Der Schiefe-Turm-von-Pisa-Effekt, Räumlichkeit und Überschneidung
"Dadurch, dass dem Filmmann die Wahl der Einstellung obliegt, ist ihm zugleich die Möglichkeit gegeben, die Gegenstände, die er ins Bild nehmen will, nach seinem Willen auszuwählen; zu verdecken, was er nicht zu zeigen oder vorläufig nicht zu zeigen wünscht. (...) Auch kann er Dinge zusammen- und übereinanderschieben, deren Beziehung zueinander er zu zeigen wünscht, eine Beziehung, die aber nur bei einer ganz bestimmten Einstellung des Apparats optisch auffassbar wird" (ARNHElM 2002 S. 62/63).
Der visuelle Ausdruck dessen, was ARNHEIM hier insbesondere in seinem letzten Satz treffend beschreibt, ist uns wohl bekannt. Wer kennt sie nicht? Urlaubsbilder, die eine Person zeigen, die den schiefenTurm von Pisa mit der Hand offensichtlich vor dem Umstürzen bewahrt. Es handelt sich um eine Form der Beziehungsbildung zwischen zwei Objekten, die in der Realität keine Beziehung haben. Die Konstruktion der Scheinbeziehung ist möglich durch dieTransformation der dreidimensionalen Wirklichkeit auf die zweidimensionale Film- und Fotorealität. Räumlichkeit wird durch quer im Bild verlaufende Tiefenlinien und Überschneidungen simuliert. Diese strukturelle Eigenschaft des Mediums macht sich die optische (Beziehungs-)Täuschung zu nutze. Um den oben genannten Effekt zu erreichen, muss einerseits ein geeigneter Platz für die agierende Person und andererseits ein ganzbestimmter Kamerawinkel gefunden werden. In der Praxis dirigiert der Urlaubsfotograf sein Modell, bis alles stimmt.
Diesen kleinen Trick können sich Kinder spielerisch aneignen. Nötig ist eine Lernumgebung, in der eine mit einem Fernseher oder Videobeamer verbundene Kamera auf einem Stativ befestigt ist. In diesem Rahmen sind verschiedene Aufgaben möglich. Beispielsweise soll eine Gruppe von Mädchen auf der Hand eines Jungen Hiphop tanzen. Oder die Kinder springen hintereinander in die Mülltonne. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Durch diese Übung bekommen die Kinder ein Gespür für Räumlichkeit im Medium Film. Sie erfassen intuitiv die Möglichkeiten und Grenzen, die durch das zweidimensionale Medium gegeben sind. Ferner eignen sie sich ein Bewusstsein über inszenierte Fotografie mit Vorder- und Hintergrund an.
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