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Dokumentarfilm in Deutschland nach 1945

Mit geplimten, d.h. geräuschgedämpften, Kameras waren, wenn auch noch mit einigem Aufwand möglich, synchrone Bild- und Tonaufnahmen herzustellen wie hier für "Die Misswahl. Beobachtungen bei einer Schönheitskonkurrenz" (SDR 1966).

Der Dokumentarfilm stand in den 50er Jahren eindeutig in der Tradition der UFA-Kulturfilme und der Wochenschau und es gab einige personelle Kontinuitäten. Viele der im Dritten Reich produzierten Kulturfilme wurden im Bildungsbereich weiter genutzt - sowohl in der BRD als auch in der DDR - da sie als politisch unverdächtig eingestuft wurden. Außerdem waren von diesen Filmen bis zu 4000 Kopien im gesamten Land an Stadt-, Kreis- und sonstige Bildstellen und Institutionen verteilt worden und boten einen wichtigen Grundstock dieser Archive. Gegen diese vom Faschismus diskreditierte Tradition, die auch das Fernsehen in den ersten Jahren stark beeinflusste, trat in den fünfziger Jahren der frühe Fernsehdokumentarismus an. Er orientierte sich mit Magazinen, Features, Reportagen, Dokumentarberichten und Dokumentarfilmen vor allem an britischen und nordamerikanischen Vorbildern und setzte mit einer demokratisch orientierten Filmberichterstattung ein neues dokumentarisches Paradigma durch.

Hier eine typische Aufnahme aus der Frühzeit des Fernsehens. Georg Friedel interviewt für "Fernsehfieber" (SDR 1963) einen Studenten. Die Kamera ist auf einem Stativ und nur der selbstgebastelte Schallschutz ermöglicht eine Tonaufnahme.

Gleichzeitig vollzog sich ein Medienwechsel vom Kino zum Fernsehen, der für die Produktion, Machart, Distribution und Rezeption dokumentarischer Filme weitreichende Konsequenzen hatte: Die Filme wurden journalistischer und brachten gegenüber der bislang dominanten visuellen Gestaltung den informierenden On- und Off-Kommentar stärker zur Geltung. In politischer Hinsicht orientierten sie sich an dem in den Länderparlamenten und Rundfunkanstalten vertretenen Meinungsspektrum." (Peter Zimmermann in: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, Band 3, S. 214)

Die Erneuerung des Genres fand also zunächst im Fernsehbereich statt. In Hamburg wurde beim NWDR/NDR ein spezieller Stil entwickelt, der sich sehr stark an der Reportage nach britischem und amerikanischem Vorbild orientierte. Mit Fernsehen verband man dort den Charakter des Live-Mediums, d.h. weitestgehend sollte auf Film verzichtet werden zugunsten live ausgestrahlter Studiosendungen. Im Dokumentarbereich musste natürlich auf Film gedreht werden, da mobile elektronische Videokameras mit tragbaren Recordern und Videokassetten erst in den 70er Jahren entwickelt wurden. (Bundesrepublik Deutschland, Band 3, S. 214)