Dokumentarfilm im Zeitalter der digitalen Manipulierbarkeit
Dokumentarfilm in Deutschland nach 1945
Lange Zeit galten Dokumentarfilme als langweilig, konventionell, besserwisserisch und belehrend, als Gift an der Kinokasse. In den vergangenen Jahren hat sich dies grundlegend geändert. Dokumentarfilme können sogar unterhaltend sein. Dies hat vielfache Gründe. Zum einen ist auch in diesem Genre der Druck gewachsen, beim Publikum erfolgreich zu sein. Dies bedeutet, dass sich viele Regisseure viel mehr Gedanken machen, wie sie einen Stoff aufarbeiten, damit er von den Zuschauerinnen und Zuschauern akzeptiert wird; auch eine Konsequenz des ständigen Schielens auf die Einschaltquote nach der Kommerzialisierung des Fernsehens.
Zum anderen hat der Dokumentarfilm sich lange Zeit dadurch verkauft, dass er vermeintlich wahre Bilder vom wirklichen Leben lieferte, d.h. er rühmte sich mit solchen Etiketten wie authentisch, glaubwürdig, wahrhaft usw. Dieser Anspruch ist natürlich schon lange zu hinterfragen und den Machern ist durchaus bewusst, dass auch die Produktion von Dokumentarfilmen ein künstlerischer Prozess ist, bei dem sie sowohl bei der Planung, dem Drehen und dem Schnitt ihren Gestaltungswillen verwirklichen. Das Vertrauen in den Abbildcharakter von Wirklichkeit im Dokumentarfilm ist seit Ende der 80er Jahre zusätzlich gestört.
Digitale Bildbearbeitung macht es inzwischen möglich, sich jedes Bild zu bauen, das man will. Angewendet wird diese noch teuere Technik natürlich vor allem in der Werbung und im kommerziellen Spielfilm, aber Filme wie "Forrest Gump" oder "Underground" zeigten sehr deutlich, welches Potential es gibt, auch in dokumentarisches Archivmaterial einzugreifen. All diese Möglichkeiten haben zu einer Vielzahl neuer, interessanter Formen und Stile von klassischen Dokumentarfilmen über eine neue Ästhetik durch moderne Technik bis zu Docudramen und in der Steigerung zur Docusoap geführt. Diese Vielfalt oft hybrider Formen macht den Dokumentarfilm im Moment so spannend.
Beim Publikum wächst sowohl im Kino als auch im Fernsehen wieder das Interesse an dokumentarischen Formen. Wim Wenders "Buena Vista Social Club" hatte z.B. schon fast 700.000 Besucher im deutschen Kino; selbst ein Film wie "Die Blume der Hausfrau" von Dominik Wessely über die Staubsauger-Vertreter von Vorwerk schaffte es zum Geheimtip im Kino mit im Vergleich zu manchem deutschen Spielfilm sehr guten Zuschauerzahlen und Erfolgen beim Open-Air-Kino.
Dieser Trend zum Dokumentarischen ist so stark, dass mehr und mehr dokumentarische Formen bei der kommerziellen Spielfilmproduktion adaptiert werden, wofür die Aufmerksamkeit, die die Dogma-Erklärung (siehe Anhang) der dänischen Regisseure um Lars von Trier erzielte, nur ein Beispiel ist. Ein anderes wären Spielfilme, die sich wie Dokumentarfilme geben (aktuell z.B. "Nachtgestalten", "St. Pauli Nacht").
Selbst Hollywood greift mehr und mehr zu dokumentarischen Elementen bzw. thematisiert sogenanntes Reality-TV als Stoff (z.B. "Truman-Show", "Ed TV"). Selbst James Cameron meinte bei seinem Kinohit "Titanic", der allein in Deutschland über 18 Millionen Besucher hatte, auf eine dokumentarische Rahmenhandlung nicht verzichten zu können. Angeblich tauchte er selbst mit einem kleinen Tauchboot zum Wrack, um die Aufnahmen zu produzieren. Generell lässt sich feststellen, dass sich der Gegensatz von Fiction und Non-Fiction auflöst und sich immer neue hybride Formen entwickeln. Dies ist eine große Chance für das Dokumentarische.
Autor: Kay Hoffmann
Mit freundlicher Unterstützung des Haus des Dokumentarfilms.
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Literaturtipp
Kay Hoffmann:
Das dokumentarische Bild im Zeitalter der digitalen Manipulierbarkeit.








