich wird ein Ausflug zur Hölle organisiert, wo Madame Gschwind ihren Großvater, einen Deutschen, braten sieht. Als sie versucht ihn zu retten, wird auch sie als "boche" erkannt und soll auf den Rost geworfen werden. Mit diesem Alptraum erwacht sie aus ihrem Nickerchen und schwört sich, ihr Enkelkind so zu erziehen, dass es an einen Himmel für alle glaubt.
Marie Hart: Dr französch Himmel
Bei einer Kindstaufe hat Elsässerin Madame Gschwind ein bisschen zu viel Champagner getrunken, jetzt träumt sie vom "Siebten Himmel", der nur für die Franzosen reserviert ist.
Vun witem schun sieht s-n-e goldiges Tor glänze, do drüwer steht zu lese:
Septième Ciel!
Ciel Français!
Vor´m Tor stehn schun e paar Lit, die klopfe ganz heimlich und angschtlich an. Do komm d´r Petrüs herüs, e würdiger Greis im e lange, wiße Mantel, ganz wie m´r sich n'e vorstellt; nuer anstatt e Heljeschieen heter er uf em Kopf e Poilu-Käppel.
"Que désirez-vous?" fräujt er höflich.
En alter Herr antwort uf hochditsch:
"Wir möchten gern in den Himmel hinein!"
D´r Petrüs kann alli Sprooche un saat jetz ewefalls uf hochditsch:
"Was! Ihr wollt ihn den Himmel hinein?! Ihr seid doch Deutsch!"
"Ja, wir sind aus Frankfurt."
"So! da scheert euch nur fort! Für euch gibt es keinen Himmel mehr! Marsch, fort mit euch zum Teufel in die Hölle!"
Betrüebt zeije die ab; ner d´Madamm G´schwind bliet stehn. D´r Petrüs fahrt se-n-an:
"Machen sie, dass sie fortkommen, Madam! Sie gehören auch zu den andern."
"Nein, nein!" rueft d´Madamm G´schwind im erschte Schrecke uf hochditsch, "ich bin keine Deutsche."
"Was! Auf hundert Schritt sieht man Ihnen die Deutsche an!"
"Mais je suis Française!" versichert d´Madamm G´schwind in großer Angscht.
"Nee, Madamchen, das glaub ich Ihnen nicht! An Ihrem accent hört man zu gut, dass sie eine Deutsche sind! Packen Sie sich auf der Stelle!"
"Ach, liewer Herr Petrüs, ich bin ju en Elsässere!" bringt d´Madam G´schwind zue ihrem Glück noch herüs, un d´r Petrüs horcht un saat in d´r nämliche Sprooch wie sie: "Ah! En Elsässere sind Ihr! Zeijen e mol eieri Kart."
Mit zittrige Finger holt se se-n-üs ihrem Säckerl herüs. "Potz Blitz!" rueft d´r Petrüs, "Sie hin ju en A-Kart! Do därfe se glich herin; pardon, dass ich Se hab warte lon! Un höre Se, Madam, wenn ich Ihne e Rot genn därf, sueche Se sich e b´scheides, verstecktes Plätzel herüs; d´Franzose sehn ´s nit gere, wenn d´Elsässer sich vordränge!"(...)
Madame Gschwind darf hinein, sie trifft Madame Demueth und die versteckt sich mit ihr hinter dem Harmonium.
Während daß se do sitze, hupfen nackigi Engele in d´r Luft herum mit goldige Flüjel un trikolore Badhössele. D´Sainte Cécile het d´fouragère um d´Achsle und spielt d´Sambre et Meuse. D´r Erzengel Gabriel süüst als v´rbei un leujt nooch d´r Ordnung. Üwer si´m lange wallende Gewand het er e trikolori écharpe. (...) D´r ganz Himmel wimmelt vun französchen Engel mit trikolore cocardes uf ihre wiße Gewänder. Sie schwewe langsam un würdig uf un ab un singe d´marseillaise."Muen die in alli Eweigkeit d´marseillaise singe?" fräujt d´Madamm G´schwind.
"Ich weiß nit", saat d´Madamm Demueth; "Ich wot´s né nit wünsche." (...)
Alle Himmelsbewohner machen einen Spaziergang zur Hölle, wo die Deutschen gebraten werden.
Langsam gehen d´französchen Engel do uf un ab.
"C´est bient fait!" ruefe se; "ils n´ont que ce qu´ils méritent! Oh, la la! Voyez ce gros, comme il saute!" Un´s isch ein Gelächter.
D´r Madamm G´schwind steht d´Hoor ze Berri.
"Dies isch ju furichbar!" saat se.
"Ja," sifzst d´Madamm Demueth, "un wann ich dran denk, minere Mammen ihri jüngscht Schweschter het doch au e Ditsche g´hierot! ´s sin gewiß noch Verwandti vun mir in dere Höll!"
Uf einmol krischt d´madamm G´schwind ganz lüt:
"Do isch ju miner Großbabbe!"
Ihr Großvater isch nämlich als Schwarzwälder "Uhremacher" in ´s Elsaß kumme un isch e Schwoob gebliewe bis zue si´m Tod."
Aus: Marie Hart: Elsässische Erzählungen. Berlin/Leipzig 1922, 147- 154, 150-153.
Anregungen für den Unterricht
- Wie geht die Geschichte weiter?
- Übertragt sie auf die heutige Zeit. Welche zwei Gruppen würden sich heute gegenüberstehen?
- Welche Tatsachen aus der Realität kritisiert Hart, welche Mittel benutzt sie dazu?
- Die Geschichte kann auch in ein Theaterstück oder noch besser in ein Hörspiel umgeschrieben werden. Bezieht dabei Eure französischen AustauschpartnerInnen für die elsässischen Stellen mit ein oder schreibt das Stück für einen anderen Dialekt um. Für die französischen Stellen arbeitet Ihr am besten mit Eurem Französischlehrer/Eurer Französischlehrerin.
- Möglich ist auch die Umsetzung als Comic.
Marie Hart: D' Cartes d´identité un d´commissions de triage
Marie Hart hat selbst unter den 1918 eingeführten Rassengesetzen der Franzosen leiden müssen, weil ihr Mann das Elsass verlassen musste. Sie übertreibt in ihrer Darstellung der Prinzipien dieser Rassenauslese nur wenig:
Marie Hart: D' Cartes d´identité un d´commissions de triage
Im Dezember kommt e Verordnung herüs, dass d´ganz Bevölkerung von Elsass-Lothringe in vier Klasse geteilt word. 'S därf kener meh herumlaufe, wie nit wie e Hammel mit' me Bue'stawe gezeicht isch.
1tes Carte A - reini Elsässer, wie nur keltisch Bluet in den Odere han.
2tes Carte B - Mischling, verhassti Prodükt üs eren unnatierliche Hieroot zwischen 'men Elsässer un ere Ditsche, oder e me Ditschen un eren Elsässere.
3tes Carte C - Neutrali.
4tes Carte D - Ditschi, Schwoowe ! Boches !! Enfin, dr Oswurf von d'r Menschheit!
Dies sin d'cartes d'identité.
Aus: Hart, Marie: Üs unserer Franzosezit. Stuttgart 1921,73f.
Anregungen für den Unterricht
- Zeigt, wie zweifelhaft solche Ausleseverfahren sind: Nehmt eine Auslese innerhalb Eurer Klasse vor, dabei könnt Ihr ruhig übertreiben, indem Ihr das Verfahren so spielt, als handele es sich um einen Rindermarkt: Wer ist "reinrassiger Pfälzer"? Wer ist "Mischling", hat Blut von außerhalb in den Adern? Wer ist "neutral" - d. h. von außerhalb von Deutschland kommend? Wer gehört als nur hochdeutsch Sprechender "zum Oswurf von d´r Menschheit"?
- Untersucht (im Internet, in Lexika, Geschichtsbüchern,...) in welchen Ländern und zu welchen Zeiten es ähnlich bizarre Auswahlverfahren gegeben habt, die man unter dem Stichwort "Rassismus" zusammenfassen kann.
Marie Hart: Us unsere Franzosezit
Marie Hart folgt 1919 nach endlosen Papierkriegen, Kontrollen und Demütigungen ihrem Mann in den Schwarzwald. Dort schreibt sie Üs unsere Franzosezit, wo sie diese Erfahrungen verarbeitet - aus ihrer Verletzung heraus mit viel Zorn und gehässiger Bitterkeit gegenüber den Franzosen und den elsässischen Franzosenfreunden. Autobiographisch wird die Ausreise der Hartmannschwestern nachgezeichnet.
Welche Wunden die Ausweisungen bei den Reichdeutschen hinterließ, die das Land ihrer Kindheit verlassen mussten, zeigt neben dem Schicksal von Marie Hart das Gedicht "Strassburg" von Hans Mensler. Hier werden die Triumphgefühle beschrieben, die ein Ausgestoßener empfand, als 1941 Straßburg wieder deutsch wurde.
Marie Hart: Us unsere Franzosezit
Un verzählt, d´r jung Stoffel isch dort g´sin un het e so arig üwer d´Ditsche g´scholte.
"Weler Stoffel?"
"Ei der, wie Offezier isch, un grad von Dünaburg zerückkomenn isch "
"Was? Der isch jo fanatisch ditsch!"
"Jetz nimmi! ´s isch ´m gange wie em alte Gruwer; üwer Naacht het er entdeckt, dass er e gueter Franzos isch. Es laufe viel so herum hie, un je ditscher se gewenn sin, deschte lüter bruelle se jetzt: ich bin e Franzos! un denke nit, daß anderi Lit au e Gedächtnis han. Wie d´r Stoffel im Bazar so üwer d´Ditsche gedewwert het, haw´ich lache muen, denn ich hab´n´e vor m´r g´sehn in ditscher Üniform, wie er de schneidige Leutnant g´spielt het. Dies het er g´sehn un het e Wuet kriejt, un mich angekrische: 'Ihr muen au nüs, un dini Tanten au!'
"Do he d´Lademamsell g´sait: Dies isch awer doch üwertriewe Dings, Herr Stoffel! D´Mamselle Redslob sin doch Elsässere!'
'Dies isch ganz einfach! Sie hin ken Fahne nüsg´hängt; sie sind ditsch g´sinnt, un en Elsässer, wie ditsch g´sinnt isch, isch noch ärjer als e Ditscher!'(...)
Dies comité de patriotes, wie e paar meh oder wenjer ehrefeschti Burjer von Bummernäh gegründ´t hin, het üwerhaupt e sejesreichi Wirkung. D´erscht Resolütion, wie s-n-anmme, isch, em Poincarré, au nom de la ville de Bümmernai, e Hudligungsdépêche ze schicke. Nienenienzig Hundertschel von den Inwohner von "Bümmernai" hin awer nix d´rvon gewißt. D´zweit Resolütion isch, dass jedes Mitglied es als patriotischi Pflicht ansehn mueß, alli Ditschi, wie sich mißliewig gemacht hin, der französche Rejierung zu denunziere. D´Wenzel het auch schon de Hambacher denunziert, denn der macht ´m schon lang en elendi Konkürrenz.
Jetz isch d´schön Zit wiriklich do: Wenn einer eim im Wej isch, brücht m´r nuer uf Zawere fahre un n´en als boche angenn, noo isch m´r n´e los. Wenn awer d´bessere Lit so e schöni Zit hin, will´s gemeine Volik au sini Meßti. E Stücker drissig Wagges von d´r schlimmschte Sort fangen an z´naachts herumzeziehje und vor de ditsche Hiiser bruelle. Un wie se-n-am bruellen allein nimmi genue hin, gehen se noch witersch. Vierzeh Daa lang kann ken ditschi Famili meh ruehig schloofe."
Aus: Hart, Marie: Üs unserer Franzosezit. Stuttgart 1921, 65 ff.
Anregungen für den Unterricht
- Informiert Euch über das Leben von Marie Hart. Welche Stellung nahm sie selbst 1918 ein? Belegt dies am Text.
- Übersetzt diesen Text ins Hochdeutsche. Welche Unterschiede ergeben sich? Warum hat Marie Hart den Dialekt gewählt?
Marie Hart: Flüchtlingslos
Die Elsässer und Reichsdeutschen, die 1918 das Elsass verlassen, fühlen sich in Deutschland im Exil, wenn auch in ihrem "eigenen Land".
Zu vergleichen wäre dies mit anderen Texten, in denen das Exil eine wichtige Rolle spielt, etwa von Elias Canetti oder von Mascha Kaléko.
Marie Hart: Flüchtlingslos
M'r han muen Hüs un Hof verlon
Un sin in d'Fremdi gange;
Denn m'r sin ditsch un nit französch
« Ducksch dich, » het's g'heisse, "oder gehsch?"
Do sin m'r liewer gange.
Jetz sin m'r wit im fremde Land
Un han nuer weni Kohle,
Un's Brot isch schwarz, d'r Butter rar,
M'r friere dene Winter gar
Un han verissni Sohle,
Doch liewer wölle hungre mir,
Un wölle liewer friere,
Als zusehn wie im eijne Land
Gewalt nur herscht un Denunziant
Un Wetterhahn rejiere.
M'r wölle jetz nit joom're lang,
U sifze nit un griene;
M'r han jo Arweit g'funde schun,
Un unserm Hergott sini Sunn,
Die word uns au noch schiene!"
Aus: Wackenheim, Auguste: La littérature dialectale alsacienne. La période allemande. Paris (Bd. 3) 1997, 124.
Anregungen für den Unterricht
- Zu den verschiedensten Zeiten wurden deutsche Autoren/innen zum Exil gezwungen. Vergleicht mit der Flüchtlingssituation von Marie Hart. Aus welchen Gründen mussten sie gehen? Wie lange dauerte ihr Exil? Wie wurden die ExilantInnen jeweils wieder empfangen?
- Vergleicht dazu auch mit dem Gedicht von Hans Mensler.
Emma Guntz/André Weckmann: Das Land dazwischen
Emma Guntz, Badenerin, die seit Jahrzehnten im Elsass lebt, hat im Jahr 2000 den Hebel-Preis erhalten und war 2002 Turmschreiberin im pfälzischen Deidesheim. André Weckmann (geboren 1924 in Steinburg bei Saverne) wurde als 19-Jähriger 1943 eingezogen in die Wehrmacht, eine Tatsache, die entscheidend für sein Leben war. Bis 1989 war er Deutschlehrer an einem Lycée, danach freier Schriftsteller, Schulbuchautor und Kulturpolitiker.
Sein erster Roman über das selbst erlebte Schicksal elsässischer Zwangsarbeiter (Les nuits de Fastov 1968) machte Weckmann schnell berühmt, es folgten u.a. sein französisches Erzählwerk "Fonse ou l´éducation alsacienne" (1975) und die deutschen Romane "Wie die Würfel fallen" (1981), "Odile" oder "Das magische Dreieck" (1988) und "Tamieh" (2003).
Sein Gesamtwerk wird seit dem Jahr 2000 von Peter André Bloch veröffentlicht.
Guntz und Weckmann nehmen Themen Marie Harts in ihrem Theaterstück "Das Land dazwischen", einer elsässischen Familiensaga, wieder auf.
Guntz/Weckmann: Das Land dazwischen
4. DEZEMBER 1918 - IM BÄCKERLADEN
Drei Kundinnen unterhalten sich mit der Bäckersfrau
1. KUNDIN
Gescht hin se´s Owerferschters üsgewiese. Mit zwei Kefferle sinse furt. De Rescht hin se alles müen do lon.
2.KUNDIN
Der Bahnhofsvorsteher soll auch drankumme.
1. KUNDIN
Wer wurd no Vorsteher, de Dollinger?
2. KUNDIN
Abba, e Franzos.
3. KUNDIN
Ich gunns ne awer, denn zwei! Ingebildeti Zipfel. Litschikanierer un Franzosefresser!
BÄCKERSFRAU
Ich habg´heert, in alle Derfer un Städt wurd jetz gerümt, alli Preisse,
wo e Peschtel han ghet, müen jetz nüs.
3.KUNDIN
´s Ländel wurd gebutzt. De Göbel un de Hämmerle hin Chance, dass se nit do sin!
BÄCKFRSFRAU
Die zwei hin au niemand ebes angedon, im Gejjeteil! Gar de Grobel, wo se gern un so scheen Franzeesch het kenne redde! Un er isch immer uf unsere Sit gstande!
3.KUNDIN
Gehen mr ewägg, e Schwob isch e Schwob! Un die gheere alli zem Ländel nüs!
Eine schicke Dame betritt den Laden, gefolgt von einer Ordonnanz.
1. KUNDIN (im Flüsterton)
Des isch em Colonel sini Frau!
LA COLONELLE
Bonjour, mesdames!
KUNDINNEN UND BÄCKERSFRAU
Boschor, maddamm!
LA COLONELLE (spricht ein rasantes Französisch)
Il fait bien beau, aujourd´hui, pour un jour d´hiver, n´est-ce pas, mesdames?
1. KUNDIN
Was saat se? (zur Colonelle) Voui, voui.
Philippe hat sich unterdessen hereingeschlichen, bleibt interessiert an der Tür stehen.
LA COLONNELLE
Vous me donnerez deux pains longs, s´il vous plaît, c´est pour faire des toasts, nous avons du monde ce soir, le Général Roux, le comte de Mortagne, le Commissaire de la République... Mon Dieu, je suis dans tous mes états.
BÄCKERSFRAU (versteht nicht, was sie will, zeigt fragend auf diverse Backwaren, wie Kugelhupf und Breedle)
Was will Se? Köjlopf? Breedle?
2. KUNDIN
Se will allewäj Brot, pain isch Brot.
Philippe, hinter dem Rücken der Französin deutet auf das Regal, wo die langen Laibe liegen. Die Bäckersfrau begreift nun, was sie will, zeigt auf die Laibe.
LA COLONELLE
Enfin! Oui, c'est ça, donnez m'en deux! Deux! (zu den Kundinnen)
Alors, personne ici ne parle le français? Il faudra vous y mettre, mesdames, si vous voulez être françaises à part entière!
Die Bäckerfrau hat den Preis auf einen Zettel geschrieben, den sie der Colonelle hinhält. Diese zahlt, gibt die Laibe dem Burschen und verlässt kopfnickend den Laden.
BäCKERSFRAU (zu Philippe)
Was het se denn gsaat, Philippel'?
PHILIPPE (grinsend)
Es wär Zit, daß ihr Franzeesch täte lehre! Wer ken Franzeesch
kann, isch ken echter Franzos!
BÄCKERSFRAU
Die het e Toupet!
PHILIPPE
Et vive la France, mesdames! (macht sich davon)
Die vier Frauen schauen sich verständnislos an.
Aus: Guntz, Emma/ Weckmann, André: Das Land dazwischen. Strasbourg 1997, 290-292
Anregungen für den Unterricht
- Diese Szene bietet sich zum Nachspielen an, nachdem sie in die eigene Sprache übertragen wurde. Die französischen Stellen könnt ihr mit euren Französisch-Lehrer/innen übersetzen.
- Auch hier könnte es Erweiterungen geben: In welchen anderen Szenen des Alltags wird es sprachlich zu Problemen kommen?
- Besorgt Euch das Theaterstück von Guntz/Weckmann. Vergleicht seine Darstellung der elsässischen Geschichte mit der berühmten Familiensaga 2Die drei Mathildes", einem Fernsehfilm, der u.a. von ARTE für das deutsche Fernsehen gedreht wurde.
Autorin: Annette Kliewer
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