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Ein kurzer Film über das Töten

Ein kurzer Film über das Töten

Krótki film o zabijaniu

Polen 1988

Regie: Krysztof Kieslowski.

Kamera: Slawomir Idziak.

Länge: 82 Min.

Darsteller: Miroslaw Baka, Krystof Glabicz, Jan Tesarz.

 

Leihmöglichkeit: 16mm Film (Nr. 32 54834-35) / VHS Video (42 56861) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Milieukritischer Gefängnisfilm. Ein junger Mann ermordet brutal einen Taxifahrer, dafür soll er gehängt werden. Die Vorbereitungen der Exekution schildert der Film minutiös, ohne emotionale Wertung, aber gerade deshalb erregend; mit dokumentarischem Gestus gestalteter Schrei nach Mitmenschlichkeit.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

 

Metzler Filmlexikon: Krótki film o zabijaniu

Przypadek (Der Zufall) hieß ein Film, den Kieślowski, Absolvent der renommierten Filmhochschule Lodz, 1981 drehte. Der Film verschwand in den Archiven und wurde erst 1986 freigegeben. Die Gespräche am runden Tisch hatten noch nicht stattgefunden, die polnische Medien- und Kulturlandschaft bewegte sich in einem Vakuum: Das Land befand sich in einem desolaten Zustand, Resignation machte sich breit. Kieslowski, Stellvertreter des künstlerischen Leiters Krzysztof Zanussi bei der Filmgruppe "Tor", suchte nach neuen Wegen und besann sich auf zehn Sätze, "die im Grunde genommen von keiner Philosophie, von keiner Ideologie in Frage gestellt worden sind". Dem staatlichen Fernsehen schlug er das Projekt Dekalog vor, einen Zyklus von zehn einstündigen TV-Filmen, die sich auf die zehn Gebote beziehen. Krótki film o zabijaniu ist die um eine knappe halbe Stunde längere Filmfassung des fünften Dekalog-Teils; auch vom sechsten Teil gibt es eine Kinoversion: Krótki film o miloci (Ein kurzer Film über die Liebe, 1988). Gemeinsam mit seinem Coautor, dem Rechtsanwalt Piesiewicz, beschloß Kieślowski, die Politik aus dem Zyklus auszuklammern: einmal wegen der Zensur, aber auch mit Blick auf ausländische Coproduktionspartner - weil "niemand in der Welt imstande gewesen wäre, das Labyrinth dieser Politik zu verstehen; wir selber waren unsicher, ob wir sie begriffen".

 

Krótki film o zabijaniu konfrontiert den Zuschauer mit zwei brutalen Tötungsakten. Ein Taxifahrer wäscht seinen Wagen. Jacek, der gerade einundzwanzig Jahre alt geworden ist, schlendert ziellos durch die Straßen. Piotr besteht seine Anwaltsprüfung. Am Ende wird Jacek den Taxifahrer ermorden. Der Anwalt Piotr verteidigt ihn vor Gericht - ohne Erfolg. Jacek wird zum Tode verurteilt und schließlich gehängt. Der Zufall führt die Schicksale dieser drei Menschen zusammen. Die Montage unterwirft sich diesem Prinzip, pendelt zwischen den drei Geschichten, bevor sie zu einer Erzählung werden. Kieślowski, der als Dokumentarfilmer begann, bedient sich eines harten, peinigenden Naturalismus und erspart dem Zuschauer nichts: Das Töten wird minutiös vorgeführt. Die schockierenden Szenen enthalten die These des Films: "Überdeutlich werden Mord und Hinrichtung miteinander kontrastiert: Schmutzig der Mord, sauber die Exekution, unmenschlich beide." (Wilfried Wiegand). Kieślowski stellt die Frage, ob das Gesetz, das das Töten verbietet, seinerseits töten darf; Krótki film o zabijaniu ist ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.

 

Zugleich beschäftigt Kieślowski "die Frage, warum ein Mensch ohne jeglichen Grund tötet". Er entwirft ein kaltes, morbides Universum in fahlen Farben. Der Kameramann Slawomir ldziak arbeitete mit 40 selbstgefertigten Filtern, die die Warschauer Wohnblocksiedlungen noch grauer als in Wirklichkeit erscheinen lassen. Der Frust und die Tristesse, in trostlosen Bildern virtuos eingefangen, führt ein in ein Höllendasein. Am Rückspiegel des Taxis pendelt ein lachender Teufelskopf. Krótki film o zabijaniu ist eine existentialistische Studie, die an Motive aus Dostojevskijs "Schuld und Sühne" erinnert.

 

Der gesamte Zyklus kostete mit etwa 250 Millionen Zloty soviel wie ein kleineres Fernsehspiel im deutschen Fernsehen. Er machte Kieślowski auf einen Schlag über die polnische Grenze hinaus bekannt. Krótki film o zabijaniu wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet und erhielt außerdem den Europäischen Filmpreis Felix.

 

"Dekalog. Zehn Geschichten für zehn Filme". Hamburg 1990. (Filmerzählung).

Vincent Amiel: "Image du monde nez dans son caca", in: Positif, 1988, H. 332; Paul Coates: "Anatomy of a murder", in: Sight and Sound, 1988/89, H. 1; Charles Eidsvik: "Two Short Films by Kieslowski", in: Film Quarterly, 1990/91, H. 1; Jacek Fuksiewicz: "Le cinema polonais". Paris 1989; Katholisches Filmwerk (Hg.): "Dekalog. Materialien - Arbeitshilfen". Frankfurt a.M. 1991; Andreas Kilb: "Die Geschichte vom Strick", in: Die Zeit, 27.1.1989; Walter Lesch/ Matthias Loretan (Hg.): "Das Gewicht der Gebote und die Möglichkeiten der Kunst". Freiburg i.Ue./i.Br. 1993; Marcel Martin: "Krzysztof Kieślowski. Un cinéma sans anesthésie", in: La Revue du Cinéma, 1990, H. 456; Hubert Niogret: "Entretien avec Krzysztof Kieślowski", in: Positif, a.a.O.; Wolfram Schütte: "Niederauffahrt oder: Doppelmord", in: Frankfurter Rundschau, 27.1.1989; Michel Sineux: "Mettre le nez dans son caca", in: ebd.; Hans Stempel: "Ein kurzer Film über das Töten", in: epd Film, 1989, H. 3; Frederic Strauss: "Le nom du crime", in: Cahiers du Cinéma, 1988, H. 413; Wilfried Wiegand: "Warschau als Vorhölle", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.1989.

 

Autor: Markus Zinsmaier.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.