Der "Synchro-Workshop" (Synchronisieren von Videos)
Die Sychronisation ist ein interessantes und lustvolles Gebiet und kann praktisch bei allen filmischen Inhalten Anwendung finden. Der "Synchro-Workshop" ist ein Grundmodul mit einfachen Sprach- und Bildelementen. Originalszenen werden bereits so aufgenommen, dass sie "gut" sychronisierbar sind. Dass eigene Aufnahmen herangezogen werden, hat unter verschiedensprachigen Kindern auch gruppendynamische Momente: Ein Kind "leiht" einem anderen die eigene Stimme und die eigene Muttersprache. Plötzlich "sprechen" Kinder Sprachen, die sie nie gelernt haben, von denen sie bestenfalls drei Worte verstanden haben.
Der Workshop wird in zwei Phasen durchgeführt: Phase 1 bezieht sich auf die Szenenfindung, deren Adaptierung und Aufnahme. In der Phase 2 ist die eigentliche Synchronisation vorgesehen.
Anforderungen an Videoszenen, die synchronisiert werden sollen (Phase 1):
Um die Kinder, die letztlich ihre Kollegeninnen und Kollegen synchronisieren werden, nicht zu überfordern, muss bei der Wahl und Aufnahme der Videoszenen auf bestimmte Kriterien geachtet werden:
• Deutliche Gesten und eindeutige Bildsprache.
• Verlangsamte Handlung.
• Einbau von Wiederholungen.
• Längere nonverbale Passagen.
• Deutliche Intonationsgesten vor Sprechbeginn.
• Maximal 3 aktiv Sprechende.
Wenn also eine Szene von den Kindern erfunden wird, muss sie mit diesen Kriterien in Einklang gebracht werden. Mit einigen Abstrichen und Ergänzungen klappt das im Grunde bei jeder eingebrachten Szenenidee. Für die Adaptierung gilt "Weniger ist besser als mehr". Auch die Synchronisation von zwei Szenen mit jeweils drei Sätzen kann schon großes Vergnügen bereiten.
Inhalte der Szenen (Phase 1):
Es reicht ein handlungsbestimmendes Thema (keine "Und dann"-Handlung). Sprache und Aktion sollten einander die Waage halten. Optimal wäre es, wenn das Gesagte aus dem Handlungszusammenhang erkennbar ist. Damit bietet sich gleichzeitig die Möglichkeit, die Bildsprache als kommunizierendes Element einzusetzen.
Beispiele für Szenen:
In der Suppe schwimmt eine Fliege (Zwei Gäste, eine Kellnerin oder ein Kellner).
Zwei Freundinnen begrüßen einander.
Eine Reporterin oder ein Reporter interviewt eine Person auf der Straße.
Drei Detektive beobachten eine Szene.
Eine Erfinderin oder ein Erfinder stellt ihre oder seine Erfindung vor.
Der Schirm lässt sich nicht öffnen.
Jemand will bezahlen, kann aber die Geldbörse nicht finden.
Geister hypnotisieren die Zuschauer.
Zwei Personen telefonieren miteinander.
Beispiel für die Adaptierung einer Szenenidee:
Nehmen wir das Beispiel: In der Suppe schwimmt eine Fliege
Inhaltliche Idee der Kinder: Zwei Gäste entdecken eine Fliege, rufen die Kellnerin, die die Suppe nicht zurücknehmen will. Die beiden Gäste essen tatsächlich "brav" weiter.
Adaptierung:
Bevor die Fliege entdeckt wird, essen die Gäste über einen längeren Zeitraum. Wenn die Fliege entdeckt wird, ist eine eindeutige (eventuell auch überzeichnete) körperliche Reaktion nötig. Es folgt ein genau akzentuierter Schrei von Gast 1. Dann wieder Pause. Gast 2 blickt suchend nach der Kellnerin und ruft z.B. "Kellnerin, kommen Sie her!", nachdem er tief Luft geholt hat (Luftholen wäre hier das Zeichen für den Sprechbeginn). Wieder vergeht ein kurzer Moment, ehe die Kellnerin erscheint. Mit einer fragenden Miene (Zeichen für ihren Sprechbeginn) beginnt sie die Frage: "Was ist los?". Gast 1 zeigt aufgebracht auf seine Suppe, zieht die Fliege heraus, hält sie hoch und sagt: "Diese Fliege war in meiner Suppe!". Die Kellnerin nimmt die Fliege in die Hand, betrachtet sie genau, entgegnet schließlich: "Na und? Essen Sie bloß weiter!" und verlässt den Tisch. Die beiden Gäste wagen nichts zu erwidern. Vielleicht findet jetzt auch noch Gast 2 eine Fliege in seiner Suppe, entfernt sie heimlich. Die Szene endet damit, dass beide verstört und kleinlaut weiteressen.
An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass die "Trimmung" der Szenenidee eine gewisse Geduld erfordert, bis sie umsetzbar ist. Das Beispiel besteht aus vier Sätzen (die gleichzeitig auch die Kernsätze der Handlung sind) und aus eindeutigen Tätigkeiten dazwischen, die beliebig ausbaubar und wiederholbar sind (z.B. kann sehr lange nach der Kellnerin gesucht werden).
Aufteilung in gleichsprachige Kleingruppen (Phase 1):
Jede Gruppe kann nun eine Szene übernehmen, wobei sich jeweils Kinder mit der selben Muttersprache zusammen tun. Sind mehr Kinder als Sprechrollen in einer Kleingruppe, können die Kinder ausmachen, wer zusätzlich stumme Rollen im Hintergrund übernehmen will. Die beiden Betreuungspersonen assistieren bei der Adaptierung der Szenen. Die Texte werden in verteilten Rollen notiert.
Vorgegebene Szenen als Alternative (Phase 1):
Die Betreuungspersonen sollten stets bereist adaptierte Szenen im Gepäck haben und können dabei natürlich auf die obigen Beispiele zurückgreifen. Denn nicht immer ist es einfach, in kurzer Zeit die Ideen der Kinder zu adaptieren und mit ihnen gemeinsam auf Schlüsselsätze zu reduzieren.
Aufnahme und Vorspielen der Szenen (Phase 1):
Die Szenen werden nun in adaptierter Form zunächst geprobt, wobei die Kinder ihre kurze Textpassagen bei wiederholtem Probieren bereits auswendig sprechen können. Dann wird mit der Videokamera aufgenommen, und zwar in der jeweiligen Muttersprache. Requisiten können zur Unterstützung eingesetzt werden. Nach der Aufnahme werden alle Szenen einmal vorgespielt. Dabei achten die Kinder darauf, ob sich Abweichungen zu ihren aufgeschriebenen Texten ergeben haben. Damit ist Phase 1 abgeschlossen.
Neutraler Hintergrund als Option (Phase 1):
Optimal wäre es, wenn ein großes Tuch als Hintergrund aufgespannt werden könnte. Das bündelt die Szene auf das Geschehen und hebt sie in eine andere Realität.
Übersetzung der Texte (Phase 2 oder vor Phase 2):
Wie die Übersetzung am besten erfolgt, entscheiden die Kinder gemeinsam mit den Betreuungspersonen, um ja oft nur ein Teil der Kinder zweisprachig ist und daher auch dieser Teil die Übersetzung leisten müsste. Deshalb wäre es gut, muttersprachliche Betreuungspersonen miteinzubeziehen.
Vorbereitungen zur Synchronisation - Synchro-Gruppen (Phase 2):
Jetzt bilden sich neue Kleingruppen, welche die anderssprachlichen Texte lesen bzw. sprechen werden. Dabei sollte ein Kind, wenn es zwei Sprachen spricht, auf keinen Fall sich selbst synchronisieren. Gibt es beispielsweise drei Szenen mit jeweils drei Sprechrollen, müssten sich drei neue Synchro-Gruppen mit jeweils drei Sprecher/innen bilden.
Synchro-Ablauf bei mehr als zwei Sprachen in der Gruppe (Phase 2):
Wenn mehr als zwei Sprachen vorhanden sind, ist auf eine ausgewogene Vorgangsweise zu achten. Bei beispielsweise 4 Sprachen und 2 Szenen ist es sicher unmöglich, alle Varianten in den 2 Stunden zu übersetzen und aufzunehmen (es ergäben sich dabei bereits 6 Szenen). In diesen Fällen kann mit den Kindern besprochen werden, in welche Sprachen welche Szenen übersetzt werden sollen. Die bisherigen Erfahrungen mit Synchro-Workshops sind sehr verschieden. Es hängt von der Gruppe selbst ab, wie schnell sie arbeitet oder auch davon, wie bei Sprachen, die nur von einem oder zwei Kindern gesprochen werden, vorgegangen wird.
Textprobe und Sprachaufnahme in einer Sychro-Gruppe (Phase 2):
Um das Timing für die Sprecheinsätze zu üben, werden die Aufnahme einige Male vorgespielt, dann schon mit probeweisen "Drübersprechen" in der anderen Sprache. Danach erfolgt die eigentliche Sychro-Aufnahme. Kinder, die keine Sprechrollen übernommen haben, können sich mit passenden Hindergrundsgeräuschen an der Aufnahme beteiligen.
Technische Vorbereitung der Synchro-Aufnahme (Vorphase und Phase 2):
Dieser Workshop erfordert einige Vorkenntnisse, wie "Nachvertonungen" über bestehendes Videomaterial technisch bewerkstelligt werden können. Viele Kameras und Videorekorder besitzen diese Option. Auf keinen Fall darf die Taste "Record" an der Videokamera gedrückt werden, weil dadurch auch die Videobilder gelöscht werden. Es ist anzuraten, die Szenen, die in Phase 1 aufgenommen wurden, sicherheitshalber zu kopieren. Manchmal ist es auch so, dass durch eine Nachvertonung der "alte" Originalton gelöscht wird. Durch eine Videokopie bliebe dieser auf einer eigenen Kassette erhalten.
Technischer Ablauf einer Synchro-Aufnahme mit Nachvertonungsgeräten (Phase 2):
Diese Geräte (Kamera selbst oder Videorekorder) besitzen einen Nachvertonungsmodus, der eine neuerliche Tonaufnahme über abgespieltes Bildmaterial ermöglicht. Je nach Bedienungsanleitung funktioniert das mit einem eigenen Knopf, dem eingebauten Kameramikrofon oder einem angeschlossenem externen Mikrofon.
Technischer Ablauf einer Synchro-Aufnahme am Computer (Phase 2):
Besitzt ein Computer ein Videoprogramm, ist es in den meisten Fällen ebenfalls möglich, eine neue Tonspur mit angeschlossenem externen Mikrofon aufzunehmen.
Technischer Ablauf einer Synchro-Aufnahme ohne Nachvertonungsmöglichkeit (Phase 2):
Hier ist es möglich, sich eines Tricks zu bedienen, indem das gesamte Videomaterial von einem Gerät auf ein anderes neuerlich aufgenommen wird (z.B. von Kamera auf Rekorder), allerdings nur für das Bildsignal ("Video in"). Der Ton kommt nicht vom Quellgerät, sondern von einem Audioaufnahmegerät und wird von diesem in den Rekorder geleitet ("Audio in"). Die Sache funktioniert einfach mit sogenannten "Chinch"-Anschlüssen. Bei "Scart"-Anschlüssen sind Übergangsstecker zu Chinch erforderlich.
Abspielen der sychronisierten Aufnahmen (Phase 2):
Nun wird das Ergebnis der gesamten Gruppe einige Male vorgespielt. Es werden sicher spannende Augenblicke werden, wenn "Sprachen und Stimmen" nicht mehr zu den Gesichtern passen, der Inhalt und Sinn der Aufnahme aber erhalten bleibt.
Perfektion ist zweitrangig (Phase 2):
Wichtig ist es zu betonen, dass professionelles und lippensynchrones Nachvertonen fast unmöglich ist und auch nicht Ziel dieses Workshops war. Es kann angeregt werden, dass sich die Kinder bewusst synchronisierte Filme ansehen und dabei genau auf die Lippen achten sollen. Die Stimme und Sprache, mit der ein Filmstar spricht, ist oftmals nicht die seine/ihre.
Reduktionsmöglichkeiten/Erweiterungsmöglichkeiten:
Für den Einstieg würde auch eine einzige Szene reichen. Die Ausweitung des Workshops hängt vor allem von den zeitlichen Möglichkeiten ab. Kann der Workshop öfters durchgeführt werden, können die Szenen ausgeweitet werden oder auch Originalaufnahmen aus der Fernsehen miteinbezogen werden, sofern sie den Kriterien für die Synchronisation einigermaßen gerecht werden.
Rahmenbedingungen für das Projekt "Synchronisieren von Videos"
| Allgemeine Ziele | Kennenlernen der Sprachen, Übersetzung, Vermittlung von Inhalten. |
| Themen | Alle Inhalte, die mit einfachen verbalen Strukturen ausdrückbar sind. |
| Spielergebnis, Produkt | Videoaufnahme |
| Präsentationsmöglichkeit | Intern für die Klasse bzw. Gruppe, auch präsentierbar im Rahmen bestimmter Veranstaltungen. |
| Sprachen | Zweisprachig, vielsprachig^. |
| Arbeitsweise | Arbeit in Kleingruppen. |
| Teilnehmer | 15 bis 20 Kinder. |
| Alter der TN | 9 bis 13 Jahre. |
| Dauer | 1: 2 (Schul-)Stunden mit Pause; Phase 2: 2 (Schul-)Stunden mit Pause. |
| Betreuungspersonen | Zwei Betreuungspersonen, eventuell eine mit Kenntnissen der Muttersprache(n) der Kinder. |
| Geräte | Eine Videokamera mit Stativ, ein Fernsehapparat (Bildschirm), eine Nachvertonungsmöglichkeit, entweder an der Videokamera oder an einem Videorekorder oder am PC, externes Mikrofon, Notizblöcke, eventuell Audiorekorder |
| Vorbereitungszeit/Vorkenntnisse | Handhabung der Geräte und Verbindungen (Aufnahme, Nachvertonung, Wiedergabe), Durchprobieren der Nachvertonungsmöglicheiten an der Geräten und Steckverbindungen. |
| Räumlichkeiten | Ein Innenraum, eventuell Requisiten. |
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