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Die Ehe der Maria Braun

Die Ehe der Maria Braun

BRD 1978

Regie: Rainer Werner Fassbinder.

Kamera: Michael Ballhaus.

Länge: 116 Min.

Darsteller: Klaus Löwitsch, Hanna Schygulla, Gisela Uhlen, Ivan Desny, Gottfried John

 

Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 51628) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Zeitkritischer Liebesfilm.Liebes- und Ehegeschichte in Krieg und Nachkrieg: Eine Frau stellt sich die Frage, ob sie ihren Mann noch will oder nicht; sie findet es heraus. Ein schön fotografierter, dramaturgisch straffer, blendend besetzter und gespielter Fassbinder-Film, der überflüssige Manierismen vermeidet. Das Genie des Regisseurs unterwirft sich hier ganz der Handlung; einer der hundert besten Filme aller Zeiten, ein Kinoklassiker.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

Metzler Filmlexikon: Die Ehe der Maria Braun

"Über Frauen lassen sich alle Sachen besser erzählen, Männer verhalten sich meistens so, wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet", erklärte Fassbinder in einem Interview. Maria Braun, der Name ist bewußt gewählt, ist eine deutsche Frau; ihre Ehe währt "einen halben Tag und eine ganze Nacht". Der Film beginnt mit einer Kriegstrauung mitten im Bombenhagel; am nächsten Tag muß Hermann Braun zurück an die Front. Bei Kriegsende zählt er zu den Vermißten; vergeblich sucht Maria ihn unter den heimkehrenden Soldaten. Sie schlägt sich durch, organisiert auf dem Schwarzmarkt, arbeitet in einer Bar für GIs und lernt den Schwarzen Bill kennen. Plötzlich steht Hermann in der Tür. Es kommt zwischen beiden Männern zum Kampf, bei dem Maria mit einer Flasche Bill erschlägt. Vor dem Staatsanwalt nimmt Hermann die Tat auf sich; er wird verurteilt. Maria besucht ihn im Zuchthaus: Mit dem Leben wollen sie anfangen, sobald sie wieder zusammen sind. Während er die Strafe absitzt, arbeitet sie bei dem Fabrikanten Karl Oswald, einem älteren Herrn, der sich in sie verliebt. Die Angestellte wird seine Geliebte, doch die Initiative geht von ihr aus, denn sie will klare Verhältnisse. Maria macht zielstrebig Karriere, wobei sie auf ihre Art ihrem Mann treu bleibt. Sie baut ein Leben auf: mit Blick auf Hermann. Doch als er aus dem Zuchthaus entlassen wird, verpaßt sie ihn. Er geht zunächst ins ferne Ausland, kehrt jedoch zurück. Maria erwartet ihn in ihrem Haus: Oswald ist inzwischen gestorben, er hat Maria zu seiner Erbin gemacht. Bei der Testamentseröffnung erfährt sie von einer Vereinbarung zwischen Oswald und Hermann, der sie dem Fabrikanten überlassen hat, so lange dieser noch zu leben hat. Das Eheleben, immer wieder aufgeschoben, könnte nun beginnen. Doch Maria zündet sich eine Zigarette am offenen Gasherd an und löst damit - Absicht oder Unfall? - eine Explosion aus.

 

"Natürlich ist die Liebe ein Gefühl. Und eine große Liebe ist ein großes Gefühl und eine große Wahrheit." Eine andere, für die Geschichte der Maria Braun ebenso konstitutive Wahrheit spricht der Buchhalter Senkenberg aus: "Sie dürfen nie vergessen, daß es auch da immer auf Geld ankommt." Maria ist eine selbstbewußte, emanzipierte Frau, die nicht abwartet, bis das Glück ihr in den Schoß fällt: "Ich mache die Wunder lieber, als daß ich auf sie warte." Der Film spannt den Bogen von der Zeit der Trümmerfrauen bis zum bundesdeutschen Wirtschaftswunder. "Es ist eine schlechte Zeit für Gefühle", erklärt Maria ihrem Mann. Doch zugleich hat die Rolle der Frau als Folge des Krieges eine entscheidende Aufwertung erfahren: Auf 100 Männer kommen, so ist einer im Film zitierten Radioansprache Adenauers zu entnehmen, 160 Frauen. Maria Braun übernimmt eine Rolle, die in anderen Zeiten und Umständen dem Mann zugefallen wäre: Sie baut ein Haus. Am Ende fliegt es in die Luft. Die Verhältnisse haben sich wieder normalisiert: Während der Nachkriegszeit erfüllte Maria eine Stellvertreterfunktion, die in der restaurativen Gesellschaft obsolet geworden ist. In Wahrheit ist sie, eine Frau, die über ihr Leben selbst zu entscheiden glaubt, längst wieder, der Vertrag Oswalds mit Hermann offenbart dies, zu einem Tauschobjekt der Männer geworden.

 

Das nach allen Regeln der Kunst etablierte Melodrama wird von Fassbinder sogleich wieder destruiert. Irritierende Kamerabewegungen, die Erwartungen aufbauen und dann enttäuschen, und vor allem die sich störend in den Vordergrund schiebenden `Hintergrundgeräusche´ verhindern eine gefühlsselige Identifikation mit der Heldin. Der Dialog wird überlagert von Radio-Meldungen, Schlager-Zitaten, politischen Reden oder dem Hämmern eines Preßlufthammers, der von Wiederaufbau und Prosperität kündet. Vor allem in der Schlußsequenz wird die mehrschichtige Toncollage kunstvoll mit der Handlung verschränkt: Während der Testamentseröffnung läuft im Radio die Reportage vom Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954. Fassbinder, der sich selbst als "romantischen Anarchisten" definierte, entwirft ein radikal subjektives Bild von den Gründerjahren der Republik. "Aber vielleicht lebe ich in einem Land, das so heißt: Wahnsinn." Dieser Befund, im Film von Oswald ausgesprochen, korrespondiert mit Fassbinders Beitrag zu dem Omnibus-Film Deutschland im Herbst. Im Anschluß daran hatte er den Kollegen ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Titel "Die Ehen unserer Eltern" vorgeschlagen; die Geschichte der Maria Braun geht zurück auf diese Idee. Am Anfang des Films sieht man ein gerahmtes Hitler-Bild, wie es in allen Ämtern hing; im Bombenhagel zerbirst es in tausend Stücke. Am Ende gibt es ebenfalls eine Explosion, wieder liegt ein Haus in Trümmern, und die Bilder der Bundeskanzler von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt - das Bild von Willy Brandt, dessen Amtszeit Fassbinder als Unterbrechung der unheilvollen Kontinuität empfand, fehlt - werden im Negativ gezeigt. Die Stimme des Fußballreporters überschlägt sich: "Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister!"

 

"Die Ehe der Maria Braun. Hg. Lars Bardram. Kopenhagen 1987. (Filmprotokoll). - The Marriage of Maria Braun. Hg. Joyce Rheuban. New Brunswick 1986. (Filmprotokoll, Materialien).

Thomas Elsaesser: "Primary Identification and the Historical Subject: Fassbinder and Germany, in: Cine-tracts, 1980, H. 9; Manfred Engelbert: "Le leurre du blanc historique", in: Les Cahiers de la Cinemathèque, 1987, H. 46/47; Howard Feinstein: "BRD 1-2-3: Fassbinder´s postwar trilogy and the spectacle", in: Cinema Journal, 1983, H. 1; Mary Beth Haralovich: "The Sexual Politics of The Marriage of Maria Braun", in: Wide Angle, 1990, H. 1; Anton Kaes: "Deutschlandbilder". München 1987; HansBernhard Moeller: "Das destruktive Ideal? Fassbinders Leinwand-Nationalcharakterologie in Die Ehe der Maria Braun", in: German Studies Review, 1982, H. 1; ders.: Fassbinders und Zwerenz´ im deutschen Aufstieg verlorene Ehe der Maria Braun, in: Sigrid Bauschinger u.a. (Hg.): Film und Literatur. Bern, München 1984; Joyce Rheuban: "The Marriage of Maria Braun: History, Melodrama, Ideology", in: Sandra Frieden u.a. (Hg.): Gender and German Cinema. Bd.2. Providence, Oxford 1993; Joachim Schmitt-Sasse: "Nachkriegsgeschichten", in: Albrecht Schöne (Hg.): Kontroversen, alte und neue. Bd.10. Tübingen 1986.

 

Autor: Michael Töteberg.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

 

Reclams Filmführer: Rainer Werner Fassbinder

Fassbinder, geboren am 31. Mai 1946 in Bad Wörishofen (BRD) und gestorben am 10. Juni 1982 in München (BRD), besuchte die Rudolf-Steiner-Schule und anschließend Gymnasien in Augsburg und München. Er verließ die Schule, um Schauspieler zu werden. 1967 kam Fassbinder zum Münchener "Action-Theater", aus dem Anfang 1968 das "antiteater" wurde. Nach zwei Kurzfilmen (Stadtstreicher, 1966; Das kleine Chaos, 1967) drehte er 1969 mit dem Ensemble des "antiteaters" seinen ersten abendfüllenden Spielfilm (Liebe ist kälter als der Tod), der im gleichen Jahr bei den Berliner Filmfestspielen gezeigt wurde. In den folgenden drei Jahren hat Fassbinder mehr als ein Dutzend Spiel- oder Fernsehfilme gedreht.

 

In der Nachfolge seines Erstlings Liebe ist kälter als der Tod entstand eine Reihe unkonventioneller Gangsterfilme, in denen die Rituale amerikanischer Vorbilder und auch der Filme des Franzosen Jean-Pierre Melville intelligent verarbeitet wurden, in denen Fassbinder eine eigene "Kino-Welt" voller Verweise und Zitate, voller Melancholie und Resignation schuf. An seinen zweiten Film, Katzelmacher, schließt ein Zyklus entlarvender Studien aus dem kleinbürgerlichen Leben an. Hier zeigt Fassbinder, wie sich Menschen am Alltag reiben, wie sie an den Anforderungen der Konsumgesellschaft zerbrechen. Dabei erreichte er die Intensität seiner Filme durch eine ganz unspektakuläre, aber konsequent insistierende Kamera und durch eine karge Sprache, die in ihrer Stilisierung an Ferdinand Bruckner erinnert. Allerdings unterliefen ihm in seinen oft melodramatischen Zeitbildern gelegentlich auch allzu grelle Effekte (Satansbraten). Mit Filmen wie Despair - Eine Reise ins Licht und Lili Marleen machte Fassbinder später auch den Versuch, mit "Weltstars" für den "Weltmarkt" zu produzieren. Bei aller formalen Perfektion vermißt man aber in diesen Filmen die widerborstige Individualität ihres Schöpfers. Die war eher spürbar in seiner umstrittenen, aber höchst eindringlichen Fernsehserie Berlin Alexanderplatz.

 

Liebe ist kälter als der Tod (1969), Katzelmacher (1969), Götter der Pest (1969), Warum läuft Herr R. Amok? (1969 - Co-R: Michael Fengler), Rio das Mortes (1970), Whity (1970), Niklashauser Fart (1970 - Co-R: Michael Fengler - Fernsehproduktion), Der amerikanische Soldat (1970), Pioniere in Ingolstadt (1970 - Fernsehproduktion), Warnung vor einer heiligen Nutte (1970), Der Händler der vier Jahreszeiten (1970 - Fernsehproduktion), Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1971), Wildwechsel (1972 - Fernsehproduktion), Acht Stunden sind kein Tag (1972 Fernsehserie), Welt am Draht (1973 - Fernsehproduktion), Die Zärtlichkeit der Wölfe (1973 Gesamtleitung, R: Ulli Lommel), Nora (1973), Angst essen Seele auf (1973), Martha (1973), Effi Briest (1972-74), Faustrecht der Freiheit (1974), Mutter Küsters Fahrt zum Himmel (1975), Angst vor der Angst (1975), Ich will doch nur, daß ihr mich liebt (1975/76 - Fernsehproduktion), Der Postmeister (1975 - Fernsehproduktion), Satansbraten (1976), Chinesisches Roulette (BRD/ Frankreich 1976), Bolwieser (1976/77 - Fernsehproduktion), Despair - Eine Reise ins Licht (BRD/Frankreich 1977), Deutschland im Herbst (1977/78 - Episode), Die Ehe der Maria Braun (1978), In einem Jahr mit 13 Monden (1978), Die dritte Generation (1978/79), Berlin Alexanderplatz (1979/80 - Fernsehserie), Lili Marleen (1980), Lola (1981), Die Sehnsucht der Veronika Voss (1981), Querelle - Ein Pakt mit dem Teufel (BRD/Frankreich 1982) u. a.

 

Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.