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Dialekt

In der Literatur des letzten Jahrhunderts und auch der Gegenwart, die im Elsass entstanden ist, spielt der Dialekt - oder besser die verschiedenen Dialekte - trotz aller Bemühungen, ihn zurückzudrängen, keine geringe Rolle. Das Zurückdrängen von Dialekt wie auch von anderen Sprachen kann zu einer verordneten Sprachlosigkeit führen. Dies ist eine Erfahrung, die vor allem von elsässischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in ihrer Biographie immer wieder gemacht wurde. Es soll hier darum gehen Dialekt als eine weitere Sprache neben den Hochdeutschen positiv und bisweilen auch kritisch wahrzunehmen.

Der elsässische Sprachraum

Aus: Ladin, Wolfgang: Der elsässische Dialekt - museumsreif? Strasbourg 1982, 67.

Legende

1. Lothringisches Rheinfränkisch (Krummes Elsass).

2. Pfälzisches Rheinfränkisch (elsässisches Unterland).

3. Südliche Grenzlinie der neuhochdeutschen Diphtongierung.

4. Unterelsässisches Niederalemannisch.

5. Fränkisch gefärbtes Niederalemannisch.

6. Romanische Enklave im oberen Breuschtal.

7. Alemannische Sprachinsel in romanischem Gebiet (St.-Marie-aux Mines, dt. Markirch).

8. Romanische Enklave von Orbey (dt. Urbeis).

9. Isophonisches das Ober- vom Unterelsass trennendes Linienbündel.

10. Oberelsässisches Niederalemannisch

11. Isophonische Schranke des Sundgaus.

12. Romanische Enklave von Montreux (dt. Münsterol).

13. Romanische Enklave von Courtavon-Levoncourt (dt. Ottendorf-Luffendorf).

14. Hochalemannisch (Sundgau).

 

 

 

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welchen Sprachen begegnet Ihr in Eurem Leben? Welche sind Dialekt, Zweitsprache, Soziolekt, Regionalsprache, Sprache von Immigranten, Muttersprache, Fachsprache, Fremdsprache?
  • Wer spricht wann, mit wem, in welchem Umfeld welche Sprache/welchen Dialekt?
  • Welche Sprachen werden schriftlich verwendet, welche nur mündlich?
  • Welche Sprachen werden offiziell anerkannt?
  • Seit wann werden diese Sprachen in der Region gesprochen? Woher kommen die Sprachen?

Karikatur zum elsässischen Dialekt

Die folgende Karikatur gehört zu den bekanntesten Motiven bei denjenigen, die im Elsass die deutsche Sprache verteidigen.

Aus: Postkarte des Cercle René Schickele, Vertrieb: S.A.L.D.E. Strasbourg

Anregung für den Unterricht

  • Schreibt ein Flugblatt, in dem Ihr dafür eintretet, dass nicht nur im Elsass Deutsch gesprochen werden soll, sondern auch in den deutschen Nachbarregionen Französisch gelernt werden soll. Das Flugblatt sollte folgende Kriterien erfüllen: Schriftgröße, Absätze, Textmenge, Zeichnungen, Grafiken etc. müssen so gestaltet werden, dass das Flugblatt auch gelesen wird. Beachtet die AIDA-Regel: attention, interest, desire, action. Der Adressat muss auffordernd angesprochen werden, alle Informationen müssen knapp und klar formuliert sein, der Autor muss klar machen, welche Ziele er verfolgt und wie er diese umzusetzen gedenkt. Arbeitet evtl. mit Eurer Französischlehrerin/Eurem Französischlehrer zusammen.

Raymond Matzen u.a.: Divers/ Verschiedenes

Für Kinder hat Raymond Matzen ein französisch-elsässisches Lexikon geschrieben, in dem er die wichtigsten Wörter für den Alltag zusammenfasst:

 

Raymond Matzen u.a.: Divers (un peu de tout) / Verschiedenes (von àllem e bissel ebbs)

 

Buschur

Àdjee

Bis morje

Bis bàll

Bzis zem näächschte Mol!

Güet Nàacht

G´sundheit

E glicklichs Nejs

Scheeni Wihnàchte

Scheeni Ooschtere

Merci

Geht´s? Ja, s´geht!

Isch´s (Wetter) hit scheen? Nei

Exküsiere

Wenn´s beliebt!

Ich versteh nitt worum

Do het´s Lit

Wer isch do?

Wenn isch´s Schannele (Jeanne) d´heim?

Wo geht er ànne?

Wieviel Kinder si(nn)´s?

Hallo! Sinn Ihr Herr Mär?

Àchtung!

Autsch, ich hàb mir weh gmacht.

Na, Ihr Hàn mir Angscht gmàcht!

Wàs isch dàs?

D´sell dort isch min Hüs.

Bravo, er het´s gepàckt.

 

Nach: Matzen, Raymond/ Daul, Léon/ Lazé, Christophe/ Cadieu, Marie-Paule: Mon premier dictionnaire français - alsacien en images, Strasbourg 2000, 19

 

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche elsässischen Wörter könnt ihr verstehen?
  • Spielt ein Rollenspiel. Ort: Supermarché Auchan Hagenau.

Beteiligte:

Kassiererin, türkisch (spricht nur türkisch und französisch)

Kundin 1, elsässisch (möchte nur Elsässisch sprechen "Ich red wie mir de Schnawel gewachse isch...").

Kundin 2, elsässisch (fremdenfeindliche Wählerin der rechtsextremen Front National, wirft der Türkin vor, nicht dort geblieben zu sein, wo sie hingehört).

Kunde 1, aus dem "Inneren Frankreichs" (spricht nur französisch).

Chef, elsässisch (spricht Elsässisch, aber meint, dass man in öffentlichen Gebäuden französisch sprechen muss, weil man in Frankreich ist).

 

Konflikt: Die Kundin 1 beschwert sich bei dem Chef, dass die Kassiererin nicht Elsässisch verstanden hat. Er verteidigt die Kassiererin, Kundin 2 und Kunde 1 mischen sich ein.

Verteilt die Rollen, sucht nach Argumenten der Beteiligten, spielt den Konflikt. Der Rest der Klasse beobachtet die Szene. Danach wird die Szene noch einmal gespielt, wobei einzelne ZuschauerInnen die Spieler ersetzt werden können, um den Konflikt positiv zu lösen.

(Die Szene hat sich tatsächlich so ereignet, vgl. DNA 2. März 2003)

 

  • Überlegt: Könnte diese Szene auch in Deutschland so stattfinden? Spielt sie nach.
  • Diskutiert: Dialekte können Brücken darstellen, sie können aber auch ausschließen. Welche Beispiele fallen Euch ein?
  • Erörtert: Sollen Menschen, die von außen in Eure Region ziehen, versuchen, den Dialekt zu lernen? Sollte der Dialekt auch in folgenden Institutionen akzeptiert sein: Gemeinderat, Schule, Verwaltung, Kirche,...?

S´Elsässische Eck

Der folgende, in alemannischem Südelsässisch verfasste Leserbrief aus der Sparte "S´elsässische Eck" in "Région Alsace", einer Postwurfzeitung der "Région Alsace" für alle Haushalte, drückt gut die Überlegungen in der elsässischen Bevölkerung aus:

 

Leserbrief: Hat's iwerhaupt noch e Wàrt fir d´r Dialekt z´benutze?

Ohne Zwifel, mie Antwort isch e ditlig «jà», un mine Stellung isch nit dur e eventuelle Nostalgie oder Ideologie begrinde, d'rfir awer nur wàge praktische Ursache. Unsere Provinz grànzt nördlig an d'r Pfolz, weschtlig an s'Bundesland Baden-Wirtebàrg, un südlig an d'Kontone Basel un Baselland, un s'isch jo bekannt dass'me dert iweral d'r alernannische Dialekt als Umgangssproch benutz, e Usdrucksart wu in alle begrifflig isch, mir Elsàsser mitg'ràchent.

Un will ewe andersits tausige vu unsere Landslit in de Nochberslànder ihre Brot verdiene, so isch's fir die e Vorteil, wenn nit e Notwàandigkeit, fir sich mit ihre Arweitskollege kenne verstáandige, allei schu wàage uniwersetzbare Fachüsdrick. Un däm Grund findet' me efters in de Stellungsofferte d´Bedingung "dialecte exigé"! Das wird im Usland g'schätzt ! Das isch zwar nur ei Bispihl vu dàm Vorteil. Wenn unsereins g'làgentlig in d'Nochberslànder geht, oder vu dert B'süech bekummt, so isch's doch ag'nàhm, sich mit dàne Lit kenne verstàndige. Un achtung, alemànnisch reede'se bis in d'r Tyrol. Also isch's rentabel sich zu de "dialectophones" z'zehle. Das hàn andersits g'wisse vu unsere politische oder wirtschaftlie Prominàrize igsàh. Dàne verdanke mir unter anderem dass unsere Télé Dialektsàndunge üsstrahlt, wenn oi nit genüe. Un üsserdàm sin im ganze Elsass zirka 200 Theater-Truppe tàtig, un die sorge, uf ihre Art, fir d'Erhaltung vun unsere Müettersproch. Unser Dank isch dàne g'sichert.

 

Freddy Willenbucher (Mulhouse)

Aus: Région Alsace Avril/Mai (2001) 6, 8

 

Heinrich Meyer: Pälzer Schbrooch

Heinrich Meyer (gen. Kunnrädel, 1878-1966) widmet sein erstes Buch Pälzer Riesling "den Kameraden an der Front", das folgende Gedicht stammt aus seinem zweiten Buch "Pälzer Blut" (1950). Neben den "klassischen Themen" Wein, Weib und (hier) Tabak zeigt Meyer die phonologische wie semantische Vielfalt der pfälzischen Sprache. Dabei werden in der Tat originelle sprachanalytische Studien getrieben und sprachspielerisch umgesetzt. Gleichzeitig ist der Tenor des Gedichts wieder einmal nur ein bekräftigend-unkritischer Lobpreis des Pfälzischen.

 

Heinrich Meyer: Pälzer Schbrooch

 

Mei(n) Pälzer Schbrooch,

wass isch se schä(n)!

's gitt uff de ganze Weit kä(n) mäh(n),

Wu sich mit dere messe kinnt,

Wall mer se närgends schäiner find.

 

Sou worzelecht, sou saftig, kloor!

Unn kummt se deer gepeffert vor,

Des gitt er erschd de rechte Gschmack

Unn kummt denohd vum Palzduwak.

 

Ich habb, ich häbb, ich hann, ich hunn.

In unserm Pälzel scheint schunn d'Sunn,

Ich bin, ich ben, ich sein, ich sinn,

Schäl hääßt mer denn, der wu isch blinn.

 

De Wend hott's Kend schunn umgerennt,

Ehr Kenn gehn renn, es geht de Wend.

Bei uns geht, seegt de Winzerjerg,

De Parre mit de Peif in d'Kerch.

 

Do wu en Pälzer Schobbe winkt,

Do wu mer "Bitzler" bloost unn drinkt

Unn wu mer andlich Duwak schmaucht,

Do wird ach uff de Bodem gschbaucht.

 

Bei uns, do nimmt mer's net genaa,

Mer seegt mol Frää, mer seegt mol Fraa,

Madamm un Frääche seegt mer ach

Unn Madame, Aldi, besser Drach.

 

Doch kummt de Mann vum Werdshaus raus

Unn sieht ganz schäbb gelade aus,

Do kreischt die Malche voller Groll

"Du Süffer! - Sauf (kä(n) Karchzehn voll.

 

Mer seegt gedeu, gedau, geduh'

Heer uff!- Heer off! - Loß nooch! - Heer Ruh!

Schdatt Kittel, Mutze, seegt mer Wambschd

Unn schbare hääßt bei uns geramschd.

 

Ach Atzel, seegt mer, Schdork unn Krabb,

Unn Schmus unn Gwatsch. - Baberlababb!

Unn Fernsel, Wärrsching, häaßt de Kobb,

De Mann hääßt Lottel, armer Drobb.

 

E Kricksel isch e manchi Fraa

Unn Orschel nennt mer se hald ah.

En Hoschbes, wann se bissel schbinnt,

Daß mer vor Wut verzwawwle kinnt.

 

Am Kobb, do dreegt mer als e Bätz,

Waß iwwerzwerch isch, des isch lätz.

De Lichta(n)schdecker froogt de Scha(n):

"He! Serwus, Michel! - Ballalla(n)!"

 

Sou kinnt mer redde e ganz Johr,

Vunn uns´re Schbrooch, sou schäi unn kloor!

Sou duftig unn sou blummereich

Em Kärschebliet unn Veilcher gleich.

 

Wann ähm die Schbrooch net gfalle deht

Unn meckert dra(n), ass weer er bleed,

Do froog ich noch kän Dreck denooch!

Meer gefalld se unser Pälzer Schbrooch!

 

Aus: Beckmann, Jürgen/Kliewer, Heinz-Jürgen: "Ich redd mein Muddersprooch". Anthologie Pfälzer Mundartliteratur, Landau 1997, 201.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche pfälzischen Begriffe Meyers kennt ihr heute nicht mehr? Erklärt denen, die kein Pfälzisch sprechen, die genaue Bedeutung besonderer Wörter. Orientiert euch dabei auch an den Vorgaben, die ihr in einem Wörterbuch findet. (Post, Rudolf: Kleines Pfälzisches Wörterbuch. Edenkoben 2000. Christmann, Ernst: Pfälzisches Wörterbuch. Wiesbaden 1964 ff.)
  • Meyer gibt manchmal alternative Möglichkeiten für das gleiche Wort im Dialekt. Welchen Begriff verwendet Ihr? Sucht auch Begriffe, die von einem Dorf zum anderen verschieden ausgesprochen werden oder die nur in bestimmten Ortschaften benutzt werden.
  • Welche Vor-, welche Nachteile hat diese Vielfalt in der pfälzischen Sprache?

Literaturhinweise:

Post, Rudolf: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. Landau 1990.

 

Michael Bauer: Warum de klääne Pälzer...

Seit dem Jahr 2000 veröffentlicht Michael Bauer allwöchentlich Geschichten vom "klääne Pälzer" in der Sonntagsausgabe der Regionalzeitung "Die Rheinpfalz". Illustriert von Xaver Meyer sind diese Geschichten aber auch als Bücher (2001/2003) und als Kalender veröffentlicht worden und haben mittlerweile einen hohen Popularitätsgrad erreicht. Die Texte zum "klääne Pälzer" wurden 2001 und 2003 als Bücher herausgegeben.

 

Michael Bauer: Warum de klääne Pälzer net gern Sache leest, die in Mundart gedruckt sind

 

Was? Er, de klääne Pälzer? Soll gsagt hawwe, dass er net gern Mundart lest? Ja, wer verzehlt dann so en Blödsinn? Des is doch dumm gebabbelt hoch drei!

»Es gibt halt immer mol wieder den Fall, dass einen jemand missversteht, weil er ihn missverstehe will, verstehscht?" sagt de klääne Pälzer zu dir.

Er packt dich an de Schulter oder knufft dich ganz leicht mit em Elleboge in die Rippe oder petzt dich sogar, - weil en die ganze Verleumdunge immer so aufregen - ins Ohrläppel.

De klääne Pälzer lest sogar mit Vorlieb Mundartgeschichte un -Gedichte.

Allerdings nur dann, wann se vu net allzu weit her stammen.

Wenn ihm seine zwei Kussängs aus Saarbrücken oder Karlsruhe saarländische oder badische Mundartbücher schenken (die machen des sowieso nur, um ihn zu foppe), dann versteht er beim Lese grundsätzlich kein Wort.

Manchmol fremdelt er sogar bei Mundartgedichtbändcher, die wo ganz aus de Näh stammen, vielleicht nur drei Orte weiter.

Was er sich sehr wünsche tät, wär, dass alle Mundartgedichte in der Sprach verfasst wären, die wo bei ihm früher zuhaus gesproche worde is.

Was des für en Dialekt war? Die Frag ins garnet so leicht zu beantworte. Dem klääne Pälzer sei Mutter, di stammt aus der Gegend von Pirmasens, sei Vadder aus Forst, sei Lieblingstante aus Mannheim, ihr Mann aus Lautre. Er selwer is in Neustadt gebore, in Zweibrücke aufgewachse und dann über Frankethal und Worms dorthin gekomme, wo er jetzt wohnt. (Manche sagen, des wär in Ludwigshafe, andre behaupten Speyer. De klääne Pälzer bittet um Verständnis, er kann seinen jetztige Wohnsitz net verrate, sonst rennt mer ihm die Bud ein).

Er kratzt sich an de Nas und meint verschmitzt:

"Des Mundartgedicht, wo mich in Ausdruck und Schreibweis vollkommen zufriedestelle tät, müsst in allgemeinverständlichem lautringo-zweibrücko-pirmasenso-forstianischem-manneheimensisch- neustadtonisch-frankobolandischem, leicht wormatio-spirensisch-lumpehäfenerisch angehauchtem Pfälzisch verfasst sein."

De klääne Pälzer lässt de Kopp e bissel hänge, weil er, indem er die ganze unmögliche Wörter ausspricht, ganz deutlich merkt, dass sein Wunsch für immer unerfüllbar bleibe wird. Aber dann gießt er dir un sich noch en Schluck ein, hebt sei Glas und sagt:

"Bei dem Gezwitscher und Gesabbel von sämtliche Elwetritsche un so wahr mein Großvadder außer in de Hitlerzeit in seim ganze Lewe kään hochdeutsches Wort iwwer die Lippe gebracht hat: Mit dem Troppe do im Hirn kannscht du in sämtliche pfälzische Mundarte - also sozusage alle Pfalzalekte - dichte. Und jeder versteht dich. Awwer nur, wann er selwer auch genug getrunke hat.«

 

Aus: Die Rheinpfalz 3.2.2001

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche Probleme der Dialektliteratur stellt Bauer in seinen humorvollen Ausführungen des "Kläänen Pälzers" dar?
  • Kann man ernstzunehmende Literatur in Mundart schreiben? Erörtert dieses Thema.

Ulrich Kantowsky: ERSTAUNLICH

Kantowsky (1959-1987) karikiert die gelassene Reaktion pfälzischer Fernsehzuschauer auf apokalyptische Meldungen von verhungernden Kindern. Anders als die emotionalisierte Fiktion in Horror- oder Liebesfilmen, scheint man auf diese Nachrichten mit Gelassenheit oder zumindest Indifferenz zu reagieren. Der pfälzische Dialekt wird hier eingesetzt, um Kritik zu üben am begrenzten Denken des Normalbürgers.

 

Ulrich Kantowsky: ERSTAUNLICH

 

En Krimi

esch packend,

Horrorfilme

jaachen äm Gänsehautschauer

de Buckel ruff un runner.

Kriegsfilme

fesslen än an de Stuhl

und wann sich

zwää Verlibte

am Schluß griechen,

dao hailt mer vor lauter Rihrung.

 

D´Noochrichde:

Alle sechs Sekunne

verhungert irgendwu

uff de Welt

ä Kinn.

So, so.

(...)

 

Aus: Beckmann, Jürgen/Kliewer, Heinz-Jürgen: "Ich redd mein Muddersprooch". Anthologie Pfälzer Mundartliteratur, Landau 1997, 326.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Welche Rolle spielt in Kantowskys Gedicht der Einsatz des Dialekts?
  • Nehmt das heutige Fernsehprogramm und schreibt einen ähnlichen TV-Text mit aktuellen Fernsehsendungen.

André Weckmann: Aliénation

Parallel zu Kantowskys pfälzischem Fernsehabend ist auch hier das Fernsehen Medium der Verblödung. Dabei nimmt die Regionalkultur aber anders als dort eine positive Rolle ein: Hier kommt die Regression nicht durch die Verkleinerung des Horizonts, sondern durch die Akzeptanz der Zerstörung der "kleinen Kultur". André Weckmann nimmt den marxistischen Begriff "Entfremdung" hier regionalspezifisch: Indem die Elsässer akzeptieren, dass ihre Kultur und ihre Landschaft von der Hegemonialkultur zerstört wird, nehmen sie selbst Schuld an diesem Prozess auf sich.

 

André Weckmann: ALIÉNATION

 

lon d walder àbholze

lon d acker betoniëre

lon de bàch gràdstrecke

on d vogese verbàjje

lon d Iàndschàft verhunze

lon de rhin verrecke

lon d kàminer géft kotze

un sejje gedrôscht:

es màcht si àllewil ainer

e bàtze gald debî

 

loni uf d zeh dratte

loni uf d nàs spitze

loni s mül züehewwe

loni d kâpp ewer d´ Ore zejje

loni d wurzle àbschnîde

loni d sprôch verwurje

un sejje gedrôscht.

es verdiënt si àllewil ainer

e rôts reckel debî

 

un jetz gehn haim

wascheni d hand

setzeni vor d télé

loni met kitsch stopfe

loni s hérn ufwaiche

loni d seel plàttwàlze

un

wann de speaker bonsoir het gsait

hankeni uf

 

Aus: Huck, Dominique: André Weckmann. Écrivain de son temps, (Cahier No 13 Langue et Culture Régionales). Strasbourg: CRDP, 1989, 31.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Fasst zusammen, was Weckmann in jeder Strophe darstellt.
  • Was hat sich gegenüber Kantowsky verändert?
  • Welche Rolle spielt hier der Dialekt?
  • Ordne das Gedicht in seinen Entstehungszusammenhang in den 70er Jahren ein.

Eugène Mann: Brueder

Eugène Mann nimmt in seinen Gedichten oft Bezug auf die Bibel. Damit stellt er sich in eine Tradition des deutschsprachigen kirchlichen Umfeldes, wie er vor allem in den protestantischen Kirchen im Elsass bis heute praktiziert wird. Hier werden Gottesdienste dreisprachig abgehalten: französisch, deutsch und elsässisch. Im Gottesdienst werden nebeneinander ein französisches und z.B. das Evangelische Gesangbuch der Protestantischen Landeskirche der Pfalz verwendet.

Mann überträgt zunächst das Kreuzigungsgeschehen Christi auf Gewaltsituationen in der gesamten Welt, um dann auf die christliche Weihnacht zurückzukommen. Auch die Christen sorgen nicht dafür, dass Armut bei uns aufgefangen wird und nehmen damit an dieser Gewalt teil. Wie in den anderen Gedichten machen sich die Durchschnittsbürger, hier die Elsässer, durch ihre Untätigkeit schuldig. Indem auch Mann das französische Wort "télé" aufgreift, wird auch hier die Verantwortung auf die französische Einheitskultur geschoben, in sehr viel geringerem Maße aber als bei Weckmann.

 

<strongEugène Mann: Brueder</strong>

 

A Jerusalem

Ha si Der es G´secht g´spitzt

Ha Di gegeiselt

Met Dorne gekreent

Un às Kriz g´nàjelt

E Hebron

Met´em Mitraillettel àbg´majt

Em Rwanda

Met´em Machettel versàwelt

 

E Indie verbrannt

Em Irak vergàst

E China erschosse

E Algerie dr Büch ufg´schlanzt

Un do und dert

Auj emol g´hangt emol g´schand odder

Vertrankt

......

un bi uns

ha si Di à dr Wihnàchte

uf dr Stross verfriere loo

...

Mer àwwer

Mer ha nix dodermet zu tue

Mer ha ke Maschettel ke Flent un ke Seil

Mer setze numme vor dr Tele un gücke zue

 

(A Jérusalem/ils T'ont couronné d'épines et cloué sur la croix/à Hebron fauché à la mitraillette/au Rwanda dépecé à la machette/puis pendu en Iran/gazé en Irak/bûlé vif en Inde/égorgé étripé décapité en Algerie/fusillé en Chine/ou encore étranglé au berceau/voilé exploité torturé/dans la chair et l'âme/des proies les plus facile:/la femme seule et l'enfant sans défense/Et chez nous/Seigneur/ils T'ont laissé mourir de froid/près d'une poubelle/un soir de Noel.)

 

Aus: Eugène Mann: Em Schatte vom Kriz

 

Anregungen für den Unterricht

  • Vergleicht die drei Gedichte von Kantowsky, Weckmann und Mann. Wie bearbeiten sie jeweils das gleiche Thema?
  • Eugène Mann hat in seinem Text Bezug genommen auf die Bibel. Wo?
  • Arbeitet mit Eurer Religionslehrerin/Eurem Religionslehrer an einem Projekt zum Vergleich zwischen den Religionen in der Südpfalz und im Elsass. Informiert Euch über die Religionssituation in Frankreich und im Elsass. Welche Regelungen werden hier getroffen bezüglich des Religionsunterrichts, des Gottesdienstes, des Kommunions- bzw. Konfirmationsunterrichts. Wie viele Gläubige welcher Religionen gibt es? Welche Sprachen werden im Gottesdienst gesprochen? Welche historischen Wurzeln hat die heutige Situation?

Adrien Finck: 11.9.01

Adrien Finck zieht Verbindungen zwischen den Vorkommnissen am 11. September in New York und dem Problem hegemonialer Kulturen und damit indirekt mit dem Elsass-Problem. Dabei spielt er einerseits auf die Vereinheitlichung der Sprachen /Kulturen an, die mit dem alttestamentlichen Babylonischen Türmen (Gen. 11) ihren Ausgang genommen habe, die aber auch durch die monotheistische Kultur dieser Zeit begründet wurde (Jahwe gegen die Götter des kanaanäischen Umfelds) und schließlich alttestamentlich beim Gastmahl des Belsazars (Dan. 5,25-28) mit der Androhung des Untergangs des großen babylonischen Reiches ihre Fortsetzung fand. Übertragungen auf die Großmacht USA, aber auch auf die gesamte hegemoniale Kultur des Westens sind angedeutet, das Elsass mit seinen "kleinen Sprachen" erscheint hier auf der Seite der "Geretteten".

 

Adrien Finck: 11.9.01

 

Babylon

zwei tota tüerm

d' gànza walt hàt sa g'sah uf 'm

bildschirm d'blitzschrift

sprochlos oder redt do noch 's àlta teschtamant .

mene tekel upharsin

gott gega gott

so heißt 's groß in großa sprocha.

 

mir reda n a kleina sproch

 

Babylon / zwei / tote türme / die ganze welt hat sie gesehen auf dem / bildschirm die blitzschrift / sprachlos / oder spricht da noch das alte testament / mene tekel upharsin / gott gegen gott / so heißt's groß in großen sprachen // wir reden eine kleine sprache

 

Babylone / deux / tours tombées / écriture de l'éclair / sur tous les écrans du monde sans voix / ou parle-t-elle encore / celle de l'ancien testament mané thécel pharès / grandes langues proclament / dieu contre dieu // nous parlons une petite langue

 

Aus: Revue Alsacienne de Littérature 77 (2002), 79.

 

Anregungen für den Unterricht

  • Versucht selbst Übertragungen des Gedichts in Dialekt, Hochdeutsch und Französisch zu schreiben und vergleicht mit dem Original von Finck.
  • Welche Rolle nimmt in diesem Gedicht die elsässische Identität ein. Was haltet Ihr von Fincks Verbindung von Babylon und den Türmen des 11. September (Schlag dazu noch einem die biblischen Stellen nach, auf die Finck hier anspielt.).

Christian 'Chako' Habekost: Rischdisch. Falsch. Gebabbelt

Christian Habekost, mit Künstlernamen Chako, schafft es durch seine Comedy- und Rap-Vorführungen, den pfälzischen Dialekt von seiner provinziellen Konnotation zu befreien. Habekost, der sich selbst intensiv mit der Dub Poetry beschäftigt hat und zu diesem Thema seine Dissertation (Verbal-Riddim. Politics and Asthetics of African-Caribbean Dub Poetry. Amsterdam: Rodopi Press 1993) veröffentlicht hat, tritt seit 1994 als Kabarettist auf. Besonderes Aufsehen hat er errungen, weil er mit seiner Frau Bettina als "Chako + Tina" als erster weißer Calypso-Singer beim Karneval in Trinidad aufgetreten ist. Hier hat er auch einen Teil seiner musikalischen Ausbildung erhalten. Er greift dabei vor allem zu Rhythmisierungen, die er aus dem amerikanischen Rap oder der karibischen Performance holt (www.christian-habekost.de).

 

Der folgende Rap gewinnt denn auch vor allem durch das klangliche, rhythmische Element, wobei das Spiel mit der Sprache manchmal im Nonsens endet. Sein "Preis der pfälzischen Sprache" gerät damit eher zu einer selbstironischen Litanei.

 

Christian `Chako´ Habekost: rischdisch.falsch.gebabbelt.

 

Letsch war isch fortt als Emigront

im Aussegeländer-Lond

zeh volle Daach om Stick

konnt isch ned hääm zurick

un konnts aa ned vermeide

unner Heimat-Weh zu leide:

dänn Woi wo do kriggt hoschd

gab's nur in klääne Mini-Gläser

un hot dofür´s Doppelde gekoscht

Die Leit warn kiehl wie eine steife Brise

un alle warn so leis wie in de Kersch

mit Hänge-Gsischder zum verdrieße

Und alle sprachen ganz korrekt un mit gerümpfter Nas

als misste alleweil se niese

- Isch hab misch zwar gesehnt nooch dem Gfiehl so ubeschwert

Womma e volli Breitseit pälzer Sprooch gekrische heert -

Un doch haww isch misch arrangiert

Hab misch aussergewärdisch asozialimisiert

hab mir die Zunge so verdreht

dass ma misch irgendwie versteht

Un beim halbwegs „sauber reten” misse

hab isch mir ball die Stimmbänder verrisse

hab mir änner ab un widder dro gezappelt

un wollt doch debei nur wisse:

wonn endlisch werdd mol widder rischdisch falsch gebabbelt.

 

Un jetz rollt de Zug in Manneim oi - ahoi! -

Un mir geht´s schunn gut

Wonn isch nur heer

wie en Bu e „Hear”

uffm Bahnsteig kreische dut

„Hear” - des klingt fer misch wie Himmelsgeige

un isch du aussteige,

erschd e bissel strecke

donn e bissel recke

die Lippe mit de Zung belecke

e bissel Riesling, bissel Schoklad

un e bissel Anilin druff schmecke

bissel kreisle mi´m Becke

dass die Mädels glei ihr Hälse recke

un ... haww isch misch donn

ferddisch oi-gegroovt un ausgezappelt

donn werdd mol widder rischdisch falsch gebabbelt.

 

Donn loss isch die Vokale hoppse

dass es grad so kracht

donn loss isch mei Zung doppse

dass de Gaume lacht

donn spuck isch lauder laude Laude

vun moiner Muddersprooch do in mir drin

uff die Gass zurick do wo se herkumme sin

 

do bin isch high

do bin isch frei

zu spresche wie isch redde du

zu schwätze wie isch bapple du

genau wie du un du un du

un die ann´re Pälzer

aa dezu:

die Zungeknippler

Stimmbandrüttler

Zwerschfell-Schüttler

Die ...

Hochdeitsch-Nihilischde

Grammadik-Terrorischde

Sprooch-Alchimischde

Lautstärke-Maximalischde

Relativpronome-Minimalischde

In-die-Welt-naus-Posaunischde

Altbundeskanzler-Kohl-Parodischde

Die gonze ...

Dialektale-Mund-Artischde

 

Hopp alla hopp

die Vokale kloppse

aussem Kopp

kloppse raus

un losse hoppse

losse doppse

losse donze,

losse extravagonze

losse schalle

losse knalle -le, -le, -lee...

Un ... wonn´s donn im Pälzer un im Odewald widerhallt

Un ... Wonn donn die Duderedaktion zusammefallt

Un ... Wonn donn die gonze Erd uff emol bebt un rappelt

Donn weesch du:

Do werdd mol widder rischdisch falsch gebabbelt.

 

Aus: Habekost, Christian Chako: Rischdisch falsch gebabbelt. Mutterstadt: Palatina Viva, 2002 (CD).

Anregungen für den Unterricht

  • Rap ist nur dann lebendig, wenn er gesprochen wird. Es wäre also eine Herausforderung, Habekosts Text durch einen ansprechenden, schnellen Vortrag zu Musik zu machen. (Hier wäre auch mit dem Musikunterricht zusammenzuarbeiten.) Perfekt vorgetragen wird der Text natürlich von Habekost selbst auf seiner CD Rischdisch falsch
  • Vielleicht könnt ihr ja auch die Sportlehrerin/den Sportlehrer begeistern, eine richtige Rap-Performance mit euch einzuüben.
  • An welchen Stellen vermischt Habekost pfälzische Ausdrücke mit englischen. Welchen Effekt hat das?
  • Vergleicht Habekosts Rap mit anderen Texten aus dieser Einheit. Wie geht er mit seinem Dialekt um?

Autorin: Annette Kliewer

 

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Europa

 

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