Metanavigation:


Der Wolfsjunge

Der Wolfsjunge

L´enfant sauvage

Frankreich 1969

Regie: François Truffaut.

Kamera:

Länge: 80 Min. s/w

Darsteller: Jean-Pierre Cargol, François Truffaut, Françoise Seigner.

 

Leihmöglichkeit: 16mm Film (Nr. 32 51519-20) beim LMZ Baden-Württemberg.

 

Erziehungsfilm.Nach den authentischen Aufzeichnungen des Pariser Arztes Itard wird die Geschichte eines 1798 fast taubstumm aufgegriffenen Kindes und der Zivilisationsbemühungen erzählt; Truffauts sensible Annäherung an das Kaspar-Hauser-Motiv; intensiv und erschütternd.

 

Quelle: Adolf Heinzlmeier: Lexikon Filme im Fernsehen. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 2. erw. Aufl, 1990.

Metzler Filmlexikon: L’enfant sauvage

Die Geschichte eines 1798 im Wald von Aveyron gefangenen Wolfsjungen, Victor de l´Aveyron, hat Doktor Jean Itard ein paar Jahre später festgehalten. Truffauts Film, in Schwarzweiß gedreht, bedient sich dieses authentischen Zeugnisses und läßt im Off die Kommentare Dr. Itards zitieren. Um die verschiedenen Phasen der Entwicklung Victors besonders anschaulich zu machen, wandelte Truffaut, gemeinsam mit seinem Drehbuchautor Gruault, die Berichte in eine persönliche Chronik um: Er läßt den Arzt Tagebuch führen. Dabei versucht der Regisseur, dem literarischen Stil seiner Vorlage - ebenso wissenschaftlich-philosophisch wie lyrisch-prosaisch - treu zu bleiben.

 

Die Situation des Tagebuch-Schreibens - Itard setzt sich an seinen Schreibtisch, um die Veränderungen bei Victor zu notieren - bestimmt das langsame Tempo des Films, das - abgesehen von den dramatischen Anfangsszenen, wenn die Bauern den verschreckten Wolfsjungen jagen - an die Szenen- und Einstellungsdauer der Filme Bergmans erinnert. Truffaut geht es in erster Linie um den Prozeß einer Entwicklung, um den allmählichen Übertritt Victors aus seiner unverschuldeten Nacht in den Kreis der menschlichen Gesellschaft. Die Vorgeschichte Victors - von der Verfolgung durch die Bauern, dem Aufenthalt im Taubstummen-Institut, bis zur Aufnahme im Hause Itard - hat er in Form eines Prologs zusammengefaßt, um sich danach ganz auf Victors Erziehung und damit das Verhältnis des Wolfsjungen zu dem Doktor zu konzentrieren.

 

Der Wolfsjunge war außerhalb jeglicher Zivilisation allein im Wald aufgewachsen, so daß alles, was er tut, neu für ihn ist: Er schläft zum ersten Mal in einem Bett, er trägt zum ersten Mal Kleider, er ißt zum ersten Mal bei Tisch und er weint zum ersten Mal. Jeder Schritt vorwärts ist ein Glückserlebnis. Der sensibel beobachtende Film ist ein eindringliches Plädoyer für eine einfühlsame, humane Pädagogik; auch und gerade deshalb, weil Itard hinter dem Schweigen und der Unfähigkeit Victors stets seine eigenen pädagogischen Fehler erkennt. Truffaut redet nicht der kritiklosen Anpassung das Wort. So lautet eine seiner polemischen Fragen, die der Film aufwirft: "Heißt zivilisiert sein wirklich, die Suppe mit dem Löffel zu essen?" Die Fürsorge und Geduld, die der Arzt und seine Haushälterin, Madame Gutirin, aufbringen, machen aus dem elfjährigen verwilderten und taubstummen Kind ein menschliches Wesen - ausgestattet mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. Der Junge wird zwar niemals richtig sprechen können, dafür aber aufrecht gehen, essen und trinken, lesen, vor allem aber seine persönlichen Gefühle ausdrücken und somit zu einem Teil der menschlichen Gesellschaft werden.

 

In diesem optimistischen Schluß, so der Filmemacher in einem Interview, stecke auch ein Stück Kritik an dem damals modischen Thema. In Deutschland wurde die Kaspar-Hauser-Problematik von Peter Handke auf die Bühne gebracht: Werner Herzog griff das Thema in Jeder für sich und Gott gegen alle auf. Doch Truffauts Interesse gilt nicht allein den Aspekten Sprache und Kommmunikationslosigkeit; sein Film beruht "auf dem Gedanken, daß ein Mensch nichts ist ohne die anderen". Erst in entsprechender sozialer Umgebung, so ließe sich die Moral von L´enfant sauvage beschreiben, können sich die natürlichen Anlagen des Menschen entwickeln und entfalten. Der Regisseur, der Dr. Itard selbst darstellte, wurde durch die Rolle, wie er später eingestand, sich der eigenen Vaterrolle gegenüber dem Schauspieler Jean-Pierre Léaud bewußt: Ihm widmete er diesen Film.

 

"L´enfant sauvage", in: L´Avant-Scène du Cinéma. 1970. H. 107. (Filmtext).

Nataša Durovičovà: "Biograph as Biography: François Truffaut´s The Wild Child". in: Wide Angle. 1985, H. 1/2; John Gerlach: "Truffaut and Itard: The Wild Child", in: Film Heritage. 1971/72, H.3: Frieda Grafe/Enno Patalas: "Alpha und Omega", in: dies.: Im Off. München 1974; Philipe Le Guay: "Un enfant à la fenêtre", in: Cinématographe, 1984, H.104: Ulrich Kurowski: "François Truffaut: Der Wolfsjunge", in: Filmkritik, 1971, H.5; Hasko Schneider: "`Wenn dann ein Kind auf euch zukommt, ... wenn es nicht antwortet, so man es fragt ...´: Der Wolfsjunge von François Truffaut, in: Hans J. Wulff (Hg.): Filmbeschreibungen. Münster 1985; Wim Wenders: "L´Enfant sauvage" in: ders.: Emotion Pictures. Frankfurt a.M. 1986.

 

Autor: Achim Haag.

Quelle: Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1995.

 

 

Reclams Filmführer: François Truffaut

François Truffaut
François Truffaut (r.) mit Charles Denner bei Dreharbeiten zu "L'homme qui aimait les femmes"

Truffaut, geboren am 6. Februar 1932 in Paris (Frankreich) und gestorben am 21. Oktober 1984 ebendort, wurde nach dem Besuch der Volksschule zunächst Laufbursche, dann Fabrikarbeiter. Als Gründer eines Arbeiterfilmclubs lernte er Andre Bazin, den Chefredakteur der "Cahiers du Cinéma", kennen, der ihn ermunterte, über Film zu schreiben. Bald zählte Truffaut zu den scharfsinnigsten und schärfsten französischen Filmkritikern. 1956 arbeitete er als Assistent von Rossellini. Nach zwei Kurzfilmen (Une visite, 1954; Les mistons, 1957) und der Mitarbeit an Filmen von Godard, Rivette u.a. drehte er 1959 seinen stark autobiographisch gefärbten ersten Spielfilm, Les quatre cents coups. Der Held dieses Films, Antoine Doinel, tritt übrigens - jeweils älter geworden und vom gleichen Darsteller gespielt - in den Filmen Antoine et Colette (Antoine und Colette), Baisers volés, Domicile conjugal (Tisch und Bett) und L'amour en fuite wieder auf.

 

Während Truffauts erster Film wesentlich um Wirklichkeitsnähe und Authentizität bemüht war, werden seine späteren Filme von einer oftmals ironisch getönten Sensibilität der Gestaltung bestimmt. Er gibt nicht mehr vor, Wirklichkeit abzubilden, sondern schafft in seinen Filmen eine eigene Welt, in der sich die Wirklichkeit entlarvend spiegelt. Dabei benutzt er oft die Konventionen und Klischees bestimmter Filmgenres, um den Zuschauer um so leichter in seine Welt herüberzuziehen; denn "wie alle Autodidakten möchte ich vor allem überzeugen" (Truffaut).

 

Les quatre cents coups (Sie küßten und sie schlugen ihn, 1959), Tirez sur le pianiste (Schießen Sie auf den Pianisten, 1960), Jules et Jim (Jules und Jim, 1961), Antoine et Colette (Antoine und Colette, 1961 - Episode des Films L'amour à vingt ans - Liebe mit zwanzig), La peau douce (Die süße Haut, 1964), Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, England 1966), La mariée était en noir (Die Braut trug Schwarz, Frankreich/Italien 1967), Baisers volés (Geraubte Küsse, 1968), La sirène du Mississippi (Das Geheimnis der falschen Braut, Frankreich/Italien 1969), L'enfant sauvage (Der Wolfsjunge, 1969), Domicile conjugal (Tisch und Bett, Frankreich/Italien 1970), Les deux Anglaises et le continent (Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent, 1971), Une belle fille comme moi (Ein schönes Mädchen wie ich, Frankreich/USA 1972), La nuit américaine (Die Amerikanische Nacht, Frankreich/Italien 1972), L'histoire d'Adde H. (Die Liebe der Adele H., 1975), Vargent de poche (Taschengeld, 1975/76), L'homme qui aimait les femmes (Der Mann, der die Frauen liebte, 1976/77), La chambre verte (Das grüne Zimmer, 1978), L'amour en fuite (Liebe auf der Flucht, 1978), Le dernier métro (Die letzte Metro, 1980), La femme d'à côté (Die Frau nebenan, 1981), Vivement dimanche! (Auf Liebe und Tod, 1982) u.a.

 

Quelle: Krusche, Dieter: Reclams Filmführer. Reclam Verlag, Stuttgart, 10. neu bearb. Aufl. 1996.