Deutsch-französische Vermittler: Adelbert von Chamisso
Heinrich Heine, Ernst Jünger und Walter Benjamin auf der einen Seite, Madame de Staël und Victor Hugo auf der anderen Seite - sie alle gelten als deutsch-französische Vermittlerfiguren. Im Folgenden soll Adelbert von Chamisso, der unter seiner doppelten Zugehörigkeit sein ganzes Leben lang litt, als deutsch-französischer Gewährsmann im Zentrum stehen. Er gibt dem seit 1985 verliehenen Chamisso-Preis den Namen, der alljährlich für "deutsch schreibende Autoren nichtdeutscher Herkunft und Muttersprache" verliehen wird.
Sein Peter Schlemihl, aufgrund seiner märchenhaften Struktur ansonsten eher Stoff für die Mittelstufe, soll hier als Figur betrachtet werden, deren persönliche Identitätsschwierigkeiten als Widerspiegelung biographischer Erfahrungen des Autors gesehen werden. Seine Erzählung erscheint demnach als ein "Metatext der Grenzziehung" (Simanowski). Die Beschäftigung mit Chamisso legt es auch nahe, sich mit der Situation von Exilierten und Migranten zu beschäftigen, Bezüge zu den Texten von Heinrich Heine, Canetti, Kaléko oder Pazarkaya liegen also nahe.
Thema: Deutsch-französischer Vermittler: Adelbert von Chamisso
Klassenstufe: 10-12/13
Bezug zu anderen Fächern: Französisch, Geschichte.
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihl 1
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihl 2
Adelbert Chamisso (1781-1838), eigentlich Charles Adélaide de Chamisso de Boncourt, war deutscher Schriftsteller und Naturforscher, lebte aber zwischen zwei Kulturen. Er floh mit seinen Eltern vor der Revolution in Frankreich nach Deutschland, wurde dort Page der Königin Friederike Luise, machte dort sogar eine preußische Offizierskarriere. Er entscheidet sich bewusst dafür, in Deutschland zu bleiben, auch nachdem Napoleon seine Familie rehabilitert. Obwohl er die deutsche Sprache erst mit 15 Jahren erlernte, schreibe er seine Texte auf Deutsch. Er bildet mit Karl August Varnhagen und Julius Eduard Hitzig den frühromantischen "Nordsternbund". Während der Befreiungskriege bekommt er anti-französische Ressentiments zu spüren, wird zur Rückkehr nach Frankreich gezwungen, wo er sich dem Kreis um Frau von Stael anschließt, der er ins Schweizerische Exil folgt. Er kehrt zurück nach Berlin, um botanische Studien aufzunehmen, die er aber wegen erneuter Angriffe gegen seine Person abbrechen muss.
In Chamissos Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814) verarbeitet er diese autobiographischen Erfahrungen. Dabei greift er den jüdischen Begriff des "Schlemihl" auf, eines Pechvogels, der sich hier aber auch selbst schuldig macht.
Anders als Schlemihl erlangt Chamisso aber gegen Ende seines Lebens gesellschaftlichen Erfolg. Er wird Botaniker, Zoologe, Ethnograph und Sprachforscher, nachdem er sich wie Schlemihl auf eine dreijährige Weltreise eingelassen hat. Er stirbt 1838 als Dichter des Vormärz.
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihl (1814)
In einem Pakt mit dem Teufel verkauft Peter Schlemihl seinen Schatten gegen ein Goldsäckchen, das nie endenden Reichtum verspricht. Von der Gesellschaft geächtet, flieht er durch die ganze Welt, um schließlich als Naturforscher seinen Frieden zu finden. Seine Erzählung verknüpft romantisch-märchenhafte Züge (v.a. das Motiv des Teufelspaktes) mit einer scharfen Gesellschaftskritik.
Schnell leidet Schlemihl unter seiner Schattenlosigkeit, es gelingt ihm aber mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel diese Tatsache zu vertuschen, sich der Tochter eines Forstmeisters zu nähern und sich sogar mit ihr zu verloben. Er hofft darauf, seinen Schatten nach Jahresfrist wiederzubekommen, wartet aber vergebens auf den Mann im grauen Rock, der ihm diesen Tausch versprochen hat. Schließlich wird seine Situation entdeckt.
Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf und ab; er stand mit einemmal vor mir still, blickte ins Papier, das er hielt, und fragte mich mit prüfendem Blick: »Sollte Ihnen, Herr Graf, ein gewisser Peter Schlemihl wirklich nicht unbekannt sein?« Ich schwieg. - »Ein Mann von vorzüglichem Charakter und von besonderen Gaben ... « Er erwartete eine Antwort. »Und wenn ich selber der Mann wäre?« - »Dem«, fügte er heftig hinzu, »sein Schatten abhanden gekommen istl«
„O meine Ahnung, meine Ahnung«, rief Mina aus," ja, ich weiß es längst, er hat keinen Schatten!", und sie warf sich in die Arme der Mutter, welche erschreckt, sie krampfhaft an sich schließend, ihr Vorwürfe machte, daß sie zum Unheil solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie aber war, wie Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang meiner Stimme häufiger floß und bei meinem Nahen stürmisch aufbrauste.
»Und Sie haben«, hub der Forstmeister grimmig wieder an, »und Sie haben mit unerhörter Frechheit diese und mich zu betrügen keinen Anstand genommen, und Sie geben vor, sie zu lieben, die Sie so weit heruntergebracht haben? Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O schrecklich, schrecklich!«
Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich wie irre redend, anfing: Es wäre doch am Ende ein Schatten nichts als ein Schatten, man könne auch ohne das fertig werden und es wäre nicht der Mühe wert, solchen Lärm davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß er mich einer Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu, was man einmal verloren, könne man ein andermal wiederfinden.
Er fuhr mich zornig an: »Gestehen Sie mir´s, mein Herr gestehen Sie mir´s, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?« Ich mußte wieder lügen: »Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so hämisch in meinen Schatten, daß er ein großes Loch darein riß - ich habe ihn zum Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel; ich habe ihn schon gestern wiederbekommen sollen.« -
"Wohl, mein Herr, ganz wohl" erwiderte der Forstmeister: "Sie werben um meine Tochter, das tun auch andere, ich habe als ein Vater für sie zu sorgen, ich gebe Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach einem Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen vor mir mit einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie mir willkommen sein; am vierten Tage aber - das sag ich Ihnen - ist meine Tochter die Frau eines andern."
Ich wollte noch versuchen, ein Wort an Mina zu richten; sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre Mutter und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich schwankte hinweg, und mir war´s, als schlösse sich hinter mir die Welt zu.
Der liebevollen Aufsicht Bendels entsprungen, schweifte ich in irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß troff von meiner Stirne, ein dumpfes Stöhnen entrang sich meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn. Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, als ich mich auf einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten fühlte. - Ich stand still und sah mich um - es war der Mann im grauen Rock, der sich nach mir außer Atem gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort:
»Ich hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben die Zeit nicht erwarten können. Es steht aber alles noch gut; Sie nehmen Rat an, tauschen Ihren Schatten wieder ein, der Ihnen zu Gebote steht, und kehren sogleich wieder um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen sein, und alles ist nur ein Scherz gewesen (...).«
Ich stand noch wie im Schlafe da. - »Auf den heutigen Tag angemeldet?« - Ich überdachte noch einmal die Zeit er hatte recht, ich hatte mich stets um einen Tag verrechnet. - Ich suchte mit der rechten Hand nach dem Säckel auf meiner Brust - er erriet meine Meinung und trat zwei Schritte zurück.
»Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den behalten Sie.« - Ich sah ihn mit stieren Augen verwundert fragend an; er fuhr fort: »Ich erbitte mir bloß eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und unterschreiben mir den Zettel da.« - Auf dem Pergament standen die Worte: "Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem Inhaber diese meine Seele nach ihrer natürlichen Trennung von meinem Leibe."
Aus: Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte und Tagebuch der Reise um die Welt. Kehl 1994, S. 48-51.
Anregungen für den Unterricht
- Was meint ihr: Wie geht die Geschichte weiter?
- Vergleicht mit anderen Geschichten, in denen ein Teufelspakt dargestellt wird.
- Warum wird Schlemihl aus der Gesellschaft ausgeschlossen? Deutet das Symbol des „Schattens”.
- Nähert Euch der Figur des Schlemihl mit Methoden des "szenischen Interpretierens".
Peter Schlehmil (2)
Schlemihl lässt sich nicht auf den Handel ein und bekommt schließlich an Stelle des Goldsäckchens Siebenmeilenstiefel.
Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes - denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühre Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschluß, den ich faßte. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen.
Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem Überblick Besitz von dem Felde zu nehmen, wo ich künftig ernten wollte. - Ich stand auf den Höhen des Tibet, und die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen war, neigte sich hier schon am Abendhimmel; ich durchwanderte Asien von Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, und trat in Afrika ein. Ich sah mich neugierig darin um, indem ich es wiederholt in allen Richtungen durchmaß. Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und Tempel angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst wohnten. Es stand plötzlich fest und klar in mir, hier ist dein Haus. - Ich erkor eine der verborgensten, die zugleich geräumig, bequem und den Schakalen unzugänglich war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen Stab weiter.
Ich trat bei den Herkules-Säulen nach Europa über, und nachdem ich seine südlichen und nördlichen Provinzen in Augenschein genommen, trat ich von Nordasien über den Polargletscher nach Grönland und Amerika über, durchschweifte die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Hoorn nordwärts zurück.
Ich verweilte mich, bis es im östlichen Asien Tag wurde, und setzte erst nach einiger Ruh´ meine Wanderung fort. Ich verfolgte durch beide Amerika die Bergkette, die die höchsten bekannten Unebenheiten unserer Kugel in sich faßt. Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu Gipfel, bald über flammende Vulkane, bald beschneite Kuppeln, oft mit Mühe atmend; ich erreichte den Eliasberg und sprang über die Beringstraße nach Asien. - Ich verfolgte dessen östliche Küsten in ihren vielfachen Wendungen und untersuchte mit besonderer Aufmerksamkeit, welche der dort gelegenen Inseln mir zugänglich wären. Von der Halbinsel Malakka trugen mich meine Stiefel auf Sumatra, Java, Bali und Lamboc; ich versuchte, selbst oft mit Gefahr, und dennoch immer vergebens, mir über die kleinen Inseln und Felsen, wovon dieses Meer starrt, einen Übergang nordwestlich nach Borneo und andern Inseln dieses Archipelagus zu bahnen. Ich mußte die Hoffnung aufgeben. Ich setzte mich endlich auf die äußerste Spitze von Lamboc nieder, und das Gesicht gegen Süden und Osten gewendet, weint ich wie am festverschlossenen Gitter meines Kerkers, daß ich doch so bald meine Begrenzung gefunden. Das merkwürdige, zum Verständnis der Erde und ihres sonnengewirkten Kleides, der Pflanzen- und Tierwelt, -o wesentlich notwendige Neu-Holland und die Südsee mit ihren Zoophyten-Inseln waren mir untersagt, und so war im Ursprunge schon alles, was ich sammeln und erbauen sollte, bloßes Fragment zu bleiben verdammt. - O mein Adelbert, was ist es doch um die Bemühungen der Menschen.
Aus: Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte und Tagebuch der Reise um die Welt. Kehl 1994, S. 74-76.
Anregungen für den Unterricht
- Untersucht die Erzählperspektive.
- Welche Bezüge lassen sich zwischen der Biographie Chamissos und seiner Erzählung finden? Wie lässt sich demnach die Figur des „Manns ohne Schatten” deuten?
- Schreibt einen Text in Anlehnung an Chamisso, der von Zaubergegenständen (Tarnkappe, Liebestrank, Kraut des Vergessens,...) erzählt.







