Die unglückliche Liebe eines ungleichen Paares
Thema: Die Nachbarn Deutschland und Frankreich
Klassenstufe: 10-12/13
Bezug zu anderen Fächern: Französisch, Geschichte.
Polly Maria Höfler: André und Ursula
Robert Minder: Über das Elsass
Ina Maria Greverus zeigt das asymmetrische Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, indem sie das traditionelle Bild der deutsch-französischen Ehekrisen aufgreift: In ihrem Vorwort zu Marita Zimmermanns Kultur: Culture. Zum Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen (1995) beschreibt sie "die langen Zeitläufe eines deutsch-französischen Kräfteverhältnisses, in dem immer wieder Differenz betont wurde und Indifferenz aufgrund der Nähe und des Sich-Messens, der Austarierung des Kräfteverhältnisses, nicht möglich wurde: ist das die unglückliche Liebe des ungleichen Paares?"

- Karikatur: Walter Hanel.
Dieses Bild von Michel und Marianne findet sich auch in den politischen Karikaturen der letzten 200 Jahre. Zwischen beide schob sich in der Region noch eine weitere sexualisierte Figur: das unschuldige "elsässische Mädchen", das Deutschland den Klauen der welschen Eroberer entrissen habe. Spannend ist auch die sexualisierte Sicht auf den Elsässer zwischen zwei Frauen, der deutschen und der französischen, wie sie sich etwa in Weckmanns Text Auf zwei Stühlen findet oder im ironischen Blick auf die unmögliche Liebe am Oberrhein, wie sie Artur Schütt in seinem Gedicht "OH" aufgreift.. Interessant ist auch die Allegorisierung des Elsass bei August Stoeber "Vom Wasgau zum Schwarzwald".
Ein auch für den Deutschunterricht interessanter Text, der die "Weiblichkeit" Frankreichs aufs aufnimmt, ist Thomas Manns kriegshetzerische Rede Gedanken im Kriege aus dem Jahr 1914.
Die allegorisierte Darstellung von Landschaften oder Völkern als Frauen wurde in der feministischen Forschung eingehend analysiert (vgl. Ecker 1997/ Florack 2000).
Literaturhinweise:
Ecker, Gisela (Hrsg.), Kein Land in Sicht. Heimat- weiblich? München, 1997.
Florack, Ruth, "Weiber sind wie Franzosen geborne Weltleute". Zur Verschränkung von Geschlechter-Klischees und nationalen Wahrnehmungsmustern. In: dies. (Hrsg.), Florack, Ruth: Nation als Stereotyp. Fremdwahrnehmung und Identität in deutscher und französischer Literatur. Tübingen, 2000, S. 319-338.
Mann, Thomas: Gedanken im Kriege (1914). In: ders., Gesammelte Werke Bd. 13: Nachträge. Frankfurt/Main, 1974, S. 527-545.
Zunächst sollen zwei Zitate zu dem Klischee der Geschlechterstereotypen bei den Autorinnen Polly Marie Höfler und Annette Kolb verglichen werden, die beide zwischen der deutschen und der französischen Kultur aufwuchsen.
Annette Kolb: Sieben Studien
Annette Kolb (1870-1967), Tochter einer französischen Pianistin und eines deutschen Gartenbaumeisters, interessierte sich Zeit ihres Lebens für ihre Doppelexistenz zwischen zwei Nationen, litt aber auch unter ihnen, wenn sich beide Länder im Konflikt befanden. Wegen ihrer pazifistischen Briefe einer Deutsch-Französin (1916) musste sie 1917 sie in die Schweiz emigrieren, kam aber nach 1918 zurück nach Deutschland. 1933 wanderte sie dann wieder nach Paris und weiter in die USA aus, von wo sie 1945 zurückkehrt, um in Badenweiler, München und Paris zu leben.
Annette Kolb: sieben Studien
In einem Zeitalter wie dem unseren, in unserem so klein gewordenen Europa weiß sich der Franzose das deutsche Gemüt noch immer nicht zurechtzulegen, der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln! Denn für die Mobilität, die Akuität - ich muß bezeichnenderweise lauter Fremdwörter gebrauchen, zeigt der Deutsche wenig Sinn. (...) Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die ihn schon durchschaute, die er noch nicht verstand. Gerade diesen Manne aber hat der Mangel an Übung und Verausgabungstalent seines Empfindungsvermögens manchen Nachteil gebracht und manch unfreundlichen Reflex zugezogen. Aus: Kolb, Annette: Sieben Studien. München,1906, S.41.
Polly Maria Höfler: André und Ursula
Polly Maria Höfler (1907 - 1952), geboren in Metz, sieht sich bewusst als Deutsche. Ihr Roman André und Ursula von 1937, geschrieben nach einem längeren Studienaufenthalt in Frankreich, sollte ein "Versuch zur deutsch-französischen Verständigung" sein - so Höfler in einem Vorwort von 1948. Welche bleibende Wirkung ihr Roman trotz des Zusammenbruchs der Ideologien zu haben schien, deutet sie im Folgenden an und sie übertreibt wohl nicht, wenn sie schreibt: "Wenn ich heute höre, daß 'André und Ursula' in allen deutschen Kriegsgefangenenlagern (...) gelesen wird und von Hand zu Hand wandert, wenn ich höre, daß die Menschen in der zerstörten Heimat immer wieder begehren, das Buch zu besitzen, glaube ich, es verantworten zu können, den Roman noch einmal der Öffentlichkeit zu übergeben." (Höfler 1948, S. 7)
Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts: Die Heldin, die Frankfurterin Ursula, findet in den 30er Jahren in dem Nachlaß ihres Vaters das Tagebuch eines französischen Soldaten, André Duval, der im Ersten Weltkrieg vor Verdun gefallen sein soll. Beim Lesen seiner pseudo-pazifistischen Gedanken - er will das Ende aller Kriege durch einen letzten Krieg herbeiführen - entschließt sie sich, seinen Verwandten das Buch zurückzuschicken. Auf diesem Wege erfährt sie, dass der vermeintlich Tote noch lebt, als Arzt arbeitet und sie zu sich auf sein Landgut in Lothringen einlädt. Dort verlieben sie sich ineinander, doch der Abstand zwischen den Völkern scheint so groß zu sein, dass Ursula immer wieder zögert, eine Ehe mit André einzugehen und sich für das Leben in dem fremden Land zu entscheiden. Als André bei einem Autounfall stirbt, den sein psychopathischer Halbbruder Gaston provoziert hat, treibt sie das Heimweh und die Erkenntnis zurück, dass sie die Freunde in Frankreich vergessen muss, "da ich ja nicht für sie und mit ihnen, sondern für mein Volk und mit meinem Volk leben werde" (ebda. S. 327).
Ein immer wiederkehrendes Thema des Romans ist die (Un-)Möglichkeit des Zusammenlebens zwischen Deutschen und Franzosen. Gerne werden dazu Klischees von Nationalcharakteren aufgegriffen. André wird z.B. in den Mund gelegt, Deutsche und Franzosen seien die "glücklichste Ergänzung" (ebda. S. 261), und er zitiert das alte Bild von der deutsch-französischen Ehe.
Literaturhinweis:
Keller, Thomas: Dreimal deutsch-französische Aussöhnung 1933 - 1937 - 1945. Der Fall Polly Maria Höfler.
Polly Marie Höfler: André und Ursula
Einer eurer großen Denker hat einmal die Behauptung aufgestellt, dass Deutschland und Frankreich sich lieben und suchen wie Mann und Weib, dass sie einander aber auch bisweilen missverstehen und sogar hassen - wie Mann und Weib. Uns bleibt zu hoffen, liebe Ursula, dass aus dieser Hassliebe heraus einmal doch die endgültige Vereinigung des Paares Deutschland- Frankreich´ entsteht, nicht wahr? Aus: Höfler, Polly Marie : André und Ursula, Frankfurt/Main, 1948 (1937), S.226.
Anregungen für den Unterricht
Diskutieren Sie die Frage "Wie greift Annette Kolb und wie Polly Marie Höfler das Bild von Michel und Marianne auf? "
Robert Minder: Über das Elsass
Der elsässische Germanist Robert Minder (1902-1980) war Komparatist, für ihn wurde am Collège de France eine eigens auf ihn zugeschnittene Professur für deutsch-französische Literatur geschaffen. Er stellt die Allegorisierung des Elsass als hilfloses Mädchen zwischen dem deutschen und dem französischen Retter kritisch dar. Diese Selbststilisierung beginne mit der Heroisierung von Friederike Brion und ende mit einem verlogenen Bild der Franzosen nach 1871.
Robert Minder: Leitbilder der deutschen Kultur
Und wir lachen nur, wenn wir erleben, wie die Umarmungen des wankelmütigen Studenten mit Friederike Brion nachträglich und symbolisch zum Verlobungskuß von Germanien mit einem Elsaß gemacht werden, das errötend und verzaubert in den Armen eines erlösenden Märchenprinzen erwacht. (...) Auch das Bild, das die Franzosen nach 1870 vom Elsaß gemacht hatten, war mit Affekten belastet. Hier handelt es sich nicht um eine den Händen ihrer Entführer entrissene und ihrem alten Lehnsherrn wieder zugeführte Verlobte, sondern um ein unter despotischen Joch gebeugtes Mädchen, das dem Vaterland hilfeflehend die Arme entgegenreckt - ein Motiv, das in unzähligen Gestaltungen Verbreitung fand, in Farblitographien, Bronzen oder Gipsfiguren auf Konsolen, auf Kaminen. Aus: Minder, Robert, Leitbilder der deutschen Kultur. In: ders., Die Entdeckung deutscher Mentalität. Essays. Leipzig, 1992, 358 ff.
Anregungen für den Unterricht
- Wie wird durch die Allegorisierung im Bild von Goethe und Friederike das deutsch-französisch-elsässische Verhältnis gedeutet?
- Sucht andere weibliche Allegorisierungen, die in der Politik gebraucht wurden und werden.
Zehn Jahre nachher oder die Geschichte einer Liebesheirat
Die anti-französische Karikatur will die katastrophalen Folgen der elsässisch-französischen "Heirat" zehn Jahre nach 1918 zeigen. Anfangs sei das Elsass noch als unschuldiges Mädchen eine angeblich glückliche Ehe eingegangen, heute sei die gesamte "Wirtschaft" von Elend und Gewalt bedrängt.
Karikatur aus:
"Das Narrenschiff" 21 (1928) In: Hallier, Christian: Vom Selbstbehauptungskampf des deutschen Volkstums im Elsass und in Lothringen 1918-1940. KONKORDIA im Bildungsverlag EINS GmbH, Toisdorf (1944), Tafel 34.
Anregungen für den Unterricht
- Vergleiche diese Karikatur mit den Ausführungen Minders. Informiere Dich über die geschichtlichen Hintergründe für diese Zeichnung.
Weiter zu:
Deutsch-französische Vermittler
Literatur am Oberrhein - gestern







