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Doku-Soap

Diese neue Form wurde Mitte der 90er Jahre in Großbritannien von der BBC entwickelt und bedeutet dokumentarische Mehrteiler, die sich von der Struktur und dem Spannungsaufbau an der Seifenoper orientierten, z.B. mehrere Protagonisten, deren Geschichten durch die Parallelmontage kontrastiert werden. Doku-Soaps vom wahren Leben - mit britischem Humor und Sarkasmus präsentiert - wurden zum Quotenhit mit sensationellen Einschaltquoten. Entsprechend wurde diese erfolgreiche Form von vielen übernommen. 1998 liefen im englischen Fernsehen 75 Doku-Soaps und die Gunst des Publikums ist durch dieses Überangebot sehr strapaziert. In Deutschland versuchten sowohl kommerzielle Sender ("Clubschiff", "Reeperbahn", "Fahrschule") als auch öffentlich-rechtliche ("OP", "Der wahre Kir Royal", "Geburtsstation", "Airport", "Abnehmen in Essen") sich an diesen Trend anzuhängen. Die Beispiele sind sehr unterschiedlich, erreichten jedoch auch hier Sendeplätze zur besten Sendezeit und oft gute Quoten. Häufig leben sie von der Selbstdarstellung ihrer Akteure, und das Casting, die Besetzung der Rollen, gewinnt entscheidende Bedeutung. Sie sind zwar keine Schauspieler, müssen jedoch schauspielerische Qualitäten entwickeln. Dadurch gelingt es vielen von Ihnen, populär wir richtige Schauspieler zu werden. Es müssen Charaktere sein, die dadurch fesseln, daß sie vor allem sie selbst sind und damit immer auch ein Stück universeller Wirklichkeit vermitteln.

 

"Das neue Genre der Doku-Soap ist eine ambivalente Gratwanderung für Autoren und Protagonisten, ein Balancieren zwischen Authentischem und Erzähltem, zwischen Beobachten und Inszenieren, zwischen Finden und Erfinden. Ebenso unschwer ist zu erkennen, dass die Zeit für Doku-Soaps offenbar reif ist. Mehrere Bedingungen treffen zusammen; technische Bedingungen zum Beispiel. Kameras sind heute so klein und leicht, dass sie überallhin mitgenommen und ohne Aufwand eingesetzt werden können und dabei noch fabelhafte Bildqualität liefern. Auf der 'Geburtsstation' hat Johannes Feindt ohne künstliches Licht drehen können; einige Protagonisten bekamen von den Machern kleine Mini-Discs in die Tasche gesteckt und lieferten so stellenweise einen Originalton, wie er sich nicht erangeln läßt. Auf digitalen Schnittplätzen lassen sich ganz andere Mengen von Bild- und Tonmaterial verarbeiten, als es mit 16-mm-Film je möglich gewesen wäre. Dazu kommen die sozialen Bedingungen. Viele Leute haben nichts mehr dagegen, gefilmt zu werden, mehr noch, sie wollen unbedingt im Fernsehen vorkommen. Die Talkshows haben ein Terrain freigeschlagen, in dem gewohnheitsmäßig Privates und Intimes öffentlich verhandelt wird und niemand mehr etwas dabei findet, sich zu veröffentlichen. Das Tabu, bei einer Geburt zuzusehen, ist längst gefallen."

(Fritz Wolf: Plot, Plot und wieder Plot. In: epd medien 22/1999, S.5).

 

Dies alles zeigt, welcher Veränderung das Genre Dokumentarfilm zur Zeit unterworfen ist. Ob der klassische Dokumentarfilm letztlich zwischen Produkten mit internationaler Verkaufbarkeit (Stichwort Discovery-Channel) und Doku-Soap zerrieben wird, oder ob diese neuen Formen nicht neues Interesse an der dokumentarischen Form wecken und mehr Wirklichkeit ins Fernsehen bringen, wird sich zeigen müssen. Auf jeden Fall ist der Dokumentarfilm im Moment spannender geworden und entspricht so gar nicht dem Klischee des biederen, langweiligen, belehrenden Aufklärungsstücks. Ganz im Gegenteil.