Die Anfänge des Dokumentarfilms

- "Tortur de France. Bericht über eine Radrundfahrt" (SDR 1960) Gut zu sehen ist der Kameramann mit einer kleinen, beweglichen und stummen 16mm-Kamera, deren Bilder erst das Gefühl für ein direktes Kino vermittelte, nämlich nah dran zu sein, wie hier beim Start zu einer Etappe.
Historisch gesehen ist es inzwischen erwiesen, dass es den "reinen" Dokumentarfilm, wie er von vielen lange verstanden wurde, nicht vor 1960 gab. Bis dahin waren nämlich die Kameras schwer, das Filmmaterial nicht sehr lichtempfindlich, und entsprechend aufwendig waren "dokumentarische" Aufnahmen. Aber man sollte sich nicht täuschen. Bilder haben schon immer gelogen. Die Vorstellung, dass Film und Fernsehen zeigen, was "wirklich" ist, dass sie ein getreues Abbild der Realität seien, erwies sich schon lange als falsch und überholt.
Besonders hartnäckig halten sich solche Vorstellungen beim dokumentarischen Film. Nach der offiziellen Filmgeschichtsschreibung beginnt er erst Ende der 20er Jahre, als es in einer Filmkritik zu Robert Flaherty's "Moana" hieß, er habe "dokumentarische Qualitäten". Natürlich gab es schon von Anfang an dokumentarische Aufnahmen. Bereits die ersten Filme der Brüder Lumière, von Oskar Meßter oder Max Skladanowsky zeigten zum Beispiel Ansichten von Städten oder exotischen Reisezielen. Doch je mehr sich Filmwissenschaftler damit beschäftigen, um so häufiger finden sie Indizien für eine perfekte Inszenierung vor der Kamera, wie etwa der KINtop-Band zu den Anfängen des dokumentarischen Films aufzeigte (Kessler, Lenk, Loiperdinger 1995).
Viele wird es überraschen, dass es vom Ersten Weltkrieg kaum Aufnahmen gibt, die als authentische Dokumente gelten können. Auch ein anerkannter Pionier dieses Genres wie Robert Flaherty ist inzwischen bekannt für seine Inszenierung, dramaturgische Zuspitzung und aufwendige Castings, die die Kameratauglichkeit seiner Akteure prüften. Selbst Joris Ivens kam für seinen Klassiker über den Arbeiterstreik in der Borinage zu spät zu einer Demonstration und re-inszenierte sie für die Kamera. Der englische Dokumentarfilmpionier John Grierson spricht deshalb ganz richtig vom Dokumentarfilm als "kreative Bearbeitung der Realität". Jedem Filmemacher ist klar, daß er ein bestimmtes Ziel, eine Aussage verfolgt und davon abhängt, was er dreht, wie er es dreht und welche Passagen schließlich beim Schnitt Eingang in seinen Film finden.
Klaus Kreimeier hat völlig recht, wenn er schreibt: "Bis etwa 1960 war ein nicht inszenierter Dokumentarfilm aus technischen Gründen gar nicht möglich. Wo immer ein 'Filmemacher' auftauchte und seinen kompakten, schwerfälligen Maschinenpark hinpflanzte, verwandelte er die Szene in ein Dreh-Set. Die Tonbearbeitung erfolgte ohnehin erst im Studio, meist mittels Musik und Kommentar. So entstanden zum Beispiel die meisten Filmdokumente des Ersten, auch noch des Zweiten Weltkriegs: am Schneidetisch frisiertes und später auch in den Tonstudios aufwendig orchestriertes Propagandamaterial. Erst die tragbare 16-mm-Kamera, das kabellose Tonbandgerät und, wenig später, die geräuschlose Synchronton-Kamera haben die Fiktion begünstigt, dass es möglich sei, 'das Leben' in flagranti zu belauschen, mit der Kamera wie mit einer Sonde in die sozialen Wirklichkeiten einzutauchen und ihre leisesten Regungen wie 'das Zittern der vom Wind erregten Blätter' (Siegfried Kracauer) einzufangen: 'das Leben in seiner vergänglichsten Form' " (Klaus Kreimeier, Die Zeit, 21.7.1995, S. 42).
Autor: Kay Hoffmann






