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Die Brücke

Deutschland 1959

Regie: Bernhard Wicki.

Kamera: Gerd von Bonin, Horst Fehlhaber.

Länge: 99 Min. s/w

Darsteller: Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Volker Lechtenbrink.

 

Leihmöglichkeit: VHS Video (Nr. 42 450028) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Antikriegsfilm. Kurz vor Kriegsende werden sieben Jungen im Volkssturm von der Wehrmacht verheizt. Der harte Film von Wicki ("Die Zitadelle"), der kompromißlos in die Heimatfilmverlogenheit der fünfziger Jahre einbrach, ist der Antikriegsfilm des deutschen Nachkriegskinos geblieben, ein inspiriertes, engagiertes, leidenschaftliches Manifest des Pazifismus.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

Metzler Filmlexikon: Die Brücke

Kriegsfilme sind problematisch - deutsche allemal. Eine ernsthafte Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg hat es mit wenigen Ausnahmen im bundesdeutschen Nachkriegsfilm der fünfziger Jahre nicht gegeben. Die Regisseure, die ehemals im Dienste der NS-Propagandamaschinerie standen, setzten ihre Filmarbeit in der Bundesrepublik fort, und so entstand ein wenig innovatives und reaktionäres Kino. Deutsche Soldaten wurden weiter verherrlicht und die Schuld an den Nazi-Verbrechen einem anonymen Schicksal zugeschoben wie in Alfred Weidenmanns Kriegsfilmen Canaris (1954) und Der Stern von Afrika (1956) oder Frank Wisbars Hunde, wollt ihr ewig leben? (1958). Konsequenter und ehrlicher behandelten die Emigranten Peter Lorre (Der Verlorene) und Robert Siodmak (Nachts, wenn der Teufel kam) das Thema. Helmut Käutners Die letzte Brücke (1954) - eine österreichisch-jugoslawische Produktion, in der Bernhard Wicki einen Partisanenführer spielt - ist mehr dem italienischen Neorealismus verwandt als dem deutschen Nachkriegsfilm. Fünf Jahre später debütierte der Schauspieler und Käutner-Schüler Wicki als Spielfilmregisseur mit dem Antikriegsfilm Die Brücke, dessen schonungsloser Realismus ihn positiv absetzt von der Nachkriegsproduktion in der Bundesrepublik.

 

Der Film erzählt anfangs sehr behutsam, fast lyrisch, vom Leben in einer deutschen Kleinstadt kurz vor der Kapitulation im April 1945. Sieben Gymnasiasten, Durchschnittsalter sechzehn Jahre, erhalten ihren Einberufungsbefehl. Sie haben ihn erwartet, und sie haben auf ihn gehofft. Einen Tag lang werden die jungen Rekruten in der Kaserne ausgebildet, lernen den Umgang mit den Waffen und sollen dann an die Front. Auf Intervention ihres Lehrers, der sie vor dem sicheren Tod schützen will, werden sie an den Stadtrand ihrer Heimatstadt abkommandiert, um eine unwichtige Brücke, die sowieso gesprengt werden soll, vor den Amerikanern zu sichern. Der ihnen beigestellte Unteroffizier wird beim Gang in die Stadt von Feldgendarmen als Deserteur erschossen, so daß, die Jungen auf sich allein gestellt sind. Als die amerikanischen Panzer anrücken, beginnt für die Jungen ein aussichtsloser, selbstmörderischer Kampf, bei dem am Ende nur einer am Leben bleibt.

 

Der dem Film zugrundeliegende Roman hat autobiographischen Charakter. Manfred Gregor schildert seine Erlebnisse in der Rückschau: Der einzige Überlebende kehrt zehn Jahre nach Kriegsende zurück an den Ort des Geschehens. Wicki dagegen erzählt linear in chronologischem Zeitverlauf und in zwei Akten: erst die privaten Szenen, darin der Kampf an der Brücke. "Ich möchte zeigen, wohin es führt, wenn man Kinder mit falschen Idealen erzieht, wenn man sie verkauft, verrät und schließlich verrecken läßt", erklärte der Regisseur.

 

Die aufwendige und kostenintensive Produktion - Drehzeit und Budget wurden weit überschritten - wurde in 76 Tagen in Cham (Oberpfalz) und Umgebung realisiert. Der Film, ein Plädoyer für kompromißlosen Pazifismus, wurde teilweise mißverstanden: Kritiker monierten, daß Wicki die Jungen einen Heldentod sterben laßt, der nur deshalb sinnlos erscheine, weil die Brücke strategisch unwichtig gewesen sei. Die Filmhistorikerin Lotte Eisner sah in Die Brücke gar eine Glorifizierung des Hitlerjugend-Geistes. Solche Einwände konnten die Rezeption des Films, der mit Preisen förmlich überschüttet wurde (u.a. Bundesfilmpreis, Oscar-Nominierung und Golden Globe), nicht negativ beeinflussen. Seine jungen unbekannten Darsteller wurden über Nacht international bekannt. Michelangelo Antonioni engagierte Wicki als Darsteller in La notte, und der amerikanische Produzent Darryl F. Zanuck verpflichtete ihn für die Großproduktion The Longest Day (Der längste Tag, 1961) über die Landung der Alliierten in der Normandie.

 

"Die Brücke". Hg. Lars Bardram/Bent Lantow. Kopenhagen 1982. (Filmprotokoll)

Robert Fischer: "Sanftmut und Gewalt. Der Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki". Essen 1991; ders.: "Bernhard Wicki". München 1994; Winfried Günther: "...dakann man endlich ohne jede Einschränkung sein Handwerk zeigen", in: epd Film, 1989, H. 10 (Interview); Hilmar Hoffmann: "Die Brücke", in: Günter Engelhard u.a. (Hg.): 111 Meisterwerke des Films. Frankfurt a.M. 1989; Klaus Kanzog: "Warten auf das entscheidende Wort' Pubertät und Heldenwahn in Bernhard Wickis Die Brücke", in: ders. (Hg.): Der erotische Diskurs. München 1989; Peter Kremski: "Marlon Brando hatte auf mir als Regisseur bestanden", "Die Brücke", in: ders.: The Great German Films. Secaucus 1986; Enno Patalas: " Die Brücke", in: Filmkritik, 1959, H. 12; Henning Rischbieter: "Kino-Krieg", in: Hans Helmut Prinzler (Hg.): Das Jahr1945. Berlin 1990; Klaus Vowe: " Die Brücke", in: Rudolf Joos/Christiane von Wahlert (Red.): Filme zum Thema. Bd. 1. Frankfurt a. M. 1988; Peter Zander: Bernhard Wicki". Berlin 1994.

 

Autor: Peer Moritz.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

111 Meisterwerke des Films: Die Brücke

Deutschland im Jahre 45. Der kleine Ort wird nur noch von Kindern, Frauen, Greisen und Kriegsuntauglichen bevölkert. Der Kriegsalltag geht seinen erschreckenden normalen Gang, auch für die Halbwüchsigen in der Schule, die sich an der Übersetzung von Shakespeare versuchen, den Ausflug zum frischen Bombentrichter an der kleinen Brücke als gelungenes Nachmittagsvergnügen betrachten und darüber spekulieren, ob sie nicht auch bald zu den Waffen gerufen werden.

 

Von den sieben Schülern lebt am Ende des Films nur noch einer. Die anderen sind bei der Verteidigung der Brücke buchstäblich verreckt, bei einer Verteidigung, die militärisch völlig sinnlos, ja unerwünscht war. Sie sind nicht gestorben, weil sie den Befehlen einer skrupellosen Nazi-Charge folgten, sondern weil sie Opfer einer Ideologie wurden, die seit Jahren ihr Denken vergiftete - so wirksam, daß kein Appell zu ihrer Rettung sie erreichen konnte.

 

Als Ende 1959 Bernhard Wickis Film in die Kinos kam, war es um den deutschen Film schlecht bestellt. Dem unaufhaltsamen Siegeszug seichter Ware bis 1956 folgte der jähe Absturz. Dafür war keineswegs allein das gerade populär gewordene Fernsehen verantwortlich. Der wirtschaftliche Niedergang war notgedrungen die Folge des künstlerischen gewesen. Die Kassenschlager im Jahr 1960 hießen "Freddy unter fremden Sternen", "Der brave Soldat Schwejk", "Und ewig singen die Wälder". Doch den vierten Platz behauptete ein Film, der vielen als Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont leuchtete: "Die Brücke".

 

Auch heute noch erweist sich dieser erste Film des damals vierzigjährigen Regisseurs Bernhard Wicki als eindrucksvolles Dokument antimilitaristischer Humanität. Keinem anderen Regisseur im Nachkriegsdeutschland gelang ein so triumphales Debüt. Internationale Auszeichnungen bestätigten, was sich schon in der Gunst des Publikums ausdrückte. Hier war endlich ein Film, dessen man sich nicht zu schämen brauchte.

 

Bis dahin hatte Bernhard Wicki, 1919 als Sohn österreichisch-schweizerischer Eltern in St. Pölten geboren, eine beachtliche Karriere als Filmschauspieler gemacht. Gleich seine erste Regiearbeit, ein kurzer dokumentarischer Spielfilm über Jugendliche, die sich nicht mit den Vorurteilen der Erwachsenen identifizieren wollen ("Warum sind sie gegen uns?"), findet weithin Beachtung und wird mit drei Preisen ausgezeichnet. Schon hier offenbarte Wicki sensibles Gespür für die Nöte seiner jugendlichen Helden.

 

"Die Brücke" folgt dem Roman gleichen Titels, den Manfred Gregor, ein damals dreißigjähriger Autor, nach eigenen Erlebnissen geschrieben hat. Mit einem für jene Zeit beträchtlichen Aufwand an Geld und Drehtagen inszenierte Wicki nach dieser Vorlage einen Film ohne Stars - von einigen bekannten Schauspielern wie Günther Pfitzmann und Edith Schulze-Westrum abgesehen. Die unbekannten jungen Darsteller, die "Helden" seines Films, werden mit einem Schlag bekannt - und viele sind es bis auf den heutigen Tag geblieben: Cordula Trantow, Fritz Wepper, Volker Lechtenbrink, Michael Hinz.

 

Behutsam, fast gemütlich entwickelt sich die Handlung; von den einzelnen erfahren wir, woher sie kommen, wie sie leben. Da ist der Sohn des Ortsgruppenleiters, über den ein Kamerad sagt: "Das ist ein armes Schwein, der glaubt an gar nichts mehr." Der Vater weicht erschrocken der Konfrontation mit dem Sohn aus, als der ihm unbequeme Wahrheiten sagt. Er ist auf vielfache Weise in die Schuld am Tod seines Sohnes verstrickt. Nicht nur läßt ihn seine politische Verantwortung mitschuldig am ganzen entsetzlichen Geschehen werden, sondern auch seine Feigheit, die den Sohn später zum Mut, zur Tollkühnheit zwingt.

 

Mit Wäschewaschen und Näharbeiten bringt die Mutter seines Schulfreundes Siggi sich und den Sohn mehr schlecht als recht über die Runden. Siggi ist wohl der Kindlichste unter den Freunden. Als die Mutter ihn aus der Gefahrenzone zu einer Tante schicken will, wehrt er ab, als wolle sie ihn an einem langersehnten Vergnügen hindern: "Mich kriegst du hier nicht weg!" Daß der Zeitgeist nicht spurlos an ihm vorüberging, zeigt sich auf fast rührende Weise in der Namensgebung seiner Kaninchen: Wotan und Alberich. Karl, der Friseurssohn, durchlebt ausgerechnet in diesen Tagen eine schwere Pubertätskrise. Er entdeckt, daß die hübsche Barbara, die dem verwitweten Vater im Laden hilft, dessen heimliche Geliebte ist. Ohne Abschied rennt er in die Kaserne und in den Tod.

 

Der Sohn der Majorswitwe, den sie aus Traditionssinn in dem Wunsch bestärkt, Offizier zu werden, und mit der Pistole seines im Krieg gefallenen Vaters beschenkt; die beiden Freunde, von denen der eine aus den Bombennächten der großen Städte in die ländliche Ruhe geschickt wurde, während der andere zusammen mit seiner Mutter verzweifelt auf Nachricht vom Vater wartet - sie alle sind beseelt vom Glauben an den Endsieg, von unbedingter Vaterlandsliebe.

 

Erst im Rückblick erkennt man die Saat der Falschmünzer, denen die einst achtbaren Ideale in die Hände fielen, wie es später ein Lehrer ausdrücken wird. Darin besteht dann auch die Meisterleistung Wickis: Mit psychologisch entwickelter Spannung führt er den Zuschauer allmählich, durch die Darstellung vieler kleiner Begebenheiten, die in der Summe eine große Wahrheit ausmachen, zur Erkenntnis. Sie wirkt wie ein Schock. Aus den braven Schuljungen, an deren Nöten man teils belustigt, teils mitleidig teilnahm, wird eine Horde wild entschlossener Krieger, die nichts davon abhält, den vermeintlichen Auftrag - die Verteidigung der Brücke - bis zum letzten Blutstropfen durchzuführen.

 

Erbarmungslos erspart Wicki auch nicht die äußerste, die letzte Enttäuschung. Der einzige Überlebende weiß, daß die Verteidigung der Brücke absolut unnütz war. Der Tod seiner sechs Kameraden, das Sterben amerikanischer und deutscher Soldaten und der Anwohner, die in die Kämpfe verwickelt wurden, ist in der entsetzlichen Bedeutung des Wortes sinnlos.

 

Als Dokument des kompromißlosen Pazifismus interpretieren die einen den Film, während andere darin die Warnung vor falschem Heldentum sehen - als Abkehr von einem Militarismus, dessen Ziele verbrecherisch waren. Auch heute noch erschüttert Wickis Film mit seiner kargen Bildästhetik und klaren Formsprache als aufrüttelnder Appell, der Vernunft und der Menschlichkeit zu folgen, anstatt dem blinden Wahn einer rücksichtslosen Ideologie.

 

Autor: Hilmar Hoffmann.

Quelle: Günter Engelhard/Horst Schäfer/Walter Schorbert in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung 'Rheinischer Merkur/Christ und Welt' (Hrsg.): 111 Meisterwerke des Films. Das Video-Privatmuseum. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.